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"Und jetzt ist der Hitler da ..."

von Erika Thiel

„Das ist das Ärgste, was uns passieren konnte“, sagte meine Mutter. „Wenn man bei den Schwarzen ein unrechtes Wort gesagt hat, wurde man eingesperrt, aber beim Hitler wird man gleich zum Tode verurteilt.“ Das hat mich Zwölfjährige richtig in Schrecken versetzt, kannte ich doch die Art meiner Mutter, mit ihrer Meinung nicht zurückzuhalten. So konnte es geschehen, daß ich mich zu den Jungmädeln einschreiben ließ, als wir in der Schule ganz unerwartet vor dieser Entscheidung standen.

Rund 30 Mädchen einer dritten Hauptschulklasse gruppiert um ihren Lehrer in einem Garten
Klassenfoto der dritten Hauptschulklasse Erika Thiels (5. von links in der hinteren Reihe) im Schuljahr 1938/39

In der Stenografiestunde (nachmittags von 15 bis 16 Uhr, da Freigegenstand) kam eine Mitschülerin und sprach leise mit unserem Lehrer. Der verkündete dann, wir sollten alle um 17 Uhr nach Neu-Kagran (das ist die Gegend Erzherzog-Karl-Straße, Donaustadtstraße, Siebenbürgerstraße) kommen und uns bei den „Jungmädeln“ melden, später würde niemand mehr aufgenommen. Ich dachte: „Dort muß ich hingehen, denn sonst glauben die, meine Mutter hätte es nicht erlaubt. Sie wäre somit eine Feindin der Regierung, und dann ...?“ Diesen Grund für meinen Beitritt habe ich ihr nie gesagt.

So zog ich also mit zwei Schulkolleginnen los, in Hirschstetten kamen auch noch ein paar Mädchen dazu, und in Neu-Kagran waren schon viele aus Aspern und Kagran versammelt, sodaß wir um 17 Uhr eine Gruppe von 70 bis 80 Neueintretenden waren. Sofort lernten wir antreten, auf der großen Wiese marschieren und dazu noch zwei Lieder (die habe ich aber vergessen). Um 19 Uhr kam dann endlich die Ringführerin, freute sich über unser Kommen, hielt eine Rede über das Glück, als Jugendliche nun dem Dritten Reich anzugehören, und dann war es 20 Uhr, und wir durften heimmarschieren.

Unsere Gruppenführerin war noch nicht 15 Jahre alt, denn Jugend soll von Jugend geführt werden, was mir damals sehr imponierte. Bevor wir uns in Stadlau „auflösten“, hatte sie die Idee, dreimal um die Kirche zu marschieren und vor dem Eingang immer „Hoi, hoi, hoi!“ zu schreien, um den Pfarrer zu ärgern. Ich brüllte kräftig mit, obwohl ich wußte, daß Mama damit nicht einverstanden gewesen wäre. Sie hatte mich immer ermahnt, Andersdenkende zu respektieren. Durch unser Gebrüll aufmerksam gemacht, fanden sich nach und nach unsere uns schon lange Zeit suchenden Mütter, Väter und was so alles zur Familie gehörte, ein. Das Geschimpfe war leichter zu ertragen, weil wir doch so viele waren. Wir aus der Schule waren ja nicht allein, man hatte auch die Mädchen, die im Park oder auf der Straße spielten, zur "Einschreibung" aufgefordert.

Mama rügte meine "Eigenmächtigkeit", aber in dieser Zeit benötigte man eben für Dinge, die mit der Partei in Zusammenhang standen, keine Unterschrift der Erziehungsberechtigten. Sie erlaubte mir zwar weiterhin, zu den Treffen zu gehen, damit ich unter junge Leute käme, aber bei solchen Blödheiten sollte ich nicht mehr mitmachen.

Wir hatten jede Woche zwei Stunden Heimabend. Wir gingen turnen und schwimmen, tratschten über unsere Lehrerinnen und Lehrer, sogar über den eingebildeten Schulwart, dachten darüber nach, was wir einmal werden wollten usw. Das einzig Politische außer den Liedern, die wir lernten, war, daß wir über das Leben der obersten Führung Bescheid wissen sollten; des Führers Geburtsdatum weiß ich noch heute. Zu Beginn wurde angetreten und irgendein Ausspruch eines großen Mannes verlesen, ebenso am Ende. Wie es später weiterging, kann ich nicht beurteilen, da ich, als ich 15-jährig und schon zum BDM überstellt war, unsere Schaftführerin (16-jährig) bei einem Vortrag über den Vierjahresplan zweimal korrigierte und daraufhin von ihr strafweise für zwei Monate beurlaubt wurde, das heißt, ich durfte an den folgenden Heimabenden nicht teilnehmen. Ich war überzeugt davon, daß ich etwas besser wusste als sie. Da es aber keine Diskussion gab, war ich beleidigt und sagte, ich würde mir länger Urlaub nehmen. Anscheinend bin ich niemandem abgegangen, keiner hat je nach mir gesucht.

In der NS-Zeit ging alles so schrecklich schnell, so plötzlich. Hitlers Rede am Heldenplatz konnten wir gar nicht verfolgen, wir hatten zu Hause kein Radio. Dann hatten wir drei Wochen Schulferien, zwei junge Lehrerinnen wurden zu Sportlehrerinnen ausgebildet, wir hatten nun fünf Turnstunden pro Woche, darum wurden die Unterrichtsstunden auf 50 Minuten gekürzt. Wir lernten die Deutschland-Hymne und das Horst-Wessel-Lied, und in Geografie lernten wir Deutschland gründlich kennen. Die Kinderlandverschickung hatte sofort begonnen, und wir sollten bei unseren Pflegefamilien natürlich über Deutschlands Städte, Flüsse usw. Bescheid wissen.

Auch ich war bald dabei. Ende April 1939 ging es mit einem Sonderzug nach Dresden, in den Landkreis Zittau in die Oberlausitz, nach Waltersdorf an der Lausche. Das angrenzende Dorf Warnsdorf war schon auf tschechischem Boden, und man erklärte mir, daß Ereignisse in diesem Dorf die Grundlage zu Gerhart Hauptmanns "Die Weber" wären. Für uns Kinder waren sechs Wochen Aufenthalt vorgesehen, doch schon nach vier Wochen wurden wir Wiener Kinder nach Hause geschickt, und ich hörte die Leute, die alle sehr nationalsozialistisch eingestellt waren, leise munkeln, daß es nun bald losginge. Zurück in Wien, konnte mir hier niemand sagen, was losgehen sollte, doch es dauerte nicht lange, und die Männer wurden zu Waffenübungen eingezogen, und schon bald wurde das Sudetenland „befreit“.

Nun fürchteten schon die meisten, daß ein Krieg kommen würde, nur meine Mutter glaubte immer noch an den Frieden. In diesem Glauben wurde sie bestärkt durch einen Mann, der, bekannt als Kommunist, verhaftet worden war. Als er nach vielen Wochen freiging, trat er nun in einer SA-Uniform auf und machte in unserer Wohngegend Propaganda für das wunderbare Leben, das uns der Nationalsozialismus bringen würde: Arbeit, Brot, Frieden. Außer meiner Mutter hat ihm keiner geglaubt, aber sie wollte eben ihren Traum von "Nie wieder Krieg!" weiterträumen. Erst als uns an einem Sonntagvormittag ein Vertrauensmann mit Lebensmittelkarten versorgte, die ab Montag gelten würden, wachte sie aus ihrem Traum auf.

Und dann war Krieg. Vater war in der Slowakei stationiert und gehörte zu den Ersten, die in Polen einfielen. Er kam aus dem Krieg zurück, psychisch und physisch sehr mitgenommen. Ich selbst durfte, da Vater "im Felde" war, eine Handelsschule besuchen (was meiner Mentalität zwar wenig entsprach), und die Wehrmacht übernahm dafür das Schulgeld von 10,50 Reichsmark monatlich für die Schuljahre 1939/40 und 1940/41. Anschließen wurde ich sofort in das Einkaufsbüro eines Rüstungsbetriebes vermittelt und anstelle des Arbeitsdienstes 1944 in die Werkstätte versetzt. Arbeitskräfte wurden gebraucht, es gab nur ein paar ältere Männer, Kriegsgefangene und Verschleppte aus Frankreich, Polen und Rußland, und so ersetzten wir Mädchen aus Büros, Banken, Versicherungen, Schneiderinnen, Friseurinnen und auch Damen aus einem freien Gewerbe die fehlenden Männer.

Wir arbeiteten hart, 56 Stunden pro Woche (Männer 62 Stunden) bei sehr knapper Nahrung, flexibler Arbeitszeit, da der elektrische Strom auch am Sonntag genutzt werden mußte und es auch oft Stromausfälle gab, die wir einzuarbeiten hatten. Das übrige kennt man aus vielen Beschreibungen: Fliegeralarm, die Vorgesetzten setzen sich per Lastwagen ab, denn: "Der Kopf der Firma muß erhalten bleiben." Wir Übrigen rannten bei Alarm, so weit wir kamen, aus der Industriezone weg, und oft fielen um uns herum schon Bomben, ehe wir in Schulen oder Privathäusern Unterschlupf fanden.

Anfang April 1945 – die Russen standen damals schon vor Baden – machten sich meine Cousine und ich (wir waren 18 und 19 Jahre alt) auf den Weg in den Bayrischen Wald, wo unsere Großeltern und meine Mutter mit meiner kleinen Schwester "umquartiert" waren. Nach drei Tagen Fahrt bzw. Fußmarsch, bei welchem wir sogar in einen Tieffliegerangriff gerieten, kamen wir in offenen Viehwagen in Passau an, und am Abend des nächsten Tages konnten wir mit einem Bus unsere Familie erreichen. Dort war endlich Sicherheit.

Jedes Jahr am 4. April ruft mich meine Cousine an, um uns zu unserem "2. Geburtstag" zu gratulieren. Der Angriff durch den Tiefflieger war entsetzlich, und letzthin fragte sie sogar, was wohl, wenn eine von uns bei dem Angriff verletzt oder gar getötet worden wäre, die andere gemacht hätte. Schrecklich!

(...)

Geschrieben im November 2007

Informationen zum Artikel:

"Und jetzt ist der Hitler da ..."

Verfasst von Erika Thiel

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 22. Bezirk / Deutschland, Bayern; Sachsen: Oberlausitz, Waltersdorf
  • Zeit: 1938 bis 1945

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