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Waldviertler Bräuche

von Margarethe Teufelsbauer

Im Mai 1934 wurde ich in Wien geboren, lebe sehr gerne in dieser wunderbaren Stadt, meine Wurzeln allerdings liegen sowohl väterlicher- wie auch mütterlicherseits im Waldviertel. Meine Mutter stammte von einem Waldviertler Bauernhof und wurde als 16-jähriges Mädchen nach Wien in den „Dienst“ geschickt. Das war damals bei vielen Bauernfamilien üblich, um einen Esser weniger am Familientisch zu haben.

Die Mutter meines Vaters stammte auch aus dieser Gegend und kam ebenfalls als blutjunges Mädchen nach Wien, und zwar nicht als Dienstmädchen, sondern zu ihrer Tante, um diese in ihrem Milchgeschäft zu unterstützen. Die besagte Tante ließ meiner Großmutter eine sorgfältige Lehre angedeihen, sodass diese nach Abschluss ihrer Ausbildung und dem Rückzug ihrer Verwandten in die Pension, den kleinen Laden übernehmen und selbständig weiterführen konnte. Sie erwarb auch noch den Maria-Theresia-Gewerbeschein, sodass sie außer Milch und Milchprodukte noch andere Waren führen durfte.

Das Geschäft wurde 1864 gegründet, meine Großmutter übernahm es im Jahre 1907, führte es mit viel Liebe und Engagement durch die schweren Zeiten des Ersten Weltkrieges und der Zwischenkriegszeit bis zum Jahre 1939, als ihr die Nazis den Laden schlossen, weil sie sich offensichtlich mit dem neuen Regime weder auseinandersetzen noch anfreunden wollte (siehe den Beitrag „Der ‚geliebte Führer’ im Milchgeschäft“).

Dass meine Mutter von ihrer Familie einfach in einen Zug Richtung Wien gesetzt und ins „Blaue“ geschickt wurde, ist insofern nicht anzunehmen, als die Waldviertler Familie mit der Wiener Familie in einem weitschichtigen Verwandtschaftsverhältnis stand. So wird meine Wiener Großmutter doch ein wenig ihre Hand über die verunsicherte 16-Jährige in der völlig fremden und verwirrenden Großstadt gehalten haben. Die anfangs losen Bande führten dann nach einiger Zeit dazu, dass sich ihr erstgeborener Sohn in seine mit ihm „über sieben Ecken verwandte“ Kusine verliebte und sie heiratete.

Meine Eltern lebten im gleichen Haus wie die Großeltern. Als der Zweite Weltkrieg begann und die Männer zum Kriegsdienst einberufen wurden und an allen Ecken und Enden fehlten, wurden viele Frauen, so auch meine Mutter, dienstverpflichtet. Sie musste frühmorgens an ihren Arbeitsplatz und kam spät nach Hause, daher betreute mich meine Großmutter.

Im Herbst 1942 (das genaue Datum ist mir entfallen) erhielt Großmutter von ihrem Bruder aus Haselberg die Mitteilung, dass sein Frau Agnes gestorben war. Da meine Mutter ihren Arbeitsplatz nicht verlassen durfte, nahm mich Großmutter zu dem Begräbnis mit. Bei solchen Besuchen oder auch bei längeren Aufenthalten in den Sommerferien konnte ich als Kind einen Einblick in altes bäuerliches Brauchtum gewinnen.

Ritus bei einem Todesfall

Nachdem der oder die Verstorbene eingekleidet war, wurde er/sie auf ein Holzbrett, den sogenannten "Lodn“ gelegt, wo er/sie so lange verblieb, bis ein Sarg zur Verfügung stand. In jedem bäuerlichen Haushalt befand sich ein derartiges Brett, auf dem die Sterbedaten der verblichenen Familienmitglieder eingeritzt wurden. Sobald ein entsprechender Sarg zur Verfügung stand, wurde die Leiche umgebettet und verblieb noch zwei Tage im Haus, um am dritten Tage von der örtlichen Feuerwehr abgeholt und zur Kirche gebracht zu werden. Beim Verlassen des Hauses wurde an der Schwelle mit dem Sarg ein symbolisches Kreuzzeichen angedeutet.

Während der Zeit, in welcher der oder die Verstorbene noch im Hause war, kamen Anverwandte, Nachbarn sowie Mitglieder der Dorfgemeinschaft, um gemeinsam mit den Familienmitgliedern die sogenannte Totenwache abzuhalten, die nicht verhalten und still verlief, sondern durch unendlich viele, gemurmelte Rosenkranzgebete eine besondere Verehrung für den oder die Tote darstellen sollte.

Als Großmutter und ich im Hause ihres Bruders ankamen, lag die Agnes-Tant’, wie sie in der Verwandtschaft genannt wurde, in der guten Stube bereits im Sarg aufgebahrt. Der Raum war düster, nur zwei große Kerzen erhellten das Antlitz der Toten. Großmutter ging vor mir zu dem Sarg, blieb ein Weile stehen, beugte sich zu ihrer toten Schwägerin hinab und während Tränen über ihre Wangen liefen, zeichnete sie mit der Hand drei Kreuze über die Verstorbene. Da ich hinter meiner Großmutter stand, sah ich nur, dass die Tante ihr „gutes Kleid“ anhatte, das dunkelblaue mit dem weißen Spitzenkragen, das sie immer trug, wenn sie bei uns in Wien ihre Therapie gegen ihre Krankheit absolvieren musste. Ich hatte die Tante Agnes sehr gerne und wollte noch einmal ihr liebes Gesicht sehen und dann auch drei Kreuze über sie machen. Also stellte ich mich auf die Zehenspitzen, um mein Vorhaben ausführen zu können und prallte entsetzt zurück. Die Krankheit und der Tod hatten ihr Aussehen so grausam verändert, dass ich zutiefst erschrak.

Von der weiteren Zeremonie bekam ich nichts mehr mit; total verstört trottete ich neben meiner Großmutter im Trauerzug zur Kirche, wo die Totenmessen mit vielen Gebeten, Gesängen und einer Ansprache des Pfarrers stattfand. Anschließend wurde der Sarg auf dem Friedhof zu Grabe getragen und nach kurzer Einsegnung beigesetzt.

Damals sowie auch heute noch begab respektive begibt sich die Trauergemeinde in ein Gasthaus, wo der übliche "Leichenschmaus" diesen Tag meist recht fröhlich(!) ausklingen ließ bzw. lässt.

Auf der Heimfahrt nach Wien versuchte ich krampfhaft, mir das Bild von der Tante Agnes ins Gedächtnis zu rufen, als sie noch während ihrer erwähnten Therapieaufenthalte bei uns logierte. Sie strahlte trotz ihrer Erkrankung viel Wärme und Herzlichkeit aus und beschäftigte sich offensichtlich gerne mit mir. So brachte sie mir das Strümpfestopfen bei; das zu können war natürlich während der Kriegszeit wichtig, weil man sehr selten Strümpfe und Socken bekam, daher wurde jedes kleine Löchlein geschlossen. Ein weiterer Grund, große Strumpflöcher zu vermeiden, lag auch darin, dass Stopfwolle mitunter ebenfalls schwer zu erhalten war, daher kam es nicht selten vor, dass unsere kratzigen Kinderstrümpfe mit bunten Stopfmustern übersät waren, weil die passende Wolle einfach nicht zu bekommen war.

Als der allgemeine Aufruf an die Frauen erging, Socken, Schals und Fäustlinge für die Soldaten an der Ostfront, besonders in Russland zu stricken, brachte sie selbst gesponnene Wolle mit und half mir bei meinem Versuch, für meinen Onkel, der in Sibirien stationiert war, einen Schal zu stricken.

"Hergottbussen" am Karfreitag

Im Rahmen einer Messe wurde die Kreuzverehrung in der Weise zelebriert, dass das Kreuz auf den Stufen, die zum Altar führten, lag und die Messebesucher die Wunden des gekreuzigten Jesus küssten.

Ich verbrachte ja meistens die Ferien bei der Verwandtschaft im Waldviertel. In den Sommerferien musste ich auf die sechs Kinder der Tante Anna aufpassen, was keine leichte Aufgabe war. Einmal trug es sich zu, dass ich auch meine Osterferien bei meiner Tante Anna verbrachte.

An diesen bestimmten Karfreitag marschierten wir „sieben“ in die drei Kilometer entfernte Kirche zur heiligen Messe. Unsere Großmutter wurde vom Großvater im Einspänner zur Kirche gebracht, wo sie in der ersten Bankreihe auf der sogenannten Frauenseite Platz nahm. Wir vier weiblichen Enkelkinder saßen natürlich bei den Frauen, die drei männlichen auf der Männerseite. Im Verlaufe der Messe fand dann diese Kreuzverehrung statt, wobei sechs Enkelkinder dem Brauchtum folgend, die Wunden des gekreuzigten Jesus küssten, das siebente nicht. Ich ging zu dem Kreuz, kniete nieder, machte das Kreuzzeichen und mit einer Verbeugung begab ich mich zurück auf den Platz.

Nach der Messe versammelten wir Kinder uns vor der Kirche, um wieder fröhlich heimzuziehen. Da kam die Großmutter fuchsteufelswild auf uns zu, schnappte mich aus der Gruppe, fasste mich am Mantelkragen, zog mich in eine Ecke und beutelte mich ganz fürchterlich. Böse sah sie mich an und wollte wissen, warum ich nicht die Wunden des Gekreuzigten geküsst habe. Ich antwortete: „Bitte um Entschuldigung, das ist unhygienisch und wir tun das in Wien auch nicht.“ – „Na, die Weisheiten von der gscheiten Stadtfräu’n hobn uns no gföht, schau daß´t weidakimmst, du unerzogenes Mensch!“ Das saß! Ich schwor mir, nie mehr Osterferien bei der „mütterlichen“ Verwandtschaft zu verbringen.

Aus heutiger Sicht lag ihre Erbostheit über meine Weigerung, der Tradition zu folgen auch darin, dass einige der Dorfbewohner mitbekommen hatten, dass das Wiener Enkelkind nicht „busste“ und ich dadurch das höchst katholische, großelterliche Haus möglicherweise ein wenig ramponiert hatte?

Aus hygienischen Gründen wurde dieser Brauch dann in den frühen Fünfzigerjahren abgeschafft. Die Kreuzverehrung heutzutage findet auch im Rahmen einer Messe in der Aufbahrungshalle oder beim heiligen Grab statt. Geküsst wird nicht mehr, dafür aber für das heilige Grab in Jerusalem gespendet.

Rorate

In der Adventzeit wurde um 7 Uhr früh eine Messe nur bei Kerzenlicht gefeiert. Sie wurde in erster Linie von den Schulkindern besucht, da die Eltern zu dieser Zeit schon mit Stallarbeiten befasst waren. Für die Kinder, die oft einen kilometerlangen Fußmarsch bei Dunkelheit und widrigen Wetterbedingungen in ihren Holzpantoletten – warme Pelzstiefel gab es zu dieser Zeit ja nicht – total erschöpft und halb erfroren in der Kirche ankamen, war dies eine besonders harte Herausforderung. Das Kerzlein, welches sie während der Messe in ihren steifen Fingern hielten, wärmte keineswegs und auch nachher gab es kein heißes Getränk, weder beim Herrn Pfarrer noch in der Schule.

Herbergsuche

Neun Tage vor dem Heiligen Abend wurde eine Marienstatue jeden Tag in ein anderes Haus des Dorfes getragen. In den Bauernhäusern spielte sich das Leben mehr oder weniger in den großen Stuben bzw. Küchen ab. Man stellte also die Statue auf den großen Jogltisch ab, versammelte sich um ihn herum, sprach Rosenkranzgebete und sang Weihnachtslieder. Für die Kinder gab es schon das eine oder andere Weihnachtskekserl. Die Aussicht auf eine kleine Gaumenfreude dürfte die meisten Dorfknirpse bewogen haben, mit der Marienstatue von Haus zu Haus mitzuziehen. Sie beteten und sangen zwar brav mit, aber im Innersten hofften sie sehr, auch ein kleines Gebäckstück ergattern zu dürfen.

Informationen zum Artikel:

Waldviertler Bräuche

Verfasst von Margarethe Teufelsbauer

Auf MSG publiziert im Dezember 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Haselberg / Wien
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

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