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Die Russen kommen!

von Erika Jägerbauer

Ich erinnere mich noch sehr genau an den Einmarsch der russischen Soldaten in meinem Heimatort, obwohl ich gerade erst fünf Jahre alt geworden war.

Die Angst, die mich erfasste, als sich mein Umfeld total veränderte, war sehr groß. Die Anspannung der Erwachsenen war auch für uns Kinder spürbar. Immer wieder hörte ich den Satz: „Die Russen kommen!“ Ich konnte mir darunter nichts vorstellen und hatte große Angst vor dem Unbekannten. Auch mein Vater, der wegen seiner Invalidität nicht an die Front musste, konnte mich nicht beruhigen.

Das drohende Unheil kam mit riesigen Schritten auf uns zu. Tag und Nacht flogen Jagdbomber mit durchdringendem Lärm über unser Wohngebiet. In den folgenden Tagen wurde viel bombardiert. Immer wenn der „Kuckuck“ rief (Warnung vor einem Angriff), mussten wir in den Keller laufen. Unsere Eltern beschlossen, mit uns Kindern die Wohnung zu verlassen, um im nahegelegenen Bergwerk Schutz zu suchen. Vater verließ mit einem Leiterwagen, den er mit Brettern und Werkzeug beladen hatte, das Haus. Er wollte für uns im Bergwerk einen Schlafplatz zimmern. Mutter packte inzwischen das Nötigste zusammen und zog uns Kindern mehrere Kleidungsstücke übereinander an.

Nachdem Vater wieder nach Hause kam, wurde der Wagen mit den zusammengepackten Sachen beladen, und wir machten uns auf den Weg. Im Bergwerk angekommen, schlugen uns schon am Eingang die muffig feuchte Luft und der intensive Geruch der Karbid-Gruben-Lampen entgegen.

Unser Vater, der die in eine Decke eingebundenen Habseligkeiten auf dem Rücken trug, bahnte sich einen Weg durch die Menschengruppen, die sich in dem schmalen Gang drängten. Unsere Mutter mit uns drei an ihrem Rockzipfel hängenden Kindern und dem Baby am Arm, stolperte auf dem feuchten, mit schmalen Schienen bedeckten Boden hinterher.

Endlich blieben wir vor der von unserem Vater zusammengenagelten Holzpritsche stehen. Doch die war schon von anderen Leuten belegt. Nach einer heftigen Debatte, an der sich auch andere Erwachsene beteiligten, räumte das Ehepaar endlich den Platz.

Nachdem unsere Eltern den schmalen Schlafplatz mit Decken belegt hatten, verließ Vater wieder das Bergwerk. Er wollte sich um Essbares für uns kümmern.

Was sich von diesen Tagen besonders stark in mein Gedächtnis eingeprägt hat, ist das Bild meiner verzweifelten Mutter, deren Brust nicht mehr genug Milch für meinen kleinen Bruder hergab. Da sie Windeln weder waschen noch trocknen konnte, musste sie Leintücher zerreißen, um das weinende Baby darin zu wickeln. Auch meine beiden anderen Brüder und ich weinten, weil wir Hunger und Durst hatten.

Nach einigen endlosen Tagen durften wir endlich die finstere, feuchte und stinkende Bleibe verlassen. Vater holte uns ab. Nun standen wir schmutzig und geschwächt im Freien. Das Sonnenlicht schmerzte in den Augen. Doch wie angenehm war die warme Frühlingsluft. Erst als wir uns an die Helligkeit gewöhnt hatten, sahen wir die grausame Wirklichkeit. Am Straßenrand lagen tote Pferde mit klaffenden Wunden, auf denen Fliegenschwärme saßen. Unser Heimweg war von zerstörten Häusern und Schutt gesäumt.

Zu Hause hatte uns Vater schon Pferdefleisch gekocht, das er irgendwie beschafft hatte. Hungrig wie wir waren, schlangen wir das Essen hinunter. Nachdem wir aber die letzten Tage kaum etwas zu uns genommen hatten, erbrachen wir Kinder fast zeitgleich. Nun begann die Zeit des Hungerns und der großen Entbehrungen.

Mein Heimatort Berndorf war nach Kriegsende noch zehn Jahre lang Notstandsgebiet.

Informationen zum Artikel:

Die Russen kommen!

Verfasst von Erika Jägerbauer

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Industrieviertel, Berndorf
  • Zeit: 1945

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus einem 2004 verfassten lebensgeschichtlichen Manuskript wieder, in dem Erika Jägerbauer eigene Kindheitserinnerungen an die Zeit rund ums Kriegsende im Jahr 1945 festgehalten hat.

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