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Die Kaktusblüte

von Margarethe Felder

Es trug sich in meinem vierten Schuljahr zu. Es war die zweite Klasse Mittelschule, und wir hatten Biologie, Naturgeschichte, ein neues Gebiet für uns Mädchen der Klosterschule. Schwester Borgia unterrichtete dieses Fach. Sie war lustig, etwas rundlich, klein von Wuchs. Sie trug sehr starke Brillen, denn sie war sehr kurzsichtig. Sie züchtete und liebte Kakteen und zu jedem Anlass bekam sie welche geschenkt, auch von uns Kindern. Sie bekamen von Schwester Borgia einen Fensterplatz, denn sie sind Kinder der Sonne. Auch ich hatte einen Fensterplatz in meiner Bank und sah täglich, wie Schwester Borgia ihre Lieblinge beäugte. Es war Sommer und einige von den Kakteen bekamen Blütenansätze. Einer von den alten Dicken hatte noch nie geblüht. Diesem galt ihre besondere Aufmerksamkeit.

Eines Tages heckte ich einen Schabernack aus. Ich kaufte rote Himbeergelee-Zuckerln beim Konditor und kam an diesem Morgen früher zur Schule. Schon vor den anderen war ich da. Den großen alten Kaktus bestückte ich sorgsam mit meinen Zuckerln. Ich spießte sie auf seine Stacheln auf in Form von Blüten. Ich muss sagen, es sah verblüffend echt aus. Dann stellte ich den Topf zurück auf seinen Platz. Ich setzte mich auf meinen Platz und wiederholte Naturgeschichte, denn es war noch Zeit bis zum Glockenzeichen. Es schellte, wir standen alle auf und grüßten mit: „Gelobt sei Jesus Christus“, und Schwester Borgia schritt zum Katheder. Wir lernten die Zusammensetzung einer Blüte oder Blume. Wir waren alle ganz Ohr.

Während ihres Vortrages pflegte sie auf und ab zu gehen. Sie ging auch zum Fenster und ließ ihre Blicke über ihre Kakteen wandern. Welch ein Schrei des Entzückens plötzlich entrang sich ihrem Munde, als sie den blühenden Kaktus erblickte: „Kinder, kommt alle her und schaut, endlich blüht mein alter Kaktus. Ach, wie schön – in Rot!“ Sie schnupperte daran: „Und wie der duftet, so fruchtig wie Himbeeren. Kommt alle aus den Bänken, schaut und riecht…“ Einige begannen laut zu kichern und bald lachte die ganze Klasse. Die kleine Liesl, ein Mädchen armer Eltern, die nie etwas zum Naschen bekam, griff gleich herzhaft zu nach den duftenden Blüten und verzehrte sie schnell, denn so etwas bot sich nicht oft.

Schwester Borgia entdeckte ihren Irrtum und war wütend. Sie schrie: „Wer nur war der Übeltäter?“ Ich meldete mich sogleich, denn schlimm war ich oft, jedoch feig niemals. An unserem nächsten Schulausflug durfte ich nicht mitfahren, und eine Strafe musste ich ebenfalls schreiben: 10 Seiten Schönschrift. Gott sei Dank, dass durch diesen Streich niemand zu Schaden kam, meinte Schwester Borgia. In späterer Zeit wurde ich noch einer ihrer Lieblingsschülerinnen.

Informationen zum Artikel:

Die Kaktusblüte

Verfasst von Margarethe Felder

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Polen, Schlesien, Bielsko (Bielitz)
  • Zeit: 1930er Jahre

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