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Wenn die Dreschmaschine kam ...

von Helene Schreivogl

Viele Hände wurden gebraucht, wenn die Dreschmaschine kam. Auch wir Kinder durften dabei sein.

Wenn das Getreide (Weizen, Roggen und Gerste) auf dem Feld gemäht wurde, machten die Frauen Garben, die zusammengebunden, zusammengetragen und zu „Mandeln“ aufgestellt wurden. Nach einigen Tagen kam dann das Fuhrwerk, wo sie aufgeladen wurden. Oben auf dem Wagen stand der „Lader“. Er musste die Garben ordentlich schlichten, damit sie nicht verrutschten. Hatte man keinen Stadel, so wurden sie am Lagerplatz zu einer „Tristl“ (Triste) aufgeschlichtet – schön nach Sorten getrennt.

Dann kam die Dreschmaschine. Schon zeitig in der Früh hieß es aufstehen. Für uns Kinder aufregende Tage. Die Maschine wurde nahe an die Triste gefahren, das war Sache des Maschinisten. Er war verantwortlich, dass alles gut geölt und geschmiert war. Auch Treibstoff wurde nachgefüllt, dann ging es los. Oben auf der Dreschmaschine war der „Tisch“. Vor einem großen Loch saß der „Eingeber“, um ihn herum zwei oder drei Frauen. Auf der Triste standen zwei Männer mit langen Gabeln. Sie gaben die Garben hinüber zur Maschine. Die Frauen nahmen sie in Empfang, machten die Schnüre auf, und der Eingeber steckte die Garben in das große Loch. Die Maschine trennte Stroh und Korn. Das Stroh kam aus der Presse am hinteren Ende der Dreschmaschine als Ballen heraus. Männer schlichteten diese Ballen wieder zu einer Triste auf.

Das Bild zeigt die Dreschmaschine, daneben die "Tristen". Man sieht die Männer, die die Strohgarben auf die Maschine hinaufreichen, wo die Frauen sie in Empfang nehmen.
Dreschen Ende 1940er-Jahre, Achau

Das Korn kam auf der anderen Seite zum „Sackler“. In großen Jutesäcken wurde es aufgefangen, die Säcke zugebunden und auf einen bereitstehenden Wagen aufgeladen.

Um neun Uhr war Frühstückszeit. Die Maschine wurde abgestellt, und alle Arbeiter setzten sich auf Strohballen im Kreis. Für jeden gab es ein großes Stück Braunschweigerwurst, selbstgebackenes Brot und Haustrunk. Es wurde gescherzt und gelacht, bis es wieder weiterging. Die Leute wollten für die Arbeit kein Geld, sondern Naturalien.

Die Säcke mit dem Korn wurden in die Mühle gefahren. Für uns Kinder waren diese Tage immer ein Erlebnis.

Das Bild zeigt die Frauen, Männer und Kinder vor der großen Dreschmaschine.
Dreschen Ende 1940er-Jahre, Achau
Informationen zum Artikel:

Wenn die Dreschmaschine kam ...

Verfasst von Helene Schreivogl

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Wien-Umgebung, Achau
  • Zeit: 1940er Jahre

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