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Eine Tür zur Freiheit

von Ferdinand Planegger

Mein letztes Schuljahr ist nochmals eine einzige Verweigerung. Im Grunde glich es nur mehr einem Aussitzen der Zeit. Ich hatte resigniert. Ohne Anerkennung schien mir alles sinnlos zu sein. Meinen Stempel hatte ich sowieso schon aufgedrückt bekommen.

Wie heißt das Sprichwort? – „Ist erst mal der Ruf ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert.“

Zu Hause gab es den üblichen Wickel wegen der miesen Zensuren. Natürlich wünschte sich mein – ach so integrer – Vater einen glänzenden Klassenprimus (der ich im Vorjahr noch war).

Ihm kam gar nicht die Idee, dass er selbst einen immensen Teil zu meinem Scheitern beitrug. Über seine Sauf-Eskapaden durfte nicht gesprochen werden, und die Schläge, die er mir zufügte, seien gerechtfertigt und die einzig mögliche Form der Erziehung. So sein Statement dazu.

Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, schien mir die Abkehr von meinem Elternhaus die einzige Perspektive zu sein. Meine Pläne fielen bescheiden aus, mit einem negativen Schulabschluss konnte ich ja keine großen Sprünge machen.

Mein erklärtes Ziel war daher eine halbwegs annehmbare Arbeitsstelle mit Unterkunft und Verpflegung. Die Branche war vorerst nicht von Belang. Erst mal weg von hier!

Im Lande herrschte Hochkonjunktur, die Wirtschaft boomte, und Österreich spielte mit im Konzert.

Die Wochenendausgaben der Zeitungen druckten tausende Stellenangebote und ich wurde prompt fündig. Die Pâtisserie Spörri im Appenzellerland sucht Konditoren und solche, die es werden wollten ... Ich wollte!

Es folgte ein intensiver Briefverkehr, in dem ich meinem künftigen Meister die Sachlage erklärte – ohne Schonung meiner Person, aber mit dem festen Willen einen Neustart in der Schweiz zu wagen.

Die entwaffnende Ehrlichkeit und eventuell auch ein wenig Mitleid veranlassten den in der Region Sankt Gallen hoch geschätzten Unternehmer, mir ein Angebot zu unterbreiten. Dies machte mich unsagbar glücklich.

Der Inhalt sinngemäß: Komm zu uns, wir verfügen über mehrere Bereiche, wo du zeigen kannst, dass du ein cleverer Junge bist, irgendetwas machen wir schon aus dir!

Natürlich sage ich hoch erfreut und voller Tatendrang zu. Noch bin ich in der Schulpflicht, aber ich nützte die Zeit, um mir die notwendigen Unterlagen wie zum Beispiel einen Reisepass zu besorgen. „Wie ausgewechselt ist der Bub“, statuierten manche Lehrer und meinen Eltern war es auch recht.

Mein Erzeuger allerdings verstieg sich zur unvergessenen Aussage: „Gott sei Dank, ein Fresser weniger!“

Es kamen noch einige unentschuldigte Schultage auf mein Konto, denn jetzt galt das Motto: Geld verdienen! Dringend benötigte Kleidung, Schuhwerk und auch ein paar Reiseutensilien standen auf meiner Besorgungsliste.

Unser damaliger Nachbar, der Parkettbodenverleger „buchte“ mich vermehrt zum Federnklopfen. Diese Art von Arbeit kannte ich aus vielen Einsätzen davor. Diese kleinen Holzstreifen klopfte ich geschickt in die Nut der Parketten. Dem Bodenleger half das ungemein, er kam viel flotter voran.

Von ihm bekam ich das ersehnte Lob und die Anerkennung für viel Fleiß und Eifer. Nicht vergessen will ich meinen Lohn für harte Arbeit.

Ich höre sie, die Einwände. Ja, es war Kinderarbeit. Nur, seinerzeit wurde dieses Thema nicht behandelt wie heute. Es gab keine Proteste.

Der letzte Schultag kam und mit ihm die Zeugnisverteilung. Bei jedem anderen Schüler könnte mein Leistungsbericht zu einer Katastrophe auswachsen. Nicht so für mich, ich hatte diese Zeit längst abgehakt. Die Tür zur Freiheit stand weit offen.

Tag für Tag frage ich den Briefträger, ob denn für mich was dabei sei. Der Gute muss aber jedes Mal verneinen.

Schließlich kommt doch noch mein Tag und ich halte einen dicken Brief in meinen Händen. Das muss die lang erwartete Arbeitserlaubnis aus der Schweiz sein. Im Umschlag befinden sich zwei Schriftstücke, die mir fast den Boden unter den Füssen wegreißen.

Das erste Schreiben ist von der Kantonspolizei St. Gallen. Es ist die Ablehnung meines Antrages. Dem Gesetz nach gibt es erst ab 16 Jahren eine Aufenthaltsbewilligung. Punkt.

Im zweiten entschuldigt sich mein vermeintlicher zukünftiger Meister, er kannte diesen Passus im Schweizer Recht auch nicht. Es tat ihm sehr leid, aber da kann man wenig dagegen tun. Das Versprechen, dass ich in zwei Jahren kommen darf, kann mich auch nicht trösten.

Meine Mam versucht mich aufzumuntern, es sind die dünn gesäten Momente, wo ich noch Kind sein kann und weinen darf. Das tut gut und hilft mir, meinen Schmerz zu überwinden.

Das Suchen nach einer passenden Arbeitsstelle fängt von vorne an. Es gibt meistens Probleme mit der Schlafstelle und der Verpflegung. Vielfach wird mir ein Lehrlingsheim empfohlen, aber das müssten meine Eltern bezahlen. Das machen viele so, wird mir gesagt.

Bei dem Gedanken, meinem Vater mit diesem Anliegen zu kommen, wird mir heute noch übel. Nein. Das ist keine gute Idee. Resignieren ist nicht angebracht, also zurück an den Start. Los geht’s!

Eine Zeitung muss her! Im Studium des Stellenmarktes bin ich bereits geübt, und ich werde auch gleich fündig. Weil ich nicht sehr wählerisch bin, klappt es sogleich.

Ein Inserat fällt mir sofort ins Auge. Eine Fleischhauerei mit Gasthof in Köflach, Weststeiermark. In diesem Betrieb sucht man einen Lehrling oder Hilfsarbeiter für Haus und Hof. Es wird beste Verpflegung und Unterkunft im Haus geboten. In meiner kindlichen Naivität überlege ich nicht lange, kontaktiere die Firma und bekomme die Stelle sofort.

Welcher Teufel hat mich damals geritten, als ich dieses Angebot annahm? Seit meiner Schweizer Absage waren gerade mal ein paar Tage vergangen.

Unter einen „Metzgerbuam“ stellt man sich landläufig einen kräftigen, an harte Arbeit gewöhnten, grobschlächtigen Mann vor. Und wer stand da vor den Mördergeräten eines Schlachthauses? Unschuldig dreinblickend?

Ich, der als hoffnungsloser Sprössling apostrophiert wurde, blass und zerbrechlich. Jener kleine Ferdinand, der einst Zuckerbäcker werden wollte und keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte.

Ein Bild zum Heulen. Aber immerhin winkte eine Bleibe und voraussichtlich eine deftige Ernährung.

Ein Anfang, mehr nicht.

Mein erster Arbeitstag raubte mir sehr schnell die Illusion, dass Arbeit gleich Arbeit sei. Ein heißer Sommertag ist dieser Montag im Juli 1960. Mein Wirkungskreis ist an diesem Tag der Hof des Anwesens, dort soll ich Schweinespeck auslassen, so der ortsübliche Ausdruck.

Da stand ein Kupferkessel von beachtlichem Ausmaß, ähnlich dem in unserer Waschküche. Dieser Ofen musste mit Holz aufgeheizt werden, danach kamen die fetten Speckteile in den Kessel.

Der ausgelassene Speck wurde noch heiß abgefüllt, nach dem Erkalten wurde dann schönes weißes Schweinefett daraus. Übrig blieben die Grammeln oder Grieben. Sehr beliebt als Brotaufstrich und zum deftigen Würzen von Speisen.

Todmüde fiel ich ins Bett, dabei wollte ich am Abend die Stadt besichtigen. Keine Chance.

Den zweiten Tag beginne ich mit einem kräftigen Frühstück.

Der Meister erscheint in seiner vollen Größe im Türrahmen und eröffnet mir die frohe Kunde, dass heute eine Kuh bei einem Bauern außerhalb des Städtchens abzuholen ist.

Wir fahren gemeinsam mit seinem Uralt-Kombi, einem Nachkriegsmodell Opel Olympia in ein etwa vier bis fünf Kilometer entferntes Kaff zu einem kleinen Bauernhof.

Der Kuhhandel mit dem Landwirt ist rasch erledigt oder ging gewiss schon beim sonntäglichen Kirchgang über die Bühne. Egal, ich bin im Gedanken bei unserem Kuhtransport. Wie soll das funktionieren mit dem kleinen Auto?

Ich werde umgehend aufgeklärt. „Das ist jetzt deine Aufgabe, du gehst mit der Kuh!“

An einem provisorischen Halfter aus einem Strick um den Schädel der bedauernswerten Kuh, zeigte mir der Meister, wie man so etwas handhabt, und gab mir einen halblangen Stecken. Mit der rechten Hand sollte ich die Reepschnur mit einem mir heute nicht mehr bekannten lösbaren Knoten halten und führen.

„Wenn das Vieh nicht mehr weitergehen will, dann nimmst du diesen Stock und schlägst ihr da drauf, das tut ihr nicht weh und sie geht brav weiter, kapiert?“ Zur Demonstration schlug er dem Rindvieh auf den Schädelknochen zwischen Maul und Augen, das es nur so krachte!

„So, jetzt geh los, ich fahre hinter euch mit dem Auto langsam nach.“ Nach einer kurzen Wegstrecke stieg er nochmals aus seinem Auto und korrigierte die Stricklänge zum Kopf der Kuh. Nach ein paar Ratschlägen setzte er sich wiederum in sein Fahrzeug und fuhr weg.

Wenn immer alles so einfach wäre. Jedes Mal wenn ein Moped an uns vorbeifährt, kriegt meine ansonst brave Kuh die Panik. Dann reißt sie den Kopf nach oben, und ich mit meinen 150 Zentimeter Körpergröße hänge fast in der Luft. Vergessen sind alle Ratschläge des Meisters. Ich schlage meine „Berta“ (so hieß die gute Kuh) nicht mit dem Stock!

Irgendwie schaffen wir es fast bis an das Ziel. Vor dem Wirtshaus meines Fleischhackers am Ortseingang von Köflach fängt die Berta zum Brüllen an. Was ist passiert?

Sie sieht sich selbst im spiegelnden Schaufenster eines Geschäftes. Vermutlich wähnt sie sich bei ihren Schwestern auf der Weide. Was weiß ich? Jedenfalls geht dieses Rindvieh keinen Zentimeter weiter. Wir befinden uns im Zentrum der Stadt und viele Leute lachen sich einen Buckel ob dieses Schauspiels.

Der Meister ist längst auf uns aufmerksam geworden und kommt mir zu Hilfe. Geschafft!

Mittlerweile ist es Mittag und ich setz mich an den Küchentisch, es gibt immer ein kräftiges Essen. Am Tisch sitzen neben meinem Chef noch ein Metzgergeselle namens Stefan und eine weitere Hausangestellte.

Nach der Mahlzeit wird der restliche Arbeitstag besprochen, und der birgt es in sich. Meine Kuh soll heute noch ins Schlachthaus, und ich soll dabei sein.

Auf meinen entsetzten Blick herrscht mich der Chef an: „Ja, was glaubst du denn, wo du bist? Das hier ist eine ganz normale Fleischhauerei und da wird auch geschlachtet!“

Ich erspare mir die Schilderung dieser Tötung „meiner“ Kuh. Ich höre noch lange den Vorwurf des Meisters: „Wer Fleisch essen will, muss auch Tiere töten!“

Mein Entschluss steht fest: Ich mach da keinesfalls mehr mit. Egal was kommt. Bis zum Samstag (damals gab es noch Samstagarbeit) musste ich noch durchhalten, danach aber – nix wie weg!

Meine Chefleute wunderten sich ein wenig, dass ich mit meinem ganzen Hab und Gut am Wochenende nach Hause fuhr. Trotzdem gab er mir ein großes Fleischpaket mit und wünschte mir alles Gute. Ich glaube, er ahnte, dass ich nicht mehr zurückkomme. Wie recht er doch hatte.

Informationen zum Artikel:

Eine Tür zur Freiheit

Verfasst von Ferdinand Planegger

Auf MSG publiziert im Juli 2013

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-Ost, Bruck an der Mur / Steiermark, Süd-/Weststeiermark, Köflach
  • Zeit: 1960er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text ist Teil einer sukzessiv entstehenden Autobiografie .

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