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Auf geht's zum Munotfest!

von Ilse Sakouschegg

Ein Gruppenfoto im Garten: Acht Kinder verschiedenen Alters und eine Frau, es ist Sommer.

Das Foto mit der Kinderschar wurde im Sommer 1947 in der Schweiz aufgenommen, als ich zu Gast hei einem kinderlosen Ehepaar war. Nach dem Krieg wurden viele unterernährte Kinder zur Erholung in die Schweiz gebracht. Ich hatte das Glück, im Sommer 1947 von denselben Pflegeeltern aufgenommen zu werden wie mein Bruder ein Jahr davor.

Die „Photographie“ zeigt meine Pflegemutter, Tante Liesl, und insgesamt acht Kinder. Von denen waren zwei ihre Nichten, die anderen waren Kinder aus der Nachbarschaft. Ich bin das Mädchen mit den Zöpfen und dem gestreiften Kleid, Dritte von rechts. Das Bild entstand kurz, bevor wir alle, auch mein Pflegevater, Onkel Karl, zum Munotfest in Schaffhausen gingen. Mitte August wird auch jetzt noch auf der Burg, Munot genannt, jährlich ein Volksfest abgehalten.

Das Foto wirkt „gestellt“, wie die meisten aus dieser Zeit. Schnappschüsse waren damals nicht so beliebt wie heute. Ein Foto musste „schön“ sein, daher die Anordnung der Kinder in Reih’ und Glied. Da das Fotografieren noch Luxus war, musste jedes Foto gelungen sein; Raum für Experimente blieb nicht.

Das Munotfest begann am frühen Nachmittag. Der erste Teil war speziell für die Kinder gedacht. Mit der Eintrittskarte war ein Gutschein für eine Bratwurst, eine kleine Dose mit Zuckerln und ein Lampion verbunden. Die Zuckerln hatten 1947 die Form von Lokomotiven, da man um dieselbe Zeit in der Schweiz das 100-jährige Jubiläum der Eisenbahn feierte. Der Lampion mit einer Kerze im Inneren sollte den Gästen „heimleuchten“.

Was mir vom Munotfest in besonderer Erinnerung geblieben ist, war der Einzug der Trachten und des „Schaffhuser Bocks“ auf der Terrasse der alten Burg. Ein Mensch war mit einem schwarzen Schafsfell bekleidet, hatte auf dem fellbedeckten Kopf geringelte Hörner und einen Schwanz. Im Rhythmus der Musik tänzelte er an den Schaulustigen vorbei.

Am Munotfest bekam ich auch mein erstes Eis. Ich war von der cremigen Süße begeistert. So etwas kannten die Kinder, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten, nicht.

Von all den Kindern auf dem Foto hatte ich zu Elfili, dem Mädchen rechts von mir, eine besondere Beziehung. Elfili, fast dreieinhalb Jahre älter als ich, lebte im Nachbarhaus meiner Pflegeeltern. Ich bewunderte das Mädchen wegen seiner körperlichen Geschicklichkeit. Oft führte mir Elfili ihre Kunststücke auf einer Teppichstange vor. Sie kletterte die Stange hinauf schwang die Beine über die Querstange, hakte sich mit den Knien ein und ließ sich kopfüber herunterhängen. Das Mädchen aus der Nachbarschaft war mir auch eine gute Spielkameradin. Im heißen Sommer 1947 spielten wir meist im Garten. Elfili vertraute mir für die Dauer meines Aufenthaltes in der Schweiz ihre Babypuppe mit Schlafaugen und echten Haaren an. Das war eine sehr liebe und großzügige Geste.

Nach meiner Rückkehr aus der Schweiz erzählte ich begeistert vom Munotfest. Beim Anblick des Fotos soll ich wie aufgezogen die Namen der darauf abgebildeten Kinder genannt haben: Vreneli B., Vreneli W., Gritili aus Altdorf, Margretli aus Beggingen, Elfili und ich. Unverkennbar alles kleine Schweizerinnen.

Informationen zum Artikel:

Auf geht's zum Munotfest!

Verfasst von Ilse Sakouschegg

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Lebensgeschichtliche Fotorevue

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Schweiz, Schaffhausen
  • Zeit: 1947

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