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Kinderheim Wimmersdorf V - Nachwirkungen

von Stephan Pintarelli

Schäden und Auswirkungen auf mein gesamtes Leben

In diesem Heim wurde mir das gesamte Vertrauen zu anderen Menschen zerstört. Ich konnte früher sehr gut mit Menschen umgehen und es störte mich auch nicht, wenn Menschen um mich herum waren. Heute kann ich es nicht ertragen, wenn in Einkaufszentren oder auf der Straße mir Menschen näher als zwei Meter kommen. Ich habe mich in mich zurückgezogen, hatte schwere Depressionen und bin ein Einzelgänger geworden. Ich zucke heute noch zusammen, wenn mir jemand ins Gesicht greift, auch bei Menschen, die mir nahe stehen.

Durch die mangelhafte Bildung konnte ich auch nicht den Beruf ergreifen, den ich wollte. Ich hätte gerne Technik oder etwas Naturwissenschaftliches studiert. Der Aufenthalt in der Kindervernichtungsanstalt hat auch sehr negative Auswirkungen auf mein Körpergewicht.

Ich spreche und schreibe erst über meine traumatischen Erlebnisse, seit ich einige Exzöglinge wiedergetroffen habe, die mich zu diesem Schritt ermutigt haben.

Versuche, das Erlebte öffentlich zu machen

Im Jahre 1982 (Erscheinen des „profil“-Artikels) habe ich mich an die Behörden in Sieghartskirchen gewandt, um meine rechtlichen Möglichkeiten abzuklären. Die Gendarmerie gab mir damals zur Antwort, dass ich sowieso nichts machen könne, da die Familie sicher nichts mit den Quälereien zu tun hätte. Die Verleumdungsklage des Heimes würde ich mir nicht leisten können, und dass die Personen, die den „profil“-Artikel veröffentlicht haben, sowieso nur Verbrecher wären und schon ein Haftbefehl gegen diese liefe. Es wäre also besser für mich zu schweigen, was ich dann auch tat.

Ich fragte dann bei der Kinderfürsorge im 12. Bezirk nach, wo ich die Auskunft bekam, dass dieses Heim oft überprüft worden war und es nie Vorwürfe gegeben habe. Es sei also besser, den Mund zu halten, da ich die Kosten eines Prozesses sowieso nicht bezahlen könne.

Heute braucht mir niemand erzählen, dass alles verjährt sei! Man hat uns nie zugehört und wenn man zu reden versucht hat, wurde nur abgewunken mit der Begründung, dass es nie was gegeben hätte und alles Lügen sind. Wie sollte man damals zu seinem Recht kommen - weder die Gendarmerie noch die Fürsorge haben etwas getan, sondern mich zum Schweigen verurteilt.

Besuch einige Jahre danach

1986 bin ich zufällig nach Wimmersdorf gefahren, um etwas bei einer Firma abzuliefern. Ich sah das Heim und eine Dunkelheit durchzog meinen Geist, Kälte stieg in meine Glieder und ich fühlte mich wieder wie ein Kind. Auf dem Rückweg ging ich in das Gasthaus dieser Ortschaft und sprach dort mit den Dorfbewohnern. Auf die Frage, warum sie nie etwas gegen das Heim unternommen haben, da sie ja von den Misshandlungen wussten, kam eine höchst interessante Antwort:

Die Specki hat im Ort verbreitet, dass alle Zöglinge schwerstkriminelle Jugendliche aus Wien seien. Danach fuhr ich zum Heim, wo inzwischen eine Hundezuchtanstalt untergebracht war. Die Besitzer informierten mich, dass Frau S. jetzt im Nebenhaus wohne.

Als ich dort anläutete, öffnete Tante Erika das Fenster im ersten Stock. Ich begrüßte sie und fragte sie nach ihrer Mutter. Sie drehte sich um und die Specki kam mit ihrer ganzen Leibesfülle ans Fenster und ich fragte nach ihrem Befinden. Sie erzählte mir, dass sie sich so kränke, weil das Heim geschlossen wurde und dass solche Lügen über das Heim verbreitet wurden.

Ich sagte ihr, dass dies keine Lügen seien und dass die Kinder dort sehr wohl misshandelt wurden. „P., erzähl keine Lügengeschichten, ihr habts es immer gut gehabt bei mir!“ – ich antwortete darauf nicht und ging wortlos davon.

Was aus mir wurde

Nach dem Heim begann ich eine Lehre als Hafner, welche ich aufgrund einer Allergie gegen Zement abbrechen musste. Danach begann ich eine Lehre als Elektriker, die ich abschloss. Ich arbeitete einige Jahre als Kühlmaschinentechniker, bis die Firma in Konkurs ging. Ein Jahr arbeitete ich im Safaripark Gänserndorf und machte Weiterbildung in EDV-Technik. Durch meine mangelnde Kommunikationsbereitschaft wechselte ich oft die Firmen, machte den LKW-Führerschein und fuhr durch Europa. Endlich fühlte ich mich nicht mehr eingeengt.

Beziehungen zu Frauen hatte ich nur wenige, die meisten zerbrachen nach kurzer Zeit wegen meiner Unfähigkeit, Gefühle und Liebe auszudrücken. Durch die Erziehung in dieser Anstalt habe ich auch jegliches Mitgefühl gegenüber meiner Umwelt verloren.

Jetzt, mit 47 Jahren, beginne ich, das Ganze aufzuarbeiten. Durch den zufälligen Kontakt zu anderen Leidensgenossen aus dieser Anstalt sah ich mich gezwungen, mich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen. Leider muss ich feststellen, dass wir noch immer als Lügner und „Wadlbeißer“ hingestellt werden.

Ein Beispiel dazu: Der Bürgermeister von Asperhofen im Jahr 2011

Wir, Ernst, Rudi und ich, sind am 12.12.2011 um 17.00 Uhr beim Bürgermeister von Asperhofen vorstellig geworden, um einige Dinge über das Kinderheim Wimmersdorf zu erfragen. Wir wurden von der Sekretärin ins Besprechungszimmer geleitet.

Rudi fragte den Bürgermeister, ob er Informationen zum Heim hätte und ob er uns diese überlassen würde, da wir ein Buch über das Heim Wimmersdorf schreiben und unsere Vergangenheit aufarbeiten wollen.

Antwort des Bürgermeisters: „Was wollt‘s wissen?“

Ich antwortete darauf, dass wir Namen von Erzieherinnen und anderem Personal haben wollten und ob er sich an die Zustände in diesem Heim erinnere, und ob es noch Akten gäbe.

Bürgermeister: „Wissen S’, die Gemeinden wurden interimsmäßig zusammengelegt und mir ist im Keller nichts untergekommen. Wendet euch an die Opferschutzkommission in Wien, nehmts euer Geld und seids ruhig!“

Dieser Satz hat uns sehr getroffen und ich antwortete darauf, dass wir unser Geld schon bekommen hätten und dass wir Gerechtigkeit fordern (ich hatte mein Geld noch nicht, aber dafür schon eingereicht).

Er meinte, dass wir Ruhe geben sollten, denn diese Leute haben ja schließlich Kinder und sind alt; und ob wir Vergeltung wollten und warum wir diese Leute nicht direkt selbst befragten.

Ich antwortete darauf, dass das keine gute Idee sei, da sie ja die Täter wären.

Rudi erzählte dem Bürgermeister die Geschichte von Fred, als er beim Rauchen erwischt wurde und vor allen Zöglingen des Heimes geschlagen wurde und dass Herr L. als Verstärkung geholt wurde, wenn es die Erzieherinnen mit den Schlägen nicht mehr geschafft haben.

Ich erzählte auch noch von der NS-Vergangenheit des Kinderheims Wimmersdorf.

Antwort Bürgermeister: „Das kann ich mir nicht vorstellen, da ich mit einigen Zöglingen in die Schule gegangen bin und diese niemals von Übergriffen berichtet haben.“

Weiters nahm er die Täter in Schutz mit den Worten: „… und außerdem, wir leben im 21. Jahrhundert, Mord kann nicht mit Mord vergolten werden, und Gewalt kann nicht mit Gewalt vergolten werden (meinte er damit, dass wir Gewalt gegen die ehemaligen Peiniger ausüben wollten?)

Darauf erwiderte Rudi, dass wir die Opfer seien und nicht die Täter und was das Alter mit den Anschuldigungen zu tun haben sollte.

Antwort Bürgermeister: „Das ist lange her, wendet euch nach Wien an die Opferschutzkommission“, und das in einem Ton, der mir wieder einmal bestätigte: Heimkind ist gleich Verbrecher und Lügner.

Medizinische Aussagen

Mein Onkel war Direktor einer Volksschule in Niederösterreich und er meinte zu meiner Mutter, dass ich verhaltensauffällig und altklug sei. Er überredete sie, mich im AKH testen zu lassen. Den Test führte ein bekannter Kinder- und Jugendpsychiater durch: Es kam heraus, dass ich hochbegabt in naturwissenschaftlichen, mathematischen und technischen Fächern sei. Zu meinem Deutsch-Defizit, das ich bis heute habe, meinte er, ich würde sicher ein guter Wissenschaftler werden und dass man als solcher Sekretärinnen für die Schreibarbeiten hätte. Mein IQ war 205, da stünden mir alle Wege offen.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei allen beteiligten Personen des Heims Wimmersdorf sowie dem Jugendamt für die Zerstörung meines Lebens und meiner Zukunft!

Gruppe

Wir sind heute eine Gruppe von einigen Leuten, die sich öfter treffen, um unsere Heimgeschichten aufzuarbeiten. Diese Menschen helfen mir sehr, das Erlebte zu verarbeiten, da sie dasselbe erlebt haben. Wir sind schon einige Male nach Wimmersdorf gefahren und haben Fotos gemacht und wir sind auch in Kontakt mit einigen Leuten aus der näheren Umgebung. Viele dieser Menschen haben Mitleid mit uns und beginnen, Geschichten aus der Vergangenheit zu erzählen. Es zeichnet sich ein grausiges Bild des Kinderheims Wimmersdorf ab! Wir haben eine eigene Webseite, einen Verein und einen Blog ins Leben gerufen, um den Opfern dieser Zeit zu helfen.

Informationen zum Artikel:

Kinderheim Wimmersdorf V - Nachwirkungen

Verfasst von Stephan Pintarelli

Auf MSG publiziert im August 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Mostviertel / Wien
  • Zeit: 1980er Jahre, 1990er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen gekürzten Ausschnitt aus einem umfangreicheren Erinnerungstext wieder. Ausführlichere Informationen zur Thematik finden sich unter: http://kindervernichtungsheim-wimmersdorf.blogspot.co.at/

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