Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

Dänemark

von Josef Svec

Nach der zweiten Volksschulklasse verbrachte ich die ersten Ferienwochen zu Hause in Traismauer. Ende Juli trat ich meine erste große Reise an. Vom Vater und von der Stiefmutter wurde ich nach St. Pölten gebracht, wo in einem Turnsaal viele Kinder zusammenkamen. Von der skandinavischen Organisation, die auf deutsch „Rettet das Kind“ hieß, kamen wir für drei Monate zu Pflegefamilien nach Dänemark.

Bub hockend im Garten

Gleich am nächsten Tag nach meiner Ankunft schrieb ich einen Brief nach Hause. (Nachfolgend eine korrigierte Abschrift; Datum habe ich keines geschrieben, aber es war Anfang August 1948):

Liebe Mutti und Papa!

Am Sonntag war ich recht fröhlich, wie ich weggegangen bin, aber die Mutti hat geweint. Um 11 Uhr am Abend ist der Zug weggefahren. Ich habe mich gefreut, aber es war alles 3. Klasse und ein schwarzer Stoffüberzug. Meine weiße Hose ist gleich ganz schwarz geworden. Und das Schlafen war eine Katastrophe. Ein paar Kinder haben am Boden auf einer Decke schlafen müssen. Einen Tag und zwei Nächte sind wir gefahren. Bei der Grenze sind wir alle ausgestiegen und sind in eine Baracke gegangen. Dort ist uns allen der Kopf mit Petroleum eingerieben worden. Am Nachmittag sind wir röntgenisiert worden. Am nächsten Tag sind wir geimpft worden. Die Kinder vor mir haben recht geweint. Ich habe geglaubt, dass es recht weh tut. Wie ich an die Reihe gekommen bin, habe ich recht gezittert, dabei habe ich gar nichts gespürt davon. Weil Du geweint hast, das tut mir noch immer weh. Am Donnerstag haben wir alle um 2 Uhr in der Nacht aufstehen müssen und um 5 Uhr sind wir mit dem dänischen Zug weggefahren. Er war auch 3. Klasse, aber es war alles sehr schön ausgepolstert und ein schöner Gummiüberzug und schöne Bilder vom Meer. Von 5 Uhr früh bis 5 Uhr am Abend sind wir mit dem Zug gefahren. Eine Stunde mit dem Schiff und dann noch eine Stunde mit dem Zug. Dann endlich sind wir in Dänemark ausgestiegen. Dann sind wir nach dem Namen aufgerufen worden… (der Schluss fehlt)

In Erinnerung blieb mir die Fahrt mit der Fähre von Warnemünde nach Gedser. Der Zug fuhr auf ein riesiges Schiff, und dann nur Wasser, soweit ich sehen konnte. Auf der Fähre bekam jedes Kind eine Flasche Milch. Eine ganze Flasche! Was für ein Luxus!

Das Haus meiner Pflegeeltern war klein und am Rand von Kopenhagen. Sie hatten vier Kinder: Mogens, Inga, Jonna und Minna. Mogens, ein Jahr älter als ich, war bei meiner Ankunft noch in den Ferien und kam erst ein paar Wochen später nach Hause. Von den drei Mädchen war Inga mit mir etwa gleich alt. Sie war eigenwillig und verstand es, sich zu behaupten. Tagsüber war sie, so wie auch Mogens in der Schule und so war Jonna meine hauptsächliche Spielgefährtin. Sie war zwei Jahre jünger als ich und hatte ein ruhiges, fast nachdenkliches Wesen. Als man mir die Regeln vom Schachspiel beibrachte, spielte ich oft mit ihr. Minna war noch ganz klein und hatte in meiner Erinnerung stets eine Puppe mit einem Hasenkopf in den Händen.

drei Mädchen sitzen auf einer Gartenbank

Zum Frühstück bekamen wir Kinder so eine Art Müsli, ich glaube, es waren Haferflocken, die mit Milch übergossen wurden und Zucker war auch dabei. Zu Mittag gab es Smörrebröds und am Abend ein warmes Essen, das hieß aber „Mittag“ oft Erdäpfel mit Soßen. Am Nachmittag, wenn der „Vater“ nach Hause kam, tranken die Pflegeeltern Kaffee. Weil wir Kinder nie Kaffee bekamen, sondern Milch, wünschte ich mir zum Geburtstag einmal Kaffee und bekam ihn auch. Er hat mir gar nicht geschmeckt…

Einmal, bei einem Familienfest, wurden Mogens und ich aufgefordert eine Partie Schach zu spielen. Da war ich sehr aufgeregt, weil die ganze Gesellschaft zuschaute.

Es waren nur ein paar Monate, die ich in Dänemark verbrachte, und doch haben diese Erlebnisse und Eindrücke mein weiteres Leben beeinflusst. Vieles war anders und ungewohnt. Wien war damals noch voll von kriegszerstörten Hausruinen. Die Schutthalden waren oft unsere Spielplätze. Aus all der kriegsbedingten Trostlosigkeit kam ich plötzlich in ein Land, in dem zwar nicht gerade Milch und Honig flossen, das aber nicht zerstört war. In Kopenhagen sah ich keine kaputten Häuser und dazu noch viel Grün und viele Blumen.

Was war für mich der augenfälligste Unterschied zwischen Wien und Kopenhagen? Wien war grau, die Straßen, die Häuser, Kopenhagen war bunt! Es war wie einerseits ein Schwarzweiß- und andererseits ein Farbfilm. Was mir besonders auffiel und mich beeindruckte, war die Lebensweise. Mein Vater war sehr autoritär, die „Erziehung“ war fast eine Dressur. Bei meiner Pflegeelternfamilie mit mehreren Kindern sah ich ein für mich völlig neues Zusammenleben. Da wurde gebastelt, gestrickt, gewebt, gelesen, Karten und Schach gespielt und alles lief irgendwie harmonisch ab! Von Zeit zu Zeit wurde die Leihbibliothek besucht und für alle Familienmitglieder Bücher entlehnt, auch deutschsprachige für mich.

Es gab im Haus auch immer mehrere Zeitungen und Zeitschriften. Da gefielen mir besonders Bildgeschichten, etwa die vom Prinz Eisenherz. Diese mochte der Pflegevater aber nicht, und er hatte es nicht gerne, wenn wir Kinder sie ansahen. Kindergerechter war „Bamse“, ein Teddybär, der Abenteuer erlebte. Diese Bildgeschichten gab es auch gebunden. Eine davon, „Bamse besucht Schneeweißchen und Rosenrot“, bekam ich zu meinem Geburtstag.

Titelseite eines dänischen Kinderbuches über einen Teddybär names Bamse

Geburtstage waren immer große Familienfeste. So an die 25 Personen kamen da meistens zusammen. Auch mein Geburtstag wurde so groß gefeiert. Ich bekam viele Geschenke. Alle Gäste hatten etwas mitgebracht, Spielsachen, Bekleidung und sogar eine Stange Wurst zum Mitnehmen, da schon bald meine Heimreise, mein Abschied in knapp zwei Wochen bevorstand.

Von den Pflegeeltern bekam ich „Andersen Märchen“, deutschsprachig. Das Buch hat bis heute bei mir zu Hause einen Ehrenplatz. Damals war ich nicht ganz so glücklich, sondern beneidete Mogens, der zehn Tage vor mir Geburtstag hatte und das Buch „Ivanhoe“ von Walter Scott bekam. Rittergeschichten und die Burgruinen in der Wachau, die ich zwar außer der Ruine Wolfstein, nur von Bildern kannte, faszinierten mich damals und regten meine Fantasie an. Die Andersen-Märchen las ich zwar, aber die Großartigkeit der Geschichten erkannte ich erst mit zunehmendem Alter. Später einmal habe ich auch Ivanhoe gelesen. Aber, wer kennt diesen Roman heute noch?

Ansicht eines dänischen Hauses
Das war das Haus meiner Pflegeeltern: Aertebjergvej 30

An den letzten Tagen meines Aufenthalts wurde ich noch herumgeführt, um von Bekannten Abschied zu nehmen. Die Pflegemutter machte mit mir Spaziergänge durch die Stadt und zum Hafen und zur „Kleinen Meerjungfrau“ und kaufte mir ein paar Andenken. Zum Zug begleitete mich die ganze Familie!

Der Abschiedsschmerz und die Vorfreude, wieder nach Hause zu kommen, hielten sich etwa die Waage. Und wenn ich es auch noch nicht richtig verstand, spürte ich doch, dass Dänemark und Österreich zum Teil recht verschiedene Welten waren. Besonders darin, wie meine Pflegeeltern mit uns Kindern umgingen und wie es ganz anders in Österreich üblich war.

Die Pflegeeltern förderten die freie Entwicklung der Persönlichkeit der Kinder. Ich erinnere mich an keine Bestrafung! Hingegen galt in Österreich bei den mir bekannten Kreisen und bei meinem Vater, den Willen des Kindes zu brechen. Das Kind sollte lernen, auf die Eltern und Lehrer zu hören und sich unterzuordnen. „Den werde ich schon noch biegen“, war so ein Satz, der die damalige Erziehungsmethode charakterisierte.

Von der Heimfahrt habe ich fast keine Erinnerungen, erst daran, wie der Zug in St. Pölten ankam und mich der Vater und die Mutter auf dem Bahnsteig erwarteten. Mit einem anderen Zug fuhren wir weiter nach Traismauer und gingen zur Wohnung auf dem Venusberg.

Ansichtskarte aus Dänemark

Danach schrieb und bekam ich von Zeit zu Zeit Karten und Briefe. Einmal kam zu Weihnachten ein Päckchen mit Zutaten für Smörrebröds, worüber ich mich sehr freute. Der Wunsch nach einem Wiedersehn wurde immer stärker. Es sollte jedoch 15 Jahre dauern, bis es so weit war. Nach einer 22-stündigen Bahnfahrt, diesmal über die neue „Vogelfluglinie“ und mit der Fähre von Puttgarden nach Rödby, konnte ich meine Pflegeeltern und „die Kinder“ wieder umarmen.

Der Pflegevater gab mir einen Brief an meine Eltern mit:

Die Mutter og der Vater des Josefs!

Vielen Dank für die freundliche Grüsse in den Briefe von Josef – und wir entschuldigen, das es so lange dauerte bevor wir schreiben. Teils ist die Ursache, dass wir nicht die deutsche Sprache beherrschen und teils, dass Josef so flink zum Schreiben und erzählen, wie es ihm geht, gewesen ist. Deshalb ist für uns sicher nicht so viel zu fügen.

Wir sind (das wissen Sie) eine dänische Arbeiterfamilie. Ich bin Typograf (Maschinmeister) og wir besitzen eines kleines Haus in eines friedliches Villenviertel am Saume des Kopenhagens.

Wir waren sehr froh dafür, dass es uns möglich wäre ein Knabe von Österreich zu einladen. Ein bisschen waren wir aber ängstlich dafür wem wir bekommen wollte – und dann wir empfangen Josef und wir sind sehr froh von ihm.

Wir haben bemerkt, dass er ist gewohnt dazu allein zu sein. Gleichwohl hat er aber sich rasch an, immer zusammen mit andere Kinder zu sein gewöhnt, und sie spielen ganz gut zusammen, obwohl Josef ein wenig ängstlich ist dafür uns zu helfen bei unsere Sprache zu anwenden, wenn wir ihn nicht recht verstehen kann. Er versteht nämlich schon ganz gut dänisch, spricht es aber nicht gern. Er hat doch keinen Grund unruhig zu sein, dass er seine Muttersprache vergessen woll.

Wenn wir ihn mit unsere Kinder vergleichen wollen, dann ist der Unterschied nicht viel. Josef ist mehr kindlich in sein Spiel, er hat aber mehr Bekanntschaft zum Gemeinschaftsverhältnis als unsere Kinder, schreibt besser als unsere – während unsere sind länger in Rechnung erreichen. Josef ist zum Beispiel dicker als unser Sohn und er ist 10 Jahre alt. (Anm.: ich war 9)

Josef sehnt sich und spricht viel um sein Heimat, was nur natürlich ist. Er ist entzückt, wenn er Brief von zu Hause bekommt – eigentlich Heimweh wir glauben nicht dass er leidet an.

Josef hat sich schnell an den dänischen Kost gewöhnt, der – es wissen wir – ist ganz anders als den in Österreich. Die Leute aber, wie den Verhältnis in Österreich kennen, erzählt uns, dass die Kinder schnell sich an den Kost in Österreich wieder gewöhnt, wenn sie nach Hause kommen.

Dänemark ist auch nicht ganz unberührt von der Krieg ausgegangen und viele Sachen sind bei uns teuer und schwer zu ermischen. Wenn wir aber Josef etwas gebraucht Zeug mit nach Hause geben, ist es deshalb wir wissen dass der Verhältnis – trotz dem alles – ist so viel schwer in Österreich als hier. Die Lebensmitteln müssen wir nur zu viel nähr Familie aus von Dänemark senden, wir sollen aber genug Josef eine gute Esspaket mit nach Hause geben – es müssen wir.

Mit die besten Wünschen vor den Verhältnis in Österreich sofort sich verbessern kann und viele Gruss zu ihnen und zu die „Mutter“ des Josefs von die Pflegeeltern des Josefs in Dänemark.

Informationen zum Artikel:

Dänemark

Verfasst von Josef Svec

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Dänemark, Kopenhagen
  • Zeit: 1948

Anmerkungen

Dieser Beitrag gibt einen Textausschnitt aus einem lebensgeschichtlichen Manuskript mit dem Titel "Kindheitserinnerungen, 1939-1954", wieder, das der Autor im September 2012 fertiggestellte.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.