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Wien war anders ...

von Franziska Nunnally-Huppert

„Wien war anders ...“ – Ja, was kann ich da wohl sagen? Als meine Tochter Heidi und ich meine Heimatstadt Wien vor einigen Jahren besuchten, waren wir von dem Glanz ganz überwältigt. Die glitzernden Geschäfte, der Rummel auf den Straßen, die Wunder des herrlichen Transportsystems – der U-Bahn. Die einladenden Gasthäuser mit Lockungen von Schnitzel und Mehlspeisen, an die ich mich nur noch dunkel von meiner Kindheit erinnerte.

Heidi hat sich sofort in Wien verliebt. Für eine junge Frau, die in der Einfachheit des amerikanischen Südens aufgewachsen ist, war der Reiz dieser europäischen Metropole unwiderstehlich. Ich lächelte, und wie eine gute Touristin ging ich mit ihr nach Schönbrunn und kletterte sogar mit Ach und Krach (ich war ja schon eine Siebzigerin) den langen Weg zur Gloriette hinauf. Wir besuchten die prunkvollen Räume der Hofburg, bewunderten das Rathaus und den Steffl und guckten durch offene Haustore in stille Innenhöfe hinein. Jedoch von all diesen Herrlichkeiten umgeben, sah ich meine Heimatstadt mit anderen Augen an. „Wien war anders ...“ Ja, ja ...

etwa 15-jähriges dunkelhaariges Mädchen im Dirndlkleid, sitzend
Franziska Nunnally-Huppert (ca. 1937)

Ich war ein junges Mädl, als die Nazis im März 1938 in Wien einmarschierten. Die Verfolgung unserer jüdischen Familie hatte sofort begonnen. Bald durfte ich nicht mehr in die Schule gehen, im Park spielen oder mit meiner Mama das Kino besuchen. Es war uns alles verboten. Während der Sommerhitze saß ich mit meiner Familie hinter geschlossenen Jalousien. Es war heiß! Wie ich mich nach einem Eintauchen in die Alte Donau sehnte! Jedoch auch die Donau war uns verboten.

Am 10. November 1938, der sogenannten Kristallnacht, wurden wir aus unserer Wohnung hinausgeworfen. Obdachlos, suchten wir bei meiner Großmutter, deren Wohnung der Plünderei entgangen war, Zuflucht. Jedoch mit den anderen Familienmitgliedern, die in derselben Lage waren wie wir, war eben nicht für alle Platz. Es wurde entschieden, dass ich spät an jedem Abend zu einer Tante gehen sollte, deren Wohnung auch verschont geblieben war, um dort zu übernachten.

Da musste ich mich jeden Abend wie eine Verbrecherin durch die dunklen Straßen Wiens schleichen, bis ich bei meiner Tante am Althanplatz ankam. Da lernte ich Wien kennen wie nie zuvor. Die kleinen Seitengassen, durch die fast nie ein Auto fuhr. Die alten Häuser, deren Schatten in der Dunkelheit ein Mädl bald unsichtbar machen konnten, so dass sie weder Polizist noch SA-Mann sehen konnten. Meine Tante, Tina hieß sie, nahm auch ein Risiko auf sich, mich nachts bei ihr zu verbergen. Ihre Tochter war ein sogenannter „Mischling“, was meiner Tante einen gewissen Schutz verlieh.

Ja, Wien bei Nacht ... damals – und heute. Meine Tochter und ich wandern durch die Kärntner Straße, hören Straßenmusikanten zu, lecken eine Eiscremetüte und bewundern die Leckereien im Fenster einer Konditorei. Die festliche Abendstimmung ist ansteckend. Wien, Wien, nur du allein...

Vier Erwachsene und ein Kind lächelnd in einem Wiener Fiaker
Die Autorin zwischen Sohn David und Tochter Heidi auf Wienbesuch (1993)

Am Ende der Straße ergießt sich ein Strom von Menschen aus der Oper. Placido Domingo sang heute Abend. Meine Tochter hält an und spricht mit einem jungen Mann, der im selben Hotel wie wir wohnt. Sie lachen. Das Leben geht weiter. Ja, Wien war anders ..., jedoch heut ist’s besser. Viel, viel besser.

Das „andere“ Wien wird immer schwer auf meiner Seele liegen – jedoch die Heimatstadt der Kindheit ist unvergesslich. Ich hoffe, dass es mir noch einmal möglich sein wird, Wien wieder zu besuchen. Vielleicht ...

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Wien war anders ...

Verfasst von Franziska Nunnally-Huppert

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1930er Jahre, 1990er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag entstand nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" unter dem Motto "Wien war anders ...".
Er wurde im Rahmen der Schlussveranstaltung des Projekts "Wie war Wien? – Bürger/innen schreiben Geschichte" am 24. Februar 2005 im Wiener Rathaus öffentlich vorgetragen.

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