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Steine der Erinnerung gegen das Vergessen - Pazmanitengasse 14

von Herbert-Ernst Neusiedler

Wien 2, Pazmanitengasse 14, ein gewöhnliches Haus, in dem ich 1941 geboren wurde und 20 Jahre wohnte, bekam auf meine Initiative einen „Stein der Erinnerung“ vor das Tor gesetzt.

Das Leben im Haus war dem eines Dorfes vergleichbar. Jeder kannte jeden, Kinder wuchsen gemeinsam auf, spielten miteinander. Man half einander in der Not der Nachkriegszeit, borgte einander Lebensmittel, Wolle um Socken zu stopfen, schenkte ein paar Erdäpfel einer Familie, wo Kinder hungerten oder ein Stück Kohle, um einen Raum zu wärmen.

Aber daran soll der „Stein“, tatsächlich eine Bronzeplatte, nicht erinnern.  

In diesem Haus wohnten, schon bevor meine Eltern im Herbst 1938 einzogen, Familien wie eben beschrieben. Doch an einem Tag im März 1938, schlich sich der nicht legitimierte Bundeskanzler mit den Worten „Gott schütze Österreich!“ davon, um Herrn Hitler Platz zu machen.

Und da geschah Unvorstellbares. Auf einmal gab es „Arier“ im Haus, die sich Christen nannten, doch nie eine Kirche betreten hatten und Juden, manche getauft, andere, die nie in einer Synagoge waren. Und schon am nächsten Tag führte der Hausbesorger, plötzlich in SA-Uniform, die Nichtarier zum Waschen der Gänge durchs Haus. Sie durften die Waschküche nicht mehr benutzen und den Hackstock im Hof. Und den anständigen Christenkindern wurde verboten, mit dem Judeng’sindel zu spielen. Und da spuckte man sie halt an, die Spielkameraden von Gestern.

Zwei Tage waren vergangen, normale Menschen waren zu Sadisten geworden. Eine einfache Frau, „Arierin“(?), kaufte weiter bei ihrem Greißler ein. Zwei Rotzbuben, Nachbarskinder, hängten ihr eine Tafel mit dem Spruch um: „Arisches Schwein kauft bei Judensau ein!“ Damit führten sie sie um den Häuserblock. Es war eine Riesenhetz.

Dann wurden die Juden „umgesiedelt“, jetzt war man unter sich. Nach dem Krieg hörte man von Gaskammern. Man konnte es nicht glauben. Da waren doch so freundliche und hilfsbereite Nachbarn dabei, die sollen ermordet worden sein?

Bronze-Gedenktafel mit Inschrift, die an 24 deportierte und ermordete Juden erinnert

An alle freundlichen oder weniger sympathischen Menschen, welche die „Umsiedlung“ nicht überlebten, soll der Stein erinnern, damit die Taten der nicht Umgesiedelten und jene der Anstifter nicht vergessen werden. Zieht euren Hut, wenn ihr dort vorbeigeht! Im Geiste mache ich einen Kniefall vor dem Stein, vor diesem gewöhnlichen Haus in der Leopoldstadt.

Informationen zum Artikel:

Steine der Erinnerung gegen das Vergessen - Pazmanitengasse 14

Verfasst von Herbert-Ernst Neusiedler

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk, Pazmanitengasse 14
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Text wurde im Mai 2009 für eine Broschüre des Vereins "Steine der Erinnerung" geschrieben und auch an die heutigen Bewohner/innen des Hauses Pazmanitengasse 14 verteilt.

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