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„… geprägt von wirklich gigantischen Umwälzungen“

von Josef Sinabell

Vor 45 Jahren haben wir von meinen Eltern die Landwirtschaft übernommen. Diese Jahre waren geprägt von wirklich gigantischen Umwälzungen in unserer Landwirtschaft. Meine Erinnerung reicht aber sechzig Jahre zurück: an die Zeit ums Kriegsende, als es die Urform der Landwirtschaft zunächst noch gab. Alles wurde händisch gemacht. Die Männer und Frauen von unseren Nachbarn waren fast das ganze Jahr über bei uns beschäftigt; sie lebten praktisch von unserem Hof mit, auch mit Nahrungsmitteln wurden sie versorgt. Aber bald nach dem Krieg, als ich von der Schule zu Hause bleiben musste, weil meine Mama gestorben war, bekam man keine Arbeitskräfte mehr. Es gab auch schon die ersten Maschinen für die Landwirtschaft.

Zwei Männer auf einem Traktor

Man musste gut überlegen, ob man für jeden Handgriff eine Maschine kauft. Denn um die dann bezahlen zu können, musste man irgendwo anders arbeiten gehen. Das ist ja wahrlich keine Erleichterung! Wir mussten schließlich fast alle Sparten, die wir in der Landwirtschaft hatten, aufgeben: Kartoffeln, Kraut, Rüben, Gemüseanbau, Getreide, jede Art von Tierhaltung. Wir spezialisierten uns auf einige wenige. Die meisten Nahrungsmittel mussten dann auch wir Bauern dazukaufen.

Später begannen wir eine Hühnerzucht mit 10 000 Masthühnern. Eigentlich war das eine Massentierhaltung, aber wir betrieben sie vollkommen ohne Antibiotika und Desinfektionsmittel. Wir hatten die Tiere auch in Bodenhaltung; sie konnten in den Hof hinaus, wenn sie wollten. Es war also eine Massentierhaltung in einer verantwortbaren Art und Weise.

Aber alleine die Züchtung, die dann ungeahnte Fortschritte machte, gab mir zu denken. Mit den 10 000 Hühnern, mit denen wir begonnen hatten, fanden wir keinen Abnehmer mehr. Wir hätten auf mindestens 60 000 vergrößern müssen, mit allen Methoden, die mit einer natürlichen Haltung nichts mehr zu tun haben. Also: strengste Isolierung! Wir hätten auch einen Vorraum bauen müssen, wo wir uns ein Übergewand hätten anziehen, Hände waschen und desinfizieren müssen. Aber hier beginnt schon etwas Kriminelles. Wenn man so steril die Hühner hält, haben sie keine eigene Abwehrkraft mehr; sie können nur mehr mit Antibiotika gefüttert werden.

Landwirtschaft habe ich immer als ein Wirtschaften im Einklang mit der Natur verstanden. Warum wir dann mit allem Schluss gemacht haben? Altersbedingt und auch weil in dieser Form, wie die Landwirtschaft, um profitabel zu sein, geführt werden müsste, sich im Moment keines von den Enkelkindern findet. Aber ich kann diese Ablehnung nur voll unterstützen. Bei den jetzigen Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen, die mit Landwirtschaft nichts mehr zu tun haben, mache ich lieber Schluss.

Informationen zum Artikel:

„… geprägt von wirklich gigantischen Umwälzungen“

Verfasst von Josef Sinabell

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt, Klingfurth (Walpersbach)
  • Zeit: 1945 bis 2007

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch: Lebensspuren. Erlebte Zeitgeschichte im Land der tausend Hügel. Bucklige Welt - Heimat in Europa, hrsg. von Johann Hagenhofer und Gert Dressel, Lichtenegg- Ransdorf 2007, S. 41 / 97f.

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