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Feuerkreise im Advent

von Walter Cerveny

Weihnachten verlief in den 30er-Jahren zum Unterschied von heute noch wesentlich besinnlicher und romantischer, denn zu einem richtigen Weihnachtsfest gehört nun einmal Schnee, und den gab es fast immer. Selbst das sogenannte Weihnachtstauwetter, das es auch schon damals hin und wieder gab, konnte die weiße Pracht, die schon seit November über der Stadt und dem Land lag, nicht wegschmelzen. Und der Schnee war sogar weiß, denn es fuhren weder Autos, noch wurden die Straßen künstlich aufgetaut. Vor allem aber - und das finde ich heutzutage so fürchterlich - sah man vor dem ersten Adventsonntag auch noch keine Weihnachtsdekorationen. In den 30er-Jahren herrschte bittere Armut und daher gab es auch keinen Kaufrausch. Aber wir Kinder konnten uns an den Auslagen der Geschäfte, obwohl sie geradezu dürftig geschmückt waren, nicht satt sehen.

Ebenso dürftig war auch die Straßenbeleuchtung, und so waren die vielen „Franziskerldreher“ sehr gut und vielerorts zu sehen. Dieser Brauch ist heute ganz verschwunden, nicht zuletzt wegen der Helligkeit der Beleuchtung und der geparkten Autos, die nicht genügend freie Sicht lassen. Die Utensilien für diesen schönen, romantischen Brauch hatte jeder zu Hause, und es konnte jeder, so er nicht zwei linke Hände hatte, die nötigen Sachen rasch selbst herstellen. Man nahm einen Dosendeckel (gut geeignet waren die Deckel der „Schmoll“-Schuhpasta) und schlug in den Rand drei Löcher in annähernd gleichem Abstand, durch die man einen dünnen Draht führte und befestigte. Die Enden der drei Drähte vereinigte man etwa 8 - 10 Zentimeter über der Deckelmitte, drehte sie zusammen und verlängerte sie mit einer Schnur. Nun kam ein so genanntes „Franziskerl“ in den Deckel. Das war ein Holzkohlenkegel, den man an der Spitze anzündete. Jetzt konnte man mit der Schnur das Ganze in eine kreisrunde Bewegung setzen, wodurch die Kohle noch heller zu glühen begann und man diese Feuerkreise einige hundert Meter weit sehen konnte.

Brief ans Christkind in kindlicher Blockschrift und Antwort

Wir glaubten noch an das Christkind, denn dieser Engel hatte viele gute und bewundernswerte Eigenschaften. Das Christkind konnte fliegen, es sah alles und alles gleichzeitig auf der Welt, man konnte ihm Wunschzettel schreiben und diese zwischen die Fensterflügel legen. An einem der nächsten Tage waren die Wunschbrieflein vom Christkind abgeholt worden. (Wir hatten ja noch Doppelfenster mit wunderschönen Eisblumen, wenn es dementsprechend kalt war.) Das Christkind wusste also über alle guten und bösen Kinder Bescheid und es konnte am Heiligen Abend alle Menschen gleichzeitig besuchen und seine Gaben verteilen. Und dabei konnte es in alle Wohnungen fliegen, aber sehen konnte man dieses Wunderwesen nie, denn es war so schnell wieder aus der Wohnung draußen, dass man es nie zu Gesicht bekommen konnte.

Gerade das wollte ich nicht wahrhaben, und so stellte ich mich an jedem Heiligen Abend, wenn es Zeit zur Bescherung war, vor die Türe meines Zimmers und wartete mit der Türschnalle in der Hand auf das erlösende Bimmeln des Glöckchens. Aber so schnell ich die Türe auch aufriss, jedes Mal sah ich nur noch die Oberlichte des Fensters zufallen und das Christkind war wieder einmal schneller als ich gewesen. Erst nach Jahren verriet mir mein Vater den Trick, den er dabei angewandt hatte. Er hatte nämlich schon vorher eine dünne Schnur an der geöffneten Oberlichte befestigt, mit deren Hilfe er das Fensterchen schloss, wenn ich in das nur vom Kerzenlicht erhellte Zimmer stürmte. In meiner Aufregung und geblendet vom strahlenden Christbaum achtete ich natürlich nicht auf die Umgebung und mein Vater konnte seelenruhig die Schnur wieder abschneiden oder entfernen. So einfach war das.

Informationen zum Artikel:

Feuerkreise im Advent

Verfasst von Walter Cerveny

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der vorliegende Text stammt aus dem ersten Teil meiner Lebenserinnerungen "Kindheit in Penzing". Meine Autobiographie mit dem Titel "Sogar der Himmel weinte..." umfasst weiters die Abschnitte: "Leben unter dem Hakenkreuz" (1938 bis 1945) und "Vom POW zum Dr. med" (1945-1959).

Geschrieben habe ich alles für meine Nachkommen, da ich aus eigener Erfahrung weiß, daß nach dem Tod der Eltern noch so viele Fragen, die man hätte, leider unbeantwortet bleiben.

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