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"Meine Heimat seh ich liegen ..."

von Margareta Suppan

Unser Haus liegt auf einem der zahllosen Hügelrücken des oststeirischen Hügellandes. In unserem Gesichtskreis liegen die drei großen Vulkankogel. Die Südflanke unseres Berges, zum Graben hin, wie wir unser kleines Tal nannten, ist steil. So waren auch die meisten unserer Äcker steil. Das Tal selber bietet nicht allzu viele ebene Flächen. Aufgeteilt auf die acht Häuser unseres Weilers blieb nicht viel davon für jeden. Der Nordhang ist noch steiler und wie alle Nordhänge bewaldet. Dort lag auch die "Kohlstatt". Wir rätselten, ob dort ein Köhler aktiv gewesen sein könnte. Aber Köhler waren in unserer Gegend nicht üblich. Bei Grabarbeiten kam einmal ein wenig Braunkohle zum Vorschein. Die mag wohl für den Namen verantwortlich gewesen sein. Nicht weit von unserem Hause gab es in der Jugendzeit unseres Vaters sogar den Versuch eines Abbaues. Gern hätten wir den verfallenen Stollen untersucht, aber das war mit Recht streng untersagt. So habe ich die Stelle nie selber gesehen.

Das Dorf liegt eine halbe Stunde entfernt in östlicher Richtung in einem etwas breiteren Tal, in das unser Graben mündete. Dort wohnten die Bauern.

Aquarell Hügellandschaft

Wie die meisten Häuser in der Gegend war unser Haus ein Dreiseithof, wenn man es ein wenig großzügig ausdrücken will. Westseitig liegt der Wohntrakt, nordseitig sind Viehstall, Tenne und Wagenhütte. Im Osttrakt sind Streuhütte und Schweinestall. An sein Ende angebaut ist das "Häuschen". Die Südseite des Hofes ist frei. Der Mittelpunkt des Hofes war wie überall der Misthaufen!

Das Vorhaus, die "Labm", ist vom Hof und von der Wegseite zugänglich. Vom Vorhaus führt eine Tür in die Küche, von da eine in die Stube, das Schlafzimmer der Großeltern. Die Stube ist recht geräumig. In der Ecke stand ein großer Tisch, sodass bei seltenen Gelegenheiten auch getafelt werden konnte. Ein Kachelofen sorgte für behagliche Wärme. Für eine einfache Bauernstube trugen die Wände eine geradezu fürstliche Walzenmalerei. Es war ein kunstvolles, mehrschichtiges Muster in Purpur und Gold. Zu meiner Zeit war das Gold schon zum Großteil schwarz geworden, und das Muster war an vielen Stellen abgescheuert. Aber das Rosettenmuster an der Decke, rund um die Lampe, war noch fast heil.

Auch die Überdecke auf dem Doppelbett war kostbar: Ein dünnes Gewebe aus reiner Wolle mit purpurrotem, türkischem Muster. Als sie schon schäbig geworden war und die Großeltern längst nicht mehr lebten, diente sie noch einem erhabenen Zweck: Als Königsmantel beim Sternsingen. Dann verliert sich die Spur. Auch das schöne Wandmuster in der Stube war eines Tages nicht mehr schön genug. Zum allgemeinen Bedauern musste es einem nüchternen, hellen Walzenmuster weichen.

Als meine Eltern 1929 heirateten, wurde für sie ein Schlafzimmer an die Stube angebaut. Das Glanzstück dieses Raumes waren die Möbel, die Mitgift unserer Mutter. Ihr Bruder hatte sie als Gesellenstück mit kunstvoller Einlegearbeit gefertigt. Später erwarb der Vater auf einem Fetzenmarkt einen geschnitzten Wäscheschrank und einen schönen Schreibtisch.

Vom Vorhaus kam man auch in das Stübl, die Schlafkammer für Godi und Resl, die Kuhdirn. Die Dachbodenstiege ging ebenfalls vom Vorhaus aus. Rund um den Hof war die "Gredn", ein überdachter Gang, sodass man trockenen Fußes in alle Arbeitsstätten gelangen konnte.

Das Haus ist nicht unterkellert. Der Keller liegt unter dem Pressgebäude. Wir hatten einen guten, tiefen Keller, sodass auch der Most immer kalt und frisch war und die Äpfel bis in das Frühjahr hinein saftig blieben. Die Steinstufen zum Keller ersetzten die Wettervorhersage. Waren die Steinplatten feucht, so kam in den folgenden Tagen sicher Regen. Dieses Wetterzeichen war so sicher wie der "Gißvogel", der Specht, der mit einem besonderen Schrei den kommenden Regen anzeigt. An das Pressgebäude war südlich ein Stübl angebaut, nordseitig Vaters Werkstatt.

Unsere Küche war so eingerichtet wie die meisten in unserer Gegend. Sie war vielleicht ein bisschen geräumiger. In der Ecke der Tür gegenüber stand der große Esstisch aus Birnholz. Die Platte war mit vielen Kerben versehrt, denn der Esstisch war zugleich Arbeitstisch. In der Tischlade lag das Brot für den täglichen Bedarf, ebenso waren Tischtuch und Besteck darin immer bei der Hand. Der "Vergelts Gott" durfte beim Tisch nicht fehlen, eine starke Leiste zum Aufstützen der müden Füße.

Der gesetzte Herd mit dem Backrohr und der Backofen nahmen den Großteil der Südwand ein. Um die Ecke schloss der Saukessel mit dem Kesselofen an. Die zwei großen, kupfernen Saukessel waren in einem Wandverbau verborgen. Das Saufutter, hauptsächlich Rüben und Erdäpfel, musste nämlich gekocht werden, damit es sich auch sicher in genügend Fleisch und Fett umwandeln konnte. Der Saukessel gab jedem Haus den typischen Geruch. War es ein sauberes Haus, so roch es gut nach gekochten Erdäpfeln und Rüben. War es ein unsauberes, ein "g’säuisches" Haus, so roch es sauer und abgeschmackt.

Neben dem Saukessel war noch Platz für ein Fenster und das Wasserbankl darunter. Darauf stand ein Schaff mit dem Trink- und Kochwasser, ein zweites zum Händewaschen. An der Nordwand hing neben der Tür der "Schüsselkorb". In meiner frühen Kindheit waren darauf noch die irdenen Schüsseln und die gewöhnlichen Blechschüsseln als alltägliches Tischgeschirr aufbewahrt. Teller brauchten wir keine. Die paar für etwaige Besucher standen im "Aufsatzkasten" in der Stube.

Neben der Tür stand ein Küchenkastl für den Schmalzhäfen, den Ölkrug, den Essigplutzer, die gusseisernen Reinen und für die anderen Notwendigkeiten des täglichen Bedarfes. Über dem Kastl war ein schmales Bord für die nicht alltäglichen kleinen Dinge; dort hing auch Großvaters Pfeife, die er allerdings täglich brauchte.

In der verbliebenen Ecke stand das "Katzentischerl", ein kleiner Tisch, an dem wir Kinder aßen, wenn Tagwerker da waren und der Platz am Esstisch knapp war. Kamen "Hamburger", so durften sie nur ganz selten am Tisch mitessen, nicht, weil man sie verachtet hätte, sondern weil sie nicht selten "Einwohner" mitbrachten, nämlich Läuse. Die waren gefürchtet und schwer ausrottbar. Einmal nahm Vater dem Stangl Franzl, einem sonst gern gelittenen Hamburger, seinen verlausten Rock ab und hängte ihn auf den Gartenzaun. Es war Winter, und man hoffte, die Tiere würden das Zeitliche segnen. Das taten sie keineswegs. Als der Vater im Frühjahr Nachschau hielt, krabbelten sie noch immer auf der Suche nach ihrem Wirt. So mussten Rock und Läuse im Feuer ihr Dasein beenden. Der Stangl Franzl freute sich über Vaters alten Rock. Er wird ihn sicher bald wieder besiedelt haben.

Vor Flöhen brauchten wir keine Angst zu haben, von denen hatten wir selber genug. Sie waren einfach unvermeidlich. Auch bei großer Sauberkeit im Hause gab es in den Ritzen der Holzfußböden genug Schlupfwinkel für die Flohbrut. Von da war es nicht weit auf die Beine der Kinder und Erwachsenen. Und wie hätte man sie aus den Betten fernhalten sollen? So gehörte das Flohsuchen am Morgen zu den alltäglichen Arbeiten, wenn die Betten gemacht wurden. Das war keineswegs eine unehrenhafte Arbeit. Im Winter hängte man die Decken manchmal ins Freie, so dass die Tierchen ein wenig erstarrten und dem Jäger nicht so leicht entfleuchen konnten. Im Sommer kamen die Decken manchmal nach den Brotbacken in den noch heißen Backofen, wo die Flöhe elend verendeten. Man wurde ihrer erst wirklich Herr, als das DDT erfunden war. Das war ein Segen! Niemand ahnte allerdings, welch ein Fluch es gleichzeitig war. Flöhe zu haben war keine Schande. Eine Schande war es erst, wenn Kinder oder gar Erwachsene eine "Halskette" trugen, das heißt, wenn der Hals unter dem Hemdkragen einen roten Kranz aus Flohstichen aufwies. Das zeugte von arger Verwahrlosung.

Läuse hatten wir Kinder, Kopfläuse, und das galt als Schande. "Lauskramer" war ein beliebtes Schimpfwort unter den Kindern. Läuse fischten wir Mädchen meist mit den Zöpfen irgendwo auf. Wie viele Stunden hat unsere Mutter geopfert, um uns wieder sauber zu bekommen! Das sicherste Mittel war der "Lauskamm", unter dessen Unerbittlichkeit wir oft stöhnten. Noch mehr fürchteten wir die Petroleumwickel, denn die stanken auch nach dem Haarwaschen noch grässlich. Doch eines Tages war es so weit: Die letzte Laus und die letzte Nisse waren abgetötet.

Gewandläuse hatten wir nie. Die vom Stangl Franzl vermochten wir uns vom Leibe zu halten, und die Kriegsheimkehrer wurden sorgfältig entlaust, ehe sie heimkamen. In den von den Russen zurückgelassenen Wäschestücken sahen wir sie allerdings krabbeln. Die Frauen beeilten sich, alles in den Waschbottich mit der heißen Lauge zu bekommen. Das Verbrennen konnte man sich nicht leisten, denn jedes Stück Stoff war wertvoll, nachdem die Russen alle Kisten und Kästen ausgeräumt hatten.

Zurück zur Küche, zur alten Küche. Bis zum Jahre 1939 war ein Drittel des Fußbodens, rund um die Feuerstellen, aus gestampftem Lehm, wegen der Feuersgefahr. Erst die neue Küche bekam einen durchgehenden Holzfußboden.

In keinem Hause durften die Zeichen der Frömmigkeit fehlen. Wir hatten keinen Herrgottswinkel, wie er in vielen Häusern üblich war. Bei uns war eine Wand beim Tisch dafür vorgesehen. In der Mitte hing das Kreuz, daneben ein Marienbild und ein Herz-Jesu-Bild. Sie waren vergilbt und sicher schon sehr alt. Es waren billige Drucke, und sie vermochten nicht, fromme Gedanken anzuregen.

Untrennbar mit der Küche war das wöchentliche Brotbacken verbunden. Sieben große Laibe wurden gebacken, für jeden Tag der Woche einer. Wir hatten immer genug Brot, gutes Brot. Wir brauchten nie türkisches Mehl beimengen. Brot war kostbar. Es war undenkbar, Brot wegzuwerfen oder Reste zum Viehfutter zu geben. Wir konnten zu jeder Zeit Brot nehmen, vielmehr erbitten, als wir noch klein waren. Als der Großvater noch lebte, war er für uns Kinder der Verwalter des Brotes. Hatten wir Hunger, mussten wir mit gefalteten Händen bitten: "Voda, bitt schön um ein Brot". Es wurde uns nie verweigert. Der Brotlaib wurde sorgsam behandelt. Er durfte nicht durch unsachgemäßes Schneiden verunstaltet werden. Die Schnittfläche musste immer glatt und schön sein. Lag der angeschnittene Laib auf dem Tisch, so sollte die Schnittfläche immer zur Tür weisen.

Das Brotbacken begann am Abend zuvor. Zuerst musste das Dampfl, der eingetrocknete Sauerteig, mit lauwarmem Wasser aufgeweicht werden. Dann kam die Multa, der große Backtrog, in die Küche. Das Roggenmehl wurde in den Trog gesiebt, denn immer hatten sich auch Mehlwürmer eingenistet. Das Dampfl wurde im Backtrog angesetzt und konnte über Nacht ordentlich .aufgehen. In aller Früh wurden Salz und Wasser sorgfältig abgemessen, dann begann das endlose Kneten. Je länger das Kneten, desto schöner das Brot. Klack, klack, klack, machte es, wenn ein Teigballen nach dem anderen schmatzend losgerissen und wieder abgesetzt wurde. So ging es her und hin, den Backtrog entlang. Dann durfte der Teig endlich ruhen und gehen. Das Kneten war Godis Arbeit, das Formen der Laibe war Mutters Aufgabe. In einer hölzernen Schüssel wurden die Laibe durch Schupfen geformt. Dann kamen sie in die "Loazkörbeln", die mit einem bemehlten Tuch ausgelegt waren. Nochmals mussten sie gehen.

Der Backofen war schon beizeiten mit Buchenscheitern beheizt worden. Wenn nur noch Reste der Glut vorhanden waren, wurden sie mit dem "Ofenwisch" entfernt. Dann war es Zeit zum Einschießen der Laibe. Aus den Körbchen wurden sie auf die "Ofenschüssel" gestürzt. Das war eine runde Holzplatte mit einem langen Stiel. Das Einschießen war eine heikle Arbeit, denn kein Laib durfte den anderen berühren, und der Platz musste genau ausgefüllt werden. Nun konnte der Ofen endlich verschlossen werden und war für zwei Stunden sich selbst überlassen. Mutter vergaß auch nie, "In Gottes Namen!" zu sagen, bevor sie die Arbeit begann.

Das Herausziehen der Laibe war nicht nur eine heiße, sondern auch eine spannende Arbeit. War es gut durchgebacken? War kein Laib "angeschossen", das heißt, mit einem anderen verwachsen? Schon am Gewicht konnte die Mutter erkennen, ob das Brot durchgebacken war. Außerdem beklopfte sie die Rinde mit dem Fingerknöchel. Der Ton gab einen weiteren Hinweis auf den Zustand des Brotes. Zum Auskühlen wurden die Laibe auf ein Bett gelegt, das mit einem Leintuch bedeckt war. Im Winter war das für den Schläfer sehr angenehm! War einmal ein angeschossenes Brot dabei, so konnte es wohl vorkommen, dass eine zweibeinige Maus eine tüchtige Höhle hineingrub und das weiche, heiße Innere herausholte.

Im Sommer 1939 war es mit unserer gemütlichen alten Küche vorbei. Wir bekamen eine neue. Der Saukessel kam in eine eigene, winzige Sauküche, Herd und Backofen wurden frisch gesetzt und mit weißen Fliesen statt der braunen, warmen Kacheln verkleidet. Der Fußboden wurde erneuert, ein neuer Tisch musste her, ein heller aus Esche, aber fast noch so behäbig wie der alte. Eine neue Kredenz ersetzte das alte Kastl. Die Heiligenbilder hatten ihren Dienst getan. Das Kreuz blieb natürlich. Darunter brachte Vater einen schön gewachsenen Buchenschwamm an, auf dem fortan eine kleine Vase mit frischen Blumen stand.

Lange trauerten wir der alten Küche nach. Am schlimmsten war es wohl für die Großeltern, denn die hatten ihr halbes Leben darin verbracht. Großvater musste nicht lange trauern, denn bald trauerten wir um ihn. Er starb noch im Herbst desselben Jahres.

Die küchenlose Zeit verbrachten wir in Vaters Werkstatt. In der Mitte des Raumes stand ein kleiner, eiserner Sparherd, den wir Kinder mehr liebten als die kochenden Frauen. Er war von allen Seiten zugänglich. Man konnte auf der Platte bequem Schwämme braten oder am Herdrand Wachs erwärmen, das wir zu Figürchen formten. Auch ein ganz, ganz kleines bisschen konnte man mit dem Feuer spielen, das aus allen Ritzen des Herdes schimmerte. Die Hobelbank musste gelegentlich als Esstisch herhalten. Damals war es auch, dass Vater einen Dachs erlegte und wir ihn gebraten verkosten konnten. Es schien verlockend, einmal nach Herzenslust Gebratenes essen zu können. Aber Dachsbraten wurde niemandes Lieblingsgericht. (...)

Informationen zum Artikel:

"Meine Heimat seh ich liegen ..."

Verfasst von Margareta Suppan

Auf MSG publiziert im Mai 2013

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Oststeiermark, Fehring, Fehringleiten
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Margareta Suppan: Die Fliegenorgel. Eine Kindheit im Vulkanland, Gnas: Weishaupt Verlag 2012, S. 122-130.

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