Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

In Wien unterwegs

von Gabriele Stöckl

Wien – meine Stadt, in der ich geboren bin. In die es mich immer wieder zieht. Die ich jetzt mehr als in meiner Kindheit erforsche und erfahre, im doppelten Sinn des Wortes. Ich fahre und erfahre. Viel hat sich verändert, seit ich dort einen Teil meiner Kindheit und Jugend verbracht habe, und ich möchte jetzt im Alter nicht versäumen, mich weiterhin in dieser Metropole zu bewegen, muss ich auch vom Lande per Bahn anreisen.

Ein Umwelt-Ticket, und schon gehört die Stadt dir. Kürzere Strecken, und wenn es das Wetter erlaubt, zu Fuß. Manchmal ziellos die Häuserfronten entlang.

In heutiger Zeit könnte ich meinen ehemaligen Schulweg mit der Straßenbahn fahren, denn der 6er, der früher auf der Gudrunstraße unterwegs war, wurde seit langem schon auf die Quellenstraße verlegt, die einst eine schöne Kastanienallee war. Wo am Morgen die Hundebesitzerinnen im Schlafrock und mit Lockenwicklern im Haar mit ihren Hündchen „Gassi“ gingen. Und bereits meine Großmutter regte sich über die Hundstrümmerln auf dem Trottoir auf.

Lustig war es auf dem Schulweg. Aus den Gassen gesellten sich immer wieder Mitschülerinnen dazu, und wir hatten genug Zeit, uns auszuratschen.

Fahrrad hatte ich in Wien keines. Allerdings bekam ich nach Beendigung der ersten Klasse Volksschule in den Ferien in Lavamünd ein eigenes neues Fahrrad. Es war ein blaues Jugendrad, und ich musste Fahrrad fahren lernen. Ich erinnere mich noch gut daran. Da ich immer wieder von den Pedalen abrutschte, befestigte mein Vater Schlaufen daran. Für das Rad war ich immer noch zu klein, daher fuhr ich darauf nur im Stehen. Ein wenig später wurde der normale Ledersattel durch einen kleineren aus Holz ersetzt und ganz tief versenkt. So lernte ich auch das Fahren im sitzen, bis später dann der normale Sattel passte. Da das Rad in Kärnten blieb – wir hätten in der Wiener Wohnung keinen Platz gehabt –, konnte ich nur in den Ferien Rad fahren. Außer ich lieh mir eines aus, denn in der Nähe unserer Wiener Wohnung, gleich in der nächsten Gasse, gab es einen Fahrradverleih. Man bezahlte für eine halbe bis eine Stunde, doch recht oft habe ich mir kein Rad ausgeborgt. Obwohl damals wenig Verkehr war, fuhr ich keine weiten Strecken. Nur zum Spaß, oder um es nicht zu verlernen, einige Male um den Häuserblock.

In Lavamünd durfte ich in den Ferien per Rad mit meiner Kusine und meinen Freundinnen auf der Landstraße längs der Drau bis Schwabeck fahren, da es dort ein Schwimmbecken gab. Die Schotterstraße führte leicht bergauf und bergab, aber wir radelten die Strecke mit Vergnügen, hatten wir doch das nächste Vergnügen vor uns.

Die Straße in der Siedlung war asphaltiert worden, und hier wurde viel herumgefahren. Um den Buben zu imponieren, übten wir Mädchen, freihändig das Rad zu beherrschen. Und es gelang mir sehr gut.

Lange schon bin ich auf keinem Fahrrad mehr gesessen, und ich weiß gar nicht, ob ich mich im urbanen Raum heutzutage damit bewegen könnte? Ich denke, man verlernt es nicht, wie das Schwimmen. Aber in der Stadt muss man schon auf Draht sein, auch wenn es eigene Fahrradwege gibt. Mir ist in Hamburg aufgefallen, dass dort viel mehr Menschen per Fahrrad unterwegs sind. Ob der Konflikt zwischen Rad- und Autofahrer dort auch so ausgeprägt wie in Wien ist?

Die Rauch-Buben, mein Vater Karl und sein Bruder Emanuel (Emerl), hatten keine eigenen Fahrräder, und wollten sie Rad fahren, dann liehen sie sich ein Fahrrad um 30 Groschen die Stunde in einer Fahrradleihanstalt. Damit vollführten sie dann Kunststücke in den noch verkehrsarmen Gassen. Die Buben und ihre Freunde fuhren in einer Reihe, wobei sie sich an den Schultern hielten. Auf ein Kommando blieben alle stehen, und auf ein weiteres Kommando fuhren sie wieder weiter. Emerl war ein besonders sportlicher Typ und ein guter Radfahrer. Er saß verkehrt am Gouvernal und trat nach rückwärts. Gemeinsam mit seinem Bruder, um den Mädchen zu imponieren, vollführten sie akrobatische Nummern auf den Fahrrädern. Heutzutage würden sie vielleicht bei „So viel Talent hat Österreich“ mitmachen können.

Großmutter erzählte mir, dass ihr jüngerer Sohn mondsüchtig war. So stand er eines Nachts auf, ging in die Küche. Sie fragte ihn, wohin er denn wolle? „Fahrrad putzen“, antwortete er und ging zurück ins Bett.

Dass es aber auch schon Konflikte mit Radfahrern und Fahrzeugen kam, ist in einem Lied aus Wien festgehalten: A Radlfohra kummt nach Wean …

Später hatten mein Vater und sein Bruder dann eigene Räder und fuhren damit zu ihren Bergen, Rax und Schneeberg, Hohe Wand, oder in die Lobau zelten. Machten mit ihren Partnerinnen Fahrrad-Ausflüge. 1934 fuhren meine Eltern per Fahrrad nach Salzburg, das heißt bis Melk, ein Stück mit dem Schiff und dann weiter auf der Landstraße bis Salzburg. Zurück in einem durch.

zwei Paare auf Fahrrädern

Illustrierte Karte mit Aufschrift "Urlaub 1934"

Einmal passierte es meiner Mutter, dass sie mit dem Fahrrad in die Rinne einer Straßenbahnschiene geriet. Sie war auf dem Weg, meinem Vater Essen zu bringen. Sie stürzte, und das Menagereindl flog in weitem Bogen davon …

Mann mit Kleinkind auf einem Fahrrad fahrend
Mit meinem Vater auf der Strecke nach Stierofen-Rustenfeld unterwegs (1945)

An meine erste Straßenbahnfahrt kann ich mich nicht erinnern. Wenn wir Tanten und Onkeln in anderen Bezirken besuchten, sind wir sicher mit der Straßenbahn gefahren. Einmal fuhr ich als kleines Mädchen, lesen konnte ich schon, mit meiner Tante in der Straßenbahn. Wir fuhren eine Strecke, auf der es einige Meinl-Filialen gab. Und wieder stand groß Julius Meinl angeschrieben. Da fragte ich laut meine Tante, warum denn jeder Meinl Julius heißt? Es wunderte mich, dass es keinen anderen Vornamen gab. Ich erinnere mich, dass sich die Fahrgäste über meine Frage amüsierten.

1951 starb mein Großvater, und für sein Begräbnis wurde die Gudrunstraße für den Verkehr gesperrt. Kein Auto, keine Straßenbahn.

Leichenzug

Als ich in die Waltergasse ins Gymnasium kam – in ein Ausweichquartier, solange die Schule hinter dem Amalienbad Baustelle war –, fuhr ich mit dem 66er. Einstiegstelle war auf dem Quellenplatz, wo die Straßenbahn von der Raxstraße kam, und Ausstieg war Rainergasse. Als die Mädchenschule dann umgesiedelt wurde, konnte ich wieder zu Fuß gehen. Es war sowieso lustiger. Meine Freundin Jutta – sie war aus Mürzzuschlag und wohnte bei einer Gastfamilie in der Quellenstraße –, kam zur Leebgasse und gemeinsam gingen wir dann den Schulweg. Jutta hatte dicke, rote Zöpfe und spielte Gitarre. Auch war sie eine sehr gute Schifahrerin. Sie hat mich noch in Ybbs, als ich bereits Mutter war, besucht, doch dann verloren wir uns aus den Augen.

Gedränge in der Straßenbahn machte mir nichts aus. Es war immer genug Platz, und ich kann mich an keine sexuelle Belästigung erinnern. Die hatte ich, als ich einmal in einer Straßenbahn allein auf der Plattform stand. Da drängte sich ein Mann an mich. Ich trat zurück und er wurde noch zudringlicher. Da wand ich mich frei und trachtete, in den Fahrgastraum zu kommen, wohin er mir zum Glück nicht folgte. Ich fühlte mich sicher. Ich habe dies nie erzählt, weil es mir sehr peinlich war.

Zu Schulbeginn fuhr ich immer ins Reißzeug- und Papiergeschäft meiner Tante und meines Onkels Fiedler-Exler auf der Währinger Straße, um mir Schulmaterial zu kaufen. Einmal kaufte ich mir zwei dicke Hefte, die ich für Geographie und Geschichte nehmen wollte. Sie waren trotz Rabatt teuer gewesen. Als die Straßenbahn am Südtirolerplatz anruckte, rutschte mir das Paket mit den zwei Heften aus der Hand, rutschte genau durch den Spalt beim Trittbrett, und ich konnte nur mehr im Davonfahren das Paket auf der Straße liegen sehen. Ich hatte keine Chance, nochmals an die Hefte zu kommen. War mir leid um die schönen, teuren Hefte!

Meine Eltern hatten einen Hund, einen Dobermann. Er hieß Strolch und fuhr mit Leidenschaft Straßenbahn. Die Waggons waren ja offen, da sprang er einfach auf, fuhr eine Station mit und rannte dann zurück oder wartete in der nächsten Station auf seine Besitzer. Das könnte er sich heutzutage bei Beißkorb- und Leinenpflicht nicht mehr erlauben.

An den Wochenenden waren Tante, Onkel und Kusine meine Familie. Sie wohnten am Stadtrand in einer Siedlung, mit dem Autobus erreichbar. Die Station hieß/heißt Stierofen-Rustenfeld. Meine Kusine sang: „Tipf, tapf, Doktorin, stierl, stierl Ofen“, hatte sie es selbst erfunden oder war es von der Gegend? Ich weiß es nicht.

Der Bus ging einst vom Columbusplatz weg. Dann vom Südtirolerplatz, mit nächster Station schräg gegenüber dem Amalienbad. An der Ecke war eine Gaststätte, der Friedrich, in den mein Onkel nach der Arbeit, bevor er nach Hause fuhr, gerne einkehrte. Vorerst begleitete mich meine Großmutter zur Haltestelle, nachdem ich ihr jeden Samstag im Hasenkino für die Nachmittagsvorstellung am Sonntag noch eine Kinokarte, 2. Reihe, Mitte, besorgt hatte. Sonntag Abend holte sie mich wieder vom Bus ab, bis ich alt genug war, allein unterwegs zu sein.

Auch Tante Anni begleitete mich zur Bushaltestelle nach Wien. Wir gingen entweder durch die Siedlung oder ein langes Stück die Hauptstraße entlang. Auf der Seite Richtung Wien gab es kein Wartehaus. Bei schlechtem Wetter stellte man sich in das auf der anderen Seite. Es war aus gelbem Wellblech mit Dach. Drinnen stank es nach Urin. Das musste man in Kauf nehmen, wenn man vor Wind und Wetter geschützt sein wollte. Aber ich erinnere mich, dass die Busse immer ziemlich pünktlich waren. Meine Kusine, die in der Per-Albin-Hansson-Siedlung zur Schule ging und später in einem Blumengeschäft „Am Graben“ arbeitete, war täglich mit dem Autobus unterwegs.

Einmal sollte ich bei einer Schüleraufführung in der Hauptschule meiner Kusine zusehen dürfen. Meine Mutter brachte mich mit der Straßenbahn nach Rothneusiedl und fuhr gleich wieder nach Hause, denn meine Tante sollte aus der anderen Richtung mit dem Bus kommen und mich zur Schule mitnehmen. Ich wartete und wartete, meine Tante kam nicht. Irgendwann dauerte es mir zu lange, ich hatte aber kein Geld für die Straßenbahn, da machte ich mich zu Fuß auf den Weg nach Hause. Meine Mutter traf halb der Schlag, als ich vor der Türe stand und ihr von meinem Fußmarsch erzählte.

Auch in Ybbs an der Donau gab es einmal eine Straßenbahn. Sie wird als „die kleinste Straßenbahn der Welt“ bezeichnet. Eröffnet im Dezember 1907 war sie bis 1953 in Betrieb und wurde danach von Autobussen ersetzt. Wir waren erst 1957 nach Ybbs gezogen. Mein Mann ist als Bub noch auf den Puffern gesessen, um gratis ins Bad an der Ybbs zu fahren. Auch mein Onkel aus Wien fuhr noch mit dieser Straßenbahn. Er war als Vertreter in der Papierbranche unterwegs und suchte die Papierhandlung Schatz auf. Ein Fahrgast war auch der berühmte Mathematiker Prof. Wilhelm Wirtinger. Er hatte meistens kein Geld bei sich.

Anlässlich des 100. Geburtstages erschien im Mai 2007 ein überaus interessantes Buch über die Ybbser Straßenbahn, der immer wieder mit Wehmut gedacht wird. Herausgegeben vom Kulturverein OKAY, Autor: Dipl.-Ing. Gerald Böhm und Team. . Ein Wagen wurde gerettet und von Ing. Hansgeorg Prix und Eisenbahnfreunden in Klagenfurt mühevoll restauriert. Nach dem Hauptplatz war die erste Station bei unserem Haus in der Wienerstraße, und daher haben wir ein Haltetaferl wie ehemals angebracht, damit sie nicht ganz vergessen wird.

Den städtischen Bus benütze ich wenig. Mit dem Auto bringt mich mein Mann zum Bahnhof. Auch in Wien fahre ich selten mit einem Bus. Ich fahre U-Bahn, Straßenbahn oder S-Bahn. Mit meiner Tochter durchstreife ich Wien auch gerne zu Fuß. Sie mag das Gedränge in den „Öffis“ nicht. Ich komme nun in Gegenden, in die ich als Kind nicht kam oder höchst selten. Manchmal steigen wir auch irgendwo ein und lassen uns überraschen, wo wir hinkommen. Der Umweltstreifen zahlt sich aus. Schon auf der Bahn können wir ihn ab Sanatorium Purkersdorf bis Westbahnhof benutzen. Man bewundert mich im Dorf tatsächlich, dass ich in Wien unterwegs bin. Dabei sind einige dabei, die in andere Hauptstädte fahren und in der eigenen Hauptstadt sind sie weltfremd!

Informationen zum Artikel:

In Wien unterwegs

Verfasst von Gabriele Stöckl

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 10. Bezirk / Niederösterreich, Mostviertel, Ybbs
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag entstand in Zusammenhang mit dem Gesprächskreis "Bewegung in der Stadt" im Wien Museum im Herbst 2012.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.