Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

Voda und Muada

von Margareta Suppan

Die Erinnerungen an meine Großeltern stehen in meiner frühen Kindheit im Vordergrund. Vielleicht, weil sie dann nicht mehr da waren?

Die Hierarchie in den Familien war streng. Solange Großvater noch bei Kräften war, hatte er das Zepter in der Hand. Auch in der Erziehung. Die Ehrfurcht vor den Erwachsenen war der wichtigste Grundsatz. So durften wir auf Befehl des Großvaters unsere Eltern nicht mehr mit "Du" anreden, sobald wir "gescheit genug" waren. Es gab keinen Pardon, wir mussten uns fügen, auch die Eltern. Ich erinnere mich, dass ich meinen geliebten Vater tagelang nicht anreden mochte, weil mir die neue Anrede nicht über die Lippen wollte. Beide Teile waren unglücklich, Eltern und Kinder. Die Großeltern waren wahrscheinlich glücklich, dass sie die alte, unumstößliche Ordnung wieder für eine Generation gerettet hatten. Die Großeltern mussten wir ohnehin seit eh und je mit "Ihr" anreden. Die altertümlichen Formen der weiteren Fälle hießen "enk", "uach", die moderneren "deis", "enk". So konnte man etwa den Großvater fragen: "Voda, hob ihr uach wehtaun?" oder: "Voda, wou is uacha Pfeifn?" (Habt ihr euch wehgetan? Wo ist eure Pfeife?)

Hie und da versuchte der Großvater, seinen erzieherischen Bemühungen mit der birkenen Rute, mit der "Liesl", Nachdruck zu verleihen. Aber er benützte sie nicht wirklich. Allermeistens war es nur ein harmloses Wedeln mit dem Erziehungsinstrument. Wenn wir die Rute von der Wand holen mussten, wo sie nicht weit vom Kreuz entfernt hing, verkrochen wir uns gleich vorsorglich unter dem Tisch und suchten sobald als möglich das Weite.

Hatten wir als kleine Kinder etwas arg Böses getan – ich erinnere mich aber an keine einzige dieser Untaten – so mussten wir vor ihm niederknien und mit gefalteten Händen "I bitt um Verzeihung" sagen. Mag sein, dass die Eltern diesen Unfug beizeiten abstellten.

Großvater war ein frommer Mensch. Jeden Sonntag in die Kirche zu gehen war selbstverständlich, ob Sommer oder Winter, Hitze oder Kälte, Regen oder Schnee. Ebenso selbstverständlich war das Tischgebet zu jeder Mahlzeit, der tägliche Rosenkranz im Advent, in der Fastenzeit und im Mai. Er war auch Vorbeter, nicht nur in der Familie, sondern auch bei Begräbnissen, beim Maibeten und bei Prozessionen. Auch "privat" betete er regelmäßig. Wenn ich nach dem Nachtmahl versehentlich die Stubentür aufmachte, so sah ich ihn, auf den Stuhl gestützt, knien und beten.

Großvater war nicht nur ein frommer, sondern auch ein außerordentlich geschickter Mensch. Er konnte Uhren genauso reparieren wie Schuhe. Er rühmte sich sogar, dass er in jungen Jahren ein Paar neue Schuhe gemacht hätte. Er zerlegte ein Paar alte und schaute, wie sie gemacht waren. Da waren die neuen keine Schwierigkeit mehr.

Im Winter freuten wir uns, wenn er in der Küchenecke seine kleine Werkstatt einrichtete. Was kam da nicht alles zum Vorschein! Der dreibeinige Schusterstuhl, Nadeln und Messer und Ahlen, das "Kneip", dreifach gespaltene Sauborsten, Schusterpech und Zwirn, Schusterpapp, Schächtelchen mit den "Mausköpfeln" und den Holznägeln, Lederflecke und Sohlenstücke, der Schusterhammer und viele hölzerne Leisten; natürlich auch ein Haufen zerrissener Schuhe, die uns nur allzu bekannt waren.

Sehr gerne schauten wir ihm auch beim Korbnähen zu. Das war seine Lieblingsarbeit im Winter. Unter seinen Händen entstanden die großen, zweihenkeligen Tragkörbe, die etwa 30 Kilo Äpfel fassten, die kleineren "Koatkörbeln" zum Erdetragen, Bogenkörbe für die Obsternte, "Loazkörbeln" zum Formen der Brotlaibe und schließlich die kleinen Weckenkörbe.

Sorgfältig gereinigtes Roggenstroh und das "Band" waren schon im Laufe des Jahres bereitgestellt worden. Vor der Arbeit wurde beides eingeweicht. Das "Band", das Nähmaterial aus Weidenruten, hatte schon eine lange Bearbeitung hinter sich. Die Weidenruten waren gespalten und so lange ausgeschabt worden, bis sie dünn und biegsam waren. Um schöne, unverzweigte Weidenruten zu erhalten, wurde auch großer Wert auf die Weidenstöcke gelegt.

Werkzeug war zum Korbnähen fast keines nötig, nur der Pfriem, ein Messer und der Metallring zum Formen des Strohs. Das Wichtigste waren ein gutes Augenmaß, ein ausgeprägtes Formgefühl und starke Hände, damit der Korb nicht nur schön, sondern auch fest war. Er mache die schönsten Körbe weit und breit, so meinte er. Wir konnten es gerne bestätigen, wenn wir die Körbe in anderen Häusern mit unseren verglichen.

Auch ich wollte diese Kunst unbedingt erlernen. Er aber meinte, das sei nur Männerarbeit und für Frauen nicht geeignet. Ich quälte ihn so lange, bis er mir erlaubte, es an seiner Seite zu versuchen. Natürlich wurde nichts Brauchbares daraus. Aber ich erinnere mich auch, dass er mir nicht sehr zur Hand ging und ein wenig eifersüchtig auf seine Kunst war. Auch unser Vater hat wohl aus diesem Grund nie Körbe genäht. Er hat dafür viele andere Handwerkstechniken beherrscht.

Als der Großvater dann starb, ich war sieben Jahre alt, erinnere ich mich noch heute an meine trüben Gedanken: Woher werden wir jetzt Körbe nehmen, wenn er nicht mehr ist? Dass all das kunstvoll gestaltete Arbeitsgerät bald überflüssig sein würde, konnte ich nicht ahnen.

Es war an einem Novembertag, als er nach kurzer Krankheit seine Augen schloss. Alle waren an seinem Bett versammelt, betend, erschrocken, in einer seltsam weihevollen Stimmung erstarrt. Es war halb zwölf Uhr Mittag. Er wandte sich noch einmal auf die rechte Seite, tat einen Blick auf die Wanduhr. Wir alle sahen es, dann starb er. Die Uhr blieb in diesem Augenblick stehen und war nie wieder richtig zum Gehen zu bringen.

Vom Großvater hatten wir schon früh die Liebe zu allem Lebendigen eingepflanzt bekommen. Er kannte viele Kräuter, kannte und liebte die Vögel und lehrte uns die Pilze kennen. Besonders schätzte er von den Pilzen den "Tannschieberling", der jedes Jahr an der gleichen Stelle unter alten Kiefern hervorkam und den in unserem Bekanntenkreis sonst niemand aß. Ein ganz besonderer Fund aber war der Kaiserling, den ich in meinem Leben seither nur zweimal sah. Feierlich wurde er auf der Herdplatte gebraten und in winzigen Bissen zum Kosten verteilt.

Großvater war auch die Quelle vieler bäuerlicher Rätsel und Sprüche, die er gern zum Besten gab. Der Schalk saß ihm immer im Nacken, solange ihm die Beschwerden des Alters nicht allzu sehr zusetzten. Ich hatte übrigens eine Vorzugsstellung bei ihm, nachdem ich als Kleinkind zweimal totgesagt worden war und dennoch überlebt hatte. Ich durfte auf seinem Schoß sitzen und an seiner Sonderjause teilhaben.

Aquarell von Blumenvase mit Feldfrüchten in herbstlichen Farben

Zur Großmutter hatten wir kein so inniges Verhältnis. Das mochte wohl auch daran liegen, dass sie schon kränklich und ein wenig wunderlich war, als wir sie kennenlernten. Sie war eine umfangreiche Frau, robust auch in ihrem Umgang mit uns Kindern.

Als sie noch jünger war, soll sie recht lustig gewesen sein. So wurde uns eine erheiternde Begebenheit aus ihren besseren Tagen berichtet: Einmal ging sie zur Dämmerstunde allein aus unserem Wald heim. Der Lenzl, ein alter Schmiedgeselle aus der Nachbarschaft, war auf seine alten Tage noch auf das Wildern gekommen.

"Ein Häslein spielt’ im Mondenschein" an jenem Abend, und der Lenzl hockte im Gebüsch, die Flinte im Anschlag. Noch ehe er abdrücken konnte, hörte er einen mächtigen Schuss. Der Hase war dahin. Verblüfft starrte er auf seine Büchse. Oder war ihm einer zuvorgekommen? Die Großmutter war die vermeintliche Konkurrenz. Sie war, wie gesagt, eine mächtige Frau. Und so entfuhr ihr unversehens ein ebenso mächtiger Schuss, der das Jagdglück des Lenzl jäh zerstörte. Um sein Jagdglück geprellt, verließ er fluchend seinen Ansitz.

Instinktiv spürten wir schon früh, dass die Großmutter unsere Mutter nicht besonders mochte. Sie war ihr wohl "zu minder". Die Großmutter war als gut situierte Bauerntochter an der Grenze zu Jugoslawien geboren worden und aufgewachsen. Als junge Frau musste sie sich an das harte und entbehrungsreiche Bergler-Leben im Hügelland gewöhnen. Dieses Leben ließ ihr keine Zeit für Sentimentalitäten.

Die Heimat unserer Mutter war unserer ebenbürtig: eher klein und mit steilen Äckern. Außerdem war es sicher der "ganz natürliche" Neid der Schwiegermütter auf ihre Schwiegertöchter: Diese waren jung, schön und gesund, sie selber hatte keine dieser Eigenschaften mehr. Es mag auch eine Rolle gespielt haben, dass von den neun Kindern der Großmutter nur drei wirklich übrigblieben. Unsere Mutter aber hatte, als Großmutter starb, bereits sieben gesunde Kinder.

Es gab nie offenen Unfrieden im Haus, den wir Kinder bemerkt hätten. Aber ich erinnere mich an manche abschätzige Bemerkung der Großmutter, deren Bedeutung ich nur fühlte, aber erst viel später verstand. Noch heute ist mir einiges davon im Ohr. Von der Mutter hörte ich nie ein böses Wort in dieser Hinsicht.

Einmal hatte unsere Mutter von einer "Ummageherin", einer Hausiererin, ein Stück Toilettenseife gekauft, violett und nach Veilchen duftend. Wir freuten uns, dass wir nach dem Waschen so gut "schmeckten". Großmutter schimpfte über die Verschwendung, und überhaupt, was heutzutage mit den Kindern für ein Aufwand getrieben werde! "Ich habe meine Kinder im Saukessel gewaschen, und trotzdem waren sie schöner als deine!" Diesen herrlichen Spruch hat uns die Mutter erst berichtet, als wir schon erwachsen waren. Er hat ebenso viel zur Erheiterung wie seinerzeit zur Kränkung beigetragen.

Großmutter fühlte sich auch befugt und verpflichtet, die religiöse Erziehung in die rechten Bahnen zu lenken. So hieß es, wenn uns ein kleines Missgeschick zugestoßen war: "Das ist die Strafe Gottes!" Wenn es donnerte: "Der Himmelvater tut greinen!" Auch sollten wir immer daran denken: "Der Himmelvater sieht dich!" Bei jedem geringsten Fehler sollten wir uns tüchtig schämen. Wir wussten allerdings nicht, wie man das richtig anstellt. Theologische Spitzfindigkeiten lagen ihr nicht. Der Einfachheit halber gab es nur einen "Himmelvater", der für alles zuständig war.

Auch den Himmel verleidete sie uns gründlich. Immer wieder behauptete sie, dass man im Himmel unentwegt mit den Engeln "Halleluja" singen müsse. Auf einen solchen Himmel hatten wir ganz und gar keine Lust. Da mussten wir für das Bravsein schon andere Beweggründe suchen, als dafür in den Himmel zu kommen!

Im Krieg kam die "Mütter-Ehrung" auf. Unsere Großmutter wurde wie alle älteren Frauen der Umgebung zur Überreichung des Ehrenzeichens und zu einer Jause eingeladen. Wir konnten nicht begreifen, dass sie das Ehrenkreuz erhielt, da sie ja "nur" Großmutter war. Wo waren ihre Kinder? Jedenfalls erzählte sie belustigt über das Ereignis und warf das Mutterkreuz achtlos auf den Tisch.

Tatsächlich waren die Mütter ihrer Generation aller Ehren wert. Hatten sie doch das Kanonenfutter für den Ersten und den Zweiten Weltkrieg geliefert!

Unsere Großmutter, die für ihre Kinder und für ihre Enkel nur "Muada" hieß, war keine gütige, Märchen erzählende, ihre Enkel verwöhnende Frau. Sie war ein handfestes Weib, das sich redlich durchs Leben schlug.

Längst habe ich ihr verziehen, was sie uns vielleicht schuldig blieb, und auch, dass sie uns und unserer Mutter das Leben manchmal schwer gemacht hat.

Sie war fast ein Jahr bettlägerig, ehe sie im Mai 1941 am Muttertag starb. Während ihrer Krankheit war es einfach nicht möglich gewesen, dass immer ein Erwachsener im Hause blieb. Zu sehr wurde jede Hand auf den Äckern gebraucht. So mussten wir Kinder oft in ihrer Nähe bleiben. Es war eine schwere Buße für uns, im Hause zu sein. Häufig entfleuchten wir mit schlechtem Gewissen und stellten uns taub, Wenn sie nach uns rief. Noch heute drückt mich das Gewissen dafür. (…)

Informationen zum Artikel:

Voda und Muada

Verfasst von Margareta Suppan

Auf MSG publiziert im Mai 2013

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Oststeiermark, Fehring, Fehringleiten
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Margareta Suppan: Die Fliegenorgel. Eine Kindheit im Vulkanland, Gnas: Weishaupt Verlag 2012, S. 10-16.

© Weishaupt Verlag

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.