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Mit dem Fiaker zum Finanzamt

von Helga Vystavel

So ein Erlebnis kann einem nur in Wien widerfahren.

Es war um 1965, ich war damals 25 Jahre alt. Vom Finanzamt für den 3. und 11. Bezirk in der Schlachthausgasse bekam ich eine Vorladung zwecks Auskunftserteilung. Wie sich später herausstellte wollte die Finanz folgendes wissen: Zusammen mit meinen Eltern hatte ich in Oberösterreich, im schönen Almtal, ein Grundstück erworben, und wir begannen darauf ein Haus zu bauen. Es sollte der Alterssitz für meine Eltern werden. Um eine zukünftige Erbschaftssteuer zu sparen, wurde die Liegenschaft auf meinen Namen geschrieben, und das Finanzamt verlangte nun Auskunft, woher ich auf einmal so viel Geld hätte, um mir das leisten zu können.

An meinem Arbeitsplatz mußte man mir freigeben, denn es war schließlich ein „Amtsweg“. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Der frühe Morgen war lieblich blau. Der Himmel war blau, die Luft war blau und meine Stimmung war auch blau gesinnt. Zum Anziehen suchte ich mir ein hübsches Kleid aus. Weißes Organdy, mit etwas größeren blauen Tupfen, und an den Halsausschnitt heftete ich ein blaues Seidenröschen, das mir meine Freundin geschenkt hatte. Ich wohnte damals im 11. Bezirk, und weil der Morgen so schön war, beschloß ich, zu Fuß zum Finanzamt zu gehen. Etwas über eine halbe Stunde dauerte der Weg zur Schlachthausgasse. Ich ging nicht über die Simmeringer Hauptstraße, sondern wählte die ruhigere Rinnböckstraße, die parallel dazu läuft.

Wie ich aber so froh gestimmt dahin ging und schon ein Drittel meines Weges hinter mir hatte, hörte ich von rückwärts ein Getrappel. Zwei Fiaker überholten mich, die auf dem Weg in die Innere Stadt waren. Der erste war ein junger Kutscher und fuhr an mir vorbei. Der zweite war ein älterer Kutscher und blieb ein paar Schritte vor mir stehen.

Als ich näher kam, grüßte er freundlich und lud mich ein, zu ihm in den Fiaker zu steigen. Ich lehnte dankend ab, weil ich ja einen anderen Weg hatte als er. Er frug aber, wo ich den hin müßte und ich antwortete, daß ich zum Finanzamt in die Schlachthausgasse gehe. Er meinte, daß er auch über die Landstraße in die Stadt komme und ich soll doch einsteigen. So versuchte ich zu ihm auf den Kutschbock zu steigen. Aber er verwehrte es mir. Mit einer eleganten Geste gab er mir zu verstehen, daß ich rückwärts in den Fiaker einsteigen soll. So nahm ich denn Platz. Er aber gab seinen Pferden mit dem bekannten „Zungenschnalzer“ den Befehl zur Weiterfahrt, und mit fröhlichem Getrappel ging die Fahrt los.

Solange wir in der ruhigen Straße dahinfuhren, fühlte ich mich in dem „Zeugl“ recht wohl. Aber die Straße endete an der Mauer des St. Marxer Schlachthofes, und für das letzte Drittel des Weges mußten wir auf die Simmeringer Hauptstraße einschwenken. Da flutete nun der morgendliche Verkehr. Die Straßenbahn, der 71er, war mit Menschen voll besetzt, die zur Arbeit fuhren. Der Autoverkehr rauschte an uns vorbei, und ich kam mir nun zu dieser Morgenzeit etwas deplaziert in dem Fiaker vor. Gleichzeitig stellte ich fest, daß ich nur einen 100-Schilling-Schein in meiner Börse hatte und mich daher mit einem Obolus für ein Bier oder Zigaretten nicht revanchieren konnte. Als wir dann an der Ecke Landstraße/Schlachthausgasse ankamen, hielt der Kutscher, und ich bedankte mich sehr freundlich für die außergewöhnliche Fahrt. Er schnalzte wieder mit der Zunge, die Pferde trabten los, und ich betrat das Finanzamt.

Wie ich schon zu Beginn meiner Erzählung erwähnte, so etwas kann man nur in WIEN erleben. In aller Herrgottsfrüh, im ärgsten Morgenverkehr, mit dem Fiaker zum Finanzamt!

vier Personen in einem Fiakergespann mit zwei Schimmeln
Eine Fiakerfahrt viele Jahre später (Wien 2007)
Informationen zum Artikel:

Mit dem Fiaker zum Finanzamt

Verfasst von Helga Vystavel

Auf MSG publiziert im August 2012

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 11. Bezirk / Wien, 3. Bezirk
  • Zeit: 1965

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