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Ein Schock für mich und für Österreich

von Rudolf Stanzel

1938 war nicht nur für Österreich ein Schockjahr, sondern auch für mich. Es war beschlossene Sache, dass ich in diesem Jahr zum Besuch des Realgymnasiums nach Steyr in das Internat der Franziskaner kommen sollte. Nichts ahnend und immer begierig auf das Neue, freute ich mich schon sehr. Mein Bruder Franz besuchte dort die fünfte Klasse und hatte mir vom Heim allerhand erzählt. Am meisten begeisterte mich die Aussicht, schwimmen lernen zu können. Die Teichl in St. Pankraz war ein reißender Bach mit Tümpeln für die Forellen und seichten Stromschnellen als Mutproben für uns Buben. Traute sich einer ans andere Ufer zu waten, mussten ihm auch die anderen folgen. Das Wasser war so kalt, dass der ganze Körper rot anlief, wenn man untertauchte. Länger darin zu verweilen, fiel niemandem ein.

Zwischen mir und Steyr stand aber die Aufnahmsprüfung. Die Oberlehrerstochter und stellenlose Lehrerin, Grete Ahorner, bereitete mich darauf vor, denn von Satzanalysen wurde den Kindern  in einer einklassigen Schule nichts erzählt, aber ich musste sie bei der Aufnahmsprüfung beherrschen. Die alten Schulfüchse haben schon gewusst, was sie verlangten. An einer zünftigen Satz- und Wortanalyse konnte man die gesamte Grammatik der Deutschen Sprache prüfen.

Nach den aufregenden Märztagen 1938, als Soldaten der Deutschen Wehrmacht durch das Tal marschierten und im einzigen Geschäft des Ortes alle guten und echten Waren, vom Bohnenkaffee angefangen bis zum feinen Tuch, auskauften, weil es das im Reich schon lange nicht mehr gab, und die Freude des österreichischen Kaufmannes nicht lange dauerte, weil er nichts mehr Echtes sondern nur Ersatz nachgeliefert bekam, musste ich viel mit dem Fräulein Grete lernen und dafür stundenlang die Orgel aufziehen, wenn sie das Orgelspiel üben wollte.

Zu Peter und Paul kam dann der große Tag. Ich durfte mit der Bahn nach Steyr fahren und sogar im Schloss Vogelsang, das die Franziskaner einmal geerbt hatten, übernachten. An die Prüfung kann ich mich nicht mehr erinnern, aber um das Nachlaufen rund um das Schwimmbecken noch gut. Mit dem ganzen Brustkorb und gar mit dem Kopf unter Wasser zu kommen, das hielt ich bis dahin für lebensgefährlich, hier wurde es im Nu zur Selbstverständlichkeit.

Die Aufnahmsprüfung habe ich bestanden, und das Schwimmen lernte ich daheim in der Teichl auch. Aufbauend auf meiner Voglsanger Erfahrung, dass das Wasser trägt  und hebt, wagte ich es, in tiefere Tümpel zu springen und mich von der Strömung in das Seichte treiben zu lassen, wo ich wieder aufstehen konnte. Ich unterstützte das Treiben im Wasser, indem ich mit den  Händen fest ruderte. So lernte ich das Kraulen vor dem Brustschwimmen.

Der Schock kam im Herbst beim Schulanfang. Das schöne Schloss Vogelsang samt Park und Schwimmbad war von den Nazis beschlagnahmt worden. Man musste schließlich den Krieg gut vorbereiten, und dazu brauchte man ein Wehrbezirkskommando. Ein guter Grund auch gleich die Franziskaner zu verjagen und uns Internatsschüler in einen Kindergarten im über zwei Kilometer entfernten Garsten zu verbannen. Dort gab es für jeden Zögling ein englisches WC in Miniaturausführung, aber kein Schwimmbad. Alles war provisorisch, nur der weite Schulweg nicht, den wir vierzig Zöglinge  dann täglich im Gleichschritt marschierend und Soldatenlieder singend  zurücklegen mussten. Der Traum vom Schwimmbad, vom schönen Schloss und seinem Park war aus, aber es sollte noch Ärger kommen.

Das wohlbehütete Sekretärssöhnlein ward aus seinem dörflichen Nest gestoßen und fiel in die rauhe Welt einer Industriestadt. In der Klasse führten die Stadtbuben das große Wort und ihre Fäuste. Sie waren uns an Tricks und Bluffs weit überlegen und so kuschten wir. Nur der Fritsch Karli, der in Stadtnähe aufgewachsen war, rettete unsere Ehre. Er trat jeden Tag vor Beginn des Unterrichts zu einem Boxkampf an. Dann aber entdeckten auch andere Landbuben ihre Körperkräfte und die Hierarchie in der Klasse wurde umgekrempelt.

All die neuen Dinge überfielen mich bedrohlich und fremd. Es dauerte nicht lange und ich bekam Heimweh. Wer nie in seinem Leben Heimweh gehabt hat, weiß nicht, was seelisch leiden heißt. Ich muss sagen, es war die traurigste Zeit meines Lebens. Nächtelang weinte ich in meinen Polster, bei jedem harten aber auch bei jedem mitfühlenden Wort brach ich in Tränen aus, und das Fort- und Heimlaufen kam mir immer wieder in den Sinn. Das ging so vom Schulanfang bis zu den Weihnachtsferien. Ich war fest entschlossen, nie mehr nach Steyr zu fahren, aber als die Weihnachtsferien vorüber waren, war ich schon begierig, meine Freunde wiederzusehen, denn ich musste ihnen ja so vieles erzählen. Bis zu den Semesterferien konnte sich die Krankheit nicht entwickeln und dann war ich gegen den H-Virus immun. Vielleicht hat auch mein gutes Zeugnis dazu beigetragen, denn auf lauter Einser in der Mittelschule war ich mächtig stolz.

Informationen zum Artikel:

Ein Schock für mich und für Österreich

Verfasst von Rudolf Stanzel

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Steyr-Kirchdorf, St. Pankraz; Steyr
  • Zeit: 1938

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