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"Man kommt nicht durch das Leben, ohne sich anzupatzen"

von Alfred Hirschenberger

1933. Es gibt kaum freie Lehrstellen. Es wird herumgefragt und nachgefragt, bei Bekannten, in der Umgebung, ob wer wo was weiß, wo eine Lehrstelle zu erfragen wäre. An Montagen, frühmorgens um halbsechs, wenn der Vater vom Nachtdienst heimkommt, machen sie sich auf den Weg, um die ersten zu sein, den anderen zuvorzukommen. Heute geht es zur Mechanikerinnung in der Gumpendorfer Staße, nicht zum erstenmal, meistens vergeblich. Und das kostet, denn dorthin ist es zu weit zu Fuß zu gehen, und es würde auch zu lange dauern und käme zu spät. Diesmal ergibt sich ein Treffer, es wird ihnen eine Zuweisung, eine Adresse, gegeben.

Drei Parterrewohnungen, straßenseitig, zusammengelegt und nach hinten in den Hof ausgeweitet, bilden die Werkstatt, in der unter anderem Feuerzeuge hergestellt werden. Dem Vater wird eine Lehrstelle für den vierzehnjährigen Fritzi als Werkzeugmacherlehrling zugesagt. Montag nächste Woche soll er kommen.

Fremd, sich überlassen, steht er in der Werkstatt und sieht sich scheu um. Eine Woche lang drückt er sich herum, von einem Arbeitsplatz zum anderen, dann wird ihm gesagt, dass er nächste Woche nicht mehr zu kommen braucht. Offenbar wurde von ihm erwartet, dass er sich einer Arbeit von sich aus annehmen sollte. Nur so wäre die Vorgangsweise erklärbar. Und er ist wieder daheim, ohne Lehrstelle.

Als zweite Suchstelle bietet sich die Redaktion vom „Tagblatt“ am Fleischmarkt an. Das Sonntagsblatt liegt dort auch am Montag noch zur freien Einsicht auf. Montag früh, denn sonntags sind die Annoncen drinnen, wird hingefahren und der Anzeigenteil abgesucht. Und sie sind fündig.

Sogleich wird ins Arsenal weiter gefahren, um ja nicht zu spät zu kommen. Als Waffenlager aufgelassen, nur noch hinten in einem der Objekte ist eine Kompanie des Bundesheeres untergebracht, werden die Hallen an Unternehmungen als Werkstätten vermietet. Nachfragend finden sie hin. Dann eine Reihe von Bewerbern vor der Kanzlei des Chefs. Als zum zweitenmal die Tür aufgeht, nützt der Vater das kurze Zögern des Nächsten, drängt sich vor und zerrt den Buben, nach seiner Hand greifend, mit sich in die Kanzlei, so als ob es ihm zustünde. Das ist seine Art nicht. Er, der sich nie vordrängt, genügsam zurücksteht, längst sich dreinfand unbeachtet zu sein, er, der Grübler, vergisst sich, stößt andere hinter sich.

Auf dem Schreibtisch liegt ein Werkstück, daneben eine Blaupause. Während der Chef sich das ihm überreichte Zeugnis ansieht, sieht Fritzi die Blaupause. Vielleicht ist er von sich selber überrascht, dass er das Zusammengehören der beiden nebeneinander liegenden Teile erkennt und eben darum mit den Finger darauf hinweist. „Auf der Zeichnung ist dieser Teil dargestellt“. Der Chef schaut hin. Nach einem kurzen Gespräch und mit einem Einser in Religion hatte der Vater die Zusage, der Bub eine Lehrstelle, wieder als Werkzeugmacher. Er wollte zwar wie alle Buben Automechaniker werden, jedoch erweist sich später die Ausbildung als die einzig richtige. In dem Betrieb, dem er nun angehört, werden Werkzeuge erzeugt, Schnitte und Stanzen, Spritzgussformen. Beschäftigt sind siebzehn Werkzeugmacher und zwei Hilfsarbeiter.

Als der Vater vom Dienst, es ist Montag heimkommt, weckt die Mutter Fritzi. Die Pendeluhr hat schon sechsmal geschlagen, sie ist zehn Minuten vorgestellt, um noch liegen bleiben zu können. Der Kaffee ist gekocht, die Schmalzbrote sind gestrichen, in Zeitungspapier eingepackt, für Karl und Fritzi, zum Mitnehmen. Die Reindeln, die Taxln mit den Mittagessen sind in den Taschen. Karl ist beim Gehen, wünscht Fritzi alles Gute, grüßt und ist fort. Eine Viertelstunde braucht Fritzi, dann ist es soweit. Der Vater fährt am ersten Tag mit zur Arbeit. Für ihn ist es quasi eine förmliche Übergabe, ein Ritual, ohne an dergleichen zu denken. Jetzt am frühen Morgen sind die Straßen befremdend leer. Die wenigen Geräusche die aufleben, tönen. So das Scheppern des Milchwagens, der nicht zu sehen, aber zu hören ist. Es hallt wie in einer großen leeren Halle, nüchtern, fremd, für sich allein. Die Erwartung, eine Art von Vorfreude mag nicht recht aufkommen. Er wird hingebracht, abgeliefert, ist sich selbst überlassen. Was wird auf ihn zukommen?

Er wird in Empfang genommen und dem Herrn Wotrowi, als sein Meister, der auch an der Firma beteiligt ist, zugeteilt. Fritzi hat Glück, er gerät an einen toleranten, um ihn sich bemühenden Lehrmeister. Nach anfänglichem Zweifel, der andauerte, wird Fritzi von ihm mehr als nur anerkannt. Später, viel später, als alter Mann, wenn es ihm in den Sinn kommen wird, wird er zutiefst bedauern dass er, als die Lehrjahre vorbei sind, er bereits selbständig arbeitet, er sich dem wohlmeinenden Rat, wie eine gestellte Aufgabe anzugehen wäre, entgegensetzt. Und er rechtfertigt sein Verhalten dann, dass Lehrlinge sehr oft gegen den Meister sich auflehnen, es eigentlich zu erwarten sei. Dafür lassen sich, begründend, berühmte Beispiele anführen. Und, man kommt nicht durch das Leben, ohne sich anzupatzen.

Seinen ersten Lohn, den er am Freitag erhält, beträgt 2,10 Schilling so viel wie die Wochenkarte für die Straßenbahn kostet.

In der Werkstätte, an den Fenstern entlang Werkbänke, an denen die Arbeiter werken. An der fensterlosen Hinterseite ein großer Elektromotor, eine Bewegungsmaschine. Von ihr weg geht ein breiter Treibriemen hoch nach der am Plafond verankerten Transmission, mit ihren unzähligen Rädern. Von denen weg, nach unten, ein Gewirr von Riemen, die die Bewegungsenergie zu den Maschinen übertragen. Die Maschinen setzen sie in drehende oder lineare Bewegungen um. Nach präziser Einstellung eines Meißels heben sie vom eingespannten Werkstück formend Späne ab. Das Besondere an dem Beruf eines Werkzeugmachers ist, dass ihm überlassen bleibt, zu entscheiden, wie das ihm in Auftrag gegebene Werkzeug auszuführen ist. Er bekommt z.B. einen Reisnagel in die Hand gedrückt und hat nun zu bestimmen, wie das Werkzeug, in diesem Fall ein Verbundwerkzeug, zu gestalten ist, um einen Reisnagel zu erhalten. Er ist nun nicht nur ein auf sich gestellter Konstrukteur, er hat auch ein präziser Handwerker zu sein. Ihm sind Entscheidungsfreiheiten überlassen, er gestaltet. Und ist das Werk fertiggestellt, steht es vor ihm und bestätigt, ihn befriedigend, sein Können. Dieser Erfolg ist dem an einem Fließband Arbeitenden genommen, er arbeitet in einem fort blind dahin. Man hat ihn geblendet, entwertet, dem Profit geopfert.

Mit der extremen Arbeitsunterteilung, dem Fordismus, wird die Arbeit entsinnt und entwertet, um dem Kapitalsystem innewohnenden Profitlogik zu entsprechen. Die entwertete Arbeit (Qualifikations-Abbau) lässt sich nicht verwerten wie einst bei einem Handwerker. Sie ist gebunden, und erst durch deren Zusammenfügen sie zur Ware wird, sich ein Marktwert und somit ein Mehrwert ergibt. Mit der Erfindung des Automobils erwuchs ein tragfähiges Transportmittel zum Inbegriff der industriell überbordenden Massenproduktion. Erwartungsvoll spähen sie der Technisierung entgegen, wie einst die Indianer den am Horizont auftauchenden Götterbarken.

Informationen zum Artikel:

"Man kommt nicht durch das Leben, ohne sich anzupatzen"

Verfasst von Alfred Hirschenberger

Auf MSG publiziert im Mai 2013

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag stammt aus dem Erinnerungsbuch von Alfred Hirschenberger: Eruption und Erosion. Ein Österreichroman. Berlin: trafo Verlag 2013, S. 46-50.

© trafo Verlag

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