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Maisass-Zita

von Hans Kasper

Die wichtigsten Jahresarbeiten in den Maisäßen (Bergwiesen)

Bevor ich meine eigenen Erlebnisse schildere, will ich zum leichteren Verständnis über die Entwicklung und die schweren Zeiten unserer Kleinbauern in den letzten 200 Jahren kurz berichten.

Die ländliche Bevölkerung der Seitentäler im Bezirk Bludenz war sehr arm. Meine Heimatgemeinde Vandans erlitt zudem durch die Hochwasserkatastrophen in den Jahren 1896 und 1910 sowie durch die verwüstende Mure am 12. August 1933 enorme Schäden, durch welche nahezu die gesamte Bevölkerung in die Armut getrieben wurde. Wiesen und Weiden wurden überschwemmt. Der Ertrag aus den restlichen kleinen Grundstücken reichte in keiner Weise aus, um die erforderliche Menge an Kartoffeln, Getreide sowie Futter für das Vieh zu produzieren. Die Kleinbauern waren ja zu 90 Prozent Selbstversorger und benötigten jeden Quadratmeter Grund dringend, um zumindest die wichtigsten Produkte im Tal anzubauen. Um dennoch genügend Heu für den Winter zu haben, musste auf verschiedene Weise vorgesorgt werden.

Gleich Anfang Mai kamen die Schafe zu einer Herde. Da die Kühe und das Jungvieh im Sommer auf die Alpen kamen, war es auch wichtig, für die Familien die Milchversorgung zu sichern. So wurden zwei bis drei Ziegen gehalten, und auch diese kamen von Mai bis Oktober zur „Gässhuat“.

Nachts wurden diese Tiere in dieser Zeit in kleinen Ställen („Schärma“) an einigen Stellen im Dorf gehalten und frühmorgens vom „Geißler“ zu einer Herde eingesammelt und in irgendwelche Wälder und abgelegene Bergwiesen geleitet. Die Geißen mussten morgens schon zeitig gemolken werden, denn punkt 5 Uhr zog der Geißler mit der Herde – circa 150 Stück – los.

Dieser Hirte war nicht zu beneiden, denn die Ziegen sollten sich nicht auf Bergwiesen und Alpweiden, sondern nur in Auen, im Wald oder auf Höhen über 1800 Meter „ernähren“. So gab es Tage, an welchen der Ziegenhirte mit seinen Tieren bis zu 14 Stunden unterwegs war. Abends gegen sieben Uhr konnten die Bauern – meistens waren es die Kinder – wieder zum Melken kommen. Nicht selten fehlten einige Tiere, und es begann eine eifrige Suche, denn daheim wurde schon sehr auf die Milch gewartet.

Und jetzt zu einer wichtigen „Quelle“ für zusätzliches Heu. Weil beinahe jeder Grashalm dringend gebraucht wurde, mussten alle nur denkbaren Grasflächen bis in Höhen von 1800 Meter genutzt werden. In mittleren Höhen zwischen 1000 und 1500 Meter gab es die sogenannten Maisäße („Maisass“). Das sind Grundstücke mit einem kleinen Häuschen und einem Stall in einfachster Ausführung. Recht viele, aber nicht alle Familien verfügten über solche Zweitbesitzungen. Für ärmere Kleinbauern ohne die erwähnten Maisäße bot sich nur das Heuen von steileren Bergwiesen – ohne jegliche feste Unterkünfte – als Alternative an.

Zum Teil waren die Häuser auf den Maisäßen recht wohnlich ausgestattet – mit offener Küche, einem Stüble und einem Kämmerlein mit Schlafstellen für die Eltern. Die jungen Leute nächtigten sogar recht gerne im Heu auf dem zum Maisass dazugehörigen Stall. Neben den „nobleren“ Gehöften gab es auch recht viele Unterkünfte, welche nur eine recht einfache Küche und ein Stüble hatten. Jedoch durfte in keiner noch so einfachen Küche ein eingemauerter oder frei hängender Kupferkessel ("Sennkessi") für die Erzeugung des bekannten Montafoner Sauerkäse ("Sura Kees") fehlen.

Holzhaus in mit verzierten Fensterrahmen
Ein nobleres Maisass-Haus mit Stube und Schlafraum

Die „Maisass-Zita“ (Maisäß-Zeiten) begannen Ende Mai, wenn beinahe jeder Maisass mit „Kind und Kegel“ und dem gesamten Viehbestand belegt wurde. Da oben hauste man etwa drei bis vier Wochen, bis das Vieh auf die Alpen (Almen) aufgetrieben wurde.

Mit Rücksicht auf diese frühe „Übersiedlung“ in die Maisäße sowie auf die vielen „Schwabenkinder“ (dieses Thema ist ein separates Kapitel wert) konnte eine längere Befreiung von der Schulpflicht beantragt werden. Bis etwa 1920 gab es bei der Freistellung für den Zeitraum von 15. Mai bis 15. Oktober keinerlei Probleme.

Im Juni zogen die Familien von den Maisäßen wieder ins Tal, viele Arbeiten, wie das Heuen oder die Bearbeitung der Äcker und Gemüsegärten, standen an. Etwa zwischen Ende Juli und Mitte August ging es wieder zur Heuernte auf die Bergwiesen. Und im Herbst (September), wenn die Alpsaison vorbei war, hielt man das Vieh nochmals solange wie nur möglich auf diesen Maisäßen. Doch wurde das Hüten und die noch anfallenden Arbeiten in dieser Zeit nur von einer Person besorgt. Alle anderen wurden dringend für die Erntearbeiten im Tal benötigt.

Erwähnen will ich noch, dass sich dieser Ablauf zum Teil vor dem Zweiten Weltkrieg, jedenfalls aber mit Einsatz der Maschinen bald nach dem Krieg änderte. Ab den Dreißigerjahren wurden die Maisäße im Frühjahr immer seltener belegt, unter anderem, weil die Schulfreistellung der Kinder nicht mehr so leicht möglich war. So konnte das bitter notwendige Gras bis Ende Juli, Anfang August, kräftiger wachsen.

Um die zum Großteil recht alten Gebäude vor dem Zerfall zu retten, also altes Kulturgut zu erhalten, wurden die Grundstücke nach dem Krieg mit Zufahrtswegen erschlossen. Somit kam dann auch der Maschineneinsatz, und die Bauern konnten praktisch jeden Abend das Heu mit ihren Allradfahrzeugen ins Tal transportieren.

Die Erschließung durch Zufahrtswege brachte einen weiteren großen Vorteil. Die leerstehenden Häuschen wurden renoviert und konnten dann im Sommer, teilweise sogar im Winter, recht gut als Ferienunterkünfte vermietet werden.

Dies war eine erste Information, um meine Erlebnisse und die oft sehr arbeitsintensiven Tage als „Schulbub“ besser zu verstehen.

Als Schulbub zu jeder Arbeit herangezogen

1940/41 –  ein recht kalter und schneereicher Winter war vorüber. Arbeiten auf Wiesen und Äckern sowie das zeitraubende Hüten von Jungvieh und Kühen stand bevor. Kriegsbedingt waren die Männer großteils zum Wehrdienst eingerückt, so fehlte es enorm an Arbeitskräften. Zudem wurde die Ablieferungspflicht von Milch und anderen Lebensmittel laufend erhöht. Da war man bei der stark „geschrumpften“ Familie Kasper schon froh, dass es den bald zehnjährigen „Hansi“ gab. Neben den erwähnten Arbeiten kam – wie in der Einleitung angeführt – die aufwändige „Maisassarbat“ (Arbeit in den Maisäßen).

Leider hatten wir, die Familie Kasper, keinen eigenes Berggrundstück. Bedingt durch den großen Brandschaden im Sommer 1908 (Haus und Stall sind total abgebrannt) sowie einigen schweren Unglücken, hieß es für die Familie Schulden und nochmals Schulden bezahlen. Aus diesem Grund konnten Maisäße nur gepachtet werden. Leider stiegen die Besitzer nicht auf ein Verpachten ein, es gab nur die Alternative „um die Hälfte heuen“.

Das heißt, die Maisäße mussten nach Vereinbarung mit einem Grundbesitzer ordnungsgemäß sauber gemäht und das richtig trockene Heu auf den Bergstall gebracht werden. Das Schlimmste kam dann aber wohl beim „Heuzug“ im Winter, wenn die Hälfte vom mühevoll geernteten Heu ins Tal und zum Stall des Besitzers gebracht werden musste. Manchmal kamen mir die Tränen, wenn ich schweren Herzens zusehen musste, wie die reicheren Bauern ohne eine Stunde hierfür zu arbeiten, große Mengen Heu zum Stall geliefert bekamen.

Fernansicht einer Bergregion mit Almen und Wäldern

Jedes Jahr aufs Neue, bald nach der Schneeschmelze, mussten diese Bergwiesen geräumt werden. Das hieß, ab und zu einen Tag schulfrei nehmen und hinauf an die Arbeit. Diese bestand in erster Linie darin, dass Geäst und Stauden, welche durch Schneedruck flach lagen, säuberlich zu entfernen, um den Graswuchs nicht zu behindern. Besonders am Wiesenrand mussten Jungholz sowie gebrochene Äste restlos entfernt werden, um ein Einengen der Wiesenflächen zu verhindern. Es waren ja nicht nur die Maisäße, die geräumt werden mussten, notgedrungen mussten von beinahe allen Grünflächen, welche oberhalb der Maisäße lagen – sie wurden „Mähder“ genannt –, ebenfalls Geröllsteine und sämtliches Gehölz entfernt werden. Das hieß, zwei bis drei Tage mit Axt und Rechen frühmorgens „in die Berge steigen“. Recht einfach war an diesen Tagen die Verpflegung. Im Rucksack ein großes Stück Brot, ein wenig Käse und Geräuchertes und einen „Flachmann“ mit Obstler. Dieser durfte nie leer getrunken werden, um im Falle einer Verletzung ein Desinfektionsmittel in Reserve zu haben.

In meiner Kindheit und Jugend wurden die Maisäße, wie schon erwähnt, im Frühjahr fast nicht mehr belegt, aber Ende Juli, Anfang August war es dann so weit: Vor allem jüngere Leute, dazu gehörte auch ich als Schulbub, bereiteten sich für das Abenteuer Maisäßheuen vor. Die wichtigsten Heugeräte, die notwendigsten Lebensmittel, wie Kartoffel, Mais, Margarine, Erbswürste für Suppen (damals die einzig erhältliche Fertigsuppe) und vor allem eigener Lindenblütentee sowie „Linde-Kaffeepulver“ wurden in die Rucksäcke verpackt. Bei Aussicht auf schönes Heuerwetter zog man frühmorgens los. Ich hatte die manchmal gar nicht so leichte Aufgabe, unsere Milchversorgerin – eine oft sture Ziege – ans Ziel zu bewegen. Oben angekommen, noch schnell einen Schluck Schnaps und eine kräftige Jause, und schon ging es an die Arbeit.

Wir waren ja ein recht kleines Team für die bevorstehenden Arbeiten: Tante Mari, Jahrgang 1904, Onkel Friedrich, Jahrgang 1906, Ziehschwester Irma, Jahrgang 1924 und wie fast überall der kleine Hansi. Unsere zugeteilten landwirtschaftlichen Helfer, die jeweiligen Kriegsgefangenen, konnten nicht mit, diese mussten ja abends in dem mit Stacheldraht umzäunten Lager sein, wogegen wir im Maisass blieben und im alten Stall im Heu unser Nachtlager hatten.

Mit den schon am Vortag frisch gedengelten Sensen begann frühmorgens die Mäharbeit. Zuerst wurde rund um die Gehöfte alles frei gemäht, dann ging es Abschnitt für Abschnitt weiter. Meine Arbeit bestand darin, das frisch gemähte Gras zu zetten, das heißt, das Gras mit der Heugabel schön zu zerteilen. Auch das Melken der Ziege wurde mir übertragen. 

Und immer wieder musste ich die an einem langen Seil angebundene Geiß „trösten“, denn ihre Futterstelle war jeweils an einem Platz, welcher mit der Sense nicht zu bearbeiten war, und da machte sich das Tier durch lautes und intensives Meckern bemerkbar.

Die Mäharbeit wurde gegen Mittag, wenn es zu warm wurde, beendet. Es wurde dann in der kleinen Hütte das von mir zubereitete „Festessen“ eingenommen. Es gab Bratkartoffel, diese waren noch öfters an der Reihe, dazu beinahe immer eine Tasse Kaffee. Allzu viel durfte man sich ja auch nicht erwarten, es stand ja nur ein alter Brillenherd und auch recht wenig Zeit für die Kocherei zur Verfügung.

Gleich nach dem .Essen ging’s ans „Kehra“ (Wenden des Grases). Da es am ersten Tag noch kein Heu zum Eintragen gab, begann gleich anschließend wieder die Mäharbeit und für mich wieder das Zetten. Etwas früher durfte ich diese Tätigkeit beenden, ich musste ja unsere Ziege melken und für den Abend die Montafoner Spezialität, den „Brösel“ kochen. Geißmilch und eine große Tasse „Törgga“(Maisgrieß) wurden zu einem Brei erhitzt. Anschließend kam die Masse in die Schmalzpfanne und wurde in heißer Margarine oder Butter – wenn vorhanden – einige Zeit „geröstet“, bis das Ganze bröselig wurde, daher der Name Brösel.

Die Pfanne kam mit dem „Pfannenknecht“ (Abstellvorrichtung mit Stielhalterung) auf die Tischmitte. Vier Tassen (Kafeschüssili) und ebenso viele Löffel, und so wurde ganz friedlich aus der Pfanne „gelöffelt“. Brösel wurde deswegen so gerne gekocht, weil man nur einige Kilo Mais hinaufschleppen musste. Zum Leidwesen  vieler Montafoner gab es ab 1942 nur mehr geringe Mengen von diesem Maisgrieß und so mussten wieder mehr Kartoffelgerichte auf die „Speisekarte“. Auch Brot war in den Kriegsjahren Mangelware, als Ersatz behalf man sich recht oft mit Dörrobst.

Nach dem „Nachtässa“ (Abendessen) wurde nochmals gemäht bis zur Dunkelheit. Im kleinen Stüble saß man dann im Licht der Petroleumlampe noch kurz beisammen und hielt Rat über die Arbeiten am nächsten Tag. Dann ging es zur Nachtruhe auf den Heuboden, um im Restheu des Vorjahres auszuruhen. Frühmorgens, sobald es das Tageslicht ermöglichte, verließ Friedrich das Nachtlager, um die Sensen zu dengeln. Und gleich danach ging es wieder ans Mähen. Diese Arbeit war ja bis zum Sonnenaufgang wesentlich leichter. Es folgte das „Z’Margat-Ässa“ (Frühstück), natürlich wieder Bratkartoffel oder Brösel.

Nicht zu vergessen ist auch die tägliche Körperreinigung. In circa 40 Meter Entfernung war ein kleiner Bach, der „Aualatsch“. An diesem wurden entweder am Abend oder am Morgen ganz kurz Gesicht und Hände gewaschen.

Mann recht auf einer Bergwiese Heu zusammen

Wieder wurde einige Stunden gemäht, und auch mir blieb das Zetten nicht erspart. Bei schönem Wetter war der zweite Tag wesentlich anstrengender als der erste, denn sobald das Gras trocken genug – also Heu – wurde, begann die recht aufwändige Arbeit des Heutragens.

Zuerst wurde mit den Rechen das Heu zu großem Mahden zusammengetan, und dann begann das Bündelbinden. Auf zwei im Abstand von circa 60 Zentimeter nebeneinander liegende, etwa sechs Meter lange Hanfseile wurden, je nach Kraft des Heuträgers, zwischen 50 und 100 Kilo Heu fachgerecht aufgebündelt und dann mit den Seilen zu stabilen Bündeln zusammengezogen.

Mann nimmt sich mittels Stricken ein schweres Heubündel auf den Rücken, sein Kopf ist mit einem Tuch bedeckt

Nun folgte die wohl schwerste Arbeit: Mit Geschick mussten diese Ballen über den Kopf geschwungen werden, und dann kam das schwierige Aufstehen. Mit dieser Last auf Kopf und Rücken stapfte man dem Heustall zu. Am ersten Tag nur wenige Meter, doch an den Folgetagen musste diese Last oft bis zu 100 Meter getragen werden, und das in steilem und unwegsamem Gelände.

Ich entsinne mich noch gut: War ein Gewitter zu befürchten, dann wurde unter großem Zeitdruck Heu eingetragen. Auch ich als Zehnjähriger half mit letzter Kraft und trug mindestens 20 Bündel mit einem Gewicht von etwa 30 bis 40 Kilo zu dem für mich zu weit entfernten Stall.

Mann geht mit schwerem Heubündel am Rücken

Auf diese Art wurde viele Jahrzehnte gearbeitet. Doch damit war es nicht getan, es kam noch schlimmer. Wie anfangs geschildert, wurde beinahe jeder „Grünstreifen“ bis in eine Seehöhe von circa 1800 Meter zur Heugewinnung genutzt – jedoch unter weit schwierigeren Bedingungen.

An diesen abgelegen Berghängen gab es keinerlei Gebäude, weder Haus noch Stall. Gekocht wurde auf einem Feuer zwischen zwei Steinen. Recht primitiv war auch das Nachtlager. Unter einer „Wettertanne“ (Tanne mit sehr dichtem Geäst) wurde mit frischem Heu eine Schlafgelegenheit errichtet. Sicher hätten wir auch die Nächte daheim verbringen können, jedoch hielt uns der tägliche Aufstieg von ein- bis eineinhalb Stunden davon ab. Da es in diesen Bergmähdern eben keine Gebäude gab, wurde das Heu auf „Schöber“ gestapelt. Das heißt, dass das Heu in einem Durchmesser von circa vier Meter rund um eine dürre Tanne festgetreten wurde. So ein Schober erreichte eine Höhe von etwa fünf Metern. Es gab auch keine Abdeckung mit Plane oder Ähnlichem. Der Schober erhielt lediglich eine festgetretene, leicht abfallende Heudecke.

In diesen Bergwiesen wurde an so vielen Sommertagen hart und entbehrungsreich gearbeitet. Da waren die langen Sommerferien sehr vorteilhaft, denn „Hansi“ war für das Einkaufen, für erforderliche Botengänge, ja praktisch überall, im Einsatz.

Auch wenn es bei diesen Heuarbeiten bei schönem Wetter unglaublich viel zu tun gab, an einem regnerischen Tag saß man zumindest am Abend ab und zu mit den Maisass-Nachbarn zusammen, führte interessante Gespräche und fallweise folgten auch fröhliche Lieder.

Von den gesamten Heuarbeiten auf den „Maisäßen“ und „Bermähdern“ (Berghängen) habe ich nun ausgiebig geschrieben. Jetzt folgt mein Bericht über den winterlichen Heu-Abtransport ins Tal, den sogenannten „Heuzug“.

Der Heutransport im Winter

An einem schönen Wintertag mit möglichst guter Schneelage wurde es ernst. Schon am Vortag bemühte man sich um zwei bis drei kräftige Männer für diese nicht ganz leichte Arbeit.

Haus mit angeschlossener Scheune in schneebedeckter Umgebung
Maisäßhaus mit Stall

Gleichzeitig wurden die erforderlichen Seile zum Binden der „Bätscha“ (Heubündel mit einem Gewicht von 150 bis 250 kg) sowie Schlitten und Schneebahngeräte –Schneeschieber oder Schaufeln – zum Einsatz bereitgestellt. Natürlich durfte es auch an einer kräftigen Jause nicht fehlen.

Frühmorgens stapften die Männer durch den ungebahnten Tiefschnee dem Maisass oder dem „Mahd“ (Steilhangwiese ohne Stall) zu. Um einer allzu große Erschöpfung vorzubeugen, wechselten die Vorläufer ab.

Am Ziel angekommen, gab es zuerst den üblichen Schluck Obstler und eine kräftige Jause, dann ging es an die Arbeit. Die einen beschäftigten sich mit dem „Bätscha-Fassa“ (Heubündel fachmännisch zu stapeln). Zu diesem Zweck wurde ein starkes Hanfseil längs gelegt sowie ein langes, dünneres Seil zick-zack breitseitig ausgelegt. Dann wurde das Heu aufgeschichtet und anschließend mit diesen Seilen fest zusammengezogen. Schließlich mussten die „Bätscha“ möglichst ohne Heuverlust die oft schwierigen Talfahrten überstehen.

Meine Aufgabe war es fast immer, die erforderliche „Bahn“ bis zum Start an der Abfahrtsschneise freizuschaufeln. Wenn das sogenannte „Heufassen“ fertig war, folgte nochmals eine ausgiebige „Stärkung“ – man wollte ja keinen Rest heimbringen – dann wurden die „Bätscha“ noch mühsam bis zur Schneise gezogen. Je nach Schneelage nahm ein Mann einen, manchmal auch zwei solcher Bätscha zur anschließenden temporeichen „Talfahrt“.

Mehrere Männer begleiten eine lange gebündelte Fuhre Heu über einen Steilhang

Nun gab es bei diesem „Heuzug“ zwei Möglichkeiten: Zum einen gab es kleine Waldschneisen, welche recht steil waren und durch die man mit den Bätscha – ohne Schlitten oder andere Unterlage – mit beachtlicher Geschwindigkeit talwärts steuerte, daher war ein festes Binden der Heufuhre erforderlich. Natürlich mussten die Männer mit den ersten Ladungen den Weg durch den Tiefschnee bahnen, doch rasch ergab sich eine Rinne, in welcher man mit diesen „Bätscha“ zum Teil recht rasant dem Tal „zurauschte“. In Vandans haben wir ja einige Maisäße, wo die Schlitten erst im Tal benötigt wurden.

Heufuhre auf Schlitten talwärts unterwegs

Bei Maisäßen, wo diese Schneisen nicht bestanden, mussten die Schlitten bis zur Ladestelle hinaufgetragen werden. Ein „Bätscha“ kam auf den Schlitten, meist wurde noch ein zweiter angehängt, und dann ging es auf diese Art ins Tal.

Im Tal angekommen, war die Arbeit noch nicht fertig getan. Die „Bätscha“ mussten auf verschiedenste Art zum Heustock befördert, dort von den Seilen befreit und das Heu weitläufig verteilt werden.

So mühsam diese Arbeiten vom Heuen im Maisass bis zum Heimtransport einmal waren, so sehr sind sie durch den heutigen Maschineneinsatz erleichtert worden.

Ein unglücklicher Silvestertag

Wenn es schon ums Heu geht, noch ein kurzer Bericht von einem missglückten Silvestertag!

Das Jahresende 1948 stand bevor, und in vielen Lokalen wurde Silvestertanz angekündigt. Ich vereinbarte mit meiner Freundin abends zum Tanz nach Schruns zu kommen. Doch an das Wichtigste dachte ich nicht, ich hatte leider kein Geld. Am Vorabend kündigte sich die „Rettung“ an. Ein Landwirt aus Tschagguns-Krista erschien und bat mich, ihm beim Heuzug am folgenden Tag zu unterstützen. Gute Bezahlung war zugesagt. Glück gehabt, dachte ich mir. So zogen am Silvestermorgen fünf Männer, genau gesagt vier und ein junger Bursche, zum Heuzug. Mit Schlitten beladen erreichten wir zeitig den Stall mit dem Heulager.

Mit Ausnahme von mir waren alles kräftige Männer, und so wurden recht schwere „Bätscha“ gefasst und mit den Schlitten auf einem schmalen Weg zu Tal befördert. Auf einem Steilstück war ich nicht mehr in der Lage, das Tempo zu reduzieren und streifte an einer Tanne die Ladung ab. Ich konnte nur noch zusehen wie das gebündelte Heu hunderte Meter über einen Steilhang kollerte. Den Schlitten rettete ich noch, doch das Heu mit den Seilen war für immer verloren. Vermutlich doch nicht ganz, denn beim Wild ist diese Fütterung sicher gut angekommen. Traurig kam ich mit dem Schlitten im Tal an und bekam so einiges zu hören.

Mit Pferdegespann wurde das Heu nach Tschagguns gebracht und dort auf den Stall verladen. Gegen 17 Uhr verabschiedeten sich die Männer nach Erhalt des Taglohnes. Ich musste noch beim Heuverteilen mithelfen, schließlich hatte ich ja beachtlichen Schaden verursacht. Gegen halb acht – ich war schon wegen meiner Tanzzusage richtig nervös – war die Arbeit gottlob getan. Dann jedoch erlebte ich Unvergessliches, denn der Landwirt sagte zu mir: „Du hast ja brav mitgearbeitet, doch Geld kann ich dir keines geben. Du  hast ja eine Ladung Heu nicht ans Ziel gebracht.“

Sehr traurig und müde trat ich den Heimweg an. Doch auf den Silvestertanz wollte ich nicht verzichten, und so bat ich meine Ahna, mir doch einige Schillinge zu geben, und dies tat sie sogar gerne. Nach einer „kalten Dusche“ im doppelten Sinne bewegte ich mich nach Schruns, um mein Versprechen einzuhalten. Eines ist ganz sicher – diesen Jahresausklang werde ich nie vergessen.

Vandans, im Jänner 2010

Informationen zum Artikel:

Maisass-Zita

Verfasst von Hans Kasper

Auf MSG publiziert im Jänner 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Vorarlberg, Bludenz / Montafon, Rodund, Tschagguns, Vandans
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre

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