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Heiligenstädter Straße 27/12

von Norbert Stiller

Ein großes Eckwohnhaus. Ecke Heiligenstädter Straße und innerer Döblinger Gürtel. Die Wohnung Nr. 12 liegt im Mezzanin. Später hatte man mir erzählt, dass ein Wohnhaus damals, als es gebaut wurde, so viel Steuer zu zahlen hätte, wie es Stockwerke hatte. Also schuf man den „Mezzanin“ – der galt nicht als Stockwerk. Damit hatte dieses Haus ein Tiefparterre, heute Erdgeschoß, darüber ein Hochparterre, darüber den Mezzanin und dann erst drei Stockwerke.

Das Haus wurde etwa 1905 gebaut, wie man an der Frontseite heute noch erkennen kann. Dort steht in großen Jugendstil-Buchstaben: „NORDEND 1905“.

In diese Wohnung zogen meine Großeltern 1918 ein. Großvater war schon seit Jahren Angestellter bei der Länderbank und konnte damit wohl die Miete aufbringen.

Ein kleiner Hof innen, in dem hauptsächlich die Mistkübel standen. Die hinteren Wohnungen hatten nach außen angebaute Toiletten. Wahrscheinlich hatte man beim Bau schlicht darauf vergessen und musste sie nachträglich dazuflicken. Im Winter war das eine Katastrophe, weil die Klos damit drei Außenwände hatten, ständig zu kalt waren und recht gerne einfroren. Eine Gebäudeisolierung war damals noch unbekannt.

Ursprünglich muss das Haus eher ein Nobelhaus gewesen sein. Mit einem großen Spiegel im Eingangsbereich und einem Aufzug. Das mit dem Spiegel habe ich erst später erfahren, ich habe ihn nie gesehen. Der alte Aufzug war nicht betriebsbereit, ich habe ihn stets zwischen dem Hochparterre und dem Mezzanin stecken gesehen. Das wurde erst in den 80er Jahren repariert.

Auch eine Gaststätte im Erdgeschoß des Hauses kenne ich nur von einem alten Foto.

Ansicht eines großstädtischen Eckhauses

Die Wohnung Nummer 12 ist eine der größten Wohnungen im Haus. Sie hatte sogar einen eigenen Wasseranschluss in der Wohnung! Für die kleineren Wohnungen war am Gang eine Bassena.

Für die Beleuchtung war ursprünglich ein eigener Gasanschluss vorhanden, mit Gasleitungen zu jeder Gaslampe in den Zimmern. Gekocht wurde mittels eines gemauerten Herdes in der Küche, außerdem hatte jedes Zimmer einen schönen Kachelofen.

An der Eingangstür waren Eisenbänder angebracht. Man erklärte mir, das wäre wegen der russischen Soldaten, die sich gerne Zutritt zu Wohnungen verschafft hatten, ohne viel zu fragen.

Unsere Wohnung hatte zweieinhalb Zimmer mit Küche und Bad und ein Dienstbotenzimmer. Das halbe Zimmer war ein Kabinett, das hat meine Schwester bewohnt, das Dienstbotenzimmer bekam ich. Es lag gleich beim Eingang, mit einem Fenster zum Gang. Das war mein Reich. Dieses Zimmer war extrem klein, trotzdem fühlte ich mich dort zuhause. Ich richtete es nach meinem Geschmack ein und waltete nach meinen Ideen.

Daneben war das Bad. Die Wand war mit einem Eisenband verstärkt, ein Bomben-Streifschuss von der US-Air-Force hatte sie arg beleidigt, und man fürchtete, sie würde einstürzen. Tat sie aber freundlicherweise nicht.

Blick auf ein Bahnhofsgelände mit Gleisanlagen, diversen Gebäuden, einer Zugsgarnitur

Vom Wohnzimmer- und vom Schlafzimmerfenster der Eltern aus konnte man auf die Heiligenstädter Straße und auf den Verschubbahnhof der Franz-Josefs-Bahn schauen. Vis-à-vis sah man von Ferne die Türme der Brigitta-Kirche und etwas daneben den Augarten-Flakturm mit der beschädigten oberen Plattform. Ganz rechts war der Turm von St. Stephan zu erkennen. Der Liechtenwerder Platz hatte damals noch einen kleinen Beserlpark. Der verschwand, als die Straßenbahnlinie D von der Liechtensteinstraße in die Augasse übersiedelte.

Der 8er-Wagen hatte noch in der Glatzgasse seine Endstation, und der 36er fuhr sonntags statt der D-Linie vom Schottentor nach Döbling, der 37er fuhr zur Hohen Warte. Wochentags war es der G2, der fuhr weiter die Zweierlinie (Landesgerichtsstraße). Der 38er fuhr ebenfalls vom Schottentor nach Grinzing und der 39er nach Sievering.

Links gleich neben dem Haus war die Stadtbahn. Sie fuhr mit dem GD-Zug (Gürtel-Donaukanal) von der Nußdorfer Straße zur Friedensbrücke. Und umgekehrt.

Informationen zum Artikel:

Heiligenstädter Straße 27/12

Verfasst von Norbert Stiller

Auf MSG publiziert im Mai 2013

In: Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 19. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 1960er Jahre

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