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Meine Erinnerungen an Floridsdorf

von Josef Klat

Geboren bin ich 1922 in Floridsdorf. Meine Eltern waren natürlich Zugereiste. In Floridsdorf besuchte ich die tschechische Komensky-Schule, später dann die Handelsschule in der Vorgartenstraße. Schließlich trat ich in der Firma Hofher-Schrantz-Cleyton-Shuttleworth die Schlosserlehre an. Schon mein Vater und seine vier Brüder hatten Arbeit in dieser Firma gefunden.

Rund 15 Personen auf einem Sonntagsausflug, gruppiert um den Eingang zu einer Höhle, rundum Stauden
Familie Klat mit Bekannten bei einem Sonntagsausflug

Die Wohnungen damals hatten in der Regel keine Wasserleitungen, kein WC oder Bad. Beides befand sich am Gang: die Wasserleitung – die Bassena – für alle Bewohner des Stockwerks, das WC in der Regel für zwei bis drei Parteien. Einmal in der Woche wurde aus der Waschküche der Waschtrog gebracht, Wasser am Herd gewärmt – und die Familie badete. Geheizt wurde mit Kohle oder Koks. Die Beleuchtung? So bis 1927 war es die Petroleumlampe, dann bekamen wir Gas in die Wohnung. Auch gekocht wurde dann mit Gas. Erst sehr viel später bekamen wir elektrischen Strom ins Haus. Die Straßenbeleuchtung mit Gaslaternen wurde übrigens jeden Abend durch einen Stadtangestellten hell geschaltet und am Morgen wieder auf Sparflamme zurückgedreht – mit einer langen Stange.

Ansicht der Brünnerstraße aus den 1930er Jahren mit gepflasterer Straße und zwei zweistöckigen Häusern mit teilweise stark abbröckelnder Fassade
Ansicht der Brünner Straße in den 1930er-Jahren

Ich muss sagen, wir waren eigentlich sehr gut dran. Denn im Vergleich zu den Menschen, die in dem Floridsdorfer Teil Mühlschüttel lebten, waren wir mit unserer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung ja schon die Oberschicht. Man muss sich das so vorstellen: Das Mühlschüttel war wie Dörfer, wie wir sie manchmal bei Reportagen über ärmste Länder im Fernsehen sehen: Hütten aus alten Kisten, Blechbüchsen und Papier; kein Wasser, kein WC, nur viel, viel Dreck. Dazwischen: Ratten, Katzen und Hunde. Als Kinder durften wir uns eigentlich nicht in die Nähe dieser Siedlung begeben – aber das machte uns natürlich noch neugieriger. Wir konnten damals nicht begreifen, dass die Bewohner dort ja auch normale Menschen waren, die aber durch die damals so dreckige Zeit eigentlich wie Leprakranke behandelt wurden. Zum Glück wurde dieser Floridsdorfer Schandfleck dann in den dreißiger Jahren beseitigt. Ich glaube, dass zur Beseitigung dieses Elendviertels der damalige Aufbau der Gemeindehäuser in ganz Wien half: der Karl-Marx-Hof, der Schlingerhof usw.

Der Schlingerhof mit seinem Markt war übrigens für uns ein sehr beliebter Platz. Beliebt war der Fischhändler, gleich vorne an der Ecke des Marktes. Und der Geruch des frischgebackenen Seefisches! Immer wenn ich nach Wien komme, gehe ich in das noch existierende Fischgeschäft – es ist immer noch am selben Platz. Und der Geruch ist immer noch der gleiche!

fest gemauerte und außen gekachelte Marktstände, einer mit der Aufschrift "Fischoase" am Schlingermarkt in Wien-Floridsdorf
Ansicht des Schlingermarkts (2005; Foto: Heike Krause)

Schöne Erinnerungen an ganz andere Zeiten und ganz andere Menschen. Leider änderte sich das Verhalten vieler Menschen am Tag des Hitlereinmarsches. Das ist ein ganz anderes Kapitel. Bei meiner Firma blieb ich bis zu meiner Verhaftung durch die Gestapo am 5. September 1941. Von September 1942 bis zum 5. Mai 1945 war ich im KZ Mauthausen. Ich kam nach Wien zurück – und im Herbst 1945 übersiedelte ich mit meinen Eltern in die Tschechoslowakei. Die Eltern wollten es so. Wien war für mich traurig: Die meisten meiner Freunde waren tot, „unsere“ Fabrik kaputt.

Projektlogo: Ein Bub in kurzer Lederhose und ein Mädchen in weißem Kleid händchenhaltend vor einer Wiener Stadtkulisse
Informationen zum Artikel:

Meine Erinnerungen an Floridsdorf

Verfasst von Josef Klat

Auf MSG publiziert im Juli 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 21. Bezirk
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre

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