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Dí Eisenbahnerkuah I

von Helene Bubbnik

„Tüüüüüüüüüü-tüüüüüüüüüüüüü“ – so hörte es sich jeden Morgen um halb 5 Uhr in der Früh an. Noch ein bisschen früher das „Uhhh-uhhhh“ – das war die schwarze Dampflok. Sie pfauchte und schnaufte in die Station Lehenleiten, so hieß die Bahnstation. Dieser Frühzug schreckte alle aus den Federn. Bei jedem Zug, der durchfuhr, bebte und erzitterte das ganze Haus, natürlich nur leicht, sonst wär es ja schon eingestürzt.

fröhliches Schulkind vor aufgeschlagenem Buch

Als ich mit dem „Arbeiterzug“ zur Schule nach St. Pölten fuhr, ratschte der Wecker jeden Morgen um zehn Minuten nach 4 Uhr: raus aus den Federn und hinein ins Gewand! Verschlafen stieg ich in den Zug ein, zu meinem Fensterplatz, und gleich wurde weitergeschlafen. Im Winter zog es fürchterlich bei den Fenstern herein, manchmal war auch weißer, weicher Schnee dabei. Damals saßen wir noch auf Holzbänken, und die Fenster waren mit Lederriemen befestigt, in die verschiedene Löcher gestanzt waren, ähnlich wie bei einem Hosengürtel, so konnte man die Größe der Fensteröffnung regulieren, vorausgesetzt die Löcher waren nicht mit der Zeit gegangen und einige Zentimeter lang geworden. Es passierte öfters, wenn der Zug in die Kurve fuhr, dass der Riemen aus dem Metallknopf sprang, und das Fenster rasselte mit Schwung und lautem Getöse herunter.

Im Winter war es, wie gesagt, dann kalt. Meist saß ich auf meinem Fenstereckplatz, das Gesicht in den Mantel gehüllt, und döste beim leichten Ruckeln bis zur Endstation St. Pölten dahin.

Es war so ein erhabenes Gefühl: Du bist mit der großen, weiten Welt verbunden, 25 Meter von der Haustür bis zum Waggon, wer hat das schon? Beinahe kannte jede/r jede/n, so auch der Schaffner. Es gab keine Touristen hier, außer während des Krieges, da war es eine beliebte „Hamsterstrecke“ [hamstern]. Die Wiener kamen hierher, tauschten ihren Goldschmuck gegen einen Löffel Schmalz oder Butter, eine Handvoll Kartoffeln oder für ein Stück Brot. So mancher Bauer, hörte ich erzählen, schrie: „I gib nix mehr her, bei mir haben schon die Kiah goldene Ohrringl, und mei Frau is aufputzt wia Christbam. Nix do, scherts eich zan Teifl mit eichan Klumpert!“

Es gab auch schöne Erinnerungen: dass man „während der Fahrt Blumen pflücken kann“, Aufgabe machen, und die schöne „Alpenvorlandschaft“ genießen bei offenem Fenster! Die Rüben, die Kohlen, sämtliche Molkereiprodukte – alles wurde per Bahn verschickt, und es gab einen „Packlwagen“, für Räder, Pakete und Briefe. Die Kaufhäuser hatten eigene Schienenanschlüsse. Man konnte im Waggon herumspazieren, Schmäh führen usw.

Einmal passierte es. Unser Hund "Lumpi" lief unterm Zug und wollte nicht herauskommen. Der Schaffner und ich lockten ihn, aber er hatte so große Angst und blieb unterm Waggon sitzen. Erst als der Zug anrollte, lief er heraus, leider hat’s dann sein Pratzerl erwischt, und er war verletzt. Der Zug blieb nochmals stehen – heute wäre für so was keine Zeit.

Oder wenn noch ein Passagier auf der Straße lief und mit den Armen herumfuchtelte, was bedeuten sollte: „Nehmts mi a no mit, warts auf mi!“ Kein Problem – der Schaffner hielt die Türe offen, und alles war bestens. Auch mit den anrollenden Radlfahrern war es ähnlich. Schnell schmissen sie das Radl bei uns zum Haus, rannten und sprangen noch aufs Trittbrett, um mitzukommen. Damals gab’s noch die am Ende offenen Waggons mit so einer sich verschiebenden Eisenbrücke und eisernem Geländer zum Anhalten und Hinübergehen. Manchmal gab es Mutproben, im Winter, wenn’s eisig war: Wer traut sich durch alle Waggons durchzugehen ... Der Fahrtwind blies einem so ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit ins Gesicht.

Die „Bahngstätten“ [Gstätten] wurden gemäht, um die „Eisenbahnerkühe“ mit dem gewonnenen Heu zu versorgen. Die Ziegen waren die Kühe der armen Leute, daher der Name „Eisenbahnerkuh“. Wir hatten eine im Stall stehen, die war sehr neugierig und gefräßig. Eines Tages molk sie meine Mutter, und ich stand daneben und lernte ein Gedicht. Während ich es herunterlas, hielt ich den Zettel in der Hand, und flugs riss mir die Geiß den Zettel aus der Hand und fraß ihn auf. Das war ganz schön blöd, denn jetzt musste ich mir den Text bei der Nachbarin wieder abschreiben, Kopierer gab’s ja noch keine. Letztendlich klappte es, und ich trug das Gedicht im weißen Kleid, mit selbst gedrehten Stoppellocken einen Blumenstrauß überreichend, dem Hochzeitspaar vor.

Einmal im Jahr war die Geiß bockig, und es war meine Aufgabe, sie zum Bock zu treiben. Auf dem Hinweg ging’s ja schnell, aber zurück – immerhin waren es drei Kilometer pro Strecke –, da musste ich sie mehr ziehen, als sie gehen wollte. Der Ziegenbock stank gottfürchterlich. Natürlich hatte ich Angst vor seinen Hörnern und vor seinem Gemecker, und er war gar nicht erfreut, wenn ich ihm seine Geiß wegtrieb. Mit gutem Zureden brachte ich meine „Eisenbahnerkuah“ wieder nach Hause, und im Frühjahr gab’s kleine, springlebendige Kitzerln.

Kleinkind in Nachthemd

Das Mähen der „Bahngstätten“ war äußerst mühsam. Meine Eltern gingen schon um 3 Uhr früh los, um die Kühle des Morgens auszunützen, denn es waren ca. drei Kilometer entlang des Bahndamms hin und zurück mit der Sense zu mähen. Derweilen wurde ich im Haus eingesperrt. Das hinderte mich nicht daran, mir ein Stockerl zum Fenster zu schleppen, hinaufzusteigen und beim Fenster hinauszuspringen.

Mit meinen zwei Jahren schlüpfte ich mit den Füßen bei den Ärmeln ins Kleid und lief, noch bevor der erste Zug in die Station fuhr, zur Poldi, meiner Nachbarin, schlüpfte bei ihr ins Bett und schlief weiter. Das Gras wurde gewendet und, wenn’s trockenes Heu war, mit dem Schubkarren nach Hause gebracht und für den Winter gelagert.

Informationen zum Artikel:

Dí Eisenbahnerkuah I

Verfasst von Helene Bubbnik

Auf MSG publiziert im April 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Mank, Lehenleiten
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Diese Geschichte wurde in überarbeiteter Form in dem von Helene Bubbnik 2015 herausgegebenen Sammelband "Frauengeschichten aus der Region Mank", S. 71-71, veröffentlicht.

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