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Kinderheim Wimmersdorf IV - Alltag und besondere Erlebnisse

von Stephan Pintarelli

Der Strafkatalog

Die meisten Strafen wurden kollektiv verhängt mit der Begründung „Einer für alle, alle für einen …“. Strafexerzieren, Leibesübungen, „Halbhockestehen“, kollektives Auswendiglernen, Gewaltmärsche und Bücherabschreiben. Sehr beliebt war stundenlanges Beten von Rosenkranz und Vaterunser, manchmal sogar in Latein, das Ganze kniend im Speisesaal oder auf dem Schotter im Hof:

Pater noster, qui es in caelis:
sanctificetur nomen tuum.
Adveniat regnum tuum.
Fiat voluntas tua,
sicut in caelo, et in terra.
Panem nostrum cotidianum da nobis hodie.
Et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris.
Et ne nos inducas in tentationem,
sed libera nos a malo.
Amen.

Ich kann den Schrott immer noch auswendig.

Einzelstrafen waren Prügel mit dem Lineal, Rohrstaberl, Kochlöffel und manchmal mit der Hundeleine. Stehen in Halbhocke mit Büchern auf den Händen und wie immer Schreiben und stures Auswendiglernen sowie Demütigungen vor den gesamten Zöglingen.

Ein Mitzögling hat einmal im Streit einen anderen Zögling gebissen, daraufhin musste er wochenlang mit einer „Achtung-bissig!“-Tafel um den Hals herumlaufen. Es war auch sehr beliebt, die „Goldunterhosen“ im Speisesaal herzuzeigen.

Die Zöglinge

Hier werde ich keine Namen nennen, da diese Täter von diesem Heim dazu gemacht worden sind. Einige der größeren Zöglinge zwangen die Kleinen der Gruppe 1 zu sexuellen Handlungen wie Oralverkehr, Masturbation und Analverkehr. Andere Zöglinge hoben Schutzgeld ein; man zahlte, um nicht verdroschen zu werden. Dinge, die mir selbst passiert sind, da ich nicht zur Sportlerriege gehörte und mich eher zurückzog. Ich musste öfter an gewisse Zöglinge meine Naschsachen abliefern, um nicht auch noch die Gewalt der Zöglinge zu spüren. Unter den Zöglingen herrschte das Recht des Stärkeren, oder man erkaufte sich den Schutz. Beliebt war auch das Schachern untereinander, um zu gewissen Gegenständen wie Batterien oder Heftchen/Zeitschriften zu kommen. Erwischt durfte man nicht werden, das wurde natürlich streng bestraft.

Einmal habe ich mitbekommen, dass ein älterer Zögling einen Zögling aus der Gruppe 1 vergewaltigt hat. Ich ging mit dieser Information zur nächsten Erzieherin. Diese bekam einen Wutanfall und schrie mich an: „Pintarelli, was erzählst schon wieder!“ Sie riss mich an den Haaren aus der Gruppe heraus und drosch mich über die Stiegen bis in den Keller. Dort kam auch gleich die Specki an und beide droschen wie blöd auf mich ein mit den Worten: „So etwas gibt es nicht in diesem Heim, Punkt und aus!“ Ich musste in der Kanzlei folgenden Satz 300-mal schreiben: „Ich soll keine Geschichten erfinden und nicht lügen.“

Während ich diese Strafarbeit schrieb, wurde der Zögling der Gruppe 1 befragt, doch der sagte, dass nichts vorgefallen sei. Als ich ihn ein paar Tage später dazu befragte, weinte er und sagte: „Stephan, es tut mir leid, aber der X hat gesagt, wenn ich ihn verrate, bringt er mich um. Bitte schlag mich nicht …“

Geld

Ich habe mir manchmal von zu Hause Geld mitgenommen, doch wenn das im Heim entdeckt wurde, musste ich es abgeben und bekam dafür sogenannte Sparmarken, die in ein kleines Heft eingeklebt wurden. Mir wurde gesagt, dass das Geld auf ein Sparbuch gelegt werde und ich es bekomme, wenn ich aus dem Heim austrete. Als ich diese Anstalt verließ, bekam ich weder die Bücher, welche ausnahmsweise nicht vernichtet worden waren, noch das vermeintlich angelegte Sparbuch ausgehändigt.

Ich hatte knapp 1000 Schilling in dieser Zeit angespart. Einmal pro Monat gab es Taschengeld im Heim, zehn Schilling für die Volksschüler und zwanzig für die Hauptschüler.

Post und Pakete

Einmal im Monat mussten wir Briefe nach Hause schreiben. Als ich in meinem ersten Brief meiner Mutter von den Vorkommnissen im Heim erzählte, klebte ich den Brief zu, wie ich es von ihr gelernt hatte, und brachte diesen nach vorne zum Lehrertisch, wo die Specki thronte.

„Wieso ist der Brief zugepickt“, schrie sie, und ihre Wurstfinger rissen ihn auf. Als sie ihn las, wurde ihr Gesicht knallrot (hatte die Dame etwa Hypertonie?) und ich bekam eine mit dem Lineal übers Gesicht gezogen. Sie brüllte, wieso ich solche Lügen schreibe, dann zerfetzte sie den Brief und sagte: „Setz dich hin und schreib: ‚Liebe Mutter, mir geht es gut, im Heim ist es schön und das Wetter auch’“, lauter solches Blabla.

Am Abend musste ich dann in der Kanzlei 300-mal schreiben: „Ich darf keine Lügen über das Heim erzählen, ich darf keine Lügen über das Heim schreiben“, und natürlich war wieder einmal Ausgangsverbot angesagt für drei Monate. Wenn Briefe von zu Hause kamen, wurden sie geöffnet und gelesen, und wenn der Specki nicht gefallen hat, was drinnen stand, wurden sie einfach nicht weitergeleitet – basta! Pakete wurden natürlich auch geöffnet, und der Inhalt – meistens Naschsachen, Comic-Hefte und Geld – wurde sofort eingezogen. Für das Geld wurden natürlich Sparmarken ausgegeben. Danach musste man in die Kanzlei kommen und einen Dankesbrief für das Paket schreiben (obwohl einem die Sachen gestohlen wurden).

Zwangsarbeit

Manchmal wurden wir auch zu Arbeiten herangezogen, wie zum Beispiel Pferdestall ausmisten, Wohnung putzen, Grabstein polieren, Heim putzen und Bauarbeiten. Diese Arbeiten wurden meistens in den Häusern der Töchter von der Specki durchgeführt. Wenn die Arbeit nicht zur Zufriedenheit ausgeführt wurde, gab es Schläge und Schreierei. Ich habe einige Male nach Johannisberg auf den Friedhof gehen müssen, um die Grabstelle ihres Mannes zu säubern und zu polieren. Die Begründung dafür, warum ich das tun musste, war simpel: Ich interessiere mich für Mineralien …

Wenn es geschneit hatte, durften wir die Parkplätze für die Lehrer und Erzieherinnen ausschaufeln und natürlich auch die Gehwege vor den Häusern der Töchter. Im Winter hatten auch die Wege im Hof eis- und schneefrei zu sein. Wir mussten diese Arbeiten machen und dazu wurden einige Zöglinge, auch ich, um 5.30 Uhr geweckt, damit das Lehr- und Erziehungspersonal nicht mit Schnee an den Füßen in die Anstalt kommen musste.

Ausgang/Besuch

Manchmal durften wir die Tristesse des Heims verlassen und nach Hause fahren, das war die schönste Zeit. Endlich raus aus der Prügelanstalt, ordentliches Essen und Ruhe – doch das konnte sich schnell ändern! Nicht nur ein Mal hat meine Mutter umsonst auf dem Bahnhof Hütteldorf auf mich gewartet …

Schuhe nicht geputzt – Ausgang gestrichen; Hemd nicht in der Hose – Ausgang gestrichen; zu spät vom Ausgang heimkommen bedeutete Prügel, Prügel und nochmals Prügel.

Einmal wurde ich während eines Ausgangs krank, und meine Mutter rief im Heim an und sagte, dass ich erkrankt sei. Ich blieb eine Woche zu Hause und meine Mutter brachte mich mit dem Auto zurück ins Heim. Specki begrüßte uns freundlich wie immer und erzählte meiner Mutter, wie brav ich nicht sei. Kaum war meine Mutter weg, begann die „liebliche Stimme“ der Specki durch das ganze Haus zu brüllen: „P., in die Kanzlei!“

Ich begab mich auf schnellstem Wege in selbige, dann hieß es: „Streck die Hände aus!“, und schon knallte der Kochlöffel auf meine Finger. Dabei splitterte der Kochlöffel und ich blutete an der Hand. Diese Narben sind heute noch sichtbar: „Du hast nicht krank zu werden, wenn du Schule hast. Jetzt schreibst einen Aufsatz, wieso’st nicht krank werden darfst!“

Manchmal besuchte mich meine Mutter oder Tante in dieser Anstalt, meistens sonntags. Es kam auf das Ermessen der Specki an, ob wir das Heimgelände verlassen durften oder ob wir spazieren gehen konnten. Meistens durfte ich das Heim nicht verlassen.

Davongelaufen

Einige der Zöglinge sind während der Spaziergänge davongelaufen, woraufhin die Schuhe eingezogen wurden und wir nur mehr in Holzschlapfen rausdurften. Damit kann man nicht so leicht abhauen, meinte die Specki. Einigen Zöglingen gelang die Flucht durch die Schlafsäle, sie haben sich mit Bettlaken abgeseilt, meistens aus dem zweiten Stock. Alle wurden wieder erwischt und zurückgebracht, mit der Folge, dass alle aus dem Schlafsaal der „Ausbrecher“ Strafe schreiben und stundenlang strafexerzieren mussten. Wir hätten ja alle davon gewusst haben müssen, doch wir haben das maximal vermutet. Wenn wir sie verraten hätten, hätte uns das Pluspunkte eingebracht. Meist waren die Flüchtigen eingeschworene Cliquen.

Ich selbst habe auch einmal eine Flucht gewagt, bin über das Dach abgestiegen und davongelaufen. Ich bin bis Sieghartskirchen gekommen, wo mich die Gendarmerie erwischt hat. „Ah, homma wieda amoi an von de Vabrecha aus Wimmersdurf dawischt!“ Ich wurde in den VW-Bus verfrachtet und auf die Wachstube gebracht, wo ich Anzeige wegen Kindesmisshandlung erstattete und meine Geschichte erzählte.

„Du verlogna Bongat, dir wer mas zagn – solche Liagn verbreiten, durt gehts eich eh vüü z’guat“ – und der alte Gendarm drosch mich mit einem Telefonbuch bewusstlos. Als ich wieder aufwachte, brüllten die beiden Gendarmen: „Wennst no amoi so an Bledsinn dazöhst, dann wirst uns kennalernan, des wor no gor nix!“

Der Alte riss das Papier aus der Schreibmaschine und zerriss meine Anzeige. Danach wurde ich in den Bus gesetzt und zurück nach Wimmersdorf gebracht, wo ich schon erwartet wurde. „Do hobts den Bongat wieda und passts besser auf, dass er net wieda oposcht! Und wissts eh, der hot dazöht, dass a g'haut wird, des valogene Gsindl. An scheen Abend no!"

Wir betraten das Heim durch die Garage, wo Herr L. einen Teppichklopfer aus dem Hosenbund zog und mich nach Strich und Faden verdrosch. Das Geschrei der beiden Furien habe ich bis heute nicht aus meinem Kopf bekommen. Danach ging’s ins Erdgeschoß, wo schon der gesamte Schlafsaal am Gang in Halbhocke stand. Specki brüllte, dass sie jetzt ins Bett gehen könnten.

In ihrer Kanzlei musste ich in der Ecke auf einem runden Holzscheit knien bis 7.00 Uhr in der Früh. Danach ab in den Waschraum, wo mir die Erzieherin ein paar Ohrfeigen zur Begrüßung gab und die „freudige Nachricht“ überbrachte, dass ich mich schon auf was gefasst machen könnte, wenn ich in die Gruppe komme. Frühstück gab es natürlich keines, und dann ab in die Klasse.

Nach dem Unterricht wieder in die Kanzlei zum Aufsatzschreiben (15 Seiten, warum ich diese „schöne“ Einrichtung nicht zu verlassen habe) und wieder mit dem Rohrstaberl zehn auf jede Hand. Als die Strafaktion beendet war, musste ich in die Gruppe, wo mich die nächsten Prügel erwarteten. „P., nimm die Brille runter!“, und die Faust traf mich schon wieder mehrmals ins Gesicht. Danach durfte ich in der Ecke stehen bis zum Schlafengehen, doch ich konnte fast eine Woche nicht schlafen wegen der Schmerzen, die ich hatte.

Einige Erlebnisse

Im Winter fiel die Heizung öfter aus, an den Fenstern hing dickes Eis und im oberen Waschraum waren die Leitungen eingefroren. Es war so kalt, dass die Bettwäsche gefroren war. Wir mussten mit nackten Oberkörpern in den Waschraum. Da kein Wasser aus der Leitung kam, mussten wir mit Kübeln Wasser aus der Küche holen und uns waschen. Das war zur Abhärtung - und hämisches Grinsen seitens der Erzieherinnen, wenn wir vor Kälte schlotterten …

Zum Muttertag mussten wir alle eine Karte mit Blumen malen und der Specki überreichen, weil sie sich ja als unsere Heimmutter bezeichnete. Einige hatten dann auch noch die Ehre, ein Gedicht aufzusagen, welches mit einem Lächeln belohnt wurde. „Sehts, alle Kinder haben mich ja so lieb.“

In der Umgebung von Wimmersdorf gab es einen Bach, der von einer Brücke überspannt war. Dort durften wir manchmal im Sommer planschen. Wir trugen Holzschlapfen und kurze Hosen. Tante Barbara brüllte: „Wenn jemand die Hose nass macht, der kann was erleben!“

Wie so oft, musste ich wieder Strafe stehen, da ich einige Stricherln hatte. Nach 30 Minuten durfte ich runter zum Bach, doch ich rutschte aus und fiel ins Wasser. Natürlich wurde meine Hose dabei nass. Barbara riss einen Zweig von einem Strauch und begann, wie wild auf mich einzuprügeln. Dabei rutschte sie selber aus und schlug sich das Knie auf. Sie brüllte: „Alle rauf zum Weg, in Zweierreihe aufstellen, Finger auf den Mund und wenn einer lacht, dann schlag ich euch alle windelweich!“ Alle Kinder liefen schweigend hinauf und stellten sich auf. Drei Stunden später traten wir den Heimweg an, natürlich schweigend. Nach drei Stunden in der prallen Sonne hatten natürlich einige Zöglinge Sonnenbrand. Tante Barbara meinte sarkastisch: „Hättets euch besser benommen, bedankts euch beim P., dann wäre das nicht passiert.“ An diesem Abend wurde ich von den Zöglingen im Schlafsaal verprügelt, da sie mir die Schuld an diesem verpatzten Nachmittag gaben.

Zur Weihnachtszeit mussten wir ein Krippenspiel einstudieren. Die Irxen kam in die Klasse, als wir Aufgabe machten und sagte, dass sie Freiwillige brauche, die beim Krippenspiel mitmachten. Einige meldeten sich, da es aber zu wenige waren, rief sie Namen jener auf, die noch mitspielen mussten.

Wir probten am Abend im kleinen Speisesaal unter der Aufsicht von der Specki. Sie schrie immer nur herum, wenn jemand Textfehler oder die Einsätze zu spät oder zu früh kamen. Einen Satz habe ich noch immer im Ohr: „Pitorelli, du spielst ja eh nur den Ochsen, für was anderes bist eh net zu gebrauchen.“ Kurz vor Weihnachten durften wir das Stück vor fremden Leuten aufführen, um vor der Dorfbevölkerung gut dazustehen.

Eines schönen Tages stürzte die Specki im Stiegenhaus und schlug mit ihrer gesamten Masse auf den Boden. Tante Erika stürzte aus der Kanzlei und brüllte zwei Zöglinge an, ihre Mutter aufzuheben. Diese taten das unbeholfen, da sie Specki so schwer war. Ich lachte über die Tollpatschigkeit, und dass sie nicht einmal mehr selber aufstehen konnte. Als sie stand, ging sie wortlos in die Kanzlei, holte einen Teppichklopfer und begann, wie wild auf mich einzudreschen, weil ich sie ausgelacht habe. Nach der Prügelorgie durfte ich wieder einmal stundenlang sinnlose Texte abschreiben.

Heimkontrollen durch das Jugendamt

Es gab auch Kontrollen von der Stadt Wien in diesem Heim, die einen sehr interessanten Ablauf hatten. Im Speisesaal wurde uns mittags verkündet, dass am nächsten Tag gegen 12.00 Uhr jemand vorbeikommt, um das Heim zu besichtigen. „Wenn jemand aus der Reihe tanzt oder mit den Leuten spricht, werdets mich erst richtig kennenlernen. Wenns was gefragt werdets, dann sagts, dass es euch gut geht und das alles in Ordnung ist. Wenn jemand was anderes sagt, dürfts drei Wochen nicht nach Hause fahren und ihr kommts nach Eggenburg oder Kaiserebersdorf und dort werdets erst erleben, was Heim heißt. Dort werden s’ euch die Wadeln schon fiererichten! Am Abend werden die Betten neu gemacht und frisches Gewand ausgefasst. Und jetzt proben wir noch ein Lied.“

Am folgenden Tag wurde der Unterricht stark gekürzt, und das Heim wurde von oben bis unten geputzt - natürlich von uns Zöglingen! Das Essen was ausnahmsweise gut, weil die Gäste ja auch vom Heimfraß probieren sollten. Die Gäste trafen ein, die Specki betrat den Speisesaal und alle sprangen auf und sagten: „Mahlzeit, Frau Direktor!“ Die Gäste stellten sich vor, Herr Dr. Sowieso, Gemeinde Wien, Frau Mag. Sowieso, Jugendamt. Die zweite Dame hatte die Funktion der Protokollführung. Die Kommission nahm Platz, das Essen wurde gereicht und natürlich für gut befunden. Nach dem Essen mussten wir alle im Hof, in Gruppen getrennt, in Zweierreihe antreten und wurden leise nochmals gewarnt, ja keinen Blödsinn zu machen.

Danach schritt die Kommission die Reihen ab und stellte vereinzelt Fragen. „Wie geht‘s euch?“ „Wie gefällt es euch hier?“ „Werdet ihr eh gut behandelt?“ Die Specki und die gesamte Erzieherschaft folgten der Kommission auf Schritt und Tritt. Die Antworten der Zöglinge waren natürlich alle positiv. Danach wurde der Rest des Heims besichtigt, wir durften unser Lied singen und dann gab es Gugelhupf mit Kakao. Die Kommission meinte, dies sei ein vorbildliches Heim und verschwand. Specki sagte: „Gut gemacht, seids froh, dass die nix gefunden haben, sonst kommats alle nach Eggenburg oder Kaiserebersdorf.“ Am nächsten Tag gab es Milchnudeln und altes Brot, denn man musste ja die Kosten vom Vortag wieder einbringen.

Als ich meiner Mutter vom Heim erzählte

Ich habe meiner Mutter mehrmals von den Übergriffen im Heim erzählt. Am Anfang hat sie mir nicht geglaubt, aber als ich einmal einen Freund mit nach Hause genommen hab, hat er bestätigt, dass es im Heim nur Prügel gab. Meine Mutter brachte mich mit dem Auto nach Wimmersdorf, um die Specki mit den Vorwürfen zu konfrontieren. Specki stritt natürlich alles ab und meinte, das wäre jugendliche Phantasie, da ich viel lese.

Meine Mutter glaubte ihr, da sie sehr liebevoll und verständnisvoll über mich sprach. Natürlich hielt mich Mutter danach für einen Lügner und machte sich auf den Heimweg nach Wien.

Die Folge meines Handelns waren wieder einmal Prügel und Strafe schreiben.

Erst als 1982 ein Artikel im Nachrichtenmagazin „profil“ erschien, den ich meiner Mutter zum Lesen gab, ist es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen.

Informationen zum Artikel:

Kinderheim Wimmersdorf IV - Alltag und besondere Erlebnisse

Verfasst von Stephan Pintarelli

Auf MSG publiziert im Juli 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel, Wimmersdorf
  • Zeit: 1970er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Ausschnitt aus einem umfangreicheren Erinnerungstext des Autors wieder. Ausführlichere Informationen zur Thematik finden sich unter: http://kindervernichtungsheim-wimmersdorf.blogspot.co.at/

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