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Kinderheim Wimmersdorf II Die Schule

von Stephan Pintarelli

Etwas Abwechslung kam dann, als die Schule anfing. Ich kam in die Klasse 1d neben der Kanzlei, mein Klassenvorstand war – für uns – ein Riese: 180 Zentimeter groß und so um die 130 Kilo Gewicht, mit Händen so groß wie Klodeckel. Er unterrichtete die Fächer Mathematik, Physik, Englisch, Chemie und Musik. Er hatte die Angewohnheit, Schüler mit sogenannten Kopfnüssen zu bestrafen, und ich hatte öfter die Ehre, solche von ihm zu bekommen. Die Gründe für diese Bestrafungen waren meistens unverständlich, zum Beispiel Fragen zu stellen oder etwas nicht zu verstehen oder aufs WC zu müssen. Im Unterricht zu sprechen bedeutete meistens, 10mal 40 Zeilen zu schreiben. Wurden diese am nächsten Tag nicht abgegeben, wurde die Strafe verdoppelt, also 20mal 40 Zeilen. Des Weiteren gab es auch noch 10 Zapfenrechnungen, natürlich dreistellig. Die meisten von uns schrieben die Strafen vor, um nicht in den Genuss der Verdopplungen zu kommen.

An einen Vorfall mit dem Fachlehrer kann ich mich noch sehr gut erinnern. Er fragte einen kleinen zierlichen Schüler – das weiß ich noch ganz genau – nach dem Pythagoreischen Lehrsatz.

Er stotterte, und auf einmal wurde der Schüler von hinten am Hemdkragen hochgehoben und etwa drei Minuten so gehalten. Danach gab es eine gewaltige Kopfnuss, und der Schüler war ungefähr zehn Minuten bewusstlos. Ich sagte dem Herrn Fachlehrer, dass er ein feiges Arschloch sei, und trat ihm den Sessel in die Kniekehlen, dass er strauchelte. Als Folge dieser Tat schleifte er mich in die Kanzlei, wo er mir die Nase blutig schlug, und dann habe ich die volle Wucht des Besenstiels von der Direktorin abbekommen, bis dieser brach und ich einige Tage nicht mehr sitzen konnte.

Das waren die schlimmsten Prügel, die ich in dieser Institution jemals bekommen habe, und dazu wochenlanges Strafeschreiben, dass ich die Autorität der Lehrer und Erzieher nicht zu untergraben habe. Meine Mutter wurde von diesem Vorfall telefonisch in Kenntnis gesetzt, es gab drei Monate Ausgangsverbot. Zum Glück bin ich nach meiner Entlassung diesem Lehrer nie mehr begegnet, da ich nicht weiß, wie ich reagiert hätte.

Weitere Strafmaßnahmen waren das Stehen in der Halbhocke, bis zum Umfallen: Wenn das nicht reichte, gab es auch noch Bücher auf die ausgestreckten Hände, dies dauerte auch meistens bis zum Umfallen. Zeitweise konnte diese Bestrafung über die gesamte Länge einer Unterrichtseinheit ausgedehnt werden.

Einige Anekdoten aus der Schule

Beim Musikunterricht kam der Fachlehrer manchmal mit seiner Hammond-Orgel in die Klasse und wir durften Lieder singen. Wenn jemand falsch sang oder den Text nicht konnte, artete das immer in eine Straf- und Prügelorgie aus. In der 2. und 3. Klasse waren einige im Stimmbruch, die hatten natürlich furchtbar darunter zu leiden.

Im Physikunterricht nahmen wir den absoluten Nullpunkt durch, und ich wagte es, den Herrn Fachlehrer zu fragen, ob es auch nach oben eine Temperaturgrenze gäbe. Die Antwort war sehr aufschlussreich: „Des brauchst ned wissen, du wirst eh nur Hilfshackler, du Trottel!“

Heute frage ich mich, ob er die Antwort gewusst hätte, aber ich denke nicht. Dazu hat es ihm an Intellekt gefehlt, er war einfach nur ein brutaler, dummer Schläger.

Es gab noch einige andere dieser superintelligenten Sprüche dieses Lehrers, zum Beispiel: „Eines rat’ ich dir, bade nie in H2SO4“ – nur leider hat er es nicht geschafft, die Formel von Schwefelsäure abzuleiten, das musste ihm ein Schüler erklären. Ob er das jemals verstanden hat?

Auch lustig war es, wenn er einem zum Geburtstag gratulierte. Der Fachlehrer hatte einen Händedruck, dass man in die Knie ging und meistens zu weinen begann, weil man glaubte, die Hand sei in einem Schraubstock.

Ich habe immer Bücher gelesen, um mich aus der Welt zurückzuziehen, in die ich da geraten war. Ich las Herman Hesses „Narziß und Goldmund“, doch dieses Werk wurde bei mir im Unterricht gefunden und sofort beschlagnahmt. Die Direktorin zerriss dieses Buch und ließ es mich in den Küchenofen werfen. Es war leider nicht das einzige Werk, das diesen traurigen Weg antreten musste, da Bücher verpönt waren.

Mir kam damals der Gedanke „Ich übergebe Hermann Hesse dem Feuer“ – heute weiß ich, dass die Praktiken, die in dieser Schule gelehrt und praktiziert wurden, noch aus dieser dunklen Zeit stammten.

„Was ist NaCl?“, schrie der Lehrer durch die Klasse, die Antwort kam nicht schnell genug, und schon hatte ein Schüler in der ersten Reihe die Schweinsledertasche im Gesicht. Diese Frage war an keinen bestimmten Schüler gerichtet, sondern diente nur zum Frustabbau des Lehrers.

Heftkontrolle war auch ein probates Mittel, um die karge Freizeit noch ärger zu beschneiden. Der Klassenvorstand überprüfte die Hefte aller Fächer, und wenn sie ihm nicht gefielen, wurden sie einfach zerrissen und waren bis zum nächsten Tag nachzuschreiben. Diese Arbeiten konnten manchmal bis in die Morgenstunden andauern und wurden akribisch von der Direktorin überwacht.

Geometrisches Zeichnen bestand zu 80 Prozent aus Normschriftblättern der Größe A3. Dieses Fach unterrichtete natürlich auch unser Fachlehrer sowie das Fach Schönschrift (Kurrentschrift). Seltsamerweise tauchte dieses Fach nie im Zeugnis auf, dasselbe galt für die Kurzschrift (Stenographie).

Dann gab es noch die ominösen Freigegenstände Englisch und Chor, für die ich mich nie gemeldet habe, aber trotzdem daran teilnehmen musste.

Lernstunde

Da wir auch Aufgaben von den diversen Lehrern bekommen haben, mussten wir nach dem Mittagessen wieder in die Klassen gehen, um diese zu erledigen. Diese Arbeiten wurden von den Erzieherinnen überwacht, doch dabei kam es oft zu schweren Übergriffen seitens der Erzieherinnen. Wer beim Tratschen oder Abschreiben erwischt wurde, musste seitenweise Gedichte auswendig lernen und andere sinnentleerte Tätigkeiten ausüben. Zum Beispiel das Geographie- oder Geschichtsbuch seitenweise auswendig lernen. Hatte man eine Frage zu einer Aufgabe, gab es meist die Antwort, man hätte im Unterricht aufpassen sollen. Wieder gab es Prügel ohne Ende, besonders brutal wurde es, wenn sich die Frau Direktor in ihrer Mittagsruhe gestört fühlte. Dann ist sie in ihrer ganzen Leibesfülle in die Klasse gekommen und hat die Aufsicht selbst übernommen.

Dabei ist sie durch die Reihen gegangen und wenn man einen Fehler im Heft hatte, musste man aufstehen, die Hände vorstrecken und bekam mit dem aufgestellten Lineal auf die Finger geschlagen. Wenn man wegzuckte, musste diese Prozedur wiederholt werden, ich selbst trage heute noch Narben auf meiner Hand von diesen Praktiken. Wenn man auf die Toilette musste, musste man aufzeigen und fragen, ob man austreten dürfte. Wenn man Glück hatte, hieß es, in einer Minute bist du wieder da. Diese Zeit sollte man besser nicht überschreiten, denn das bedeutete „Lineal“ oder Strafe schreiben. Zum Ende der Lernstunde wurden einzelne Schultaschen kontrolliert. Dies bedeutete, alles auszuleeren, und die anwesende Erzieherin hat alles durchgesehen.

Haben ihr Hefte nicht gefallen, wurden sie in der Mitte durchgerissen und Neuschreiben in der Kanzlei war wieder einmal angesagt. Ein Buch, das nicht in die Tasche oder ins Bankfach gehörte, wurde eingezogen. Noch schlimmer waren Comics, Bravo oder Rennbahnexpress, die waren natürlich auch verboten.

Wer mit einer solchen Zeitung erwischt wurde, musste diese in den Keller oder in die Küche zum Verbrennen bringen, bekam Prügel von der Erzieherin und meist auch noch von dem Zögling, dem sie gehörten, da diese Zeitschriften natürlich die Runde machten. Manchmal wurden Comics toleriert, manchmal nicht, es kam ganz auf die Laune des Erziehungspersonals an.

Unsere karge „Freizeit“, wenn man diese so nennen darf: Spazierengehen durchs Dorf, Sprechschluss, und wenn es gut lief, auf den Feldwegen ein bisschen frei laufen und sprechen. Wenn es schlecht lief, Zweierreihe und Finger auf den Mund. Diese Märsche dauerten im Schnitt zwischen einer und bis zu fünf Stunden, bei praller Sonne oder aber klirrender Kälte. Getränke im Sommer bei der Hitze gab es nicht, und wer austreten musste, musste warten, bis man wieder im Heim war. Es war natürlich verboten, in die Wiese bzw. an einem Baum zu urinieren. Manchmal blieb die Gruppe in Zweierreihe vor dem Gasthaus stehen und zwei Zöglinge durften für uns alle etwas kaufen, das kam aber sehr selten vor.

Kirchgang

Der Kirchgang war etwas Besonderes. Zuerst musste man das Sonntagsgewand aus dem Keller holen, das fürchterlich nach Naphthalin stank. Am Vorabend des Kirchgangs mussten wir unsere Sonntagsschuhe putzen. Zuerst wurden mit der Kotbürste die Schuhe von Dreck befreit, danach wurden sie mit Schuhpaste eingecremt. Nach zehn Minuten wurde mit der Bürste poliert, dann wieder warten, dann mit dem Tuch nachpoliert und die Schuhe zur Kontrolle hergezeigt. Hat es nicht gepasst, flog der Schuh ins Gesicht und das Ganze wurde von vorne durchgeführt.

Übrigens musste man nüchtern in die Kirche gehen! Ob es geregnet oder geschneit oder die Sonne gebrannt hat, jeden Sonntag waren so um die vier Kilometer in die Kirche zu gehen.

Da so viele Kinder unterwegs waren, war Sprechschluss an der Tagesordnung und Eiltempo angesagt. In der Kirche angelangt, mussten wir uns still auf die Bänke setzen und der Andacht lauschen und natürlich mitsingen. Wer nicht genug gesungen hat, konnte sich auf einen gewaltige Strafpredigt im Heim von der Specki und der Tante Mimi anhören. In der Kirche wurde akribisch von den Erzieherinnen das Stricherlheft geführt, denn die Sonntagsstricherln zählten doppelt – sie mussten noch am selben Tag abgestanden werden!

Nach dem Kirchgang ging es im Eiltempo wieder zurück ins Heim, wo das Frühstück auf uns wartete, meistens Kakao und eine Semmel. Wenn man Glück hatte, gab es Marmelade- oder Buttersemmeln, was auch sehr selten vorkam.

An einem dieser Kirchgänge fuhr fast ein PKW in die letzte Gruppe der Zöglinge. Die Konsequenz des Beinahe- Unfalls war, dass wir bestraft wurden, weil wir den armen Kfz-Lenker behindert hätten.

Beschäftigung in der Gruppe

Im Gruppenraum durfte nur leise gesprochen werden, da man ja sonst die Ruhe der Erzieherinnen störte. Das führte zu massiven Strafen wie Schreiben, Eckestehen oder der berühmt berüchtigten „Lippenwatschen“. Dabei wurde das Opfer unter die Achsel gespannt und mit schnellen Schlägen auf die Lippen geschlagen.

Auch gab es ein paar Spiele, wie Dame, Quartett oder Mensch-ärgere-dich-nicht, die aber zum Teil unvollständig waren.

Es gab einen großen und einen kleinen Sportplatz. Auf dem kleinen durften wir manchmal auch ohne Aufsicht Fußball oder Völkerball spielen.

Seine Größe betrug ungefähr ein Viertel eines richtigen Fußballplatzes und war mit einem hohen Bretterzaun umgeben. Er grenzte an das Nachbargrundstück, das der Tochter von der Specki gehörte. Wenn ein Ball über den Zaun flog, hatte das immer dasselbe Nachspiel: Man musste ein Bittgesuch einreichen, um den Ball zu holen. Flog er in ein Blumenbeet der Anlage, war es gelaufen, der Ball wurde eingezogen, und man musste das Blumenbeet wieder herrichten. Auf dem kleinen Sportplatz waren manchmal auch Zigaretten versteckt, um heimlich eine zu rauchen.

Eines Tages wurde der Sohn von der Tante Helga mit einigen anderen Zöglingen beim Rauchen erwischt. Darauf verständigte sie ihren Mann und alle Zöglinge mussten sich im Hof versammeln und sich im Kreis aufstellen. Der Mann verdrosch daraufhin seinen Sohn und die Zöglinge vor aller Augen, was er mit sadistischer Freude und Brutalität tat. Dieser Herr wurde auch immer geholt, wenn die Erzieherinnen des Schlagens müde waren oder der Situation nicht Herr wurden.

Eine Geschichte zu diesem Herrn gibt es noch: Die stärksten Schüler wurden auch manchmal zu Bauarbeiten herangezogen, ich gehörte einmal so einem Kommando. Ich weiß noch, dass wir ein Fundament ausschachteten und besagter Herr mit einem Gewehr auf dem Vordach stand und sagte: „Wenn jemand davonläuft, erschieße ich ihn!“

Damals dachte ich mir: Davonlaufen, ein Schuss, und das Grauen hat ein Ende! Erlösung von diesem Grauen, ich dachte des Öfteren über Suizid in dieser Anstalt nach, um Frieden zu finden.

Informationen zum Artikel:

Kinderheim Wimmersdorf II Die Schule

Verfasst von Stephan Pintarelli

Auf MSG publiziert im Juli 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Wimmersdorf
  • Zeit: .August 1976 bis .Juli 1979

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen gekürzten Ausschnitt aus einem umfangreicheren Erinnerungstext über die Zeit wieder, die der Autor im Kinderheim Wimmersdorf verbracht hat (1976-1979). Der vollständige Text ist nachzulesen unter: http://kindervernichtungsheim-wimmersdorf.blogspot.co.at/

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