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Unser Gemeindebau

von Elfriede Zinsler

Seit dem Jahre 1961 wohne ich im 2. Wiener Gemeindebezirk, in der Leopoldstadt, dort, wo sich die Füchse „Gute Nacht“ sagen. Wenn ich die Straße überquere, liegt das Heustadelwasser vor mir, rechts und links unberührter Auwald; geradewegs kommt man zur Prater Hauptallee, und ein bisschen weiter lädt Maria Grün zur Andacht ein. Vieles hat sich verändert, seit ich hier wohne: Wohnbauten wurden errichtet, die Natur jedoch dominiert nach wie vor und lässt sich nicht vertreiben.

Langsam fällt die Dämmerung herein, die meinem Fenster gegenüber liegende Parkanlage hüllt sich in Dunkel, die Föhrengruppe ist nur mehr schemenhaft zu erkennen. Es ist schon allzu lange her, dass ich hier wohne. Ein ganzes Leben zieht an mir vorbei.

Als ich hier einzog, galt im Gemeindebau ein strenges Reglement. Da unser Bau über fünf Stiegen verfügt, waren je nach Mieterzahl zwei Hausbesorger zuständig. Diese machten es den Mietern manchmal gar nicht leicht. Mit Argusaugen wurde jede Tätigkeit beobachtet: Rasen betreten war streng verboten, geschweige denn eventuelle Zigarettenstummel oder Papierkram fallen zu lassen. Es gab Klopftage – nur zu bestimmten Zeiten konnte man seine Teppiche entstauben.

Die Jugend ließ sich aber manchmal gar nicht von den Anordnungen beeinflussen, und noch heute höre ich Frau Reiter schimpfen: Runter von der Klopfstange, die ist kein Turngerät!“

Einmal im Monat gab es für jede Haupartei einen Waschtag. Es gab damals noch keine elektrischen Geräte. Ein Kessel wurde mit Brennholz angeheizt, die Wäsche zweimal ausgekocht, dann im Holztrog gerumpelt und gebürstet und in einem großen Fass mit Leitungswasser so lange geschwemmt, bis sich keine Seifenreste mehr zeigten. Schließlich wurde die Wäsche dann ausgewunden und auf einem Strick, mit Kluppen befestigt, zum Trocknen aufgehängt. Jede Stiege verfügte über eine eigene Waschküche und den dazugehörigen Trockenboden.

Es hat Jahre gedauert, bis wir endlich doch eine elektrische Waschmaschine mit Schleuderzentrifuge bekamen. Wahrlich, eine enorme Erleichterung! Diese wurde dort aufgestellt, wo es die meisten Mieter gab, und war prinzipiell für die Bewohner aller Stiegen zugänglich. Ein Handicap sollte allerdings viele Mieter davon abhalten, sie in Anspruch zu nehmen. Die Waschmaschine befand sich im fünften Stockwerk – ohne Lift.

Hurra, nun kam auch ein Aufzug nicht nur zur Sprache, er wurde auch installiert!

Und jetzt? Der Bau weist seine Jährchen auf. Die alten Mieter sind zum Teil verstorben, eine neue Generation hat Einzug genommen. Es ist nichts auch nur mehr annähernd so, wie es war. Wir sind multikulturell geworden!

Von Stiege 5 grüßt ein freundlicher Herr Tschang aus China. Seit zehn Jahren ist er hier, alles gefällt ihm, er arbeitet als Koch.

Die Wohnung ober mir ist schon lange von Leuten aus dem ehemaligen Jugoslawien bewohnt – schon die dritte Generation, voll integriert, waschechte Wiener – ein freundschaftliches Verhältnis von Jugend zu Jugend.

Auch die Vis-a-vis-Bewohner sind schon länger hier, wenig auffällig, doch mit ihrem Clan-Wesen behaftet, wenig zugänglich und nicht daran interessiert, sich einzugliedern. Schade!

Ja, noch etwas sei erwähnt: Kein Mensch regt sich mehr auf, wenn Scheiben kaputt gehen, Wände beschmiert werden oder die Mistkübel übergehen!

Informationen zum Artikel:

Unser Gemeindebau

Verfasst von Elfriede Zinsler

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk
  • Zeit: 1961 bis 2008

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