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Begegnungen - Typen der Vergangenheit

von Margarethe Lutz

In der Stadt aufgewachsen, sind uns wohl viele Typen der Vergangenheit noch immer gegenwärtig, aber wirklich persönliche Kontakte kamen doch sehr selten zustande. Trotzdem möchte ich einen etwas abseitigen Beitrag dazu leisten, nämlich von den nachhaltigen Wirkungen mancher Begegnungen auf mich erzählen und den damit verbundenen Wunsch, den roten Faden von damals immer wieder vergleichend mit dem Jetzt und Hier, aufzunehmen.

Als ich ein Kind war gab es den Mistbauer, der einmal in der Woche unser Misttrücherl mit allerhand Staubentwicklung in seinen offenen Wagen leerte. Dabei wird mir betroffen erinnerlich, dass dies damals der Abfall einer vierköpfigen Familie war, während ich heute, allein geblieben, diese Wochenmistmenge oftmals an einem einzigen Tag zusammenbringe und unsere Deponien eine ernstliche Platzsorge darstellen.

Im Volksgarten und Rathauspark gab es damals die Sesselfrau mit Schürze und schwarzer Geldtasche, die gegen Entgelt den stundenlangen Alleinbesitz eines Eisenklappsessels zusicherte. In Sonne oder Schatten saß man dann doch ganz anders da, wie irgendwo auf einem Zufallsplatz einer Parkbank. Weder für das eine noch für das andere braucht man sich jetzt zu entscheiden. Wenn es einem überkommt, kann man beim Burgtor, inmitten der großen Rasenflächen, ganz naturnah sitzen, liegen oder vielleicht auch picknicken.

Bei diesem Grundeln in der Vergangenheit, fiel mir aber dann doch ein ganz persönliches Erlebnis mit einem Laternanzünder in der Wimbergergasse ein. Bekleidet mit einem Arbeitskittel, mit einer Leiter und langer Stange ausgerüstet, an deren Ende ein Lichtfunzerl brannte, blieb er plötzlich vor mir stehen und sagte barsch: "Ja Mäderl, schämst du di denn gar net, dass du di von deiner Großmutter tragen losst? Glei gehst oba!" Zu meiner Entschuldigung dazu, dass man mit drei oder vier Jahren nicht weiß, dass die Großmutter alt und man selbst schon recht schwer war. Was der ganzen Familie nicht gelungen war, bewirkte ab sofort der Mann mit der Funzerllichtstange. Er kam für mich direkt vom lieben Gott, der einfach nicht mehr wollte, dass ich mit Geschrei und Heulerei das Getragenwerden erzwang. Den Laternanzünder gab es bald nicht mehr, für mich aber blieb er noch längere Zeit ein vom Himmel geschickter Mahner mit dem Lichtstaberl und mancherlei Verbote wurden allein deshalb befolgt.

Informationen zum Artikel:

Begegnungen - Typen der Vergangenheit

Verfasst von Margarethe Lutz

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 7. Bezirk / Wien, 1. Bezirk
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" zum Thema "Alltagsgeschichte und Sprachwandel im 20. Jahrhundert" verfasst.

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