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Vom Umbeten, Vorbeten, Nachbeten und Maibeten

von Margareta Suppan

Unser Haus war wie viele in der Umgebung ein "frommes" Haus mit einer gesunden, handfesten Frömmigkeit. Vielleicht tat Godi manchmal ein bisschen zu viel des Guten; das tat sie sicher. Der Frömmste war der Großvater, und er machte kein Aufheben daraus. Er war Vorbeter im Hause, auch beim Maibeten, bei den üblichen Prozessionen und bei Begräbnissen. Wie würdevoll selbstverständlich, wenn auch mit ein winzig wenig Eitelkeit gewürzt, er sein Amt ausübte, erkannten wir erst, als er nicht mehr war und andere sein Amt übernahmen. Auch der Vater trat für kurze Zeit in seine Fußstapfen. Aber es war Krieg, und da fielen die öffentlichen Anlässe weg. Er war ein guter Vorbeter, aber er konnte nicht alle Litaneien und Gebete auswendig wie der Großvater. Sein Nachfolger tat sein Amt auch mit Hingabe, aber mit geringerer Sachkenntnis. Kichernd warteten wir Kinder auf die seltsamen Wortschöpfungen und amüsierten uns an der ungewohnten Sprachmelodie.

Das Tischgebet war eine Selbstverständlichkeit. Immer wurde der "Englische Gruß" gebetet. Nach dem Abendessen war das Gebet besonders lang und wirkkräftig. Der einzige Grund, das Mittagsgebet zu verkürzen, war ein heranziehendes Gewitter, wenn Heu auf der Wiese lag.

Wir Kinder beteten vor dem Schlafengehen, schon im Bett, ein kurzes Nachtgebet. Das Weihwasser aus der Hand der Mutter beendete unseren Tag. Als unsere Mutter ihre fünf Brüder im Krieg wusste, sandte sie auch ihnen in alle Himmelsrichtungen ein Weihwasserkreuz nach. Am Morgen vor dem Schulgehen stellten wir uns in der Küche in einer Reihe auf und beteten unser Morgengebet. In unseren besten Zeiten waren wir fünf Schulkinder zugleich. Mit Weihwasser besprengt traten wir unseren einstündigen Schulweg an.

Auch sonst wurden wir dem Schutz himmlischer Mächte unterstellt. Wie alle "frommen" Mädchen trugen wir eine Medaille der "Unbefleckten Empfängnis", das "Breverl" an einem Zwirnfaden um den Hals. Ein Kettchen, womöglich aus Silber, wäre uns lieber gewesen. Aber wo käme man denn da hin? Der Segen des Marienbildes wäre durch die Hoffart eines Silberkettchens wahrscheinlich dahin gewesen. Der Hauptgrund für den Zwirnfaden war natürlich der kleine Preisunterschied zwischen Zwirn und Silber. Allzu oft war der Faden vorzeitig schwarz geworden oder er riss, und das "Breverl" war verloren; sicherlich nicht der Segen. Den erbetete uns auch die Mutter. Sie gewöhnte uns an das Morgen- und Abendgebet als festen Bestandteil des Lebens. Nie ging sie eine Arbeit an, ohne es "In Gottes Namen!" zu tun.

Zu den schönsten "frommen" Erlebnissen gehörte das Maibeten. Damals war es im Mai immer warm und schön, so scheint es mir wenigstens. Und wir waren Kinder und unbeschwert. Die Welt lag friedlich im ersten Dämmern des Abends, die blühenden Apfelbäume dufteten im verlöschenden Tag. Der "Schlafz" schrie seinen geheimnisvollen Ruf aus dem Wald. Alle Sehnsüchte, aller Schmerz und alle Freude waren in diesem Ruf.

Das Kreuz, wo wir uns zum Beten versammelten, war in Sichtweite unseres Hauses. Barfuß und unbeschwert, immer neue Spiele erfindend, liefen wir den Erwachsenen voraus. Das Kreuz stand am Wegrand, davor einige Kniebänke aus Holz. Bis alle versammelt waren, blieb ein wenig Zeit zum Tratschen für die Erwachsenen und zum Necken und Verstecken für uns Kinder. Rosenkranz, Litanei und Gebete für die verschiedensten Anliegen, vor allem um eine glückliche Sterbestunde, waren für uns meistens reichlich lang. Da half aber kein unruhiges Umherrutschen auf den Kniebrettern. Endlich konnten wir heimtraben und ins Bett fallen. Wenn der Mai gegen Ende zuging, wurde auch den Erwachsenen das Beten zu lang. Die Arbeit drängte schon allenthalben, und die Abendstunden wollten noch genützt werden.

Einmal im Mai war naturgemäß auch Vollmond. Darauf freuten wir uns immer. Welche Weite und Herrlichkeit, welche Geheimnisse, schwebend wie der riesige Mond über allem Dunkel der Welt! Wir ahnten nicht, wie kurz diese schwebende, glückselige Zeit für uns sein sollte.

Schön war auch das "Umbeten" an den Sonntagnachmittagen bis Christi Himmelfahrt. Das waren Prozessionen von einem Wegkreuz zum nächsten, um den Segen Gottes für Felder und Fluren, für Mensch und Vieh zu erbitten.

Die Sonntage waren stille Tage. Der Arbeitslärm ruhte. Kein Auto verirrte sich noch in die Gräben des Hügellandes. Die Wege waren Fahrwege für Ochs und Kuh und Ross. Daneben schlängelte sich ein Fußweglein für die Schulkinder und die Kirchgänger. Auf solchen Wegen bewegte sich die Prozession. Die Grillen zirpten am Wegrand und verstummten jäh, wenn die Beter vorüberkamen. In friedlichem Singsang wechselten die Stimmen des Vorbeters mit den Nachbetern.

Die Wiesenblumen blühten am Weg, leuchtende Margeriten, zarte Glockenblumen, Salbei und Fleischblumen, Augentrost und Klappertopf, Wolfsmilch wie kleine Tannenbäumchen, die zarten Dreifaltigkeitsblumen, in denen man Gott Vater, den Sohn und den Heiligen Geist mit den feinen Taubenflügeln leibhaftig sehen kann.

Nach dem Beten wurden aus dem nächstliegenden Haus Krüge mit frischem Most gebracht. Die Stärkung war nach dem heißen Weg, dem eifrigen Beten und vor dem Heimweg auch nötig. Sogar zum Spielen waren wir meist zu müde.

Den Anfang des "Umbetens" bildete die "Feldersegnung", die im Laufe der großen Prozession von unserem Kreuz zur Dorfkapelle stattfand. Daran nahmen auch die Dorfleute teil. Unser Kreuz wurde festlich geschmückt mit jungem Birkengrün und mit einem Kranz aus Fichtenreisig und neuen Papierblumen. Das Herstellen der Papierblumen, das "Röserlmachen", war eine Winterarbeit. Meist waren es erfahrene ältere "Jungfrauen", die dieses Handwerk besonders gut verstanden. Aus rotem, weißem und rosarotem Krepppapier wurden hübsche Rosen hergestellt, zu Sträußen gebunden und in den Reisigkranz eingearbeitet. Eine besondere Kunst war es, Lilienblüten herzustellen, die wie echte aussahen. Sie waren der Mutter Gottes vorbehalten. Ihre Statue fehlte bei keinem Feldkreuz. Jedes Kreuz hatte nach Geschmack und Können der Röserlmacherinnen eine besondere Note. Wir Mädchen liefen gerne mit, wenn es zum Röserlmachen ging. Wir konnten kleine Hilfsdienste tun und lernten so, die Blumen selber herzustellen.

Zur Feldersegnung kam ein Franziskanerpater aus Gleichenberg. Das war natürlich viel wirkkräftiger als unser Beten allein. Im Anschluss an das Beten und an das Segnen wurde eine festliche Jause ausgerichtet, jedes Jahr in einem anderen Haus. Auch der Vorbeter war dazu eingeladen. Gewöhnlich wurde für den Anlass ein Kitz erworben. Gebacken wurde es dem Gast als ganz besondere Köstlichkeit vorgesetzt. Leider blieb für uns nie etwas zum Kosten übrig, wenn die Jause in unserem Hause stattfand.

Die Franziskaner waren zwar kein Bettelorden im eigentlichen Sinne mehr, aber es oblag den Gläubigen in ihrem Sprengel, sie materiell zu unterstützen. So wurde bei den Segensempfängern eine Sammlung durchgeführt. Jedes Haus gab Wein, Getreide und ein wenig Schmalz her. Ein Fuhrmann brachte das Fässlein Wein, den Sack Getreide und den Häfen mit Schmalz in das Kloster. Auch zu Beginn des Krieges war es noch so, aber es dauerte nicht mehr lange. Als der Fuhrmann beim Roten Kreuz, noch in unserem Gemeindegebiet, Rast hielt, lauerten ihm die Ortsbonzen auf und zwangen ihn zur Umkehr. Was mit den gesammelten Gaben geschah, weiß ich nicht. Jedenfalls war dies das Ende des althergebrachten Brauches. Ich hoffe, dass der Segen nicht nur an die Jause und an die Gaben gebunden war.

Hatte es im Sommer lange Zeit nicht geregnet und begannen die Kulturen Schaden zu nehmen, wurde der Himmel in eigenen Prozessionen um seinen Segen bestürmt. Das Ziel der Prozession war eine Kapelle, die schon in der nördlichen Nachbarspfarre liegt. Weit und ungewohnt war der Weg. Er war eine rechte Buße: eine Stunde betend hin und eine Stunde erschöpft zurück. Aber das Regenbeten half! Immer war es so, dass nach längstens drei Prozessionen der ersehnte Regen fiel. Meist half schon ein Bittgang.

Im Advent und in der Fastenzeit beteten wir täglich den Rosenkranz. Das war in vielen Familien so. Die Arbeit im Haus und im Stall war vorbei, das Nachtmahl war vorbei – Bohnen mit Most und kalte Milch mit Brot. Alle knieten um den Tisch auf dem Boden, die Arme auf die Sitzbänke gestützt. Als wir noch klein waren, spielten wir während des Betens unsere Spiele, schweigend in der Küche umherhuschend, eingesponnen in unsere Fantasiewelt, eingebettet in den vertrauten Klang des Betens. Gerne krochen wir in den seltsamen Gängen umher, die durch die Reihen der Knienden gebildet wurden, oder wir saßen auf den Bänken und sahen dem Gleiten der Rosenkranzperlen zu. Gerne hätten wir mit den Rosenkränzen gespielt, aber die waren ja "heilig". Es bedurfte besonderer Bitten, bis es manchmal gestattet war.

Zu den ganz frommen Ereignissen im Leben jedes Kindes gehörte die Firmung. Firmung – was gingen ihr für herrliche Gerüchte voraus! Firmungsgewand, neue Schuhe, Firmungsuhr, eine Schuhschachtel voll mit Mehlspeisen, als da sind: Anisbögerl, Biskuitrolle, Kekse, gefladelte Krapfen - oder gar eine Torte? Aber es war Krieg, und ich wusste, dass es das alles für mich nicht geben würde; auch kein neues Kleid, denn für Mädchen war das weiße Kleid mit Kränzchen obligat. Das weiße Gewand bekam ich zwar neu, denn die Patin musste sich damit ja sehen lassen können. Aber man konnte es an einem gewöhnlichen Sonntag nicht tragen. Für die Uhr blieb das Versprechen: "Wenn du größer bist!" Aber da war meine Firmpatin längst tot.

All den wunderbaren Aussichten und Hoffnungen ging noch ein Canossagang voraus: das Firmgöden-Bitten. Obwohl natürlich alles von den Eltern längst geregelt war, musste der Firmling persönlich um die Übernahme dieses Amtes bitten. Wäre es eine vertraute Verwandte gewesen, die man mit "du" anreden konnte, wäre es nicht so schwer gewesen. In meinem Fall aber war es die einzige "bessere" Tante, die wir hatten. Sie war die Frau meines Onkels, der aus dem Bauernstand in eine höhere Stufe aufgestiegen war: Transportunternehmer mit einem eigenen Lastwagen, einem halben genaugenommen, denn er hatte einen Kompagnon.

Die Hürde des Göden-Bittens wurde lang hinausgeschoben und endlich stotternd und murmelnd erledigt. Damals fand die Firmung in den Pfarren nur im Zehn-Jahres-Abstand statt, alljährlich aber im Grazer Dom. So war die Firmung für manche Glückliche zugleich der erste Ausflug nach Graz. Zu meinem Leidwesen kam ich in unserer Pfarrkirche zur Firmung. Wir hatten einen Weg von eineinhalb Stunden zur Kirche. Daher brachte mich der Vater schon am Vorabend zur Tante. Sie wohnte in Untermiete direkt am Hauptplatz.

Meine schönste Erinnerung an diesen Aufenthalt: Ich liege allein in einem weichen, weißen Bett. Über den Hauptplatz her tönt der Stundenschlag der Kirchenuhr, voll und feierlich. Daheim wäre ich wie an jedem Sonntag um halb fünf aufgestanden und hätte mit der Mutter und den Geschwistern den Kirchweg angetreten, hügelab, talaus und bergauf, eine Stunde lang. Um die Zeit, als ich an diesem Tag aufstand, acht Uhr, wären wir schon wieder daheim gewesen.

Das nächste Unvergessliche neben dem weißen, weichen Bett: zum Frühstück eine große Semmel mit Butter und Honig. Bis dahin –  ich war zehn Jahre alt – hatte ich solches noch nie verkostet. Am Sonntag gab es daheim statt der heiß geliebten sauren Suppe mit Brot einen Kaffeesterz, den ich aber nie so recht mochte.

Mit Rosenkranz und Gebetbuch ausgestattet, ging es endlich in die Kirche. Dort standen die Firmlinge Reihe um Reihe mit ihren Paten, rechts die Buben, links die Mädchen. Es dauerte elendslange, bis der Bischof, die Reihen abschreitend, herankam. Die Spendung des Sakramentes war enttäuschend, hatte man doch im Stillen gehofft, die Kraft des Heiligen Geistes in irgendeiner Weise zu spüren, als erhabenes Gefühl, als Glück oder was immer. Stattdessen war es nur Aufregung. Der gut gemeinte Firmungsunterricht hatte ja auch zum Großteil daraus bestanden, Sätze aus dem Katechismus auswendig zu lernen, was wir auch eifrig taten. Trotzdem, und auch, wenn wir es nicht bemerkten, kam er wohl über jeden von uns, der Heilige Geist.

Endlich hinaus aus der Kirche, aus der weihrauchgeschwängerten, stickigen Luft in die Sonne, in das fröhliche, noch immer ein wenig aufgeregte Treiben auf dem Kirchplatz! Der Platz war voll mit Standln, die allen Krimskrams feilboten, den ein Kinderherz begehren mag. Auch meine Eltern waren wieder da, und ich fühlte mich um einiges wohler. "Was möchtest du denn? Such dir etwas aus!", forderte mich die Tante auf. Was sollte ich schon mögen? Alles nicht, aber so manches. Einen Luftballon natürlich, das Wahrzeichen aller Firmlinge. Er gab seinen Geist auf, ehe ich ihn stolz meinen Geschwistern hätte vorführen können. Ich suchte mir noch eine Brosche in Form einer silbrig glänzenden Eidechse aus. Sie hatte rote Glasaugen, die wie Rubine glänzten. Noch heute ist sie fast unversehrt, so habe ich sie behütet. Nur ein rotes Auge hat sie verloren, so dass ich sie nicht mehr tragen kann. Das zweite Kleinod war ein Geschicklichkeitsspiel, ein Blechdöschen, darin das Bild eines Nestes voll mit Eiern, auf das mit Gefühl und Geschick eine blecherne Bruthenne zu rücken war. Auch die Henne sitzt noch heute unversehrt auf ihrem Nest. Süßigkeiten gab es sicher auch, soweit sie in der Kriegszeit zu haben waren; vielleicht auch das kleine, silbrige Ringlein mit dem Glasstein, das so unglaublich selbstwertsteigernd war.

Der Rest des Tages verlief nicht mehr so großartig. Eine gute halbe Stunde marschierten wir zu einem Gasthaus, das auf unserem Heimweg lag. Die Erwachsenen vergnügten sich sicher. Mich aber erfasste bald die Langeweile, weil ich keine Spielkameraden hatte. Plötzlich bauten sich Gewitterwolken auf, und wir mussten eilig den Heimweg antreten, eine Stunde weit noch. Der Gewitterregen erwischte uns zwar, aber wir kamen heil daheim an. Im geheimen trauerte ich noch um die Schachtel voll mit Mehlspeisen, die mir zwar nie versprochen worden war, auf die ich aber doch im Stillen gehofft hatte. Meine Patin starb, wie gesagt, noch ehe ich "groß genug" war für die Firmungsuhr. So war auch dieser Traum endgültig ausgeträumt.

Die Firmung war für gewöhnlich kein Familienfest. Sie betraf nur den Firmling und den Paten. Man wäre ja aus dem Feiern nicht hinausgekommen.

Eine besondere Bewandtnis hatte es mit der Firmung meines ältesten Bruders. Er sollte 1939 gefirmt werden. Onkel Ludwig, Mutters Bruder, war damals Kaplan in Klöch. Er sollte der Firmpate sein. Gar nicht auszudenken: Der Onkel im Priesterornat trat aus dem Gefolge des Bischofs und stellte sich hinter den Firmling, wo ihn Vater vertreten hatte. Aber es kam anders. Klöch war der nächst gelegene Firmort. Mit dem Postauto war Klöch gut erreichbar, und auch mit der Zeit ging es gut aus. Vater wartete mit dem Firmling an der Haltestelle im Dorf. Es sollte doch schon da sein, das Postauto. Viel Verspätung war nicht mehr tragbar. Aber es kam nicht, und auch später nicht mehr. Der Pate wartete vergeblich auf seinen Firmling, der Firmling vergeblich auf seine Firmung, auf das Ereignis in jedem Kinderleben. Zutiefst enttäuscht kamen sie heim. Natürlich wurde die Firmung nachgeholt, aber alles Gepränge rings um das Fest war dahin, und alles hatte einen schalen Geschmack.

Es war jedem klar, dass es kein Zufall sein konnte, dass das Postauto ausgerechnet am Firmungssonntag ausblieb. Es war einer der ersten Akte der neuen örtlichen Machthaber in unserer Gegend, mit denen sie ihr wahres Gesicht zeigten und mit denen sie versuchten, die Menschen einzuschüchtern.

Auch die Erstkommunion war kein Familienfest. Freilich war sie feierlich und schön und wohl vorbereitet, besonders durch den Religionsunterricht. Daheim wurde die Festkleidung in Ordnung gebracht, das übertragene weiße Gewand, das Kränzchen, die Schuhe. Der zu heiligende kleine Mensch wurde sauber gewaschen, einschließlich der Haare. Den Mädchen wurden am Abend viele kleine, feste Zöpfe geflochten, sodass die Haare am Festtag zart gewellt waren. Nur in Verbindung mit dem weißen Gewand war es erlaubt, die Haare offen zu tragen. Wie schön wir da alle waren!

Am Sonntag begleiteten die Mütter ihre Kinder zur Kirche. War das Wetter schlecht, konnte das Festgewand erst in einem Raum des Pfarrhofes angezogen werden. Nach der Feier ·in der Kirche bekamen wir im Pfarrhof eine bescheidene Jause. Dann trabten wir heimzu, und der Tag verlief wie jeder andere Sonntag.

Unsere Frömmigkeit wurde immer wieder durch arge Laster bedroht. Morden, stehlen und betrügen kamen ja nicht in Frage, nicht einmal lügen. Aber die Hoffart! Solange die Großeltern lebten, war die Hoffart nicht nur eine Hauptsünde, sondern unter besonderen Umständen sogar eine Todsünde! Dabei ging es gar nicht um die wirkliche Hoffart, sondern um die recht harmlose Eitelkeit. Diese seltsame Auslegung trug dazu bei, die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins zu verhindern.

Das Instrument der Hoffart war der Spiegel. Die Großmutter verbot es uns, in den Spiegel zu schauen, denn "da schaut der Teufel heraus". Wir haben ihn natürlich nie gesehen und wir glaubten es auch nicht. Außerdem wollten wir uns ja nicht nur selber betrachten. Mit dem Spiegel ließen sich neue Welten erschaffen. Man konnte ihn kippen und drehen und wenden, und jedes Mal zeigte die vertraute Welt eine andere Perspektive, oft sogar eine beängstigende Dimension des Vertrauten.

Ganz gefährlich war der Spiegel im Zusammenhang mit dem Grimassen schneiden. Traf man es nämlich zufällig so, dass die Uhr zwölf schlug, dann blieb das Gesicht stehen. Wir glaubten auch das nicht, wagten aber auch nicht, es auszuprobieren.

Die Haare hätten wohl auch eine Möglichkeit geboten, die Eitelkeit auszuleben. Außer zwei straffen Zöpfen war aber nichts erlaubt. Offene Haare ziemten sich nur zu ganz besonderen Festen. Kaum war das Fest vorbei, gab es wieder die Alltagszöpfe. Mit den Haaren war also kein Staat zu machen. Vielleicht mit den Haarbändern? Nur am Sonntag durfte es eine schöne Schleife sein. Für den Werktag genügten zweckdienliche Bänder oder schmucklose Haarkluppen.

In der Kleidung erübrigte sich die Versuchung zur Hoffart. Dazu waren die Zeiten zu knapp, nicht nur im Krieg. War eine neue Sonntagskleidung fällig, das heißt, unumgänglich, weil wir aus der alten herausgewachsen waren, so bekamen wir drei älteren, fast gleich großen Schwestern immer das Gleiche. So gab es keinen Neid, und wir waren alle drei gleich schön. Oft nähte Mutter die Kleider selber. Sonst hieß es zur Nahterin gehen. Das Schulgewand und die Werktagskleidung wurden von oben nach unten weitergereicht, soweit sie noch in Ordnung waren. Schmerzlich war das Weiterreichen oft bei den Schuhen, denn sie passten selten, und es gab Blasen an den Fersen und schmerzende Zehen.

Auch Godi bemühte sich nach Kräften, uns vor Hoffart und Eitelkeit zu bewahren. Eines Tages aber entdeckten wir in ihrem ohnehin nicht gern gezeigten Fotoalbum ein Bild aus ihren Jugendtagen. Da hatte sie sehr wohl ihre Haare mit der Brennschere gekräuselt, und sie trug eine Spitzenbluse, die gar nicht bescheiden wirkte. Von da an hatten ihre Predigten keine so tiefgreifende Wirkung mehr. Außerdem praktizierte sie gewisse Formen der Eitelkeit noch bis ins hohe Alter: Noch mit hundert Jahren ließ sie sich ihre spärlichen Haare färben!

Auch jenseits der Hoffart gab es Verbote. So durften wir nie eine Schnur zu unserem Spiel-Krimskrams tun. Oft genug wäre sie furchtbar wichtig gewesen. Aber sobald man sie unbedacht um den Hals legte, "zog der Teufel dran".

Auch grünes Obst zu essen war untersagt. Wir taten es trotzdem. Besonders gern aßen wir die grünen Ribiseln, die so herrlich herb schmeckten wie sonst nichts auf Gottes weiter Welt. Auf Kirschen Wasser zu trinken, war ganz streng verboten, was ja durchaus vernünftig ist. Ebenso vernünftig war das Verbot, erhitzt kaltes Wasser zu trinken. Gegen die mögliche Lungenentzündung war damals kein Kraut gewachsen. Wir hielten uns daher nach Möglichkeit an diese Regeln.

Natürlich durften wir nicht Obst von fremden Bäumen nehmen, auch wenn sie noch so viel trugen. Aufklauben und essen war erlaubt, aufklauben und mitnehmen nicht. Für Weintrauben galten besonders strenge Regeln. Streng wurde auch darauf geachtet, dass wir nicht in fremde Wiesen und Äcker traten oder die Kühe auf fremdem Grund weiden ließen. Das durfte man erst nach Allerheiligen, aber dazu kam es kaum jemals. Auch Äpfel durfte man um diese Zeit überall ernten. Es gab selten einige vergessene. Einmal, in einem obstarmen Jahr, fanden wir wunderschöne, gelbe Äpfel in einem fremden Garten. In unserer Gier merkten wir nicht, dass sie schon halb gefroren waren. Die darauf folgenden Magenschmerzen bestraften uns genug.

Informationen zum Artikel:

Vom Umbeten, Vorbeten, Nachbeten und Maibeten

Verfasst von Margareta Suppan

Auf MSG publiziert im Mai 2013

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Oststeiermark, Fehring, Fehringleiten
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Margareta Suppan: Die Fliegenorgel. Eine Kindheit im Vulkanland, Gnas: Weishaupt Verlag 2012, S. 62-72.

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