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Tempelgasse 3

von Hans Gamliel

Das Heim, ein dreistöckiges Backsteingebäude, es steht noch heute – inzwischen renoviert –, grenzte damals, durch einen langen Hof getrennt, an die Ruine des von den Nazihorden zerstörten jüdisch-türkischen Tempels, in welchem einst Dorotheas Eltern getraut worden waren. Sowie Dorothea mit ihren Kindern von der Heimleiterin, Frau Citron, empfangen und  aufgenommen wurde, wies diese dem sechsjährigen Hans, das letzte freie Bett in einem Männerzimmer zu, in welchem ausschließlich alte und kranke Männer untergebracht waren. Inmitten dieser meist Verbitterten bezog der Knabe seine Bettstatt. Alle Betten waren aus weiß emaillierten Eisenrohren gefertigt, weiß lackiert und voneinander durch Nachtkästchen, aus ebensolchem Material bestehend, getrennt. Manche der Männer sah Hans nur am Abend, wenn sie zum Schlafen kamen, andere wiederum verließen ihr Bett fast nie. Gesprochen wurde miteinander kaum ein Wort, zu sehr war ein jeder mit seinen Problemen und der schrecklichen, erst kürzlich zu Ende gegangenen Vergangenheit beschäftigt. So lebte man eine Zeitlang auf allerengstem Raum wohl gemeinsam, jedoch aneinander vorbei.

Dorothea und Erika landeten in einem Zimmer, welches ausschließlich mit Frauen belegt war. Dieses Zimmer war nur erreichbar, indem sie ein anderes Zimmer, das von Männern bewohnt war, durchschreiten mussten. Auf Dauer war dies für alle Betroffenen untragbar geworden, da andauernd Reibereien entstanden. Alle Heimzimmer waren von Ungeziefer, hauptsächlich von Wanzen, befallen. Dorothea besorgte sich das zu dieser Zeit hoch gelobte und mittels vieler Plakate angepriesene Insektenvernichtungsmittel DDT. Dieses wurde als Pulver in kleinen, runden, nach außen hin leicht gewölbten Kartonschachteln in Drogerien sowie in Apotheken verkauft. Hatte man es erworben, musste man nur ein nadeldünnes Loch seitlich einstechen und durch ein leichtes Zusammendrücken der Schachtel schoss aus dem Loch das Pulver dahin, wo man es benötigte. Hans machte sich daran, wo immer er Ritzen oder Löcher im Zimmer entdeckte, jene mit diesem Pulver zu bestreuen. Er entdeckte an den Wänden viele schmale, bräunliche Streifen, welche von zerdrückten Wanzen stammen mussten, denen Vorbewohner der Zimmer ohne Verwendung des Pulvers den Garaus gemacht hatten. Das Pulver half tatsächlich sehr gut im Kampf gegen das viele Ungeziefer.

Sobald Dorothea und die Kinder im Heim heimisch geworden waren, hatte Hans sich die Tempelruine als bevorzugten Aufenthaltsort auserkoren. Dabei war ihm mit seinen sechs Jahren keineswegs bewusst, wie lebensgefährlich das Spielen in und auf der „Reichskristallnachtruine“ für ihn war. Er erzählte seiner Mutter nicht, wie magisch ihn die schummrigen Abteile der Ruine anzogen. Über die eingestürzten Balken und Schuttberge ließ es sich so toll herumklettern. Hin und wieder huschten Ratten umher, von denen Hans sich keineswegs stören ließ. Er konnte sogar noch zerborstene, arg verkohlte Sitzbänke erkennen, die aus dem Schutt heraus ragten. Hätte seine Mutter von dem Treiben gewusst, sie hätte es ihm augenblicklich ein für alle Male untersagt.

Um den tristen Heimtagesabläufen wenigstens für Stunden entfliehen zu können, hielt es Dorothea oft so, dass sie mit den Kindern den Stadtpark aufsuchte. Sie kleidete sie dann so adrett wie möglich, wobei das Trägerröckchen Erikas und die Trägerhose von Hans, die Dorothea von Hand angefertigt hatte, aus ausrangierten weißen Leintüchern bestanden. Erikas blondes Haar schmückte sie zudem mit einer übergroßen farbigen Haarschleife, welche sie um ein lustig nach oben stehendes Haarbüschel gebunden hatte, während Hans einen artig gekämmten Scheitel, eine sogenannte Lausallee, trug.

Mutter mit zwei Kindern sitzend auf den Stufen des Theseustempels im Volksgarten, im Hintergrund das Wiener Rathaus
Dorothea Gamliel mit ihren Kindern Hans und Erika am Theseustempel im Wiener Volksgarten (1947)

Neben dem Pratergelände war der Wiener Stadtpark ein bevorzugtes Ziel für Spaziergänge. Dort durften die Kinder, immer in Sichtweite ihrer Mutter, mit anderen Kindern spielen. Sie schlenderten meist bis zu Hübners Kursalon. Vor diesem waren Parkstühle aufgestellt, von denen sich Dorothea einen geeigneten aussuchte und Platz nahm. Den Parkstühlen gegenüber befand sich ein halboffener Pavillon, in welchem bei schönem Wetter ein Orchester aufspielte. Sobald die Musiker spielten, waren die Parkstühle gebührenpflichtig, und damit beauftragte Personen gingen zu jedem, der auf einem Stuhl Platz genommen hatte, eine Musikschutz-Gebühr einkassieren. Während der dargebrachten Operetten- und Schlagermelodien, schwelgte Dorothea in Erinnerung an frühere Zeiten.

Sowohl beim Hin- wie auch beim Rückweg in den oder aus dem Stadtpark, mussten sie an unzähligen, an den vielen Eingängen stehenden Schleichhändlern vorbeigehen. Bei diesen, es waren ausschließlich Männer, handelte es sich meist um Kriegsversehrte. Aus erlauschten Gesprächen, zwischen Erwachsenen geführt, erhaschte Hans, dass man von diesen Männern für viel Geld, am besten für US-Dollar, amerikanische Zigaretten wie Lucky Strike, Chesterfield, Marlboro oder Camel, aber auch schon die von der Damenwelt so sehr begehrten Nylonstrümpfe [Nylons] kaufen konnte. Die hier stehenden Männer bestritten ihren Lebensunterhalt mit der Ausübung dieser streng verbotenen Tätigkeit, die aber für sie die einzige Möglichkeit war, an Bargeld zu kommen. Es gab dort auch Männer, die beide Beine verloren hatten oder an diesen gelähmt waren. Jene saßen nebeneinander in einer Reihe, jeder in einem dreirädrigen, mit Armeskraft zu bewegendes Invalidenfahrzeug und boten dieselben Waren wie ihre stehenden Leidensgenossen an. Oder aber: sie bettelten um Almosen. Um die erstmals noch spärlich von amerikanischen Soldaten nach Europa gebrachten Nylonstrümpfe gab es ein regelrechtes „G'riss“, wobei die wenigsten sich – des allzu hohen Preises wegen – solche kaufen konnten, aber viele sprachen darüber.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Tempelgasse 3

Verfasst von Hans Gamliel

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Orte der Kindheit, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk
  • Zeit: 1945 bis 1947

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist ein Ausschnitt aus umfangreicheren Kindheits- und Jugenderinnerungen des Autors, die im Rahmen des Projekts "Wie war Wien? - Bürger/innen schreiben Geschichte" für Bildungs- und Forschungszwecke überlassen und in den Bestand der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" aufgenommen wurden. Der Text wurde bei der Schlussveranstaltung des Projekts am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich präsentiert.

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