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"Hinein in die Hölle"

von Alfred Hirschenberger

Trecks von Ochsen und Pferden gezogen ziehen rastlos von Osten flüchtend nach Westen. Die Wagen hoch bepackt mit Hausrat, der vertraut, nicht zurückgelassen werden konnte. Halten an, ratlos und setzen die Fahrt der Straße nach fort, ziellos, den Voranziehenden folgend. Nebenher mit gesenktem Kopf trottet die Familie. Obenauf sitzen die Kinder, der Karren ist ihr Heim. An ihnen vorbei zieht das Militär. Und die, die blieben, bangen dem nächsten Tag entgegen.

Die Kompanie verlädt. Panzer, Krafträder, Autos sind über die Verladerampe auf den Zug aufgefahren. Verkeilt und festgezurrt steht der Zug abfahrbereit da. Vorne bei der Lok steht eine Gruppe von Offizieren im Kreis beisammen. Salutierend gehen sie auseinander und steigen in ihren Abteilungen zu. Der Stationsvorstand hebt eine Fahne, der Zug ruckt an, und sie fahren. Sie sitzen eingeschlossen drin, nicht in Viehwaggons, das nicht, ab geht es in die Nacht hinein, hin an die Front. Selbst die da vorne wissen nicht so genau, wohin es geht, sie kennen nur das Etappenziel. Eine Geisterhand ist es, die von irgendwo aus dirigiert. Zügig rattert es voran, der Bedrohung entgegen. Die Landschaft vor dem Fenster bleibt zurück. Mitten in der Nacht hält der Zug an, die Unterbrechung der Fahrt beklemmt. Geschrei, bellende Befehle, zwei Schüsse, dann ist wieder Ruhe. Ohne schrillen Pfiff fährt der Zug an, es geht weiter. Sie halten in einem Bahnhof, es dämmert, es wird an- und abgekuppelt, hin und her verschoben, und auf einmal steht ihr Wagen außerhalb des Bahnhofes auf freier Strecke. Was jetzt? Den Waggon verlassen? Sie rücken zusammen und warten. Im Morgengrauen dann ein Stoß, sie werden angekuppelt und es geht weiter. Gegen Mittag hält der Zug in einem Bahnhof, und jetzt merken sie, dass sie von der Kompanie getrennt wieder zu ihr stoßen. Es wird abgeladen, angetreten, und sie ziehen außerhalb des Bahnhofes in eine Baracke. Gegen Mitternacht fahren LKW vor, aufsitzen, und es geht weiter. Fritz hat einen kleinen Polster in seinem Beutel, den er sich von zu Hause mitnahm, den kramt er sich heraus, Geborgenheit suchend. Auch dem Gläubigen bleibt nichts anderes, als sich an irdische Gegenstände zu klammern und an ihnen auch Trost zu findet. Fritz findet die Geborgenheit nicht. Wie denn auch, an einem Polster? Und so bangt er dem herankommenden Schicksal ergeben entgegen. Werde ich durchkommen, und wie? Und denen, die neben ihm hocken oder liegen, ergeht es nicht anders.

Das Schlachtfeld kündigt sich von Weitem schon, rumorend an. In der noch nächtlichen Schwärze geistert es da und dort aufleuchtend nieder. Die Finsternis vermag das Aufleuchten dahinter, das verhaltene Grollen, nicht zu verbergen. Das Dröhnen der Geschütze kommt näher, das Aufleuchten der Mündungsfeuer und das Einschlagen der Granaten zeichnet sich am Nachthimmel ab. Leuchtkugeln steigen hoch, hellen die Schattenwand auf. Der LKW hält an, absitzen, Bewegung, Marsch Marsch, antreten. Abgeblendete Taschenlampen beleuchten dürftig das Geschehen. Munition, Handgranaten werden aus einem Stadel heraus, vor dem sie angetreten sind, ausgegeben. Dann stehen sie herum, warten. Der eine oder andere legt sich auf den Boden. Es wird nicht geredet, jeder ist mit sich beschäftigt. Auf einmal das Kommando: „Abmarsch“. Hinein in die Hölle. Sie kündigt sich rumorend von weitem schon an. In der nächtlichen Schwärze geistert es da und dort nieder, stöbert nach den in die Erde sich Verkriechenden. Hin und wieder glüht es drohend auf. Mit Munition beladen, mit MG und Karabiner, geht es im Morgengrauen zugweise hinein in die Hölle. Voran der, der das MG schleppt, hinter ihm der mit den Munitionskästen, die anderen trotten hinterdrein, sich aufgebend, hinein in das unheilvolle Gewerk.

Er mit, in Reih und Glied. Der Uffz. danebenher, treibt an, vorbei an in Gebüschen abgelagerten Verstümmelten. Einer, an dem sie vorbeikommen, hebt die Hand, auf sich aufmerksam machend, ihm doch zu helfen. Sie gehen an ihm sich abwendend vorbei.

Sie sind angelangt, kriechen in den Graben, drüben ist der Feind. Sie schauen sich um. Verwundete werden an ihnen vorbei in Zeltplanen zurückgetragen, die leer gewordenen Plätze nehmen sie ein.

Mehr als sonst, hier in der Hölle braucht man einen Freund, an den man sich wenden, sich aussprechen kann. Die Verlassenheit wäre nicht zu ertragen. Es ist Trost und Halt in einer Trostlosigkeit. Und die da oben deuten sie in Kameradschaft, in Kampfbereitschaft um, die letztlich eine aufgedrängte Notwehr ist.

Es graut. In den Winkel dort, an die Grabenwand gelehnt hockt Jupp, inbrünstig spielt er auf der Mundharmonika „Muss i denn zum Städtele hinaus..“. Der gegenüberliegende Wald bekommt Konturen. Die Nervosität steigt. Es ist spannungsgeladen still, auf einmal, es drängt sie alle an den Grabenrand, starren hinüber in die sich aufhellende Schwärze. Und es bricht los. Das Geheul der Stalinorgel, die Raketen gehen noch über die Köpfe hinweg, noch sind sie selbst nicht betroffen. Plötzlich das Gebrüll aus tausend Kehlen “Hurre“ und es taucht aus dem Morgengrauen eine geschlossene Linie auf. Die kommt heran. Jeder will überleben, versucht verzweifelt sich zu erhalten.

Es heult auf, MG rattern, Mörser dröhnen, Geschosse schlagen ein, explodieren. Keiner hört mehr den heulenden Höllenlärm, den Aufschrei ringsum. Der Untergang ist da. Angst und Wut brüllen zur Abwehr, schießt und schießt, schießt um sich und sie sind weg. Fritz schaut ungläubig, fahrig, zur Seite nach seinem Freund. Der sitzt an der Grabenwand angelehnt am Boden. Er ruft ihn an, er rührt sich nicht. Seinen Aufschrei hörte Fritz nicht, er kniet nieder zu ihm, schreit verstört, „Sani“. Die Todesgefahr, der sie ausgesetzt sind, hatte Gestalt angenommen, sie liegt neben ihm. „ Willi, er ist fort, hat mich verlassen, ich bin allein“. Schweißig noch wird ihm kalt, fröstelt. Sie schotteten sich in ihrer Freundschaft gegenüber den Misshandlungen, dem Grauen, ab. Nur so konnte all das bewältigt werden. Willi, sensibel, studierte an der Universität für Musik Komposition. Von den Professoren wurde ihm, wenn er sich so weiter entwickle, eine glänzende Zukunft vorausgesagt. Sein Vater betreibt einen Herrenschneidersalon in Mariahilf. Willi hockt nun da, starrt mit aufgerissenen Augen abgekehrt in diese Welt hinein.

Die Sanitäter kommen nicht nach, da und dort brechen sie die Erkennungsmarke ab, sammeln sie im Brotbeutel ein. Und schon geht das Inferno wieder los. Jetzt beim Niederschreiben kann es nur als ein Abschlachten bezeichnet werden, damals war es ein verzweifeltes des Lebens sich erwehren. Und sie wehren den Angriff ein zweites Mal ab. Sie bestehen bildhaft, „wie ein Mann“ wird im Wehrmachtsbericht gemeldet werden. Panzer rücken heran. Stahl scheuert auf Stahl, bedrohlich kommt es dröhnend näher. Wo bleiben die Unseren? Wo die Wunderwaffe? Kommt es zu einem grauenvollen hautnahen Nahkampf Mensch gegen Mensch, das Messer, das Bajonett in einen Leib stoßend? Die Front löst sich auf, wird zurückverlegt.

Die Front wurde strategisch begradigt, wird im Wehrmachtsbericht verlautet. In den Bunker eingewiesen, verkriechen sie sich in ihn. Ein Geviert von 4x4 Metern, 2 1/2 Meter tief eingegraben, mit Bohlen abgedeckt. Links und rechts gehen Laufgräben hinaus. Fünf Mann haben hier ihren Unterschlupf. Zwei sind immer auf Wache. Der Uffz. kommt auf seinen Kontrollgängen vorbei. Die drei hocken bedrückt beisammen, von den gleichen Bedenken geplagt. Längst haben sie sich offenbart, halten sich nicht mehr zurück. Den Scheiß möchte ich überleben. Wenn es mich am Anfang erwischt hätte, könnte man noch sagen, man hat sich vieles erspart, aber jetzt? Verzweifelt überlegen sie hin und her wie sie entkommen könnten. Der Essenträger plauderte aus, erzählt der eine, gestern Nacht wurde ein zurückkommender Spähtrupp erschossen, sechs Leute, die Parole wurde ver- oder gewechselt. Wir müssen das austragen, sagt der andere, was die da oben beschließen. Und ist der Krieg vorbei, reichen sie sich ritterlich die Hände, salutieren und gehen sich anerkennend auseinander, heim.

Sollen die sich in einer Arena gegenseitig die Schädel einschlagen und uns in Ruhe lassen.

Im Bunker, wenn sie sicher vor Lauschern sind, besprechen sie, wie zu entkommen wäre. Wie lässt sich denn nur der Fuß brechen? Schon in der Kaserne kursierten Rezepte, wie man es anstellen kann, dienstuntauglich zu werden. Eine Zigarette löste Fritz in Sardinenöl auf und schluckte das Gebräu, um Gelbsucht zu bekommen. Ein Haar zog er sich mit einer Nadel in den Hoden ein, auch das blieb wirkungslos. Wahrscheinlich hat er doch zuwenig tief gestochen.  

Einer hat einen Schuss in den Arsch abbekommen, wird erzählt, einen Heimatschuss, Selbstverstümmelung wurde ihm unterstellt, aber auch, er habe der Front den Rücken zugekehrt, und so wurde er kurzerhand erschossen. Der Kurt hatte sich Sojamehl in die Augen gestreut, die wurden eiterig und er untauglich. Ein anderer, der Hugo, stanzte sich einen Finger ab. Er griff in die Presse und schaltete ein. Angeblich haben die Russen Flugzettel abgeworfen, mit Anleitungen, wie man lazarettreif werden kann. Aber den Ärzten ist das nun auch bekannt. Auch Flugzetteln mit der Moskauer Deklaration mit einem Abreißzettel als Übertrittsschein soll es geben. Bei Todesstrafe ist es verboten, so ein Flugblatt bei sich zu tragen. Vom General Scheuer wird erzählt, er habe einen Soldaten auf der Landstraße aufgehalten und ihn gefragt was er da mache. Der antwortete, dass er die Front suche, flugs wurde er zum Unteroffizier befördert. Einen anderen wieder ließ er die Hosensäcke ausleeren, sah sich das Monogramm an seinem Taschentuch an, bellte „Soldat, deinen Namen“, erschoss ihn wegen Plünderung (1). Bleiben wir beim nächsten Stellungswechsel einfach liegen. Bei den Russen überleben wir wenigstens. Wirst du aufgegriffen, ist das Feigheit vor dem Feind und Fahnenflucht. Ist es denn feig, in das Ungewisse überzulaufen? Gehört dafür denn nicht auch Mut, wenn auch der der Verzweiflung? Von Anfang an habe ich für die Nazis nichts übrig gehabt, was habe ich hier verloren. Nach einem Kriegsabenteuer ist mir nicht. Und der Fahneneid? Was ist er denn, eine juristische Formsache, um uns belangen zu können. An ihn fühle ich mich nicht im Geringsten gebunden, ihn nicht leisten zu müssen wurde mir nicht angeboten. Man hat mir nicht die Wahl gelassen mich zu entscheiden, ob ich Soldat sein will oder nicht. Man hat mich gezwungen, hat mich in die Pflicht genommen, mich verpflichtet zum Morden eines mir unbekannten Feinds, der mir mitunter näher steht als die Nazis. Juridisch eben ein Vorwand, um „rechtens“ verurteilen zu können. Und die Heimat? Die ist zerbombt. Und die abzuwehrenden Russenhorden? Jetzt treiben sie uns vor sich her. Und die Kameraden neben dir? Von Anfang an rechnet fix der Generalstab damit, dass die Schützen vom letzten Glied der Gefahr ausgesetzt notgedrungen sich gegenseitig Beistand leisten. Sie deuten es beschönigend in Kameradschaft um. Sie wissen es, dass ohne gegenseitigen Beistand der Horror nicht durchzustehen ist. Wer aber steht uns bei, wenn der „Kamerad“ gefallen ist? „Ein Soldat kann sterben, ein Deserteur muss sterben.“ sagt unser Führer Adolf Hitler.

Sie horchen auf, das Rumoren hat aufgehört. Wachablöse, der Uffz. kommt gebückt herein, abrupt verstummten sie.

Hahnenkämpfe. Die Hähne, die sich aus dem Weg gingen, wenn man sie ließe, werden aufgerüstet mit scharfen Dolchen an den Krallen aufeinander gehetzt, immer wieder, aufgestachelt mit Geschrei, hineingestoßen zur Notwehr. Das ist Krieg. Sie kämpfen letztlich nicht für Kaiser und Vaterland oder sonst was, sie erwehren sich ihres Lebens.

(1) Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Natürlich wurde geplündert, offiziell als auch inoffiziell, mit diesen angeführten Fall aber soll auf die zuerkannte Willkür hingewiesen werden.

Informationen zum Artikel:

"Hinein in die Hölle"

Verfasst von Alfred Hirschenberger

Auf MSG publiziert im Mai 2013

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Russland
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag stammt aus dem Erinnerungsbuch von Alfred Hirschenberger: Eruption und Erosion. Ein Österreichroman. Berlin: trafo Verlag 2013, S. 163-169.

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