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Mein Aufenthalt in Dänemark

von Olga Postmann

Im Jahre 1920 war die Not in Wien noch groß und zum Essen gab es auch nicht ausreichend. Eine dänische Kinderaktion des Jugendbundes organisierte eine Hilfe für Kinder, die wie ich unterernährt waren, und so wurde ich drei Monate zur Erholung nach Dänemark verschickt.

Damals wusste ich nicht, was eigentlich mit mir geschieht. Es war eine lange Eisenbahnfahrt, dann fuhr der ganze Zug aufs Schiff, und schließlich war ich am Bestimmungsort Odense angelangt. Ich hatte eine Nummer, dann kam eine Frau und nahm mich mit. Dies war nun auf drei Monate meine Pflegemutter, sie hieß Jensen. Die Familie hatte ein Gasthaus, im Hof stand ein Wagen mit Pferden.

Frau Jensen war sehr lieb – obwohl ich nichts verstand, denn sie sprach nur dänisch. Dort gab es auch ein kleines Mädchen, welches Karen hieß, außerdem zwei Mägde, Kalm und Ebba.

Mädchen im Matrosenanzug
Im neuen Matrosenanzug

Mir ging es sehr gut. Trotzdem weinte ich alle Tage und wollte nur immer zu meinen lieben Eltern. Ich bekam gleich eine rote Bluse, einen Matrosenmantel mit Kappe, weiße Schuhe und ein goldenes Ketterl mit Kreuz. Das war etwas ganz Besonderes, denn einen solchen Luxus konnten sich meine Eltern nicht leisten. Aber es half alles nichts, ich wollte immer nur nach Hause und schrieb immer: „Wann kommt endlich die Mutter mich abholen?“

Ich konnte dann bald etwas Dänisch und durfte zum Bäcker gehen, um „Wiener Bröd“ zu holen. Das war eine Art Schnecke mit Zuckerglasur, aber nicht so wie man sie bei uns bekommt. Ich hatte das sehr gerne und weiß noch heute, wie es gerochen und geschmeckt hat. Aber jede Freude war unterbrochen von wiederkehrenden Tränen, ich hatte furchtbares Heimweh. Mutter schrieb, dass viele Kinder fort seien und keines weinte – aber kein Argument war stark genug, um meinen Schmerz zu lindern.

Rückblickend weiß ich, dass die Pflegemutter alles Erdenkliche tat, um mir den Aufenthalt so schön wie möglich zu machen.

sommerliche Gesellschaft in einem Garten

Elternpaar mit Hüten und drei Kindern im Freien
Mit Pflegeltern und -geschwistern (1920)

Dann kam endlich der 26. September, wo ich wieder am Nordwestbahnhof ankam. Meine Freude war unvorstellbar, und Mutter hatte die Tür von der Küche zum Zimmer mit Girlanden und einem „Willkommen“ dekoriert. Dann wurde mein Gepäck geöffnet. Unter anderem waren Lebensmittel drinnen, auch Oliven. Niemand wusste, was man damit machen sollte.

Erst heute weiß ich, was die Pflegemutter Gutes an mir getan hat. Ich hatte auch noch lange Verbindung, aber im Lauf der Jahre hat sich so viel geändert, und die Pflegemutter war gestorben.

Informationen zum Artikel:

Mein Aufenthalt in Dänemark

Verfasst von Olga Postmann

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Dänemark, Odense
  • Zeit: 1920

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand im Frebruar 1993 nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Heimat und Fremde". Mit der Veröffentlichung auf "MenschenSchreibenGeschichte" gratulieren wir der Autorin zum 100. Geburtstag am 25. Oktober 2012!

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