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D' Eisenbahnerkuah II

von Helene Bubbnik

Ich hatte Glück, geboren zu werden, denn meine Mutter wurde von allen in Stich gelassen, als sie merkte, dass sie schwanger war. Sie hätte nur zu sagen gebraucht, sie wäre von den Russen vergewaltigt worden, dann hätte sie sofort die Genehmigung für eine Abtreibung bekommen. Mein Vater war 18 Jahre älter und versprach ihr, sie vor den Russen zu schützen, und so bin ich entstanden. Meine Mutter besaß nichts, eine kinderreiche Nachbarin, die im Zubauhäusl wohnte, tröstete sie und meinte: „Wann’s amol da is, wirst as scho gern haben!“ Sie borgte ihr einen Wickelpolster und später den Kinderwagen, damit mich meine Mutter mit aufs Feld nehmen konnte. Karenzzeit oder Stillzeit gab’s ja nicht als Bauernmagd.

Mein Vater handelte ein Stückerl „saure Wiesen“ neben der Haltestelle „Lechaleiten“ ein, dazu war ihm ein Fahrrad sehr hilfreich. Die Frau Baden hatte Mitleid mit ihm, da sie selber aus Allentsteig wegen dem Truppenübungsplatz ausgesiedelt wurde und ein Fahrrad gut gebrauchen konnte.

Davor hausten wir einen Winter lang im sogenannten „Lager“ in St. Leonhard, angeblich war es im Winter 1946 so kalt, dass das Wasser im Ofenschiff einfror – ich hab’s überlebt. Juchuh! Eine Baracke baute mein Vater ab, und der neue Nachbar brachte sie mit dem Ochsengespann nach Lechaleiten. Als gelernter Maurer grub er mit Kollegen eine Grundfestung, einen kleinen Keller und einen Brunnen aus. Dann holte er sich vom Baumeister die Erlaubnis und begann zu bauen. Die nötigen Ziegel sammelte er von Abbruchhäusern, Sand aus der Erlauf, Schotter aus der Mank, woher er Zement nahm, das entzieht sich meiner Kenntnis.

Später wurde an die Baracke ein kleiner Stall drangebaut, hier fütterte meine Mutter ein Schwein. Eines Morgens wurde mein Vater wach, da stand einer im Gartl, stieß einen Pfiff aus und fragte meinen Vater, wann der erste Zug führe; derweil hatte sein Kumpel begonnen, die Planken vom Stall abzureißen, um das Schweinderl zu stehlen. Grade rechtzeitig hat Vater die Diebe verscheucht.

So bekam das Schwein eine Ziege zur Gesellschaft und ich gute, gesunde Biomilch. Bald gab es kleine Kücken, eine Katze und einen Wachhund. So entstand nach und nach ein gemauertes Haus, die Baracke wurde zum Stall umfunktioniert, und Vater holte aus dem Gebirge eine junge Kälbin, die „auf der Woad z’fruh zukumma is“, heim in unseren Stall. Jetzt hatten wir eine richtige Kuh!

Kind führt Kuh an einem Strick

Die Liesl war eine braune Murbodnerin mit kurzem, glattem Fell, sie war eine brave Milchkuh. Es wurde Milch geliefert in der Milchkanne Nr. 68, jedes Jahr ein kleines Kalb, und sie wurde vorgespannt an einem Leiterwagen und zog unsere Lasten.

Wir waren „Zuagraste“, und unser Dorf war durch die Bahnschienen getrennt, in Lechaleiten waren drei Großbauern und ein Keuschler mit sieben Kindern beim Wald oben. In Kaltenhofen gab’s einen Mühlenbesitzer mit Sägewerk und zwei Vierkanthofbesitzer sowie zwei Keuschler. Meine Mutter verdingte sich als Taglöhnerin bei den Bauern rundum. Ich weiß es noch ganz genau, sie verdiente für einen halben Tag Feldarbeit 20 Schilling, dafür konnte man zwei Kilo Brot kaufen.

Mein Vater wollte mich zu einem Bauern in Dienst geben, damit wäre eine Esserin weniger.

Meine Mutter arbeitete einen ganzen Sommer bei den Bauern, um mir im Antiquariat in St. Pölten für 527 Schilling Schulbücher kaufen zu können, damit ich in die Hauptschule gehen durfte. Ich bin meiner Mutter heute noch dankbar, dass sie mir den Hauptschulbesuch ermöglicht hat.

fröhliches Schulkind vor aufgeschlagenem Buch

Erstkommunionbild mit vielen weiß gekleideten Mädchen

Damals war es keine Selbstverständlichkeit. Aus meiner Klasse durften nur die Tochter vom Schuldirektor, vom Tierarzt und die Tochter von der Schneidermeisterin (alle drei standen in der ersten Reihe) und ich, das arme Eisenbahnerkind (Zweite von rechts, mittlere Reihe) in die Hauptschule. Denn in St. Leonhard, meiner angestammten Gemeinde, musste der Bürgermeister zustimmen, dass ich in Mank die Hauptschule besuchen durfte. Obwohl mein Vater nie bei einer Partei war, wurden wir immer ins rote Lager eingeordnet und als Sozi bezeichnet. Ich dachte, das hätte etwas mit dem Soziussitz am Motorrad zu tun, denn mein Papa besaß eine 125er-Puch, erst viel später wurde mir bewusst, was mit Rot und Schwarz gemeint war.

Da ich immer sehr klein und zart war, war mein Schulweg im Winter besonders beschwerlich, drei Kilometer hin und wieder zurück, jeden Tag. Im Winter hatten wir manchmal das Glück, dass der Vater vom Lois uns mit dem Schneepflug in die Schule brachte. Ja, da waren oft die Schneewechten so hoch, dass mich die Achtklassler herauszogen. Manchmal durften wir mit dem Zug fahren und zu spät zum Unterricht kommen. Nach Hause war es leichter, mit dem Einser-Zug zu fahren, ich hatte ja das Privileg einer Freifahrt. Die Bauersleut vom Lois zahlten das nicht, so musste er zu Fuß gehen.

Weil meine Mutter wenig Zeit hatte, musste ich immer einkaufen. Das Geschäft war um diese Zeit geschlossen, so wurde ich „hint’“ hineingelassen. Es war dunkel, und ich hatte immer Angst und schämte mich, weil ich immer „aufschreiben“ ließ. Am Monatsersten wurde gezahlt. Ab und zu bekam ich ein Stollwerck geschenkt – welche Freude, denn Süßigkeiten gab’s selten.

Der Papa brachte aus dem Wirtshaus hie und da eine Schnitte oder einen „Sutzelfisch“ mit. Für Weihnachten machte meine Mutter selber Schokolade aus Ceres, Staubzucker und Kakao, da hatten wir so kleine Formen aus Alu, Fisch, Herzel und die stellte sie in den Schnee zum Erkalten. Da kam auch noch der richtige Krampus mit dem „kropfaten Ged“ als Nikolo.

Erst ab 1953 gab es elektrischen Strom, vorher nur eine Petroleumlampe, ein Plumpsklo hinterm Haus, keinen Kühlschrank, kein Radio. Keine Wasserleitung, nur ein Brunnen vor dem Haus, das reine Wasser musste hineingetragen werden und das schmutzige wieder hinaus. Eine Waschrumpel, einen Waschkessel, einen Waschtrog zum Wäschewaschen und einmal in der Woche zum Baden. Im Küchenherd wurde geheizt, zum Schlafzimmer nur die Tür aufgemacht, „damit`s drinnen warm wird“.

Für mich gab es wenig bis gar keine Zeit, da hieß es immer: „Sei schön brav, g’hört eh amal alles dir!“ Was eine große Lüge war, weil ich noch vier Geschwister bekam!

Schon als kleines „G’stämmel“, ich war sechs Jahre alt, musste ich auf meine Schwester aufpassen, sie füttern und wickeln, dazu brauchte ich einen Schemel, weil ich gar nicht auf den Küchentisch sah. Oder ich musste sie im Kinderwagerl zur Mama nachbringen, wenn die bei irgendeinem Bauern am Feld war. Manche waren nett und gaben mir etwas zum Essen, bei manchen stand ich daneben und sah zu, wie sie sich satt aßen. Die Ali und die Juli durften bei ihrem Vater am Tisch sitzen, und ich stand abseits beim Herd mit meiner kleinen Schwester und wartete, bis meine Mama fertig gegessen hatte. Die Godl steckte mir heimlich ein Stück Strudel zu, und das verschwand in meinem Schürzentascherl.

Unsere Küche war sehr bescheiden, Mama sagte oft: „Wenn Columbus nicht Amerika entdeckt hätt, hätt ma die halbe Zeit nix z’essen!“ Meistens gab es einen „prima Sterz“ mit Blunzen oder Mohnnudeln, Gemüsesuppe, Bröselnudel mit Apfelkompott, ein Paprikahenderl am Sonntag. Bevor wir einen Kühlschrank besaßen, rexte meine Mutter das Fleisch ein und die Eier wurden eingelegt im großen 5-Liter-Glas.

Eines Tages, ich war wieder allein mit meiner Schwester, da kam mir die Idee, ich mach mir jetzt aus Vaters Rad ein Damenfahrrad! Weil das Unter-der-Stange-Treten“ für mich nicht möglich war, da ich den Lenker nicht erreichte. Gesagt, getan. Zuerst sägte ich in der Mitte die Stange durch, und als ich merkte, die ließ sich nicht so einfach hinunterbiegen, sägte ich noch zweimal, vorne und hinten mit der Eisensäge das Gestänge durch. So jetzt hatte ich ein Damenfahrrad, Juchuh! Voll Freude fuhr ich meiner Mutter entgegen – na, die traf fast der Schlag. Sie wusste nicht, sollte sie lachen oder schimpfen, und vor allem: Wie würde Papa reagieren? Irgendwie blieb das Donnerwetter aus. Vielleicht waren sie stolz auf meinen Einfall, der zeigte, dass ich mir zu helfen wusste. Lange fuhr ich Fliegengewicht mit diesem „Damenrad“, erst als eine „blade Weanarin“ es ausprobierte, knickte es in der Mitte ein und war unbrauchbar. Damit’s nicht ganz verloren war, wurde es im Flachdach als Stabilisierung einbetoniert, und so tat es noch lange gute Dienste.

Informationen zum Artikel:

D' Eisenbahnerkuah II

Verfasst von Helene Bubbnik

Auf MSG publiziert im April 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Mank, Lehenleiten, St. Leonhard
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Diese Geschichte wurde in überarbeiteter Form in dem von Helene Bubbnik 2015 herausgegebenen Sammelband "Frauengeschichten aus der Region Mank", S. 71-71, veröffentlicht.

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