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Die Friedhofstour

von Angelika Pawikovsky-Scott

Ende Oktober fielen die Krähen in großen Scharen über Wien herein. Ihr heiseres Krah-Krah löst noch heute in mir winterliche Gefühle aus. Die Luft begann nach Holzrauch und Maronifeuer zu riechen und der Himmel war an den wenigen Sonnentagen milchig blau und durchscheinend.

Wie jedes Jahr verbrachten wir den Allerheiligentag damit, von einem Friedhof zum anderen zu wandern. Wer glaubt, dass das eine mühselige und traurige Angelegenheit war, der irrt gewaltig!

Für mich war es ein fröhliches und interessantes Fest, denn solange ich zurückdenken kann, haben mich Friedhöfe immer angezogen und bezaubert. Und ich liebte unser jährliches Ritual.

Es begann damit, dass wir uns in der Früh in warme Kleidung hüllten. Es war egal, wie warm oder kalt es war – der Allerheiligentag war der Anlass, den neuen Wintermantel und die neuen Stiefel auszuführen.

Dann zog die ganze Familie los: Mutter, Vater, die Omi und ich. Erst gingen wir über die Pachmanngasse zur Hütteldorferstraße und dann weiter durch die Waidhausenstraße den Berg hinauf zum Baumgartner Friedhof. Auf dem Weg wurden bei einem oder mehreren der vielen Standeln Grabkerzen und Blumengestecke gekauft. Die Verkäufer waren warm eingepackt und hatten oft rote Nasen, weil sie ja den ganzen Tag hinter ihren Standeln in der Kälte stehen mussten.

Als Erstes besuchten wir immer das Grab des ersten Mannes meiner Mutter, der bereits nach vier Jahren Ehe an einem Gehirnschlag verstorben war und meine Mutter als 24-jährige Witwe zurückgelassen hatte.

Gleich dahinter war der kleine Bub beerdigt, von dem mir die Omi jedes Jahr aufs Neue erzählen musste. Mitte der Fünfzigerjahre hatte er einen seiner Schuhe im hochwasserführenden Wienfluss verloren, war hineingesprungen, um ihn wieder zu bergen und dabei ertrunken. Das Grab und die Geschichte lösten bei mir schaudernde Bewunderung für das Kind und großes Mitgefühl für seine Mama aus, die eine Bekannte meiner Omi war.

Dann gingen wir zum Grab einer Jugendfreundin meines Vaters, die im zarten Alter von 25 bei einem Verkehrsunfall verunglückt war.

Dann war da noch das Grabmahl meiner zwei Tanten, die im Kindesalter der Todesmaschinerie des Hitlerregimes zum Opfer gefallen waren. Beide waren mit Trisomie 21 zur Welt gekommen und erkrankten im Jahr 1940 an Scharlach. Den Spitalsaufenthalt im Krankenhaus Oberwart überlebten sie nicht einmal eine Nacht ...

An jedem Grab wurde ein Licht angezündet, Blumen niedergelegt und ein Gebet gesprochen. Die Wege dazwischen waren erfüllt von meinen Fragen und den Geschichten der Eltern und der Omi.

Wenn wir alle Gräber des Baumgartner Friedhofs besucht hatten, waren wir bei einem der östlich gelegenen Tore angelangt, das in eine Kleingartenanlage führte. Über eine Fußgängerbrücke gelangte man über den Flötzersteig zu einem Rasthaus. Dort kehrten wir jedes Jahr ein und bestellten heißen Tee und Frankfurter mit Senf und Brot. Ach, wie herrlich schmeckten die Würstel! Von ihnen und der Wärme im Rasthaus bekam ich jedes Mal ganz glühende Backen und Ohren.

Nach einer ausgiebigen und recht nahrhaften Rast, marschierten wir weiter bis zum Ottakringer Friedhof. Auch dort gab es eine Abfolge von Gräbern, die zu besuchen waren.

Porträt einer Frau mittleren Alters
Meine Urgroßmutter Anna (aufgenommen um 1910)

Da war einmal meine Urgroßmutter Anna und ihr Mann Thomas. Die beiden hatten meine Mutter großgezogen bis sie zwölf Jahre alt war und die Großmama an Magenkrebs erkrankte. Meine Omi war ja bereits seit 1931 Witwe gewesen und musste für den Unterhalt der Familie sorgen. So blieb die kleine Erika in der Obhut der Großeltern. Und sie wusste nur Gutes über diese Zeit zu berichten. Die Großmama bewies eine Engelsgeduld, wenn es darum ging, die kleine, an Rachitis leidende Erika zu füttern, die so gar nicht essen wollte. Trotz der unbeschreiblichen Armut herrschte Fröhlichkeit in der winzigen Zimmer-Küche-Wohnung am Hofferplatz. Der Großpapa spielte mit seiner Enkelin Karten und wenn er sie nicht gewinnen ließ, drohte ihm die Großmama mit dem Besen. Er tat so, als würde er furchtbar erschrecken und schrieb sich selbst ein Bummerl auf ...

Manchmal fand ich es sehr traurig, dass ich diese netten Urgroßeltern nicht mehr hatte kennenlernen können. Ich kannte nur ein Bild der Großmama: Sie hatte ganz helle Augen, aus denen der Schalk sprühte, einen ernsten Mund und dunkles gewelltes Haar, das sie meiner Omi und wohl auch mir vererbt hat.

Anschließend gingen wir zum Grab meines Großvaters, des Mannes meiner Omi, der 1931 an Malaria verstorben war. Die Omi ging nicht gerne hin. Die Familie ihres Mannes hatte sie nach seinem Tod wie eine Fremde betrachtet und mehr oder weniger ignoriert. Das Grab war verwahrlost, solange ich zurückdenken konnte, und die Omi konnte sich nicht genug darüber empören, was das für eine Schande war. Aber das Grab gehörte ihr nicht, und so hatte sie auch kein Recht, daran etwas zu ändern.

Als ich noch ganz klein war, gab es außer diesen zwei Gräbern keine weiteren der Familie auf dem Ottakringer Friedhof. Je älter ich wurde, desto mehr kamen hinzu.

Nach und nach starben die Schwestern der Omi, entferntere Verwandte und auch Freunde. So wurde unsere jährliche Friedhofstour immer länger.

Als in den späten Siebzigerjahren mein geliebter Onkel Toni starb und im Grab der Familie seiner Frau beigesetzt wurde, las ich fasziniert die Namen auf diesem Grabstein. Mein Onkel, Anton Chvatal, hatte meine Tante Minni geheiratet. Sie war eine geborene Drbalek. Ihre Mutter, die alte Frau Drbalek, eine geborene Trtilek. Eine ganz typisch österreichische Familie ...

Wir verließen den Ottakringer Friedhof über die Gallitzinstraße, und auf dem Weg zur Maroltingergasse kaufte mir mein Vater entweder türkischen Honig oder die ersten Maroni des Jahres. In der Maroltingergasse stiegen wir in den 10er und fuhren bis zur Station vom 49er in der Hütteldorferstraße. Mit dem 49er ging es dann nach Hause, wo bereits das Schweinsgulasch mit Nockerln wartete, das die Mutti am Vortag gekocht hatte. Es war der krönende Abschluss eines aufregenden Tages und einer jährlich wiederkehrenden Lektion in angewandter Geschichte ...

Informationen zum Artikel:

Die Friedhofstour

Verfasst von Angelika Pawikovsky-Scott

Auf MSG publiziert im Oktober 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk / Wien, 16. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre, 1970er Jahre

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