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"Ich bin der Sohn von Landesrat ...!"

von Wolf Dietrich Hausmann

Mein Vater war für eine Legislaturperiode, von 1949 bis 1955, Mitglied der oberösterreichischen Landesregierung. Er war Landesrat, also Minister. Entsprechend der Landesverfassung von Oberösterreich müssen alle Parteien ab einem gewissen Prozentsatz in die Landesregierung mit eingebunden werden. Der VDU (Verband der Unabhängigen – Vorläufer der späteren FPÖ) hatte bei der ersten freien Wahl nach dem Kriege ein überraschend gutes Ergebnis erzielt. Meinem Vater wurde das Ressort für Denkmalpflege und Landschaftsschutz zugeteilt – ein Aufgabenbereich, mit dem man sich in der Aufbauphase nach dem Kriege nicht sehr profilieren konnte.

Der VDU war die national-liberale Partei im politischen Spektrum des Nachkriegs-Österreich. Die nationale Ausrichtung wurde abgedeckt durch den Einsatz als Anwalt der Heimatvertriebenen, der Kriegsheimkehrer und der Opfer der Entnazifizierung. Außerdem wollte der VDU die liberale, leistungsorientierte Komponente vertreten und daher die Partei der Anständigen sein. Die Partei derer, die nicht von den Privilegien und dem Postenschacher der beiden großen Parteien, SPÖ und ÖVP, und ihrem alle Lebensbereiche durchdringenden Proporz profitierten. Für die Aufgabe, dies glaubhaft zu vermitteln, war mein sehr idealistischer Vater genau der richtige Mann.

Im Strandbad von Gmunden konnte man in den Umkleideräumen Kästchen mieten, um dort die Kleider zu deponieren. Die Miete kostete pro Tag 50 Groschen. Das war zwar nicht viel, aber für uns Jungs stellte es den nicht unbedeutenden Gegenwert von einer Tüte Eis dar. Das Taschengeld war damals noch sehr knapp. Irgendein Schulfreund schlug mir vor, doch am Eingang bei der Kassiererin zu sagen, ich sei der Sohn des Landesrates Roland Hausmann, um so, die Bedeutung des Vaters nutzend, kostenlos zu einem Kästchenschlüssel zu kommen. In meiner Naivität folgte ich diesem Vorschlag und tatsächlich – es funktionierte. Anstandslos bekam ich fast einen Sommer lang an jedem Badetag umsonst meinen Schlüssel. In kindlicher Freude war ich richtig stolz auf meine vermeintliche Geschäftstüchtigkeit.

Bis ich einmal daheim beim Mittagstisch gefragt wurde, ob ich denn genug Geld für den Strandbadbesuch am Nachmittag hätte. Ich ganz stolz: "Aber sicher, das Kästchen brauche ich sowieso nicht zu bezahlen!" Wie kommts? Ich schildere den regelmäßigen Effekt meines Sprüchleins über meinen wichtigen Vater.

älterer Mann in Trachtenkleidung und ein etwa 12-jähriger Junge (Sohn) stehen vor einer (Wiener) Kulisse aus Park und Denkmälern
Wolf Dietrich und Roland Hausmann (um 1956)

Mein Vater fiel vor Schreck fast vom Stuhl. Da hält er große Reden gegen Amtsmißbrauch und Korruption und dann nutzt sein eigener Sohn, natürlich ohne sein Wissen, sein Amt für einen kleinen Vorteil schamlos aus. Es setzte eine heftige Strafpredigt, wobei mein Vater allerdings die kindliche Unschuld berücksichtigte. Großzügig, wie er war, gab er mir genug Geld für den Rest des Sommers. Tief betrübt, meinen geliebten Vater verärgert und fast in Schwierigkeiten gebracht zu haben, nutzte ich den fatalen Spruch natürlich nie mehr.

Aber so leicht kann sich das schleichende Gift der Vorteilsnahme und der Korruption in das Alltagsverhalten einfressen. Es fängt immer mit solchen an sich ganz unbedeutenden Kleinigkeiten an!

Informationen zum Artikel:

"Ich bin der Sohn von Landesrat ...!"

Verfasst von Wolf Dietrich Hausmann

Auf MSG publiziert im Jänner 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Traunviertel, Salzkammergut, Gmunden
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag stammt aus einer Sammlung von Erinnerungstexten und Anekdoten des Autors unter dem Titel "Der Anekdoten-Onkel", verfasst im Jahr 2004, S. 108 f.

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