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Unser Gartengrundstück am Schöpfwerk

von Hildegard Krcal

Meine Eltern haben 1937 am Schöpfwerk einen Grund gekauft. Er gehörte damals der Pfarre Inzersdorf. Darauf wurde ein Holzhaus errichtet, das 1966 abgetragen und verkauft wurde, als die Gemeinde Wien dort einen Gemeindebau errichtete. Unser Holzhaus war hell und luftig, im Winter nie feucht. Die Küchenmöbel meiner Mutter, die mein Großvater gemacht hatte, waren in einem zarten Grün. Die weißen Etaminvorhänge mit den bunten Kringeln sehe ich noch heute vor mir. Alles war luftig und hell, sogar im Winter, obwohl es kein elektrisches Licht gab, sondern nur eine Petroleumlampe. In der Küche stand ein Herd, der zum Kochen und Heizen war. Ich kann mich nicht erinnern, dass es im Winter jemals kalt war im Haus.

Ein Holzhäuschen mit einem Anbau und einem Gartenzaun rundherum, davor sitzen zwei Frauen im Gras
Der Garten am Schöpfwerk

Heute führt durch unseren damaligen Grund eine Straße. Meine Großeltern bewohnten ein Haus Am Schöpfwerk 26 (Nähe Eibesbrunnergasse), das heute noch im Besitz der Familie ist.

Ich wurde im Februar 1939 geboren und bis 1948 war Neusteinhoferweg 280 mein Zuhause, danach hatten wir unseren Hauptwohnsitz in der Rosaliagasse am Meidlinger Markt, und nur in den Sommerferien  waren wir dann im Garten. Im Haus selbst gab es keine Wasserleitung, nur draußen im Garten, und im Winter musste meine Mutter das Wasser in 25-Liter-Kannen mit dem Schlitten am Ende des Weges holen, wo es eine öffentliche Wasserleitung gab. Erst als mein Vater eine gemauerte Küche zubaute, hatten wir Wasser und WC im Haus.

Im Zuge des Zubaus hat er mit meiner Großmutter in Eigenregie den ganzen Weg entlang Lichtmasten aufgestellt und selbst elektrischen Strom zugeleitet, was damals, 1945, noch möglich war. Daran haben sich dann viele in der Siedlung ebenfalls angeschlossen.

Hinter dem Haus floss ein Bach vorbei. Wir nannten ihn Färberbach, da er oft von einer nahe gelegenen Färberei Farbstoffe mitführte, die dort hineingeleitet wurden. Bei einem Wolkenbruch kam es schon manchmal vor, dass das Wasser bis zu unserer Waschküche reichte. Die Waschküche diente uns Kindern auch als Badezimmer, wo wir abgeschrubbt wurden, zuerst die Mädchen, dann die Buben. Dies bezieht sich hauptsächlich auf den Sommer, wo mein Cousin und meine Cousine ebenfalls bei uns waren, sodass meine Mutter fünf Kinder versorgte.

In den Fünfzigerjahren installierte mein Vater, der bei der Firma Steininger (jetzt Eudora) Betriebsingenieur war, eine Waschmaschine im Garten, die meine Mutter das ganze Jahr über benutzte. Wenn Großwäsche angesagt war, hat meine Mutter die Schmutzwäsche in einen Rucksack gepackt und ist vom Meidlinger Markt bis in den Garten zu Fuß gegangen, um die Wäsche zu waschen.

Auch zum Einkaufen musste meine Mutter lange Wege zurücklegen. Von der Siedlung aus war die nächste Einkaufsmöglichkeit erst am Khleslplatz, und manchmal gar bis zur Bäckerei „Mann“, wenn wir frische Semmeln bekamen. Wer würde heute noch zirka 2,5 Kilometer zu Fuß zum Einkaufen gehen?

Informationen zum Artikel:

Unser Gartengrundstück am Schöpfwerk

Verfasst von Hildegard Krcal

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe, Orte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 12. Bezirk, Schöpfwerk, Meidlinger Markt
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

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