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Langer Schatten - Jahrgang 1940

von Rita Wodniczak-Naths

Es gab nichts mehr, die Zeit stand still. Unsere Wohnung in Hamburg-Rothenburgsort am Billhorner Röhrendamm fiel am 27./28. Juli 1943 der „Operation Gomorrha“ zum Opfer.

Unsere Mutter kam mit uns drei Kindern heil und gesund davon. Wir waren zufällig bei ihrem Bruder, unserem „Onkel Willi“ in Tralau-Bad Oldesloe. Es wäre sonst die letzte Seite im Buche unseres Lebens gewesen.

1941 hielten wir uns, wegen der Bombenangriffe, über längere Zeit in Wien auf. Hier hatten wir ein schönes und ruhiges Leben. Sogar unser Vater besuchte uns dort. Er bekam Fronturlaub.

Ernst Naths, der Vater der Autorin, auf Fronturlaub in Tulbing 1942
Ernst Naths auf Fronturlaub in Tulbing 1942

Nach der Ausbombung in Hamburg führte unser Lebensweg nach Trittau. Trittau, das Heimatdorf meines Vaters, Ernst Naths (...) Die einzige Erinnerung an den geliebten Vater – Schrecksekunde – „Oh Mutti, schau, es liegt ein fremder Onkel in deinem Bett!“ In diesem Moment verlor mein Vater den Glauben an den Krieg: Durch lange Trennungen kannte seine eigene Tochter in nicht mehr. Danach gab es auch kein Wiedersehen. Er fiel am 15. August 1944 an der Ostfront in den Kämpfen bei Antsla, 30 km nordostwärts von Walk (Gutachten Deutsches Rotes Kreuz vom 30. September 1968).

Dieses liebevoll lächelnde Gesicht trage ich bis heute ganz tief in meinem Herzen. Ich schließe die Augen, schaue es an und merke – ich weine.

Während seines letzten Heimaturlaubs setzte mein Vater bei der Behörde der Gemeinde Trittau alle Hebel in Bewegung, für eine akzeptable Unterbringung seiner Familie. Noch vor Kriegsende 1945 stellte die Gemeinde uns ein Behelfsheim zur Verfügung (Mein Vater sollte es leider nicht mehr erfahren).

Ein Holzhaus mit einem vorne weit überstehenden Flachdach. Dieses Dach wurde im Frühjahr und Herbst eine Katastrophe. Ich glaube, es standen vier Häuschen dieser Art in einer Reihe, parallel zur Schulstraße. Der Sturm tobte wie verrückt um die gemütlichen Hütten, schnappte ganz lässig die Dächer und trug sie in die Gärten der Nachbarn. Wir lagen im Bett und schauten in den tobenden Himmel.

Es gab da: Lene Knieper mit dem kleinen Hans Christian, dann meine Mutter mit uns drei Kindern, die Familie Götz – zwei Söhne –  Gerhard und Jürgen, die Familie Paulsen – Sohn Dieter und Tochter Ina. Wo aber bekam man kräftige Männer her?

Es war ein Wahnsinnsunterfangen. Die armen Mütter standen vor einem großen Problem (...) Irgendwie waren die Dächer dann wieder dort, wo sie hingehörten. Nur die schreckliche Angst blieb. Jeder kleine Wind erschien uns wie ein Orkan – Ein Albtraum – Dazu immer wieder Fliegeralarm. Der Feind kam näher. Einmal wurde ich von Tieffliegern beschossen. Vielleicht wollten sie nicht treffen, es ging gut aus. Ich sprang in einen Haufen Buschholz, war somit außer Sicht. Als Belohnung gab es eine „volle Tracht Prügel“ mit dem Holzlöffel, der sich in der Hand meiner Mutter befand (Ich hatte mich wohl wieder einmal zeitlich verspielt).

(...)

Informationen zum Artikel:

Langer Schatten - Jahrgang 1940

Verfasst von Rita Wodniczak-Naths

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Hamburg, Trittau / Niederösterreich, Wien-Umgebung, Tulbing
  • Zeit: 1942 bis 1954

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