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Das Ziel war Senigallia

von Gabriele Stöckl

Im Jahr 1955, ich war elf Jahre alt, sah ich zum ersten Mal das Meer. Nachdem mich mein Vater ein Jahr zuvor bei einer Fahrt Kärnten-Salzburg-Oberösterreich für „motorradtauglich“ befunden hatte, durfte ich mit ihm nach Italien fahren. Das erste Mal ans Meer!

Meine Mutter und mein fünfjähriger Bruder fuhren mit der Eisenbahn. Das Ziel war Senigallia. (1956 fuhren wir dann schon gemeinsam in ein Zeltlager nach Grado. Mutti auf dem Soziussitz, mein Bruder und ich im Beiwagen.)

Da ich die Ferien bei meinen Eltern in Lavamünd verbrachte, ging die Fahrt mit Vater auf der Solomaschine an einem frühen Nachmittag los. Wir waren auf einer schön ausgebauten Straße knapp vor Völkermarkt, als mein Vater plötzlich in Schlangenlinie fuhr. Ich klammerte mich an ihn, bis wir standen. Was war los?

„Wir haben einen Patschen“, erklärte mir mein Vater. Das Hinterrad war platt. Zum Glück hatte es damals noch wenig Verkehr gegeben, doch waren wir froh, dass ein Lieferwagen daherkam. Der Fahrer nahm meinen Vater mit dem abmontierten Rad mit. Ich blieb beim Motorrad und Koffer. Kaum ein Fahrzeug fuhr vorbei. Nach einiger Zeit kam mein Vater zurück und montierte das Rad. Ein Nagel hatte einen langen Riss im Schlauch hinterlassen.

„Ein ganz neuer Reifen - das passiert nicht wieder“, tröstete er mich. Ich war beruhigt. Flott ging es weiter und gegen Abend kamen wir nach Arnoldstein, wo wir übernachteten. Wie freute ich mich. Morgen geht es über die Grenze! Früh aufgestanden, los nach Thörl-Maglern und Italien, entlang der Standeln in Tarvisio. Dann die Strecke im Kanaltal, entlang des Tagliamento, doch im breiten Flussbett kaum Wasser, nur weiße Steine. Danach kam eine kurvenreiche Strecke. Es hatte leicht zu regnen begonnen. Auf einmal blieb mein Vater stehen. Pause? Nein, wir hatten wieder einen Platten! Diesmal hatte ich nichts bemerkt, denn Vater war langsamer gefahren. Wie er diesen neuerlichen Platten wieder hinbrachte, weiß ich nicht mehr. Irgendwann fuhren wir weiter. Nur keinen Patschen mehr! Meine Bitte ist erhört worden. Wir kamen wohlbehalten nach Mestre, wo wir in einem sauberen Haus bei einem netten Ehepaar Quartier bezogen.

Am nächsten Tag sollte es nach Venedig gehen. Venedig! Mir gefiel die Stadt sofort, und es stank überhaupt nicht. Auf dem Markusplatz die vielen Tauben, die mich belagerten, als sie mein Futtersackerl bemerkt hatten.

Mädchen umringt von Tauben auf dem Markusplatz in Venedig

Wir bestiegen den Campanile, fuhren mit einem Vaporetto nach Murano, um den Glasbläsern zuzusehen. Nicht nur für mich Elfjährige faszinierend. Natürlich fuhren Vater und ich auch zum Friedhof, der ebenfalls auf einer Insel liegt und wo Glasblumen die Gräber schmücken.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von dem freundlichen Ehepaar. Es war wieder sonnig. Die Straßen in Italien waren damals schon asphaltiert, nicht staubig. Ich saß auf dem Soziussitz und Vater fuhr zügig dahin. Einen luftigen Leibrock an, mein Outfit, ein Ballonseidenkapperl und die Motorradbrille „schützten“ meinen Kopf und die Augen. Wie es so schön dahinging, schloss ich die Augen. Da hörte ich Musik, als ob ein Riesenorchester über uns im Himmel spielen würde. Kaum öffnete ich die Augen, war die Musik weg. So machte ich die Augen schnell wieder zu, konnte wieder der Musik lauschen. Unbeschreiblich. Bei der nächsten Rast erzählte ich es begeistert meinem Vater. Heute noch sehe ich sein entsetztes Gesicht und höre ihn sagen: „Kind, dass du mir das nimmer machst! Du schläfst ein und fallst mir vom Motorrad.“ Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Ich hatte keinen Schlaf. Daher konnte ich nicht widerstehen, auf der Weiterfahrt kurz die Augen zu schließen. Doch dachte ich an Vaters Mahnung und öffnete sie immer wieder schnell. Schweren Herzens musste ich auf die wundervolle Musik verzichten. Wer kann mir sagen, was und wieso ich das hörte?

In Cervia sah ich zum ersten Mal das weite Meer und den Sandstrand. Das ist also das Ziel der Sehnsucht. Doch wir mussten vorerst an unser Ziel Senigallia, wo meine Mutter und mein Bruder bereits angekommen waren und uns erwarteten.

Eine ganze Zeltstadt war aufgebaut, das heißt Bungalowzelte. Im geräumigen Zelt standen Feldbetten, ein Spind, Tisch und Klappsesseln.

mehrere Zelte, eine Frau lesend und ein Mädchen im Liegestuhl

Mein Bruder, der fiebrig geworden war, musste sogleich ins Bett. Ein Arzt kam und gab ihm Medizin. Zwischen Innen- und Außenzelt war ein schmaler Gang. Wenn mein Bruder sein „Geschäft“ machen musste, grub mein Vater mit einem mitgebrachten Spaten eine tiefere Grube in den Sand und nachher zu. Die Klosetts befanden sich am Ende des Zeltplatzes, und das war ein weiter Weg. Viel zu weit für den kleinen Patienten, denn unser Zelt befand sich gleich beim Eingang. Wenn ich mich an die „Sanitäranlagen“ erinnere …, brrr!

Wie die heutigen Festzelte waren die Essenszelte und die Küche, schräg vis-à-vis von unserer Unterkunft. Es gab vier Mahlzeiten, im Vergleich zu heute karg, aber man wurde satt. Zum Frühstück weiße Weckerl mit etwas Butter und Marmelade. Mittags immer Paradeissuppe, von der ich „poco“ (wenig) verlangte. Was es danach gab, hätte ich wie später aufschreiben sollen. Ich erinnere mich nur, dass mir am besten die kleinen Fischerln schmeckten.  Nach dem Essen durften mein Bruder und ich uns jeden Tag ein Eis kaufen. Das Eis zwischen zwei dünnen Lebkuchen war von mir heiß begehrt. Zur Jause gab es Tee mit vier trockenen Keksen, wie die heutigen Leibniz-Kekse. Abendessen war kalt. Ich glaube, es gab auch Mortadella, die ich nicht kannte. Mein Bruder wurde mit einer Chiantiflasche in die Küche geschickt, um Wasser zu holen. „Du sagst ‚prego aqua’ und dann ‚grazie’“, trug ihm Vati auf. „Prego quaqua“, lachte der Kleine. Die volle Flasche war ganz schön schwer für den Buben, da erbarmte sich eine Küchenmaid und trug ihm die gefüllte Flasche bis fast vor unser Zelt.

Bub mit Sombrero trinkt aus einer bauchigen Flasche

Der Strand war über die Straße. Die erste Begegnung mit dem Meer. „So salzig wie Muttis Suppe“, die Feststellung meines wieder gesunden Bruders. Es war herrlich, besonders die Wellen. Die vielen Krabben begeisterten Mutti und mich weniger, so dass wir mit Badeschuhen ins Wasser gingen. In Grado erlebte ich später, wie zwei Italiener die Krabben fingen, sie in den Mund steckten, aussogen und die "Panzer" ins Meer zurückwarfen.

Ich lernte Ebbe und Flut kennen. Und einmal hat die Ebbe meinen schönen, großen Wasserball hinausgezogen. Keiner von uns konnte ihn mehr erreichen. Das sah ein italienischer Bursch und hat mir den Ausreißer mit einem Boot zurückgeholt.

Einmal fuhren wir mit einem Tretboot weiter aufs Meer hinaus. Mein Vater hatte die Filmkamera (9-Milimeter) mit. Er wollte uns filmen und versuchte nach hinten zu steigen. Beinahe wäre das Tretboot umgekippt. Das war ein Schreck!

zwei Kinder mit einer Frau in Badekleidung auf einem Boot

Mädchen in Badeanzug mit großem Schwimmreifen am Strand

Mit Vati schwamm ich weit hinaus, zur Sicherung hatte ich einen Fahrradschlauch mit. Mein Vater tauchte. Hier müssen einige Sterne ins Meer gefallen sein, denn es gab viele Seesterne. Einige tauchte mein Vater heraus und wir trockneten sie auf dem Zeltdach. Nach den TV-Sendungen über die Meeresunterwelt würde ich keinen Seestern und kein Seepferdchen, die entzückend sind, mehr trocknen. In der Stadt Senigallia stand/steht ein Seepferdchen-Brunnen.

eine Frau, ein Bub und ein Mädchen schauen auf Burggemäuer

In der Burg besuchten wir auch eine umfangreiche Puppenausstellung, gingen auf den Markt, wo frische Feigen lockten. Ich hatte noch nie welche gegessen. Mein Vater hatte ein Reclam-Büchlein für Italienreisende mit. „Du musst sagen ‚mezzo kilo figi’“, lehrte mich Vati, und tatsächlich, der Händler verstand mich. Ein Unterkleid hatte mir ins Auge gestochen. So etwas hatte ich in Wien noch nie und schon gar nicht in Lavamünd gesehen. Ich durfte es haben und auch noch eine Bluse. Dann bekam mein Bruder einen Sombrero und ich einen Strohhut. (Ich habe die damals hoch in Mode gekommene Fischerhose an.)

Bub und Mädchen mit Strohhüten am Strand

Mein Vater handelte bei jedem Kauf. Ganz besonders bei den Händlern am Strand. Sie verkauften Strick- und Lederimitatjacken.

Am Strand bauten wir eine Sandburg und mein Vater war bildhauerisch tätig. Er „baute“ einen Schäferhund und eine Katze. Mein Bruder wünschte sich einen Seehund aus Sand, den er bekam. Die Tiere wurden von einigen Leuten fotografiert.

Bub mit Sombrero vor einem Seehund aus Sand mit Ball auf der Nase auf einem Sandstrand

Ein Besuch eines Kriegsschiffs war einen Tag im Programm und meine Eltern machten einen Ausflug nach San Marino. Mein Bruder und ich blieben bei einem Ehepaar mit Tochter im Alter meines Bruders. Eine Urlaubsbekanntschaft. Mit mir machte Vater dann einen Ausflug nach dem nahen Ancona.

Die Zeit war im Nu verflogen, und es hieß packen. Die „Schmuggelware“ kam in unseren Koffer auf dem Motorrad. Vater meinte, wenn wir Pech haben, muss er den Koffer öffnen. An der Grenze hatte ich ganz schön Herzklopfen, doch wir kamen ohne Kontrolle durch den Zoll. Aber noch waren wir in Italien und nächtigten wieder in Mestre bei dem netten Ehepaar. Auf der Heimfahrt machten wir auch einen Abstecher nach Ravenna, wo mir mein Vater Theoderichs Mausoleum zeigte. Die Mosaike konnten wir leider nicht ansehen.

Und dann waren wir wieder in Kärnten, Richtung Lavamünd, ohne Panne. Ich glaube, meine Mutter und mein Bruder waren bereits zu Hause angekommen. Hier war Großmutter, die das Haus gehütet hatte, der es so viel zu erzählen gab. Wie ein wunderschöner Traum war der Italienurlaub für mich gewesen, aus dem ich erwachte, als Vati sagte, er habe den Satz Filter – für Fotoapparat oder Filmkamera – im Quartier in Mestre vergessen und er müsse nochmals die Strecke hin und zurück fahren. Großmutter und Mutter waren darüber in großer Sorge und steckten mich an. Ich hatte eine komplette Sammlung von Bazooka-Schauspielerbildern von 1–100, die ich mir mühsam gesammelt hatte. Diese schenkte ich einem Kind aus der Siedlung, das die Sammlung brennend interessierte - mit der stillen Bitte, dass für dieses Opfer Vati wieder gut zurückkommt. Er kam wohlbehalten an, und ich konnte wieder beruhigt von meinem ersten Italienurlaub weiterträumen.

Informationen zum Artikel:

Das Ziel war Senigallia

Verfasst von Gabriele Stöckl

Auf MSG publiziert im Oktober 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Kärnten, Unterkärnten, Lavamünd u.a. / Italien, Kanaltal, Venedig, Senigallia u.a.
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag entstand in Zusammenhang mit dem lebensgeschichtlichen Gesprächskreis "Wegfahren. Urlaub am Meer und anderswo", der im Herbst 2013 im Wien Museum stattfindet, und wurde am "Lesenachmittag" zum Tagebuchtag 2013, am 7. November 2013, vorgetragen.

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