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Meine Kindheit als Zuckerbäckerstochter

von Olga Postmann

Ich wurde am 25. 10. 1912 als zweites Kind meiner Mutter im 15. Bezirk, Fenzlgasse, mit Hilfe einer Hebamme namens Jakobec geboren. Mein älterer Bruder Viktor wurde 1909 geboren. Vater sah ich selten und immer in Militäruniform, denn er war eingerückt.

Elternpaar mit zwei Kindern

Ich erinnere mich an ein Erlebnis, das war ungefähr 1916. Da kam Vater in Militäruniform nach Hause und brachte einen Zuckerhut, der in dunkelblaues Packpapier eingewickelt war. Mit so einem Papier hatten wir auch immer die Schulhefte eingebunden. Mutter musste den Zuckerhut zerhacken, wobei immer kleine Stücke absprangen. Da waren wir gleich mit der Hand dabei und naschten, was wir nur erwischen konnten. Für Staubzucker wurden Zuckerstücke in einem Mörser zerstoßen.

Bald nach dem Krieg machte sich Vater als gelernter Zuckerbäcker selbständig, unter äußerst schwierigen Bedingungen. Das Lokal war ebenerdig, das heißt, es war eigentlich noch vier Stufen unter dem Straßenniveau. In der Küche baute Vater selbst den Backofen, wobei Mutter die Ziegel von irgendeinem Lager kleinweise herbeischleppen musste. Der Fußboden war aus breiten rohen Holzbrettern, die jede Woche mit Reibbürste und Schmierseife gereinigt werden mussten. Später, als dieses Geschäft aufgelassen wurde und wir den Raum als Wohnung benutzten, war das meine Aufgabe. Als die Zeiten besser wurden, bekam Vater in der Sturzgasse ein größeres Lokal, baute wieder einen Backofen mit sechs Röhren und erzeugte Biskuit, hauptsächlich Biskotten.

Ende des Ersten Weltkrieges war es schwer, Zucker zu bekommen. Da stand in der Küche zur Verarbeitung ein Jutesack mit bernsteinfarbenem Rohzucker. Sooft wir vorbeigingen, naschten wir davon. Da kam mir der Gedanke, den Kindern vom Haus, die auf der Straße spielten, auch diesen Genuss zukommen zu lassen. Ich machte aus Zeitungspapier kleine Stanitzel, gab einen Kaffeelöffel Zucker hinein und teilte diese den Kindern aus.

Natürlich war das so wie mit den Tauben – wo eine ist, kommen gleich alle anderen auch, und so bildete sich bald eine ganze Schlange von Kindern. Das konnte meinem Vater nicht verborgen bleiben, und die Sache fand ein jähes Ende.

Wir hatten schon so manche dumme Idee. Mein Bruder spürte öfters das Rohrstaberl, ich war hingegen Vaters „Puppiweibi“ und durfte mir mehr erlauben, ohne gestraft zu werden.

Diese Zeit war auch die Zeit der rührseligen Geschichten und Lieder und vor allem der Geistergeschichten. Diese hatten es mir angetan. Die waren so wunderbar gruselig. Einmal, die Eltern waren abends fort, spielte mein Bruder zwölf Geister. Ich musste in meinem Zimmer warten, und er verkleidete sich in der Küche, natürlich mit einem Leintuch aus Mutters Kasten. Dann kamen der Reihe nach alle zwölf Geister. Der zwölfte Geist war der unheimlichste, denn das Leintuch war hoch auf dem Kopf aufgetürmt und im Mund hatte er eine eingeschaltete Taschenlampe. Sonst war alles finster, und da habe ich vor Angst laut geschrien.

Überhaupt erzählte man sich damals mit Vorliebe Geistergeschichten, gerne und lang, und immer war es Mitternacht und ein Friedhof musste dabei sein.

Elternpaar mit Tochter

Im Jahr 1919 kam dann mein zweiter Bruder zur Welt. (Er ist im 25. Lebensjahr im Osten gefallen.) Nun waren wir drei Kinder. Die Zeit war schon besser, und die Eltern bekamen im selben Haus eine Wohnung im ersten Stock, Zimmer-Küche. Im ebenerdigen Lokal wurde Backofen abgerissen und das Lokal als Wohnraum hergerichtet. In der Mitte des Zimmers war ein großer Tisch, im Eck ein Maronibratofen als Heizung. Die ehemalige Backstube war als Küche eingerichtet, so wie damals eben die Küchen waren. Wasser wurde mit der Wasserkanne von der Gangwasserleitung geholt. Das Klosett war ganz hinten auf dem Gang, darum war der Kübel immer aufs Äußerste voll, denn jeder drückte sich, keiner wollte ausleeren gehen. Der Weg zum Klo war nicht nur weit, sondern auch recht finster.

Wir Kinder konnten hier ungestört spielen, und es waren immer viele Kinder bei uns im Haus. Auf der Gasse konnten wir Diabolo spielen, Tempelhüpfen und Schnurspringen, die Buben Kreiseltreiben und Kugelscheiben. Besonders die bunten Glaskugeln waren sehr begehrt. Wo der Meiselmarkt war und jetzt die Gartenanlagen sind, war damals der Heumarkt, viele Pferdegespanne mit Heu beladen. Die Standeln waren nachmittags ausgeräumt – es waren lauter offene Buden –, darin konnte man gut Verstecken und Fangerl spielen.

Im ersten Stock wohnte neben uns eine Partei, deren Tochter Antschi meine Freundin war. Wir spielten mit einer Stoffpuppe, hatten viele Stoffreste und einen Schuhkarton mit einer Schnur daran als Puppenwagen. Leider musste Antschi immer rasch verschwinden, wenn Vater kam. Er wollte nicht, dass ich mir spielte, wahrscheinlich, weil ihre Mutter TBC hatte. Aber heimlich waren wir oft beisammen. Antschi ging auch während meiner ganzen Schulzeit, bis zum Ende der Bürgerschule, in die gleiche Klasse. Dann verloren wir uns aus den Augen, und später hörte ich, dass sie jung gestorben ist.

Nun komme ich zu meinem ersten Schultag zurück, das war in der Mädchenschule in der Kröllgasse 20, im 15. Bezirk. Ich bekam eine Schultasche mit Inhalt: Schiefertafel, seitlich am Holzrahmen eine Schnur mit Schwammerl und Fetzerl zum Reinigen der Tafel, Griffel, Federpennal und etliche Federn. Alle Kinder hatten in der Schule eine Schürze an.

Wenn die Frau Lehrerin in die Klasse kam, mussten wir aufstehen und laut grüßen. Dann hieß es: „Hände auf den Tisch und stumm wie ein Fisch!“ Wenn ein Kind unruhig war und den Unterricht störte, bekam es auf die Hände einen Bleistift gelegt, und wenn dieser herunterfiel, hieß es mit dem Gesicht zur Wand ins Winkerl stehen. Aber wir hatten eine sehr nachsichtige Lehrerin, so dass es nicht oft vorkam.

Volksschulklassenfoto mit Lehrerin und Direktor
Meine Volksschulklasse mit Lehrerin und Direktor (um 1920)

Das Pult war zum Hinunterklappen, so dass zum Schreiben eine schräge Fläche entstand. Oben waren Rillen, in die die Bleistifte und Federn gelegt wurden, und rechts ein eingebautes Tintenfass, das der Schuldiener vor dem Unterricht immer kontrollieren ging, um es nötigenfalls frisch zu füllen. Wenn die Feder schlecht abgestreift oder gespragelt war, gab es Tintenpatzen. Als wir Hefte bekamen, mussten wir zuerst lernen, eine ganze Zeile – auf, ab – Haar- und Schattenstriche.

Nach der fünften Klasse Volksschule kamen dann drei Bürgerschulklassen, da hatten wir andere Lehrkräfte. Ich hatte drei Freundinnen, mit denen ich mich gut verstand. Sie waren alle in einem Turnverein in der Sperrgasse. Da ich im Turnen immer einen Einser hatte, sagten sie zu mir, ich solle die Mutter bitten, ob ich auch hingehen könne. Ich war natürlich gleich begeistert, denn Turnen gehörte zu meinen Lieblingsfächern. Mutter erlaubte es mir, und so gingen wir zweimal die Woche in den Turnverein. Es war ein christlicher Verein, das Motto war: „Frisch – fromm – fröhlich – frei, das Übrige Gott befohlen sei!“ Ich schaffte es bis zur ersten Riege und gewann anlässlich eines Schauturnens einen Preis.

Zu dieser Zeit sah man viele Kinder mit Geigenkasten oder Klaviermappe zum Unterricht gehen. So war es auch bei uns. Mein großer Bruder spielte schon länger Violine und ich musste Klavierstunden nehmen. Vater war sehr musikalisch und sein geübtes Gehör erlaubte es nicht, sich bei einem Fehler durchzuschwindeln. Ich musste dann immer wieder von Anfang an wiederholen und bekam jeden Tag „Hast du schon geübt?“ zu hören.

Mein Bruder wurde besonders streng gedrillt. Einmal stand er mitten in der Nacht auf, stellte sein Notenpult auf und begann zu üben. Ein anderes Mal holte er ein paar Holzscheite aus der Küche und legte sich wieder ins Bett. Nächsten Tag wusste er von nichts. Das war schon so wie Nachtwandeln. Trotzdem: Als er zum Militär nach Bregenz kam, wurde er gleich zur Musikkapelle eingeteilt, blieb auch nach dem Militär bei der Musik, konnte jedes Instrument spielen und wurde dann selbst Kapellmeister, obwohl er gelernter Zuckerbäcker war. Die Musik war sein Leben.

Informationen zum Artikel:

Meine Kindheit als Zuckerbäckerstochter

Verfasst von Olga Postmann

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 15. Bezirk
  • Zeit: 1910er Jahre, 1920er Jahre

Anmerkungen

Olga Postmann schrieb ihre Kindheitserinnerungen vor ungefähr zehn Jahren im Alter von 90 Jahren nieder. Mit der Veröffentlichung einiger Textausschnitte in unserem interaktiven Erinnerungsalbum gratulieren wir der Autorin herzlich zum 100. Geburtstag am 25. Oktober 2012!

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