Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen: 1052 Beiträge

Als mein Mann an Prostatakrebs erkrankte

von Ulrike Sammer

Ich blicke auf eine lange Reihe von Verantwortungen bzw. Betreuungen in meinem Berufsleben sowie eine Menge Pflege in meinem familiären Umfeld zurück. Ich fand es immer ganz normal, dass dieser Part mir als Frau zusteht – so wurde das in meiner Kindheit in der Nachkriegszeit allen weiblichen Wesen vermittelt.

Heute möchte ich eine ganz spezielle Situation auswählen, die eine besondere Herausforderung auf unser Leben als Paar darstellte: die Prostatakrebserkrankung meines Mannes.

Jede Krebserkrankung bedeutet immer einen schwerwiegenden Einschnitt in das Leben eines Betroffenen. Niemand ist darauf vorbereitet – weder der Erkrankte, noch die Umwelt. Die Konsequenzen für den Beruf und das gesamte soziale Umfeld sind oft mit vielen Irritationen verbunden. Leider haben viele Männer nicht gelernt mit dem nun einsetzenden Wechselbad der Gefühle umzugehen und so versuchen sie oftmals ihre Emotionen niederzukämpfen oder sie (wo immer es geht) zu ignorieren. Mein Mann war dabei keine Ausnahme. Je schwieriger seine Situation wurde, desto mehr zog er sich in sein Innenleben zurück. Also begann ich viel über Prostatakrebs zu lesen und ich konnte erkennen, dass es sich um ein psychisch besonders heikles Gebiet handelt: Männer erlauben sich oft nur im Verborgenen zu leiden, wenn es um Körperteile geht, die mit dem „Mannsein“ verbunden sind. Viele schämen sich dafür, dass ihre Potenz, ihre Kraft, Stärke und Vitalität in Gefahr sind. Es geht um das Ansehen, das „Image“, das für die Öffentlichkeit gewahrt werden soll.

Mein Mann (und teilweise auch ich) schlossen uns einer Selbsthilfegruppe für Prostatakrebsbetroffene an. Bei zahlreichen Gesprächen mit Leidensgenossen meines Mannes hörte ich zwischen den Zeilen heraus, wie sehr die männliche Identität geschwächt und erschüttert ist.

Und so schien es mir bald klar und sehr wichtig: Ich darf auf keinen Fall eine Pflegerin-Patienten-Hierarchie entstehen lassen. Ich muss unbedingt betonen, dass ich die Kompetenzen meines Mannes im Alltag und bei Entscheidungen weiterhin schätze und brauche. Ich muss ihn „Mann“ sein lassen, sowohl sexuell als auch in seinem männlichen Selbstwertgefühl. Mir wurde langsam klar, dass wir die Ängste nur gemeinsam bezwingen können.

Aber zurück an den Anfang ...

Die Zeit der Unsicherheit war sicher die schlimmste in unserer gemeinsamen Geschichte, die vom Prostatakrebs meines Mannes diktiert wurde. Die große Unsicherheit bestand aus lauter Fragen:

Ist die Schulmedizin der einzige gangbare Weg?
Soll man den Segnungen der Alternativmedizin vertrauen?
Was bringt die Zukunft?
Und haben wir überhaupt eine gemeinsame Zukunft?
Kann man mit rechtzeitigen Entscheidungen etwas verhindern?
Oder ist jedem sowieso eine gewisse Lebenszeit, die das Schicksal bestimmt, zugemessen?

Diese und noch viele andere Fragen geisterten mir pausenlos durch den Kopf und irgendwann musste ich wohl einsehen: Es gibt sie nicht – die klaren Antworten.

Step by step – Schritt für Schritt kann man sich nur vorwärts tasten: Morgen werden wir sehen, was wir übermorgen machen müssen.

Eines war mir klar: Welche Veränderungen die Operation auch bringen wird – wir werden das Beste daraus machen. Gemeinsam. Ich wollte nur eines und darum bat ich alle Mächte dieser Welt – nämlich dass mein „Lebensmensch“ am Leben bleibt!

Als endlich entschieden war, was weggeschnitten werden muss und welche Folgen dabei eintreten können (und vermutlich auch eintreten werden), wurde es klarer im Kopf.

Ist es nicht sonderbar, dass Diagnosen (auch wenn sie nicht gut ausfallen) eine Erleichterung bringen? Dass man lieber mit düsteren Wahrheiten lebt als mit vielen Fragezeichen? Oder geht es nur mir so?

Nun war es also klar – alle Untersuchungen haben ergeben, dass mein Mann Krebs hat.

Unser Leben veränderte sich grundlegend von einem Tag auf den anderen. Es kam plötzlich zu einer Zäsur im normalen Lebensgefühl. Die moderne Medizin verbucht zwar enorme Fortschritte, aber sie ließ uns allein mit unserer Angst und Verunsicherung zwischen einer aufflackernden Hoffnung auf Heilung und abgrundtiefer Verzweiflung. Wie wird sich unser gemeinsames Leben verändern oder wird vielleicht „alles aus“ sein?

Mein Mann sprach kaum über seine Gefühle, aber ich wusste, dass auch in ihm ein großes Chaos herrschte. Erst als er viele Informationen eingeholt hatte, konnten wir gemeinsam überlegen, wie es nun nach der Diagnose weitergehen könnte.

Mir war vor allem wichtig, dass er wieder Boden unter den Füßen bekommt, mit allen Routinetätigkeiten des ganz normalen Alltags. Sie sind Anker in der Normalität und zeigen, dass man nach wie vor viele Aktivitäten ungehindert ausüben kann.

Konkrete medizinische Lösungen kamen zwar von den Ärzten, aber welche eigenen "Bewältigungskapazitäten" wir zur Verfügung haben, musste erst ausgelotet werden.

Immerhin war uns bewusst: die drei stärksten und verbreitetsten Symptome nach einer Prostataoperation sind eine teilweise oder totale Impotenz, Inkontinenz und eine besondere Müdigkeit. Nicht alle Betroffenen sind von diesen Symptomen geplagt, aber im Vorhinein weiß man das ja nicht.

Die Behandlung der körperlichen Beschwerden kann man als Ehefrau teilweise den Ärzten überantworten, aber die Veränderung der Psyche des Betroffenen wirkt sich massiv auf das Eheleben aus.

Ich kann davon „ein Lied singen“.

Mein nun kranker Mann, der sonst gut mit den Anforderungen des Lebens zurechtgekommen ist, war nun deutlich destabilisiert und „dünnhäutig“. Und um ehrlich zu sein, war ich es auch. Wir waren beide irritiert und wussten nicht, ob wir uns gegenseitig in Watte packen sollten. Bei der Erwartungsangst und den Sorgen um die Zukunft sollte ich wohl Ruhe und Zuversicht ausstrahlen und signalisieren, dass ich bereit bin, Ängste mit auszuhalten. Das ist nicht immer einfach (und ein häufig geübtes Entspannungsverfahren hat mir dabei sehr geholfen).

Mein Mann neigte immer zum Grübeln und ich sah ihm an, dass er in Gedanken bei der Diagnose, der Behandlung, der drohenden Operation, der Befürchtung war, man könnte von der Narkose nicht mehr aufwachen, war. Er wendete viel Zeit auf, die körperlichen Gegebenheiten zu beobachten. Diese Konzentration auf ganz bestimmte Punkte führte oft zu einer Konzentrationsschwäche in den übrigen Lebensgebieten und es machte mich manchmal ungeduldig, wenn er mir wieder einmal nicht zugehört hatte.

Nachdem wir ein Paar waren, das sich körperlich sehr nahe stand, war es mir klar, dass viele Befürchtungen unser sexuelles Leben zum Inhalt hatte, aber mein Mann sprach nicht darüber. Wie so oft konnte ich nur spekulieren. Vermutlich wird es einige Zeit nach der Operation dauern, bis er ein halbwegs stabiles Selbstwertgefühl wieder aufgebaut hat. Nun fragte er sich sicher, was er als Mann, wenn seine Potenz gefährdet ist oder wenn er überhaupt davon Abschied nehmen muss, wert ist. Vielleicht wird ein großer Umdenkprozess eintreten müssen, aber noch war es nicht so weit.

Sehr viel Feingefühl war von mir gefordert.

Kurz nach der Operation

Über die Operation selbst möchte ich gar nichts berichten, denn die Ärzte und das Spitalspersonal waren jetzt an der Reihe, das Bestmögliche zustande zu bringen.

Der erste und wesentlichste Schritt, die Operation, war gelungen.

Wieder daheim, in den eigenen vier Wänden, war nun mein Part nicht nur als psychische Unterstützung, sondern auch als Pflegerin gefordert.

Mein Mann war geduldig, aber brauchte natürlich eine Menge Betreuung, die für mich selbstverständlich war. Ich war einfach froh, dass er wieder da war, wenigstens lebend.

Freunde riefen an und erkundigten sich, wie es ihm ginge. Ausschließlich ihm

Dabei stieß mir (wieder einmal) eine Tatsache auf, die mich während meines Lebens schon oft beschäftigt hatte: Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob der/die Kranke männlich oder weiblich ist bzw. welches Geschlecht der betreuende Angehörige hat!

Männer, die jemanden Nahestehenden pflegen oder auch nur unterstützen, bekommen große Mengen an Lob aus dem Kreis der Freunde und Familienangehörige. Dass Frauen sich für ihre Männer (aber auch Kinder oder alte Eltern) einsetzen und hingebungsvoll pflegen, sieht jeder als ganz normal und daher kaum erwähnungswert an. Kaum jemand fragt, wie es ihnen denn so geht! Denn eigentlich sollte jedem klar sein, dass die Entfernung der Prostata ganz andere Probleme aufwirft, als eine Gallenblasenoperation…

Ein bisschen sind wir Frauen auch selbst an diesem Mangel an Mitgefühl schuld, denn wir trauen uns oft nicht, über die eigene Belastung zu sprechen. Nun ist es aber eine Tatsache, dass die Umstände, über die niemand spricht und sich beklagt, von den anderen nicht bemerkt werden.

Und noch eines (das ich bei etlichen Gesprächen in der Prostatakrebsselbsthilfegruppe zwischen den Zeilen heraushörte): Angesichts der schwierigen Neuorientierungen ist es wirklich bemerkenswert, dass bei vielen Prostatakrebspatienten noch gar nicht ins Bewusstsein gesickert ist, wie belastend diese Umstände für ihre Partnerinnen sind. Der Fokus der Aufmerksamkeit liegt bei ihnen auf der Krankheit selbst und auf den medizinischen Angeboten und Behandlungen. Die Männer beachten kaum ihre eigenen Gefühle - aber noch viel weniger die Herausforderung ihrer Frauen. Das ist insofern auffallend, da dieser Umstand nicht bei allen Krebsformen gleich ist. Wenn Frauen zum Beispiel Brustkrebs haben, wird ohne Zweifel erörtert, wie es wohl ihren Partnern damit ergehen mag. Und es wird beraten, wie man den mitbetroffenen Männern helfen könnte, aus ihrer Überforderung und der gemeinsamen Krise herauszukommen.

Wenn es aber um Prostatakrebs geht, tut man eigenartigerweise so, als ob es diese Schwierigkeiten nicht gäbe.

Nun weiß man aber, wie stark die Anspannung, wie groß die Angst, Sorge und Machtlosigkeit bei den begleitenden Frauen ist. Und man kann täglich erleben, wie sie um des Kranken willen vieles zurückstecken und auf ihr Leben „vergessen“.

Es hat mich wirklich erschreckt und berührt, wenn ich bei meinen Gesprächen in der Selbsthilfegruppe merkte, wie die Gefühle der Partnerinnen unbeachtet im Dunkeln lagen. Die kranken Männer glauben, dass die mitbetroffenen Frauen offensichtlich gut mit den Veränderungen und Nöten zurechtkommen. Sie sehen keinerlei Grund, ihre Frauen zu ermuntern, sich eine Auszeit zu nehmen oder auch einmal mit ihnen über ihre Gefühle zu reden.

Und die Frauen? Sie rutschen oft in ein gewaltiges Kraftdefizit. Die eigene Erschöpfung kommt ihnen jedoch banal vor, angesichts der bedrohlichen Krankheit ihres Partners, und so achten sie oft nicht selbst darauf, sich die dringend gebrauchte Unterstützung zu organisieren.

Ein bisschen später…

Das Schicksal meinte es gut mit meinem Mann, denn die Operation war erfolgreich und sogar die befürchteten Konsequenzen der sogenannten Erectilen Dysfunktion (also dem Verlust der Potenz) und die Inkontinenz waren nur kurzfristig und bildeten sich dann wieder zurück.

Schließlich und endlich war es gar nicht so schwierig, sich an die neuen Umstände, die veränderten inneren und äußeren Bedingungen zu gewöhnen. Es zeigte sich, dass die Sorgen, die man sich im Vorhinein macht, größer als die tatsächlichen Auswirkungen auf das Leben waren.

Die vergangenen Erlebnisse haben aber in uns beiden Spuren hinterlassen, die wir gar nicht so schnell bemerkten. Wir wollten zur „Normalität“ des Alltags zurückkehren, aber geht das überhaupt?

Was war nun normal?
Wie weit reicht die Rücksicht?
Sollte man vielleicht manchmal lieber einen Ärger hinunterschlucken um das kostbare neue Leben nicht „anzupatzen“?

Es war uns klar: Jede Beziehung muss gepflegt werden, sonst geht sie „den Bach hinunter“. Wie viel mehr muss daher eine Beziehung, die besonderen Belastungen ausgesetzt ist, sehr achtsam behandelt werden. Und so besannen wir uns ganz bewusst auf alte und auch auf neue gemeinsame Interessen wie Reisen, Kultur, soziales Engagement, zu zweit in Wellnessanlagen plantschen und vieles andere mehr.

Darüber hinaus gibt es noch eine tröstliche Tatsache:

Gemeinsam überstandene Schwierigkeiten und gemeisterte Probleme wirken sich erfahrungsgemäß positiv auf die Partnerschaft aus.

Und wie war es mit dem Sex?

Eine Beziehung braucht gelebte Intimität – nur darauf kommt es an. Nähe, sexuelle Erfüllung, erotische Zärtlichkeit sind eine Kraftquelle, bei der körperliche Veränderungsprozesse nur eine sehr geringe Rolle spielen. Das Leben fließt weiter: Jeder verändert sich dauernd und täglich, wird schwächer und älter und unbeweglicher – mit und ohne Krankheit. Genau so muss, sollte, kann sich natürlich auch der gemeinsame Sex verändern. Entscheidend ist es, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen.

Bald haben wir begriffen: Sex ist ein fortgesetzter Lernprozess in verschiedenen Lebensphasen und unter wechselnden Vorzeichen. Auch bei einer gut funktionierenden, lebendigen Sexualbeziehung sind die Gefühle etwas ruhiger geworden und es wird nicht mehr jene Begierde, die „die Erde beben lässt“ erwartet. Vielmehr geht es um ein Gefühl maximaler Vertrautheit, eine immer wieder erneuerte Verbundenheit und eine Hingabe, wie sie nur zwischen Menschen entstehen kann, die ihr gegenseitiges Vertrauen langsam aufbauen konnten.

Da der „wilde Sex“ ein bisschen in den Hintergrund trat, erweiterten wir unsere körperliche Beziehung zueinander in eine etwas andere Richtung. Und die hat ganz und gar nichts mit Potenzmitteln zu tun. Es geht darum, einander zu zeigen, dass man Freude daran hat, den Körper des anderen zu berühren, die Wärme zu spüren, die Nähe zu genießen, zu kuscheln.

Nicht zu vergessen sind auch die kleinen, liebevollen Berührungen im Alltag, die immer und überall möglich sind. Und vielleicht kann man seine Phantasie auch für ungeahnte sinnliche Erfahrungen benützen. Manchmal ist die Not (dass etwas vielleicht weniger gut funktioniert) die Mutter ganz neuer Aspekte in der Partnerschaft, die zu einer überraschenden Belebung führen.

…und schließlich

Der Lenker der Geschicke schenkte uns eine weitere gute gemeinsame Lebenszeit.

Der neuen Situation positive Aspekte abzugewinnen, stellt eine schwierige Aufgabe für die Betroffenen dar. Gelingt es dennoch, nehmen die Gefühle der Verunsicherung unweigerlich ab und es kann zu einem Wendepunkt kommen. Nicht nur mein Mann und ich, sondern auch die Männer in der Selbsthilfegruppe beschrieben, dass sie ihr "Leben danach" (nämlich nach überstandener Behandlung) bewusster und intensiver erleben konnten.

Der Krebs ist manchmal eine Chance, sich eine Frage zu stellen, die oftmals schon lange (auch ohne Krankheit) fällig war: Wie wertvoll und liebenswert kann ich mich erleben, auch wenn ich weniger leiste…

Möglicherweise kommen ein paar sehr eindrückliche Antworten aus dem Inneren. Vielleicht kommt man drauf, dass manches gut läuft, aber dass anderes so nicht weiter gehen kann. Jetzt ist die Gelegenheit gekommen, dass das eine oder andere kompromisslos geändert werden sollte.

Wir haben „ausgemistet“ und haben uns von manchen mühsamen Kontakten und unnützen Gewohnheiten getrennt. Es war befreiend. Anderes wiederum planten wir für unsere „neue“ gemeinsame Zukunft.

So kam es, dass wir beide, mein Mann und ich, mit Freude bestätigen konnten, was Erich Fromm über die Liebe sagte:

„Liebe ist Verantwortung, Fürsorge und Respekt.“

Und zwar gegenseitig!

Informationen zum Artikel:

Als mein Mann an Prostatakrebs erkrankte

Verfasst von Ulrike Sammer

Auf MSG publiziert im Februar 2016

In: Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 2000er Jahre

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.