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Das TGM

von Norbert Stiller

Ein ehrwürdiges, altes Backsteingebäude in der Währinger Straße in Wien, einer Burg nicht unähnlich. Es wurde ursprünglich um 1900 gebaut als Lokomotivfabrik, deshalb zierten zwei kleine Miniaturlokomotiven den Eingang. Aus der Fabrik wurde nichts, es zog ein Museum ein und das Gebäude erhielt den Namen „Technologisches Gewerbemuseum“. Das Museum warf man später raus, den Namen behielt es, und eine Schule zog ein. Damit war die Eliteschmiede TGM geboren. Das muss um 1920 gewesen sein.

Ansicht des ehemaligen TGM in der Währinger Str. 59, heute WUK

Die Einrichtungen und Laborausstattungen waren noch teilweise aus dieser Zeit, vom Gebäude ganz zu schweigen. Die Fußböden, Wände, Decken usw. Triste.

Da war zum Beispiel die Lehrwerkstätte. Ein großer Saal, zur einen Hälfte mit riesigen, alten Werkbänken, wahrscheinlich noch aus der Gründerzeit, zur anderen Hälfte mit Maschinen, hauptsächlich Drehbänken, angefüllt. Es konnte noch so aufgeräumt sein, es wirkte immer alles etwas schmutzig.

Die Lehrwerkstätte mochte ich nicht. Mein erstes Werkstück war dementsprechend. Ein U-Eisen, das bearbeitet werden musste, hauptsächlich mit Feilen. Bitte keine Details, es war grauenhaft! Meine Noten darauf ebenfalls. Die Maße waren nicht eingehalten, die Oberfläche nicht gut genug, die Zeit weit überschritten. Ein „Gerade-noch-genügend“ war geschmeichelt.

Das nächste Werkstück war ein Drehkörper, den wir auf der Drehbank aus einem Stück Rundeisen herausschneiden mussten. Das gefiel mir wesentlich besser, und ich war nach zwei Tagen fertig. Vollkommen verblüfft kugelten dem Fachlehrer fast die Augen aus dem Kopf, als ich es ihm präsentierte.

„Wer hat denn das gemacht?“, wollte er wissen und startete los, den Urheber zu suchen. Er hat es mir einfach nicht zugetraut. Blieb ihm aber gar nichts anderes übrig, denn da war sonst niemand. Nachdem auch die Abmessungen recht gut eingehalten worden waren, erhielt ich darauf  ein „gutes Gut“, sozusagen in ausgleichender Gerechtigkeit. Nachdem ich beim U-Eisen auch kein „Nicht genügend“ erhalten hatte, konnte ich jetzt unmöglich ein „Sehr gut“ erhalten.

Meine restlichen Erlebnisse in der Lehrwerkstatt waren auch ein stetiges Auf und Ab. In der vierten Klasse sollten wir eine Elektro-Installation auf einer Tafel simulieren. So richtig mit Rohren, Schaltern und einem simulierten Verbraucher. Mein Meisterwerk sah sich der Fachlehrer zweimal an, dann rief er seine Kollegen und meinte grinsend: „So kann man es natürlich auch machen!“ Eine rätselhafte Feststellung, ich weiß bis heute nicht, was er damit gemeint hat.

In der fünften Klasse war ich die Lehrwerkstatt endlich los. Da waren dann nur noch theoretische Fächer, die uns quälten. (…)

Innenansicht der TGM-Lehrwerkstätte
Lehrwerkstätte im ehemaligen TGM, Währinger Str. 59

In der fünften Klasse hatten wir 52 Wochenstunden Unterricht. Im Rest der Woche musste alles untergebracht werden, was nur irgendwie ging. Und das war verdammt haarig. Man musste geradezu büffeln wie ein Ochse und seine Hausaufgaben möglichst effektiv erledigen, um auch noch etwas Freizeit zu haben.

Dabei hat man natürlich nicht immer nur gebüffelt wie ein Ochse, sondern manchmal auch serienweise Schummelzettel geschrieben. Das gehörte irgendwie zu den Hausaufgaben. Gerade jenes Schummelzettel-Schreiben war aber auch das, was man als „Lernen“ bezeichnen konnte. Man beschäftigte sich intensiv mit dem Stoff, suchte nach Vereinfachungen und prägte sich zumindest ein, wohin man was geschrieben hatte, wenn es mehr war.

Interessanterweise durften wir Schummelzettel tatsächlich bei manchen der schriftlichen Tests verwenden, das kam auf den Professor an. Weniger verständnisvolle Lehrkörper waren aber wie die Geier erpicht darauf, uns zu erwischen. Manche ermahnten uns nur lächelnd und nahmen uns die mühsam erstellten Schummelzettel weg, andere entzogen uns total entrüstet die gerade erst begonnene Arbeit und trugen uns ein „Nicht genügend“ ein. Gemein.

Am ersten Tag der ersten Klasse waren wir 40 Schüler, darunter zwei Mädchen. Von den 40 Schülern maturierten 15 Stück, unter ihnen eines der Mädchen. Immerhin. Durch Neuzugänge zählten wir zum Schluss aber doch 28 Schüler.

Ein Wort noch zu Gaby, unserem Mädchen. Erstaunlich genug, dass ein Mädchen in eine technische Schule ging. Der grobe Schnitt am TGM war: Jede zweite Klasse hatte ein Mädchen.

Gabys Vater hatte ein Elektrogeschäft, und sie sollte es einmal weiterführen. Gaby war zwar im Abschluss besser als ich, aber sie verließ die Elektrotechnik wesentlich schneller. Man hörte von ihr später, als sie einige Filme drehte. Einen davon, „Karambolage“, habe ich mir angeschaut – war sogar sehr gut. Mit Elektrotechnik hatte das aber ganz und gar nichts zu tun ...

Nach Jahren traf ich viele bei einem Klassentreffen wieder. Wir unterhielten uns über unsere beruflichen Laufbahnen. Der eine war Konstrukteur, der andere Vertreter für Heizungen, ich erzählte, dass ich in die Messtechnik gewechselt habe und Messgeräte repariere. Dann fragte ich unseren Klassenstreber, was er denn so macht. Seine Antwort war: „Ich bin jetzt Generaldirektor bei Honeywell.“

Bum. Das hatte gesessen. Wir kamen uns vor wie Armutschkerln...

In den großen Ferien machte ich auf Ferialpraxis. Meine erste Ferialpraxis war in der Firma Danubia – es war dieselbe Firma, in der sich einst meine Eltern im Jahre 1943 kennengelernt hatten. Tatsächlich konnten sich noch einige dort an meine Eltern erinnern. Eine der Frauen wollte mich verwirren, indem sie zuerst behauptete, dass mein Vater ein fescher junger Mann war und dann feststellte, dass ich meinem Vater ähnlich sehe. Ich hab‘s als „Aha“ genommen und abgelegt. Schließlich hatte auch schon jemand gesagt, dass ich meinem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten bin ...

Meine zweite Ferialpraxis machte ich bei der ÖMV – als Beifahrer zu den diversen Ölbohrstationen. War recht interessant.

Vor der letzten Klasse fuhr ich noch in die Schweiz, zur BBC nach Baden. In Baden wurden wir in einem Gastarbeiterquartier namens „Brisgi“ untergebracht, mitten unter lauter Italienern. Einige davon sprachen auch Deutsch. Sie waren teilweise sauer auf uns, weil einige ihr Zimmer wegen uns hatten räumen müssen. Einer meiner Zimmerkameraden, ein unglaublich netter Italiener, hieß Capone. Er war etwas rundlich und rothaarig und tatsächlich ein Neffe des berüchtigten Al Capone aus Chicago.

Im Betrieb hatte ich Schaltpläne in einer Zeichenabteilung zu zeichnen. Mein dortiger Chef war Leutnant bei der Schweizer Armee und machte immer auf superhart. Irgendwann dachte er, er muss mir eine Betriebsbesichtigung bei strömendem Regen verordnen – und war sauer, als ich „Nein, danke“ sagte.

In der Arbeit war ein gewisses Fräulein Tschauper. Klein, zierlich und älter als ich. Komisch: Sie wollte mit mir ausgehen, ich hatte aber Hemmungen und kein Geld. Da lud sie mich ein auf einen Kaffee in einem Café, ich wusste aber nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. (…)

Die Matura war ein eigenes Kapitel. Natürlich große Aufregung. Nervenflattern über mehrere Wochen. Zur Vorbereitung hatten wir im Gegenstand „Elektrische Maschinen“ einen Generator durchzukonstruieren. Ich war in einer Dreiergruppe mit den zwei Kollegen und weiß noch, dass ich da ziemlich faul war. Ich überließ diese Sache hauptsächlich meinen Kollegen, die Berechnung nach Schema F war mir einfach zu langweilig. Anlässlich der Matura hatten wir dann einen Phasenschieber zu konstruieren, und da merkte ich, dass ich einige Lücken hatte. Meine Maschine schaute nicht gerade toll aus, war aber funktionstüchtig, was schließlich die Hauptsache war.

In Deutsch wurde uns ein Aufsatzthema gegeben: „Kein Zeitalter hat so große Umwälzungen gebracht wie das unsrige. Beweisen Sie die Richtigkeit dieses Satzes.“ Genau das Thema hatte uns der Professor zur Maturavorbereitung ein paar Wochen vorher schon gegeben, und es wurde uns sogar erlaubt, die damaligen Schriften zu verwenden. Sch…, ich hatte sie nicht mit!

In anderen Prüfungsfächern wurden die Fragen vor der Matura vorgegeben. Es wurde alphabetisch geprüft. Im Alphabet ziemlich weit hinten angesiedelt, konnte ich dann jene Fragen streichen, die schon dran waren und konzentrierte mich auf die verbleibenden.

In Nachrichtentechnik prüfte mich der Professor mündlich über das Fax-System. Einfache Sache. Da wollte ich die Schaltung dazu auf die Tafel malen, der Professor meinte aber, das muss nicht sein. Nachdem ich erkannte, dass das nicht wirklich einfach ist, habe ich die Anfänge des Schaltplanes wieder von der Tafel gelöscht.

Es reichte zu einem „Guten Erfolg“, ich war der Sechstbeste. Ein schöner Erfolg.

Ich hatte schon während der Schulzeit eine feste Vorstellung davon, was ich nachher machen wollte. Da war doch immerhin Kollege Wilhelm, der den Pilotenschein gemacht hatte. Ich engagierte ihn zweimal für einen privaten Rundflug über Wien und Umgebung. Das hat mich so tief beeindruckt, dass ich beschloss, nach der Schule Pilot zu werden. Ich nahm Verbindung zur AUA auf, wo man mir erklärte, dass sie Piloten nicht ausbildet. Nächste Adresse war die Lufthansa- dort war aber gerade Aufnahmesperre.

Na gut, dann also nicht. Nach dem Bundesheer fischte ich mir also eine Zeitung, las die Stellenangebote und suchte mir was raus, das mich interessierte. Schließlich blieb ich bei einer Firma hängen, die Service-Techniker suchte, für Österreich und Osteuropa. Das Herumreisen war zwar kein vollwertiger Ersatz für die Lufthansa, aber fremde Länder konnte ich auch so sehen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Informationen zum Artikel:

Das TGM

Verfasst von Norbert Stiller

Auf MSG publiziert im Mai 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 9. Bezirk
  • Zeit: 1960er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus einem umfangreicheren lebensgeschichtlichen Manuskript des Autors wieder.

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