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Als Lehrling beim Bau einer Materialseilbahn 1943/44

von Anton Kriebert

Vom Ennstal bis Unterlaussa wurde eine Materialseilbahn gebaut, zur Beförderung von Bauxit für den Flugzeugbau, daher kriegswichtig. Unsere Firma errichtete dafür eine Winkel- und Antriebsstation in Unterlaussa, wo ich schon als Lehrling mitbeschäftigt war, bis zu meiner Einberufung. Sie wurde aber vor Kriegsende nicht mehr fertig. Von Unterlaussa ging die Seilbahn über die Mooshöhe bis Weißwasser. Da hatte ein Jäger in seinem Stall einen erschöpften Hirschen über den Winter gepflegt. Wir hatten dort einige Fundamente und Sockeln für die Seilstützen zu errichten. Es waren auch noch Reste einer Holzschwemmanlage vorhanden. In den sehr steilen Waldhängen lagen noch riesige Stämme großer Bäume herum, die der Vermoderung preisgegeben waren.

Von hier aus war es nur mehr zu Fuß möglich, auf die Blabergalm zu kommen; es war das letzte Baulos, 1100 Meter hoch. Heute ist dieses Gebiet gesperrt und gehört den Bundesforsten. Die paar Bauern wurden abgesiedelt. Auf dieser sehr gut erhaltenen Almhütte wohnte ich als Siebzehnjähriger mit zwölf weiteren Kollegen, und wir kochten zuerst selbst auf einem kleinen Öferl. Weil das auf Dauer nicht gut ging, bekamen wir auch eine Köchin zugeteilt. Dazu war es notwendig, einen Werksküchenbetrieb anzumelden. Ich war derjenige, der die Lebensmittelmarken einzusammeln hatte, und ich war auch für den Einkauf zuständig. Die Lebensmittelmarken musste ich jeden Monat am Ernährungsamt in Steyr abgeben.

Anton Kriebert mit vier Frauen in Arbeitskleidung vor der Barackenunterkunft in Unterlaussa
Vor der Unterkunft in Unterlaussa

Für einen solchen kriegswichtigen Betrieb wurde auch Zusatzverpflegung genehmigt, das waren 30 Kilogramm Pferdefleisch. Da sagten unsere Männer: „Das darfst du uns nicht bringen!“ Die Köchin meinte dazu: „Bringst halt Pferdewurst und tauschst sie in der Russenküche gegen Mehl um.“ Einen Teil davon behielten wir aber doch und machten Schinkenfleckerl daraus. Niemand merkte was davon.

Wir hatten auch zwanzig, dreißig junge Russen aus dem Kriegsgebiet zugeteilt bekommen. Es waren keine Gefangenen, sondern Zivilinternierte. Ich verstand mich sehr gut mit ihnen, weil sie auch in meinem Alter waren und zum Teil auch etwas Deutsch konnten. Sie mussten bei magerer Kost Schwerarbeiten verrichten und waren durchwegs brav. Sonntags hatten sie genauso frei wie wir. Das nutzten sie und flochten aus Baumwurzeln Taschen, die sie bei Bauern gegen Brot tauschten. Ich konnte auch beobachten, wie sie Wasser im Mund erwärmten und – spritzerweise in die offene Hand – zum Gesichtwaschen verwendeten. Zum Suppen­essen hatten sie aus Holz geschnitzte Löffel.

Verheiratete durften alle zwei Wochen heimfahren und mussten am Montag wieder da sein, Ledigen war die Heimfahrt nur alle vier Wochen erlaubt. Einmal kam ein Kollege aus Ybbs einen Tag später an, weil es zu Hause Hochwasser gab. Er wurde gleich an zwei Stellen an­gezeigt: am Disziplinargericht in Steyr und bei der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Das ergab zwei Verhandlungstage, so war es in der Nazidiktatur. Auch ein Jugendschutzgesetz gab es, das reichlich missachtet wurde. Wichtig war die Parteizugehörigkeit.

An einem Sonntag ging ich mit einem Kollegen in den nahe gelegenen Wald, wo tief unten in einer Schlucht ein Wasserlauf war. Mein Kollege war mir weit voraus und fand in einem Tümpel einen verendeten Hirschen, von dem er das Geweih haben wollte. Er zog und zerrte so lange, bis es ihm gelang, das begehrte Stück vom Kopf zu reißen.

Oberhalb dieser Schlucht war in einer Mulde eine nasse Stelle, wo ich ins Rutschen kam. Ich hatte Glück nicht abzustürzen, doch meinen Fotoapparat hätte ich fast verloren. Diesen hatte ich beim Polier gegen 150 Zigaretten eingetauscht. Es war ein ganz primitives Holzkastl, Format 6x9, mit Holzspulen, im Krieg gab’s dazu nur Papierfilme. Ich war dennoch zufrieden, es war ja auch mein erster Fotoapparat.

Ein andermal wanderten wir von der Blabergalm zur Laussabauernalm. Da gab’s viele Butterblumen und ein herrlich duftendes, dunkelrotes Kohlröserl. Einmal fand ich den gelb blühenden Frauenschuh, ebenso unter Naturschutz, und eine Wiese voll weiß blühender Narzissen. Almrausch, Enzian und Petergstamm konnte ich hier kennenlernen.

Einmal kletterten wir über die Baumgrenze hinauf, durch Latschen und Fels dem Grat ent­gegen; da wurden wir von 14 Gämsen beobachtet. Ein Pfiff, und alle waren weg. Es war ein Teil meiner schönsten Jugendzeit.

Es war verboten, mit Hilfsseilbahnen mitzufahren, und doch kam es vor. Einmal hatte ich wieder Glück gehabt. Beim Überrollen der ersten Seilstütze sprang das Gehänge heraus, und ich konnte über die Stütze abklettern. Als ich schon eingerückt war, sind ein oder zwei Russen in eine tiefe Schlucht abgestürzt, natürlich tot.

Vom Bahnhof bis zur Baustelle waren es ca. 15 Kilometer. Die Zufahrt zum Baustellenbereich war unbedingt befahrbar zu halten; da musste täglich Schnee geschaufelt werden. Das ergab beiderseits der Straße drei Meter hohe Schneewände. Vom Jägerhaus auf der Mooshöhe war von der Haustür zur Straße ein einziges Tunell. Der Schnee reichte bis zum Dach.

mannshoch verschneiter Zugang zum Jägerhaus
Zugang zum Jägerhaus auf der Mooshöhe in Unterlaussa (Winter 1943/44)

Mit Fliegern und Bomben hatten wir den ganzen Krieg nichts zu tun. Doch bei der Nachmusterung in Steyr gab es Alarm. Alles rannte in Richtung Märzenkeller, der als ziemlich sicher galt, so auch ich. Die ganze Stadt wurde vernebelt, und die Flak (Fliegerabwehrkanone) hatte einen Schornstein der Steyrwerke durchschossen.

Zu dieser Zeit gab’s kaum einen gesunden Mann zu Hause. Es waren alles vom Kriegsdienst Entlassene wie auch ich. Wegen linksseitiger Taubheit durch eine Operation im Jahr 1936, musste ich erst verspätet einrücken, konnte aber auch die Gräuel des Krieges noch kennen­lernen.

Informationen zum Artikel:

Als Lehrling beim Bau einer Materialseilbahn 1943/44

Verfasst von Anton Kriebert

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Traunviertel, Unterlaussa / Steiermark, Obersteiermark-West, Ennstal
  • Zeit: 1943 bis 1944

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