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Vati ist doof, Mutti ist lieb!

von Ilse Brandt

Ich bin Ilse Brandt, geb. am 30.6.44 in Bodenteich, habe blondes Haar und eine Brille. Ich kann Klavier spielen und habe ein eigenes Zimmer. Ich war schon auf Sylt und im Harz.

Meine Eltern sind ziemlich alt, aber sie sind sehr gut zu mir. Vati ist fast 55, Mutti ein Jahr jünger und oft krank.

Wir haben in Bodenteich, Hauptstraße 15, eine Tankstelle und ein Fahrradgeschäft, eine Autowerkstatt und Vati fährt Taxi. Oma lebt bei uns im Haus und Waldi, unser Dackel.

Von nun an wird dieses Tagebuch der Brunnen aller meiner Geheimnisse sein und der, der es einmal lesen darf, wird daran teilnehmen.

Ostern 1956

Rotes Tagebuch mit Schloss

Bodenteich, Ostern 56

Vati ist doof! Er hat gemeckert, weil Mutti mir heimlich das Tagebuch gekauft hat. - Er sagt, wenn jemand Flusen im Kopf hat, muß er das nicht auch noch aufschreiben. Mutti war lieb und hat mich in Schutz genommen. Naja, sie war ja auch mal ein Mädchen.

2. Ostertag

Unser Dackel Waldi hat sich das Bein verknackst. Gleich heißt es wieder, ich hätte daran Schuld, weil ich ihn so gejagt habe. Meine Hohlsaumdecke ist nun endlich fertig.

Vater, Mutter, Kind vor einem Haus mit Tankstelle
Ilse Brandt mit ihren Adoptiveltern und Hund Waldi vor ihrem Haus mit Tankstelle, 1956

Dienstag, 3.4.56

Schade, daß die schönen Ostertage vorüber sind. Ich bin mit Monika, meiner augenblicklichen Freundin, nach Häcklingen gefahren (mit dem Rad).  An der Kiesgrube entdeckte Monika einen Hochsitz in Wald. An der Leiter fehlten einige Sprossen. Ich wollte gleich raufklettern, aber weil so ein scharfer Wind wehte, traute ich mich nicht weiter und stieg wieder runter. Nun versuchte es Monika, dann wieder ich, aber jeder immer nur bis zu den drei Stufen. Als Monika rief “Du bist ja feige!” wollte ich erst recht und krabbelte mit klopfendem Herzen weiter hoch, meine Hände zitterten und meine Knie wurden weich. Als ich oben war, kam Monika auch nach. Wir saßen eine Weile oben in dem kleinen Häuschen und trauten uns nicht wieder runterzusteigen. Ich hatte furchtbar Angst, daß ich mir meinen Rock zerreißen und Mutti dann wieder schimpfen würde, daß ich alles mache, was Jungs tun. - Wir ritzten mit einem Nagel unsere Namen ins Holz und schafften es dann irgendwie, wieder nach unten zu schlottern. Das war ein schönes Erlebnis.

Mittwoch, 4.4.56

Vati hatte seinen 55.Geburtstag. Ich mochte nicht die harte Rinde vom Kuchen und warf sie heimlich Waldi zu. Keiner hat was gemerkt.

Donnerstag, 5.4.56

Heute durfte ich auf den Dachboden. Ich kramte natürlich überall herum. Da liegen so viele alte Zeitungen und manchmal gucke ich mir das Buch mit den Fotos aus dem ersten Weltkrieg an. Da sind manche Gesichter so zerschossen, daß der ganze Unterkiefer fehlt oder ein Auge raus ist oder die Nase. Das muß furchtbar sein, so weiterzuleben. Dann will ich lieber sterben. Lieber Gott, mach, daß nie wieder Krieg ist. Ich habe  auch alte Hüte von Oma gefunden und Federn zum Anstecken. - Und dann habe ich mir aus der Holztruhe wieder 2 Liebesromane unter den Rock gesteckt und  unter  meine Matratze gelegt und den Schlüssel für die Truhe auch. Hoffentlich geht Mutti nicht mal rauf und merkt dann, daß der Schlüssel nicht da ist. Aber Mutti liest ja nur die HÖR-ZU-Romane.

Freitag, 6.4.56

Heute war ich wieder oben und habe mich verkleidet mit den alten Sachen. Dann bin ich zu Mutti und Oma gegangen und die haben gelacht.

Sonnabend, 7.4.56

Wir sind wieder zum Hochsitz gefahren. Es standen zwei Männer vom Bodenteicher Bundesgrenzschutz da. Wir haben uns mit ihnen unterhalten und trauten uns dann nicht, raufzukrabbeln. Ob die gesehen haben, daß unsere Namen jetzt oben eingeritzt sind?

Sonntag, 8.4.56

Mutti ist so lieb: Ich spielte in der Stube Klavier, da klopfte es und Monika kam rein. Ich spielte ihr den Kaiserwalzer vor und war mächtig stolz. Dann tanzte Mutti mit Moni und hat gesagt, daß sie bei uns bleiben kann, wenn ich noch brav weiterübe. Moni sagt, sie würde nie Lust haben, so dusselige Fingerübungen zu spielen.

Frau tankt Auto
Lina Brandt (Ilse Brandt's Adoptivmutter), 1945

Montag, 9.4.56

Heute mußte ich für Oma wieder 1 Flasche „Klosterfrau Melissengeist“ kaufen zu 2,70 DM. Ich nahm ihr einfach eine Mark weg. Sie merkt es ja doch nicht. Manchmal habe ich auch die Hälfte in eine alte Flasche umgekippt und dann Wasser reingefüllt, so hatte ich beim nächsten Mal die ganze Flasche  “verdient”. Dann kam Moni. Wir haben uns auf dem Hof wieder ein Haus gebaut aus alten Balken und Sträuchern. Vati schimpft immer, wenn wir so viele Nägel verhammern. Jetzt kloppen wir die immer wieder grade, damit wir sie zweimal nehmen können. Vati sagt, man muss im Kleinen sparen, sonst kommt man zu nichts.

Donnerstag, 12.4.56

Heute fing die Schule wieder an. Wir haben jetzt Physik mit einem neuen Lehrer: Herr Böhl, der ist sehr prima. Er redet ganz vornehm und bißchen komisch. Wir müssen uns als wichtigsten Satz merken: Fissik ist die Lerrre von den Kräften der Naturrr!

Donnerstag, 19.4.56

Herr Böhl ist wirklich sehr nett, aber leider ist die Klasse bei ihm nie still zu kriegen. Er ist viel zu gutmütig. Irgendwie tut er mir leid. Gudrun hat sich ihr Mathebuch übers Gesicht gehalten, weil er beim Reden so ge - ssssspuckt hat. - Weil ich noch kein Englischbuch habe, lieh ich mir das von Moni aus. Ich bekam es aber erst nach dem Abendbrot und ich war schon müde. Ich mußte den Füller neu auffüllen und da ist das Tintenfaß umgekippt. Alles aufs Sofa. Und Vati hat gemeckert: “Anständig sitzen gibt’s bei dir ja nicht!” - Dieser alte Affe!

Ortsschild Bodenteich vor Allee

Freitag, 20.4.56

Weil ich durch meine Brillengläser nicht mehr richtig sehen kann, wollte ich heute mit dem Bus nach Uelzen fahren zum Augenarzt. Mutti hat für mich so lange bei Vati gebettelt, bis ich durfte. Mutti ist ein Engel. Aber Vati ist doof. Als ich fertig angezogen war, sagt er, ich könne genauso hier in Bodenteich zu Optiker Blome  gehen. Der würde auch die Augen untersuchen und mir neue Gläser geben. Vati sagt, nur mit einer Augenkrankheit muß man zum Arzt. - Ich habe doch eine Augenkrankheit, Mensch! - Mutti ist dann mit mir zu Blome gegangen und der darf das nicht. Jetzt ist Vati im Unrecht. Der will immer seinen Dickkopf durchsetzen.

Dienstag, 1.5.56

In den letzten Tagen habe ich heimlich auf unserer Obstplantage die abgeschnittenen Äste zusammengetragen. Vati hatte schon angekündigt, daß ich demnächst wieder dabei helfen muß. Jetzt ist schon alles fertig und er weiß es noch nicht. Ich mag lieber heimlich arbeiten und meine Eltern dann überraschen. Heute war Kindermaitanz im Schützenhaus. Ich habe mich ohne Eintritt reingeschmuggelt! Joachim Pommerien (aus unserer Klasse) kam auf mich zu, als ich gerade drin war. Ich wußte gar nicht, wie man das tanzt und habe nur rumgehampelt. Sie spielten gerade “Oh mein Papa” und zum Glück sagte Joachim “Eins nach vorn, zwei zurück und hinten umdrehen”. Ich glaube er hat sich geärgert, daß er mich geholt hat. Wäre Bärbel dagewesen, hätte er sicher nur mit der getanzt. Ich hoffte, daß Gudrun auch nicht besser tanzen konnte, aber die konnte! Mensch, hab ich mich blamiert, hoffentlich erzählt er nichts in der Schule den anderen Jungs!

Mittwoch, 2.5.56

Ich habe den besten Aufsatz geschrieben! In Bodenteich  war Jahrmarkt, aber keine Pferdewurstbude und kein Karussell. Ich hab mir für 10 Pfennig eine Wundertüte gekauft mit einer Kette drin. Die schenke ich morgen meiner Oma, dann kriege ich sie irgendwann wieder zurück.

Dienstag,  8.5.56

Oma hatte Geburtstag und mein Vorkonfirmandenunterricht hat heute begonnen.

Mittwoch, 9.5.56

Mutti hat mein Buch “Die Aufklärung” gefunden und weggenommen, obwohl ich es mir von meinem Taschengeld gekauft habe. Außerdem hat sie die Puderschachtel gefunden, die ich in der Apotheke geklaut habe. Das Schlimmste aber ist die Mecki-Puppe.  Ich habe gelogen, daß Oma mir 5 Mark gegeben hätte, damit ich sie mir kaufe kann. - Ich habe Mutti fest versprochen, daß ich ihr keinen Ärger mehr mache, denn sonst will sie sich umbringen, weil eine Wahrsagerin ihr mal gesagt hat, daß sie das einmal tut. Ich habe ihr schon zu viel Kummer bereitet.

Sie will Vati nichts davon erzählen. Mutti ist ein Engel!

Buchumschlag "Petticoat und Pferdeschwanz"
Informationen zum Artikel:

Vati ist doof, Mutti ist lieb!

Verfasst von Ilse Brandt

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Niedersachsen, Bodenteich
  • Zeit: 1956

Anmerkungen

Aus: Brandt, Ilse (2001): Petticoat und Pfredeschwanz... als Omi ein Teenager war! Bodenteicher Tagebücher 1956-64, S. 8-12.

http://sites.google.com/site/ilsebrandtbodenteich

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