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Eine Woche als Turmeremitin im Linzer Mariendom

von Elisabeth Schöffl-Pöll

12. 09. 2009

1. Tag: 1780 Stufen gestiegen.

Schon als Kind lebte ich bis zum Schuleintritt von der Gesellschaft außerhalb unseres Bauernhauses relativ abgeschieden. Sorgende Eltern wollten mich vor der fragwürdigen Nachkriegs-Draußenwelt in unserem Weinviertler Dorf beschützen. So ist mir Eremitendasein und Schweigen im Grunde nicht neu – beides ist für mich eher eine Rückführung in die Kindheit. Glockenklänge sind mir, die ich vierzig Meter von unserer Dorfkirche entfernt geboren und aufgewachsen bin, nicht fremd. Ergo führen mich Glockenklänge zurück in die Kindheit.

"Der Glöckner von Notre Dame" von Victor Hugo kommt mir in den Sinn, und ich höre im Geiste nicht nur die Kirchenglocken der Kathedrale Notre Dame zu Paris, denn am 6. Jänner, dem Dreikönigstag, feierte die ganze Stadt das "Fest der Narren", das stets mit dem Läuten aller Kirchenglocken von Paris eingeleitet wurde. Und ich denke an Quasimodo, das Findelkind, das ganze 25 Jahre im Glockenturm leben musste, weil es zu hässlich war, um gesehen zu werden. Durch Glockenschläge taub geworden, machte man ihn, den überaus Hässlichen, zum König der Narren. Es war Esmaralda, die Mitleid mit Quasimodo hatte und ihn am Pranger mit Wasser labte. Als aber Esmaralda Hilfe benötigte, bot ihr Quasimodo hinter den Mauern von Notre Dame Asyl. Langsam schiebe ich die Erinnerung an die dramatische Geschichte um den Glöckner Quasimodo, die schöne Zigeunerin Esmeralda und den düsteren Mönch Frollo vor dem einzigartigen Panorama des mittelalterlichen Paris von mir. Ich möchte frei von Erinnerungen werden hier auf dem Turm. Und taub werde ich bestimmt nicht werden vom Glockengeläute. (...)

Die täglichen Führungen um 16.00 Uhr versuche ich nicht als Störfall zu sehen. Am ersten Tag hingegen verhängte ich sogar das Fenster mit einen Tuch, da ich meinte, die Geführten würden in meine Klause blicken. Doch ist das Fenster in entsprechender Höhe angebracht.

Keine Dusche und kein Badezimmer in der Eremitage? Als Kind, aufgewachsen in der Nachkriegszeit auf einem Bauernhof, gab es weder Fließ- noch Warmwasser, nur Brunnenwasser, das am Holzofen gewärmt werden musste. Der Brunnen befand sich hundertfünfzig Meter entfernt im Hinterhof, ein weiterer Brunnen mit Brunnenrohr stand im Gemüsearten gegenüber dem Haus. Es gab zu meiner Kinderzeit weder Waschmuschel noch Badewanne auf dem Bauernhof. Gebadet wurde selten. Wenn, dann stellte man in der Mittagssonne Wasser zum Wärmen in einem Holztrog in der Sonne auf, winters im Stall. Daher vermisse ich hier keine Hygienegeräte oder -mittel. In der Klause gibt es sogar eine komfortable Elektroheizung. Auf dem Herd meiner Kinderzeit hingegen lagen immer rote Ziegelsteine, die wir abends in Tücher wickelten und in die Betten zum Vorwärmen legten.

Auch als Kind saß ich stundenlang mit meiner Mutter in den Kirchenbänken. Manchmal waren wir beide die Einzigen, die der Heiligen Messe in der Dorfkirche des kleinen Ortes beiwohnten. Ich erinnere mich heute noch an mein verhaltenes, schluchzendes Lachen, als uns der Pfarrer eines Tages zum "Volksgesang" aufforderte. Als Kirchenchorsängerin ist die Orgel als "Königin der Instrumente" mein Lieblingsinstrument. Stets sitze ich nach der Sonntagsmesse noch länger im Kirchenraum, um den Variationen und dem Postludium der Organisten auf der "Hradetzky-Orgel" zu Hollabrunn zu lauschen. Ein Hochgenuss ist es für mich, hier im Mariendom dem Orgelspiel von Yvonne Dornhofer zu lauschen. (...)

Kein Radio einschalten zu können, ist eine große Herausforderung. Immerhin drücke ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr täglich unmittelbar nach dem Aufwachen auf den Rundfunkknopf, um mich an klassischer Musik zu erfreuen. Das Radio begleitet mich sodann den ganzen Tag über mit Musik und Kulturbeiträgen und berauscht mich mitunter. Hier auf dem Turm erfahre ich Berauschung ohne Rundfunkgerät und ohne Wein: Höhenrausch. (...)

14. 09. 09

Ich vergesse zu essen. Zwei Mahlzeiten genügen. Den Rucksack mit "Essen auf Rädern" aus dem nahen Kolpinghotel – den Basisleuten gebührt Trinkgeld – unbeachtet lassen und stattdessen Turmrunden in der Sonne drehen. Murren der Glocken kündigen das Gedröhne der Glocken an. Waghalsiger Abstieg im Getöse der Glockenschläge, da beide Zeigefinger in den Ohren stecken. Der Rucksack steht für die Bürde des Lebens. (...)

Während ich mir die Beine in der Stadt etwas vertrete, stoße ich auf ein Zelt, in dem Muslime Schriften und Ramadan-Gerichte anbieten. Es sind sympathische Jugendliche, die sich um Interessenten bemühen. Die Theorie der Religionen klingt gleich. Die Praxis ist anders. Wir sprechen über die verschiedenen Feiergewohnheiten der Religionen. Ich mache einen Umweg und stehle mich ins "Haus der Geschichten". Seit Jahren ist das Haus unbewohnt und sieht dementsprechend aus. Es erzählt von Beziehungen, Lust und Schmerz. Es berührt. Es erzählt. Im Obergeschoß liegen auf einem Tisch Briefe von Kindern, die um Antwort bitten. Die Antwort kann man in einen im Korridor aufgerichteten Postkasten werfen. Postwendend kommt durch einen Schlitz ein handgeschriebener Kinderbrief, der viel Freude bereitet. Das Geschichtenhaus erinnert an die schwiegerelterliche Mühle in Niederösterreich mit Grundmauern aus dem 13. Jahrhundert.

"Zu Hause" im Dom angekommen, wohne ich der Abendmesse mit der Dompfarre in der Krypta bei. Anschließend steige ich gewohnt langsam die Stufen hinan. Ein seltener Blick auf die Uhr: fast schon sieben! Nun hetze ich, bald keuchend, die Wendeltreppen hinan, um den drohenden Glockenschlägen zu entfliehen. (...)

Die Autorin, eine Frau mit weißen Haaren, einem Rucksack und Obst in den Händen steht in der Türmerstube zwischen Bett und vollem Schreibtisch
Elisabeth Schöffl-Pöll mit dem Eremitenrucksack für das tägliche warme und kalte Essen; Foto: Otto Schöffl (September 2009)

15. 09. 09

Am Morgen stehen die Lichter wie Kerzen über Linz. Am frühen Tag nehme ich an einer Turm-Morgenführung mit Pastoralassistent Alois Maier teil. Ich breche mein Schweigen und treffe auf deutsche Touristen, die sich voll des Lobes über das Projekt "Turmeremit" zeigen. Bereitwillig beantworte ich ihre Fragen. Eine scheue Touristin, die große Höhenangst hat und dies immer wieder ihrer kleinen Tochter erklärt, lasse ich sogar in meine Eremitage einsehen. Später Abstieg zum Dom – ein Lichtermeer von Kerzen und Naturlicht, das durch die Glasfenster strömt. (...)

16. 09. 09

Heute besuche ich endlich das Denkmal Franz Jägerstätters, da ich bei der Denkmal-Einweihung leider verhindert war. Wie im Leben, so auch im Sterben, denke ich im Stillen. Nahe am Altar und doch bescheiden im Hintergrund. Der Gestaltung liegt das Faksimile einer Aufzeichnung Jägerstätters zu Grunde, die er kurz vor seinem Tode mit gefesselten Händen niedergeschrieben hat. Das helle Schriftstück bildet den vertikalen Balken, der, sich leicht nach links gegen die Leserichtung neigend, den dunklen mächtigen Querbalken kreuzt. Dieses Holzstück stammt von einer Baracke aus dem ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen. Der untere Teil des Schriftstückes ist abgerissen, so wie Franz Jägerstätter mitten aus dem Leben gerissen wurde. Franz Jägerstätter wurde am 26. Oktober 2007 im Linzer Mariendom selig gesprochen. Gedenktag ist am 21. Mai, dem Tauftag. Diese Zeilen sind Papier gewordenes Dankeschön.

Der 9. August 1943 – ich wurde im August 1944 geboren – ist der Todestag (Hinrichtung) Franz Jägerstätters. Der Märtyrer und Familienvater wurde am 20. Mai 1907 in St. Radegund geboren. 1936 heiratete er Franziska Schwaninger. Als die Nazis 1938 in Österreich die Macht übernahmen, verweigerte er jede Zusammenarbeit. Er erklärte der Militärbehörde, dass er aufgrund seines religiösen Gewissens den Wehrdienst mit der Waffe ablehne, denn "man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen". Obwohl er sich für den Sanitätsdienst angeboten hatte, wurde er wegen Wehrkraftzersetzung in Berlin zum Tode verurteilt und am 9. August 1943 in Brandenburg an der Havel enthauptet. Er schreibt: "Nicht Kerker, nicht Fesseln, auch nicht der Tod sind imstande, einen von der Liebe Gottes zu trennen, ihm seinen Glauben und den freien Willen zu rauben. Gottes Macht ist unbesiegbar. (...)

Dann mache ich ein paar Schritte in die "Welt" und ergreife in einem entsprechenden Behältnis eine Gratiszeitung "Heute". Ist es mehr als ein Zufall, dass gerade in dieser Ausgabe offenbart wird, dass Hitler im Waldviertel noch 34 Verwandte mittels DNA-Test nachgewiesen werden konnten. Sie alle tragen nun andere Namen. Hidler, Hindler, Hündler, Hirter... Hitler lebt weiter. Hoffentlich bald nur noch dem Namen nach! Hitler ließ den Truppenübungsplatz Allentsteig in Niederösterreich auf den Tränen von 7500 ausgesiedelten Menschen aus 43 Ortschaften errichten. Davon waren auch meine Eltern und Geschwister sowie alle Verwandten väterlicherseits und mütterlicherseits betroffen. Wir verloren also nicht nur die Elternhäuser, sondern auch die Großelternhäuser. Was noch mehr schmerzte: Wir verloren die Gräber unserer Ahnen...

17. 09. 09

Erst heute übe ich das meditative Stiegensteigen. Einatmen – Ausatmen – Einatmen – Ausatmen. Erst heute konnte ich nicht nur Schattengemälde im Turm ausnehmen, sondern sah am Mauerwerk viel sagende Wandmalereien, entstanden durch Salliter und gelösten Putz. Erst heute genieße ich den Wind, der durch die vergitterten Fenster zieht und höre aufmerksam auf das leise Knacken der Zeiger, wenn sie Minute um Minute vorwärts gehen. Heute genieße ich besonders das Farbenspiel der Stadt. Von meinem Fenster aus kann ich, wenn ich mich auf die Zehen stelle, das feuerrote, sich ständig drehende Riesenrad erblicken. Zum Abschiednehmen von Linz besuche ich am Nachmittag die Lehm-Kupfer-Glas-Kirche in der Solar-City und bete dort mit den anwesenden Senioren gemeinsam das Vaterunser.

Heute ist der letzte Tag der 395 Stufen in die Einsamkeit. Die Stadt Linz liegt in blendendem Weiß zu meinen Füßen. Die Nacht war von Albträumen durchzogen. Ich träumte von der Nachbarschaft, die bedrohliche Eigenschaften aufwies. Ich gehe meine Runden auf der Balustrade um den Turm. Ich setze mich bewusst den Glockenschlägen und Glockenklängen aus. Langsam beende ich das Großreinemachen der Seele in der Wohnung des Körpers. (...)

Noch einmal gehe ich in mich: Ticke ich eigentlich richtig? Jeder Mensch und so auch ich hat seine Mucken. Ist man bloß eigenartig oder ver-rückt, aus der Mitte gerückt? Sind dies harmlose Muttermale oder soll ich mit ihnen zum Facharzt gehen? Sind Selbstgespräche völlig normal, etwa um sich zu konzentrieren? Oder fühle ich mich im Grunde einsam? Habe ich zu wenige Möglichkeiten, mich auszutauschen? Sind Bilder der Vergangenheit und Zukunftsbilder im Kopf normal? Habe ich die Langsamkeit in meinen Alltag eingeführt? Ist mein Hang zur Ordnung, das Bedürfnis im Inneren Ordnung zu schaffen oder innere Spannungen zu überwinden? Oder kann ich mich in der Partnerschaft zu wenig ausdrücken und drücke dies in der Ordnungssuche aus? Solchen und ähnlichen Fragen stelle ich mich und suche nach ehrlichen Antworten...

Weg der Mitte

Der Eremit
sucht den Weg der Mitte
Er sieht sich als
Mittler zwischen Himmel und Erde

Er ist mit dem Erdreich
und dem Weltall
gleichermaßen verbunden
Er lebt sich, Gott und die Mitmenschen

Der Eremit füllt seine Krüge
und zieht mit vollen Krügen
hinaus in die Welt
Amen - Halleluja

Elisabeth Schöffl-Pöll

Informationen zum Artikel:

Eine Woche als Turmeremitin im Linzer Mariendom

Verfasst von Elisabeth Schöffl-Pöll

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Linz/Zentralraum, Turmzimmer im Mariendom
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text ist im Rahmen des Projektes "Turmeremiten" der Diözese Linz im Programm "Linz - Kulturhauptstadt Europas 2009" entstanden. Elisabeth Schöffl-Pöll war eine der 58 Personen, die  jeweils eine Woche lang in der Türmerstube des Linzer Mariendoms als Eremiten/Eremitin gelebt haben.

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