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Die Tante Pobischer

von Helmut Drechsler

Die Großeltern bekamen nicht gerade häufig Besuch, was aber nicht bedeutet, dass sie wenig Kontakt mit anderen Leuten hatten. Von meiner Person (was kaum als Besuch gewertet werden kann) und den periodischen Geburtstagsfeiern abgesehen, kam höchstens der Vater zwischendurch vorbei. Es gab da nur eine einzige Ausnahme: Die Tante Pobischer.

Sie war tatsächlich – verwandtschaftlich gesehen – eine Tante, nicht meine, sondern jene meines Vaters (die einzige) und daher meine Großtante. Marie Pobischer, geborene Drechsler, die älteste Stiefschwester meines Großvaters.

Porträt einer alten Frau

Meine Großtante war in mehrerer Hinsicht eine bemerkenswert seltsame Erscheinung. Beispielsweise war sie – rein äußerlich betrachtet – mit ihrer Kleidung, eigentlich in ihrem gesamten Outfit, im Straßenbild der 50er und 60er Jahre völlig deplatziert. Sie trug selbstsicher (vielleicht aus Unkenntnis darüber, dass sich die Zeiten seit ihrer Jugend etwas geändert hatten) noch immer die Mode der Monarchie: weite, wallende Röcke, Miederblusen, darüber Weste um Weste und Weste. Meist in schwarz gehalten. Dazu schwarze, geschnürte Stiefletten. Eventuell trug sie zuoberst – witterungsabhängig – noch einen merkwürdigen schwarzen Hut. In Stroh oder Filz, je nach Jahreszeit.

Mir wenigstens kam es so vor, als ob sie immer nur dasselbe anhatte, obwohl sie sich häufig von meiner Mutter etwas Neues schneidern oder umändern ließ. Ihr grauweißes Haar trug sie zu einem Knäuel, oft auch zu einem Kranz zusammengedreht, das Gesicht schmückte neben ein oder zwei auffällig behaarten Warzen entweder ein Zwicker oder ein Drahtgestell mit kleinen, runden Gläsern. Ihre übrige persönliche Habe, einschließlich der alliierten Identitätskarte aus der Besatzungszeit, trug sie in einem sogenannten Ridikül – eine Art von profanem „Klingelbeutel“ – bei sich.

In Statur und Kleidung erinnerte sie mich sehr stark an meine ehrwürdig-merkwürdige Volksschuldirektorin, wobei aber – objektiv betrachtet – die Tante Pobischer einen vergleichsweise noch weitaus stärker ausgebildeten Damenbart zur Schau trug.

Das alles war für ihre Mitmenschen nicht störend, höchstens auffällig. Was dagegen empfindlich störte, war ein gewisses Reinlichkeitsproblem in ihrer Haushaltung. Und das hatte auch Konsequenzen für andere. Wenn sie nämlich – wie sie es gewohnt war, in unregelmäßigen Abständen und selbstredend unangemeldet – in der Servitengasse aufkreuzte und die Türklingel betätigte, holte die Oma nach dem prüfendem Blick durchs Guckloch sofort die DDT-Pulverspritze aus dem Vorzimmerkasten. Die liebe Schwägerin wurde noch draußen am Gang gründlich und komplett (auch unter den Röcken) mit dem Insektenpulver bestäubt und dann erst eingelassen.

Das scheint zunächst ein im Umgang mit Besuchern etwas unüblicher Vorgang zu sein. Jedoch: Praktisch galt es als erwiesen, dass die Tante aus ihrem trauten Heim in der Favoritner Quellenstraße Menschenflöhe exportierte und sich diese dann – während der langen Straßenbahnfahrt und natürlich auch am Zielort – neue Wirte suchten. Die lebhaften Tierchen, die mit Leichtigkeit quer über den Küchentisch auf den Opa hüpfen konnten, verbreiteten sich mit meiner unbeabsichtigten Unterstützung auch prompt und blitzesschnell bis zu uns in die Liechtensteinstraße. Das DDT, ein sehr wirksames Insektenbekämpfungsmittel, das unsere lieben amerikanischen Besatzer mitgebracht hatten, wirkte verlässlich; wie man wusste, hatten die Amis konsequent und erfolgreich ihre verlausten Kriegsgefangenen damit behandelt.

Der überraschende familiäre Flohbefall blieb so lange unerklärlich, bis schließlich ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den Besuchen Tante Pobischers bei den Großeltern und dem schubweisen Auftreten der hüpfenden Quälgeister erkennbar war. Die Vermutung bestand an sich schon länger, da sich die Tante auffällig oft mit ihren Haarnadeln am Kopf zu kratzen pflegte. Weitere Beweise waren zahlreiche rote Stellen auf den Armen der Tante und schwarze Punkte am Bettzeug.

Wieso auf welchem Bettzeug Punkte waren? Auch das ist schnell erklärt: Die Tante pflegte, wenn sie schon den weiten Weg vom zehnten in den neunten Bezirk auf sich nahm, zumindest einmal bei den Großeltern zu nächtigen. Dazu wurde ihr das Kabinett zur Verfügung gestellt, ein besonders finsterer Raum mit Hinterhofblick neben der Werkstatt, ausgestattet mit einem 15-Watt-Glasröhrchenluster, zwei Stahlrohrbetten, einem marmornen Waschtisch samt Wasserkrug und einem Kachelofen. Im Winter blieb der Raum ungeheizt und diente als Kühlraum. Es war das ehemalige Dienstbotenzimmer. Auch dieser Raum wurde nach jedem Besuch der Tante tagelang sorgfältig mit der bereits erwähnten Flitspritze behandelt, bis die so genannten Flohschisse auf der Bettdecke ausblieben. Sicher ist sicher.

Außer diesen sporadischen Besuchen gab es keinen Kontakt mit der Tante im fernen Favoriten, kaum einen Briefwechsel – von Geburtstagswünschen abgesehen –, und natürlich verfügten weder die Tante noch die Großeltern über ein Telefon.

Wenn man also die Tante eingelassen hatte (ich glaube mich zu erinnern, dass die Großeltern manchmal nach ihrem Läuten und einem vorsichtigen Blick durch das „Guckerl“ beschlossen hatten, doch nicht daheim zu sein), setzte sie sich zu uns in die Küche und schälte sich aus den zwiebelähnlichen Schichten ihrer Kleidung. Wenn man da genau hinblickte, sah man es unter Umständen bereits hüpfen.

Die Arme litt seit vielen Jahren unter Wechselbeschwerden, eben auch unter Wallungen und war daher viel mit dem An- und Auskleiden beschäftigt. Außerdem plagte sie oft und urplötzlich ein heftiges Durstgefühl und sie benötigte deshalb sofort nach der Ankunft ein Glas Wasser.

Ich jedenfalls mochte sie. Ich meine damit: Sie hatte keinen praktischen Wert für mich, als Spielgenossin etwa, aber sie war einfach eine interessante Person. Und mir zumindest brachte die Tante Pobischer als Gastgeschenk häufig etwas von ihren raren „Schätzen“ mit. Meist waren das broschenartige Ansteckfiguren, die sie dann umständlich und verlegen aus ihrem Ridikül hervorwurstelte. Das nationalsozialistische „Winterhilfswerk“, eine Geld-Sammelaktion, hatte die Dinger ehemals als Gegenleistung für Spenden der deutschen Volksgemeinschaft an dieselbige verteilt, so wie heute das Rote Kreuz ihre simplen Pickerl. Bemalte Schmetterlinge aus Porzellan waren das beispielsweise, oder Bakelitfiguren, die im Dunkeln leuchteten (anno nazimals zweifellos sehr praktisch bei den wegen der Bombenangriffe verdunkelten Straßen). Einige Male bedachte sie mich mit großdeutschen Pfennigmünzen mit dem Hakenkreuz drauf. Die wurden schließlich immer noch als Zahlungsmittel angenommen. Auch Bargeld, in der damals beachtlichen Größenordnung von zwanzig Schilling, gab sie mir manchmal, als Honorar für ein heruntergehaspeltes Gedicht. Nur gelegentlich versuchte sie, mich mit irgendeinem unbrauchbaren Plunder, Sicherheitsnadeln, leeren Dosen und Schachteln zu „verwöhnen“. Hatte sie gar auf ein Mitbringsel für mich vergessen, erinnerte ich sie deutlich daran.

Die gute, sanftmütige Tante Pobischer; mit mir, mit Kindern überhaupt, konnte sie nicht viel anfangen. Woher auch? Das war für sie ein fremder Umgang. Sie selbst hatte leider nie welche gehabt, noch hatte sie mit ihnen zu tun. Aber sie war immerhin ein sehr verträglicher und netter Mensch, und obwohl Märchenerzählen im eigentlichen Sinn ihre Stärke nicht war, hörte ich ihr doch aus einem anderen Grund gerne und aufmerksam zu.

Bei ihrer Schale Feigenkaffeeerzählte sie uns, am Küchentisch sitzend und durchaus vor Empörung bebend, ihre neuesten, schrecklichen Erlebnisse. Wir saßen dabei in sicherem Abstand – in Über-Flohsprungweite sozusagen – von ihr. Es waren das – wie die Großeltern lange schon und auch ich bald wusste – Erlebnisse, die sich ausschließlich in ihrem Kopf abspielten, keine mit realem Hintergrund. Aber sie behauptete fest und steif, so habe es sich wirklich, vor kurzem erst, zugetragen.

Fast immer hatten diese Geschichten mit geringen Varianten folgenden Inhalt:

Bei ihr daheim im Haus würde sie von einer Person über ihrer Wohnung ständig schikaniert. Sie nannte ihn der Einfachheit halber „den Oberen“. Dieser fiktive Quälgeist betrieb beispielsweise, vor allem nachts, einen lauten, pochenden Motor, der sie nicht schlafen ließ; er streute ihr – wenn sie dann doch einschlafen konnte – ein Pulver in den Mund, das sie morgens mit einem fürchterlichen Geschmack im Mund aufwachen ließ; er setzte sie Strahlen aus, die sie ganz schwindlig machten. Alle Unglücksfälle und Widrigkeiten des täglichen Lebens gingen auf das Konto dieses schrecklichen, sadistischen Oberen. Wie er das machte, blieb allerdings sein Geheimnis.

Es hatte bei ihr mit diesen Vorstellungen schon vor dem Krieg begonnen. Anfangs wenigstens geschah dies alles nur bei ihr daheim und ohne Zeugen. Sie war jedoch bereits einmal vor dem gestaltlosen Tyrannen in einen anderen Bezirk geflüchtet. Nur für die Flöhe – die einzige erkennbare Realität, wie sich bald herausstellte – machte sie seltsamerweise diesen, ihren Peiniger doch nicht verantwortlich. Im Gegenteil: die Viecher gab es einfach nicht!

Die Großeltern hinterfragten ihre merkwürdigen Erzählungen bald nicht weiter; eine gesprächsweise Verständigung war nämlich ziemlich mühsam, weil die Tante noch zusätzlich von beachtlicher Altersschwerhörigkeit geplagt wurde. Die Omama tippte sich während der mit Empörung und Abscheu vorgetragenen Schilderungen heimlich an die Stirne, ihr Bruder, mein Opa blickte starr hinauf zur Zimmerdecke. Nur ich trieb, während sie erzählte, meine kleinen Scherze mit ihr (was ihr, arglos wie sie war, überhaupt nicht auffiel).

Nach diesen Erzählungen und mehrfachem Nachfragen, der Wievielte denn eigentlich heute sei, pflegte sie übergangslos, wie erschöpft, im Sitzen einzuschlafen. Mit dem Kopf auf der Tischplatte ruhend, sodass die stricknadelgroßen Hutnadeln gefährlich wegstanden, und laute Schnarchgeräusche von sich gebend, setzte sie dann die vom Oberen brutal gestörte Nachtruhe endlich fort. Es war wirklich ein Jammer mit ihr.

Anfangs, als die Tante Pobischer mit diesen offensichtlich bedrohlichen Geschichten aufwartete, hatte sie der Opa, um sie zu beruhigen, noch manchmal in ihre Wohnung begleitet. Er übernachtete sogar mehrmals bei ihr, um sich selbst ein Bild zu machen und im Fall des Falles gegen den Oberen, diesen ruchlosen Bösewicht einschreiten zu können. Es war allerdings keine noch so kleine Spur von ihm zu entdecken – niemals, auch nicht nachts. Die einzigen in der Wohnung vernehmbaren Lärmquellen waren die Straßenbahn, zwei, drei Besoffene und ein paar Autos. Der Nachbar in der Wohnung über ihr, eher selten daheim, machte – vom Opapa vorsichtig befragt – keinen schuldbewussten Eindruck, drückte deutlich aus, dass die Mitbewohnerin unter ihm im Kopf nicht ganz richtig sei und fühlte sich durch die Nachfragen belästigt. Die Tante war sich ja auch nicht ganz sicher, dass er es war; „erwischt“ hatte sie ihn ja nicht bei seinem Treiben, auch wenn sie mehrmals wütend oben angeläutet hatte. Tantes Erklärung dazu war zwar einfach und logisch: Da hatte er sich dann eben nicht getraut, der Obere.

Opa war das suspekt und zweifelhaft. Sie glaubte auch ihrem Hausarzt nicht, dass ihre verschiedenen körperlichen Beschwerden an und für sich ganz gewöhnliche organische Ursachen hatten, wie eben stärkere Auswirkungen der Wechseljahre. Leider erzählte sie von ihren Verfolgungen auch anderen Leuten – den anderen Nachbarn beispielsweise. So kam es, dass sie schließlich zu einem mehr oder weniger langen, unfreiwilligen Aufenthalt „bei der Endstation Linie 47” verhalten wurde; auf der Psychiatrie beim berühmten Professor Hoff. „Zur Beobachtung“.

Den Wienern ist die Adresse bestens bekannt unter „Am Steinhof”, städtisches Narrenhaus – vornehmer ausgedrückt: Nervenheilanstalt. Die Tante Pobischer wurde also wissenschaftlich beobachtet, und das führte bald zu folgendem ärztlichen Gutachten:

Bei Opas Schwester lag bedauerlicherweise ein typischer Fall von Paranoia – Verfolgungswahn – vor. Sie war harmlos, aber verrückt. Unheilbar. Ob ererbt (es war kein Fall in der Familie bekannt), oder erworben, war nicht feststellbar. Natürlich wollte das die Tante selbst keinesfalls als Erklärung gelten lassen.

Wir – ihre unmittelbaren Angehörigen – akzeptierten letztendlich ihre Geschichterln diskussionslos. Wenn sie völlig erregt auftauchte, versuchte man sie zu beruhigen und schickte sie dann wieder heim nach Favoriten. Es war absolut sinnlos, sich ernsthaft mit ihr auseinanderzusetzen.

Tante Pobischer war ja im Grunde genommen wirklich arm. Die Großeltern waren sicher, dass ihre jahrzehntelange Einsamkeit und nahezu vollkommene Untätigkeit mit eine Ursache dafür war, dass diese Krankheit zum Ausbruch kam.

Die Marie hatte – sehr jung noch – um die Jahrhundertwende als sogenannte „Sitzkassiererin“ in einer Gaststätte beim Südbahnhof gearbeitet. Da sie damals recht attraktiv war, mit einem riesigen Busen ausgestattet und ein ausgesprochener Blickfang für das Lokal, nahm der wohlhabende Pächter der Gaststätte – der alte Franz Pobischer eben – sie zur Frau. Er war zwar sehr vermögend, dafür aber an die dreißig Jahre älter als sie. Leider hatte er sich (und später ihr) nichts von seinem Reichtum gegönnt. Er hatte sie – im Gegenteil – noch mit seiner an Geiz grenzenden Sparsamkeit angesteckt. Das Vermögen hätte, dem Vernehmen nach, jedenfalls für ein ausgewachsenes Stadthaus gereicht, ging aber (genau wie jenes deutlich kleinere Vermögen der Großeltern) nach dem Ersten Weltkrieg durch die wahnsinnig galoppierende Inflation verloren. Auch das war ein Jammer, den die gute Tante wahrscheinlich nicht verkraften konnte.

Leider war der alte Pobischer relativ früh „von ihr gegangen“; die Ehe war kinderlos geblieben. Die Tante nutzte die Gelegenheit nicht, um bald wieder eine Beziehung einzugehen, und ging in den Krisenzeiten der Zwanziger- und Dreißiger-Jahre auch keinem Beruf nach. Sie musste von einer kleinen Rente leben, die der Staat – so glaube ich – dem Ehepaar noch aufgrund des Vermögensverlustes zugestanden hatte, vereinsamte nach und nach und wurde im Laufe der Jahre immer wunderlicher.

Die Zeit des Nationalsozialismus, in der man solche Sonderlinge ohne Aufhebens aus dem Verkehr zog, überlebte sie glücklicherweise, weil der Opapa einerseits für ihre Sicherheit und andererseits für ihr Wohlverhalten bürgte. Und sie war ja ansonsten harmlos.

Wenn es ihr also wegen ihres Leidens besonders arg zumute wurde und sie sich besonders schlecht fühlte, machte sie sich auf die fast einstündige Straßenbahnreise zu Bruder und Schwägerin. In dieser anderen Umgebung fühlte sie sich wohler und sicherer, ihre Ängste und Beklemmungen ließen nach.

Diese Besuche trug meine Oma gewissenhaft mit kleinen Kreuzchen in ihren Wandkalender am Klosett ein, desgleichen die Anzahl der Nächtigungen und die von der Schwägerin konsumierten Schalen Blümchenkaffee. Die Aufenthalte und Konsumationen wurden nämlich genau in Rechnung gestellt (ich schließe daraus, dass es sich um nicht erwünschte Besuche gehandelt hat; ich kann es in Anbetracht der unerwünschten Flohbegleitung und der sich ständig wiederholenden, gleichfalls unerwünschten, weil peinlichen Geschichterln sogar verstehen).

Wenige Jahre später verfolgte der Obere meine Großtante allerdings schon bis zur Wohnung der Großeltern (anscheinend mit der Straßenbahn) und bezog dort über ihr Quartier. Und wieder kam es vor, dass sie manchmal daheim in ihrer Wut und Verzweiflung über den elenden Quälgeist derart ausfällig wurde (und beispielsweise laut schimpfend das Stiegenhaus erklomm), dass man sie neuerlich aus dem Verkehr zog und „Am Steinhof” einlieferte. Sie brauchte nun tatsächlich Betreuung und Pflege, weil sie immer unselbständiger wurde. Bald wurde sie von Amts wegen entmündigt, und mein Opa zu ihrem Vormund bestellt.

Ärztliche Hilfe gab es für sie nicht; die zuständigen Fachleute stellten nur eine fortgeschrittene und unaufhaltsam weiter fortschreitende Verkalkung der Gehirngefäße fest und gegen diese war leider kein Kraut gewachsen. Das Krankheitsbild hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem heute allgemein bekannten Alzheimer-Syndrom, aber dieses Leiden war in den fünfziger Jahren noch nicht so populär, dass man es bei so einfachen Fällen in Betracht zog.

Sie wurde total vergesslich, fand vom Einkaufen nicht mehr heim oder hatte einfach vergessen, was sie überhaupt auf der Straße wollte. Wir merkten es auch daran, dass sie um Kaffee bat, obwohl sie den erst ein paar Minuten vorher getrunken hatte.

Dann – sie war schon fast achtzig – irrte sie in ihrer Verwirrung wieder einmal irgendwo auf der Straße herum, suchte vergeblich ihre Wohnung und fiel natürlich dabei auf. Sie wusste diesmal auch nicht, wer sie war. Hatte sie einfach vergessen. Kann passieren. Aber ganz offenkundig konnte sie nun nicht mehr für sich selbst sorgen und war zum Pflegefall geworden.

Wer sollte sie pflegen? Die etwa gleich alten Großeltern? Folglich kam die Einweisung in ein städtisches Pflegeheim in Wien-Liesing.

Opa war – glaube ich – sogar froh, dass es nun so weit gekommen war, dass sich der Staat um seine Schwester kümmern musste. Seine Salzburger Schwägerin hatte sich nämlich erblödet, ihn unterschwellig des Diebstahls und der Unterschlagung an seiner hilflosen Schwester zu bezichtigen, da er als Kurator alleine befugt war, ihr bescheidenes Vermögen zu verwalten.

Eine Überraschung hatte seine Schwester allerdings noch für ihn aufgehoben. Er war ja nun gezwungen, ihren Haushalt in der Favoritner Quellenstraße umgehend aufzulösen. Durch die wenigen Besuche bei ihr hatte er zwar bereits vor Jahren geahnt, dass die Wohnung seiner Schwester in argem Zustand sein würde. Die Realität war noch um einiges schlimmer, um nicht zu sagen: geradezu katastrophal:

Bis auf einen schmalen Durchgang war die gesamte Behausung mit Stapeln alter Zeitungen und Plunder angefüllt – fast deckenhoch! Sogar das Bett. Wie die Räumung dann doch bewältigt wurde, ist mir nicht bekannt; vermutlich durch radikalstes Ausmisten. Viel mehr als eine Pendeluhr und ein kunstvoller Kassenschrank war es nicht wert, aufgehoben zu werden.

Man versuchte, sich die krankhafte Sammelwut zu erklären: Die Weltkriege, der ständige Mangel, die Geldentwertung und das damit zusammenhängende Festhalten an Sachwerten waren schuld an dem Verhalten; das alles, so hatte sie vermutlich geglaubt, alles würde sie sicher einmal brauchen können. Irgendwann.

Mein Opa besuchte seine Schwester oft im Pflegeheim, und nahm mich dabei manchmal mit. Die arme Verwirrte war in der geschlossenen Abteilung, in einem sogenannten Gitterbett gelandet. Da die Pfleger es müde geworden waren, sie ständig bei ihren ruhelosen Wanderungen im Haus wieder irgendwo einzufangen, hatte man sie bald da hineingesteckt.

Es stank für meine geruchsempfindliche Nase erbärmlich. Der Opapa, der ihr bei seinen Besuchen gelegentlich auch den Damenbart abrasierte, versuchte immer wieder geduldig, mit ihr ein sinnvolles Gespräch zu führen, vielleicht wenigstens noch alte Erinnerungen zu wecken. Manchmal, wenn auch selten, hatte sie nämlich – so schien es – lichte Momente und erkannte ihn; oder sie erkundigte sich, was der kleine(!) Fredl, mein Vater, so treibt.

Die arme Tante; wahrscheinlich war sie nicht wirklich arm, weil sie keinen Schimmer davon mitbekam, was um sie herum vorging. Meist lächelte sie uns nur zahnlos an, erzählte irgendwelche zusammenhanglosen Sätze und ruderte mit Armen und Beinen. Sie befand sich wirklich schon weit jenseits von Gut und Böse. Sogar der Obere, ihr fiktiver Quälgeist von einstmals, war nach und nach spurlos aus ihrem Bewusstsein verschwunden.

Nach solchen deprimierenden Besuchen fielen wir beide umgehend ins Liesinger Bahnhofsrestaurant ein und möbelten unsere Stimmung bei einem Bier und Salzstangerln auf. Bloß nicht so werden, dachten wir sicher beide.

Nur einige wenige Jahre verbrachte die Tante Pobischer im Pflegeheim, dann begleiteten wir sie zur letzten Ruhe. Von ihren ehemals fünf Geschwistern – sie war ja die Älteste gewesen – lebte da nur mehr mein Opa und ihre Stiefschwester, die Tante Minna. Dauerhafte Ruhe vor dem Oberen fand die Tante auf dem Wiener Zentralfriedhof, im Grab ihres Mannes.

Noch Jahre danach rief sie sich jedoch bei uns daheim regelmäßig, genauer gesagt viertelstündlich, in Erinnerung: Die wunderschöne Pendeluhr, die in Vaters Werkstatt hing, die mit dem sonoren Wiener Schlag, dem emaillierten Zifferblatt mit römischen Ziffern, den geschliffenen Gläsern und den verzierten Messinggewichten, war eines ihrer wenigen, brauchbaren Erbstücke, ein Besitz aus besseren Zeiten.

Informationen zum Artikel:

Die Tante Pobischer

Verfasst von Helmut Drechsler

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 9. Bezirk / Wien, 10. Bezirk
  • Zeit: 1950er Jahre, 1960er Jahre

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