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Das Rückzug-Christkindl

von Käthe Perner

Vielleicht blieb grad' wegen seiner Kleinheit unser Lungau auch im Krieg, als es überall drunter und drüber ging, vor dessen harten Folgen fast verschont. Da ist es oft von Vorteil, wenn man abgelegen und versteckt liegt und steile Bergstraßen das Durchqueren umständlich machen. Aber über die nach Osten zu bequemere Straße strömten dann doch die zurückweichenden Soldaten.

Diese Scharen bevölkerten den Lungau mit Mann und Pferd, zwar nicht lange, es genügte dennoch, um allerhand Unerwünschtes zurückzulassen. Den Bauern fraßen die Wehrmachtsgäule die erst zu grünen beginnenden Felder kahl. Die Soldaten verirrten sich dann öfters bei der Nahrungssuche und landeten nicht immer nur in der Küche. Mancher Landser war auch in der Kammer einer Lungauerin zu finden, was halt ab und zu Folgen hatte. So um Weihnachten herum kamen dann diese Rückzug-Christkind! zur Welt, wie sie meine Mutter nannte, die Hebamme war.

Familienbild, Eltern und vier Kinder
Die Autorin (links) mit ihren Eltern und Geschwistern (1946)

Ich war damals noch ein Schuldirndl in den letzten Klassen und kann mich gut erinnern, dass Mutter in der Vorweihnachtszeit bei vielen Geburten helfen musste. Weil es zu dieser Zeit immer viel Schnee gab, musste Mutter stundenlange Fußmärsche machen, um ihre Wöchnerinnen in entlegenen Tälern und Höfen zu besuchen. Kurz vor Weihnachten verstauchte sie sich dabei den Fuß und musste ein paar Tage liegen. Zum Glück hatte sie da nur eine Bauerndirn zu betreuen, die im hintersten Tal wohnte.

Die Geburt lag schon mehrere Tage zurück, und somit war die Frau zwar aus den ärgsten Nöten, doch das Neugeborene musste versorgt werden. Wir hatten daheim öfters Wöchnerinnen, und ich half auch manchmal bei den kleinen Kindern. So war mir die Sache nicht ganz fremd, aber echt begeistern konnte sie mich noch weniger. Weil Mutter nicht konnte, wurde also beschlossen, ich sollte hingehen, um das Kleine zu versorgen. Ich blieb von der Schule daheim, und Mutter richtete mir die paar Sachen her, die ich für die Pflege des Neugeborenen brauchte. Sie erklärte mir, wo der Bauer wohnte und erzählte mir, dass die Dirn sehr einfältig sei und dass es sie auch von einem Soldaten "erwischt" habe. "Darfst' halt nit erschrecken, sie hat keinen besonders guten Platz, und vergiss nicht, sie wegen dem Namen des Kindsvaters zu fragen, ich hab' sie 's letzte Mal so schlecht verstanden. Muaßt sagn, sonst kann 's Kind nit tauft werden, wir müssen 's heut dem Herrn Pfarrer melden!" Ich versprach, alles zu erledigen, dann ging ich gottergeben, die vielen Anweisungen noch im Ohr, wie: "Pass auf, dass das Badewasser nit zu heiß ist," "Gib ja auf den Nabel acht, der müsstegradjetzt abfallen," "Vergiss nicht, bei ihr Fieber zu messen" usw. In den zwei Stunden Gehweg hatte ich ja genug Zeit, mir das alles durchzudenken.

Es war ein schöner Tag, bitterkalt, der Schnee knirschte bei jedem Schritt, und der Rauhreif glitzerte und flimmerte in der Sonne. Ich marschierte flott drauflos, und außerdem hatte ich, aus einer Soldatenhose geschneidert, eine Schihose bekommen, die für die damalige Zeit etwas Besonderes war und gut wärmte. Ab und zu traf ich Leute, die mir Scherzworte zuriefen, wenn sie das Hebammentascherl sahen, worauf ich ganz verlegen wurde und, da ich keine schlagfertige Antwort wusste, schnell weiterging. Schon ziemlich müde, sah ich endlich das Bauernhaus, in das ich gehen musste. Das letzte Wegstück war ganz steil, und mir erbarmte Mutter, die hier schon oft hinaufschnaufen musste. Das Haus, vor dem ich dann den Schnee von den Schuhen klopfte, war sicher sehr alt.

Auf einem niederen weißen Mauerwerk lag der aus dunklem Holz gezimmerte Oberstock mit breitem Balkon oder Gang, wie die Bauern sagten.

Als ich die Haustür öffnete, schlug mir Stallgeruch und Rauch vom Selchen entgegen. Ein paar kleine Kinder spielten im dunklen Vorhaus. Als sie mich sahen, riefen sie ängstlich nach der Mutter. Es kam die Bäuerin, eine kleine, abgearbeitete Frau. Ich kannte sie, sie kam öfters zu der Mutter, um Rat für eines ihrer acht Kinder zu holen. Sie jammerte, während sie mir die Kammer der Dirn zeigte: "Grad jetzt, vor die Feiertag, noch dös Gstama, wo wir selba eah schoa so viel Kinda habn!"

Es ist schon ein Kreuz: Überall, wenn so die ersten Kinder erwartet werden, da ist die Hebamme ein Engel und hochwillkommen. Je mehr Kinder aber die Stuben füllen, umso unerwünschter ist ihr Kommen. Ganz arm war halt eine Dirn dran, die das Pech hatte, ein lediges Kind zu bekommen und dabei auf die Gnade der Bauersleut' angewiesen war.

Genau mit so einem Fall hatte ich zu tun. Arm sah es in der Kammer aus, in die ich trat, und es roch darin nicht gerade wie in einem Äpfelkammerl. Dafür strahlte die Miadl, ein großes, rotgesichtiges Weiberleut. Sie lachte mir einfältig und ohne Arglist entgegen. Da war mir gleich leichter, weil sie nicht nach der Hebamme verlangte.

Zwar etwas schwach an Geist, wies sie eine körperliche Fülle auf, über die man sich in der mageren Zeit nach dem Krieg nur wundem konnte. Ich gab ihr ein Sackerl Würfelzucker (damals eine Kostbarkeit) und ein paar Semmeln, die mir Mutter für die arme Haut eingepackt hatte und worüber sie sich herzlich freute. Dann richtete ich mir das Zeug her, das ich für die Pflege brauchte. Das warme Wasser musste ich mir aus der Küche vom Herdschiff holen. Mir kam es nicht recht sauber vor, denn nebenbei zischte und spritzte es aus verschiedenen Töpfen, in denen Getreide für Hühner und Rinder kochte. In einem kleinen Häferl, unter einer großen, braunen Blase, brodelte so eine Art Kaffee. Dass ich den später zur Jause bekommen sollte, wusste ich zum Glück noch nicht. Nach der warmen Küche kam es mir in der Kammer recht kühl vor, und ich fragte die Miadl: "Is dir nit kalt?", denn sie lag mit bloßen Armen da, nur mit einem schweren Goiter (eine mit Werg gefüllte Steppdecke) zugedeckt, auf einem Strohsack, der auf einer Seite ein Loch hatte. Sie lachte und zeigte auf eine zweite Tür. "Dö tua i auf, und nacha kimmt's warm vom Stall eina." Jetzt konnte ich mir den scharfen Geruch hier erklären. Ich war von Mutter auf diese Zustände, die aber Gott sei Dank sehr selten vorkamen, vorbereitet worden, doch nun war ich erschüttert, dass man unter solchen Umständen ein Kind bekommen konnte. Und was für ein Kind! Trotz meiner Jugend hatte ich schon viele Neugeborene gesehen, aber das Dirndl, das ich nun auf dem groben Kotzen der Mutter auswickelte, war ein Prachtkind, kugelrund und rosig glatt, gar nicht verwuzelt und greisenhaft, wie sonst die meisten sind, lag es auf seinen nassen Tüchern.

So schnell es meine nicht geübten Hände zuließen, badete ich das Wuzerl, versorgte den Nabel, der genauso gut heilte wie das Kind gedieh. Die Dirn schaute auf jeden meiner Handgriffe und plauderte ununterbrochen im harten Lungauer Dialekt, der an und für sich schwer verständlich ist, durch ihren Sprachfehler aber wie eine fremde Sprache klang, so dass ich sie oft ratlos anschaute, worüber sie nur lachen konnte.

Hoffentlich ist dieses liebe Kind mit mehr Geist gesegnet als seine arme Mutter, dachte ich und legte das Dirndl in einen mit Haferflein gefüllten Korb. Nachdem sich auch die Frau gewaschen hatte, gab ich ihr den Fiebermesser und Zellstoff.

Dann kam die Bäuerin und lud mich zur Jause ein. In der niederen Stube, die durch kleine Fenster, in denen viele Blumenstöcke standen, nur wenig erhellt war, befand sich unterm Herrgattswinkel ein großer runder Tisch. Auf dem lagen ein riesiger Brotlaib und eine halbe Kugel Butter, daneben stand ein Kaffeehäferl, das mich arg in Verlegenheit bringen sollte. "Tua fest jausnen", meinte die Bäuerin, und schnitt mir einen großen "Stuck" Brot ab. Mit einem "Bittschön" strich ich mir dick Butter aufs Brot und nahm einen großen Schluck aus dem Häferl. Gleich daraufwürgte es mich ganz fürchterlich, denn im Munde hatte ich ein gewaltiges "Trumm" Haut vom Kaffee auf dem Herd. Ich brachte doch nicht das kleinste Flinserl hinunter, und jetzt hatte ich den ganzen Mund voll davon! Die Bäuerin sah mich erstaunt an, als ich schluckte und schluckte. Gott sei Dank schrien die Kinder in der Küche recht laut, so dass sie hinaus musste. So schnell ich konnte, goss ich mit dem restlichen Kaffee die armen Blumenstöcke auf der Fensterbank.

Keine Minute zu früh, denn der Bauer und der Knecht kamen auch zum Jausnen. "Aha, die junge Hebamm', fängst ja schon früah zum Studieren an," lachte der Bauer. "I werd' koa Hebamm' " wehrte ich ab. "Ah, warum nit?", meinte er, "a Hebamm' und 's Kammblmach'n keman nia ab, weil Kinda und Läus' wird's immer geb'n. Vadeast guat und kriagst jed'n Tag dei Jausn!" Mit Schrecken dachte ich an den "guten Kaffee" und sah verstohlen nach den Blumen, die aber noch dastanden, als wäre ihnen nichts passiert. Wenn sie erst alles hängen ließen, wird die Bäuerin der Kälte die Schuld geben, hoffte ich, denn dass die Hitze sie umgebracht hatte, konnte sie doch nicht wissen. Dann verabschiedete ich mich und ging noch einmal zur Kindsmutter hinein. Dabei überlegte ich, ob ich wohl alles richtig gemacht und nichts vergessen hatte.

Um Gottes willen, ich musste ja noch nach dem Namen des Kindsvaters fragen, fiel mir ein. Das konnte ja a Gaudi werden, wenn sie schon der Mutter als Amtsperson ungern Auskunft gab, würde sie mir jungem Ding kaum etwas sagen. "Miadl, hast scho a Gotn fürs Kloane?" Das rotwangige Gesicht verfinsterte sich, und sie schüttelte den Kopf. "Du, die Hebamm' muaß zua Tauf anmeldn, wia soll's denn hoaßn?" "Wia i", kam es knapp. Also Maria. Jetzt wurde es aber kritisch. "Und wo's soll sie für an Vota einischreibn?", fragte ich vorsichtig. "Hon i da Hebamm' eah schoa dazählt", meinte sie. "Aber du hast nix Genaues g'sagt, i muaß's heut wiss'n, wegen da Tauf."

Sie schüttelte unwillig den Kopf, ich konnte ihr's ja nicht verdenken, dass ich ihr für so einen "Dischgu" (Gespräch) einfach zu jung vorkam. Was verstand denn so ein Schuldirndl schon von ein paar lichten Stunden in I ihrem bestimmt freudlosen Leben. So drehte sie sich im Bett auf die Seite I und tat, als ob sie alles nichts anginge. Was sollte ich tun? Ach was, muss halt die Taufe auf später verschoben werden.

Früher war es bei den Bauern üblich, die Kinder sobald als möglich zu taufen, denn falls ihnen etwas zustoßen sollte, kamen sie wenigstens getauft und somit als Englein in den Himmel. Das war der rettende Gedanke, wenn's auch kein himmlischer war: Vielleicht konnte gerade das Gegenteil der Miadl das Vaterschaftsgeheimnis entlocken.

Ich legte Zettel und Bleistift, die ich schon einsatzbereit gemacht hatte,_ ins Tascherl zurück und sagte erbarmungslos: "Mia ist's gleich, wenn du mx sagst, nacha kann 's Kind nit tauft werd'n und kimmtindie HÖLL!" Diese furchtbare Drohung verschreckte dem armen Weiberleut vollends die Sprache. Sie warf sich im Bett herum und murmelte etwas, wie mir vorkam, von Knöpf und Weib], so dass ich noch mehr an ihrem Geist zu zweifeln begann und ganz ratlos wurde. Ich gab also auf, sollte sich doch die Mutter wieder einmal mit ihr plagen!

Als ob dies die Miadl irgendwie gespürt hätte, sagte sie auf einmal ziemlich laut und deutlich: "Sieben Knöpfhot er g'habt am Leibl", dabei zeigte sie mir sieben Finger, und als ich sieben sagte, lachte sie erleichtert auf und deutete auf die Knöpfe ihrer Bluse.

Das sollte der Name des Vaters sein? Nicht Sepp oder Franz hieß er, einfach, sieben Knöpfhot er g'habt am Leibl?" Nichts anderes war aus der Miadl herauszubringen. Auch die Bäuerin "fratschlte" (fragte), aber die Miadl hatte dem nichts mehr hinzuzufügen, und wir konnten sie endlich in Ruhe lassen. Ich sah dann noch einmal nach dem Kind, das friedlich schlief, und gab der Miadl die Hand, worauf sie mich wieder versöhnt anlachte. Am Nachmittag kam ich hundsmüde von meinem ersten Wochenbettbesuch nach Hause. Mutter war sehr froh, dass ich alles so halbwegs gut erledigt hatte. Über die große Neuigkeit, vom Namen des Kindsvaters, war sie zu meinem Leidwesen nicht gar so erstaunt. Die Miadl hatte ihr das gleiche zwar nach der Geburt erzählt, sie hatte sie aber so schlecht verstanden und wollte sich deshalb nur vergewissern, ob sie bei diesem Namen blieb oder ob ihr ein anderer eingefallen sei. Mit diesem wohl einmaligen Vaterschaftsnachweis ging ich in den Pfarrhof, die Tauf anmelden. Der Hochwürden wird schaun, sagte die Mutter, so einen Namen hat er bestimmt noch nie in sein Väterregister eingetragen. Unser lieber Herr Pfarrer schmunzelte, als er die Geburtenanzeige durchlas, und meinte milde: "Schau, schau, ein ,Sieben-Knöpfel-Leibl-Kind' haben wir auch noch nie gehabt!" Am Tag des Heiligen Abends wurde das kugelrunde Kind getauft, und sie nannten es einfach Maria.

zwei Eheleute in festlicher Kleidung
40. Hochzeitsjubiläum der Eltern (1974)
Informationen zum Artikel:

Das Rückzug-Christkindl

Verfasst von Käthe Perner

Auf MSG publiziert im Mai 2013

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Lungau, Mariapfarr
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag gibt eine Erzählung aus der von Käthe Perner herausgegebenen Broschüre "Aus dem geheimen Hebammen-Tagebuch und Kindheitserinnerungen rund ums Gruber-Häusl" wieder.

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