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Kindheit in Penzing III: Das Jahr 1934

von Walter Cerveny

Im Februar 1934 läutete unsere Nachbarin Sturm und schrie durchs ganze Haus: „Generalstreik is'!“ Meine Mutter füllte sofort alle möglichen Gefäße mit Wasser und mein Vater legte Kerzen bereit. Ich verstand das Ganze noch nicht wirklich, nur, dass irgendetwas Ernstes in der Luft lag, wurde mir klar, als ich viele Menschen mit Einkaufstaschen vor den Geschäften stehen sah. Am Nachmittag packte mein Vater zwei große Koffer, stopfte unser ganzes Bettzeug hinein, und wir übersiedelten zu meinen Großeltern, wo wir zwei oder drei Nächte übernachteten.

Ich hatte keine Ahnung, worum es ging, aber man hörte, dass es da und dort zu Schießereien gekommen sei, dass es Kämpfe und auch Tote gab. Angeblich sollte die Regierung gestürzt werden. Das Bundesheer umzingelte die Gemeindebauten, von denen der Putsch angeblich ausging. Einige Bauten, vor allem der Goethehof, der Karl-Marxhof und noch einige andere wurden durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt.

Als wir nach wenigen Tagen wieder nach Hause zurückkehren wollten, da angeblich schon wieder alles vorbei war, stellte sich heraus, dass unser Bau noch immer von Soldaten umstellt war. Meine Eltern mussten die Koffer öffnen, und die Soldaten durchwühlten sie auf der Suche nach Waffen. Schließlich durften wir den Sperrring passieren und in unsere Wohnung gehen. Meinem Vater waren unsere Schlafräume zu unsicher, und so schliefen wir auf Matratzen im Vorzimmer, das fensterlos und daher sicher vor Beschuss war. Am nächsten Morgen war der Spuk aber wirklich vorbei und der normale Alltag kehrte wieder ein.

Zum ersten Mal fuhren wir in diesem Jahr 1934 in den Ferien auf Urlaub, und zwar nach Wagrain. Mein Klassenlehrer Herr Giebelhauser lud uns ein, mit einem Bus der Lehrervereinigung mitzufahren, da noch einige Plätze frei waren. Die Reise war mehr oder weniger ein Abenteuer und dauerte sehr lange.

Wir fuhren nämlich durch das wunderschöne und romantische Gesäuse und hier gab es einige Straßentunnel. Nun hatten die Busse damals noch keine Kofferräume; das Gepäck wurde auf dem Dach der Autos befördert. Die Tunnel waren aber nicht so hoch. Daher musste das gesamte Gepäck abgeladen und zu Fuß durch den Tunnel getragen werden, um sodann neuerlich in der Höhe verstaut zu werden. Bis zum nächsten Durchlass, wo sich der ganze Vorgang wiederholte. Einen Asphaltbelag gab es damals auch noch nicht überall, und so waren die Koffer nach unserer Ankunft ziemlich verstaubt.

Ansicht eines zweistöckigen Bauernhauses in Hanglage
Ein Sommerfrischequartier der Familie Cerveny nahe Radstadt im Pongau

Der Bus fuhr in den Pongau und machte dort mehrere Stationen, je nachdem, wo die Reisenden aussteigen wollten. Wir und auch die Familie Giebelhauser taten das in Wagrain. Wir wohnten im so genannten „Burglehen“ und fühlten uns auf diesem Bauernhof recht wohl. Es wurde dort, wie auf fast allen Bauernhöfen in der damaligen Zeit das Brot frisch gebacken, die Butter selbst gerührt, das Fleisch des eigenen Viehs verwertet und konserviert, der Most aus dem eigenen Obst gepresst und der Schnaps gebrannt. Für die Eier sorgten brave und glückliche Hühner. Wolle wurde von den Schafen gewonnen und in den Wintermonaten verarbeitet, Holz wurde im eigenen Wald gefällt und neben dem Haus gestapelt. Mit einem Wort, die Bauern lebten, was die Ernährung und Versorgung betraf, völlig autark.

Die hygienischen Verhältnisse waren allerdings noch weit vom heutigen Standard entfernt, auch wenn im Haus alles funkelte und glänzte. Man musste sich das Wasser vom Brunnen holen und sich am Zimmer im Lavoir waschen. Bademöglichkeit gab es nur sehr bedingt in einem großen Bottich in der Waschküche, und das Klo befand sich in einem kleinen Häuschen mit dem berühmten ausgeschnittenen Herzerl außerhalb des Hauses. Verständlich, dass man sich bemühte, besonders bei Regen oder Gewitter, das menschliche Rühren weitgehendst zu unterdrücken.

Gewitter kamen damals noch weit öfter als heute – zumindest scheint es mir so in der Erinnerung – und vor allem gab es noch viel mehr nächtliche Gewitter. Dann hieß es aufstehen, anziehen und hinunter in die große Stube zu gehen, wo sich alle Bewohner versammelten, um bei Kerzenlicht zu beten, dass das Unwetter das Haus, seine Bewohner und das Vieh verschonen möge.

   Wagrain war der Heimatort von Karl Heinrich Waggerl, dem großen österreichischen Heimatdichter, der am sogenannten Kirchboden wohnte. Das ist eine Terrasse über dem Talboden und selbstverständlich statteten mein Vater und mein Lehrer dem bekannten Schriftsteller einen Besuch ab. Das hatte die Lehrervereinigung schon vorher vereinbart und ich durfte mitgehen.

Aber viel mehr als dieser Besuch blieb mir etwas anderes im Gedächtnis, nämlich das ununterbrochene Heulen der Sirenen von Rettungsfahrzeugen. Was war geschehen? In Wien war es am 25. Juli neuerlich zu einem Putschversuch gekommen. Diesmal von den sogenannten Nazis, und dabei war es zu einem Attentat auf Bundeskanzler Dollfuß gekommen, an dessen Folgen er starb. Auch in der Provinz kam es zu Kämpfen mit Verwundeten und deren Abtransport konnten wir hören.

Im Herbst war wieder Schule angesagt, und alles verlief wie schon bisher. Ich war ein guter Schüler, wenn auch nicht der Klassenbeste. Aber diesen Ehrgeiz hatte ich sowieso niemals. Die politischen Verhältnisse hatten sich geändert und damit auch die sozialen Bedingungen. In den Klassenzimmern hingen jetzt andere Bilder, und wir mussten ein Abzeichen tragen. Es hatte die Form einer rot-weiß-roten Wimpel und zeigte auch ein Eichenblatt. Ein Spruch war ebenfalls zu lesen. Er lautete: „Seid einig, einig einig“.

Nun, wir verstanden von Politik so gut wie gar nichts, aber dass früher viel Uneinigkeit herrschte unter den Erwachsenen, dass es verschiedene politische Parteien gab, die sich oft auf der Straße beschimpften und befehdeten, das bekamen wir schon ein bisschen mit. Und schließlich gab es ja auch noch den kurzen Bürgerkrieg. Jetzt also sollten alle einig, einig sein. Ob das so ganz einfach auf Knopfdruck und Erlass funktionieren konnte? [...]

Informationen zum Artikel:

Kindheit in Penzing III: Das Jahr 1934

Verfasst von Walter Cerveny

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk / Salzburg, Pongau, Wagrain u.a.
  • Zeit: 1934

Anmerkungen

Der Beitrag ist umfangreichen lebensgeschichtlichen Aufzeichnungen entnommen, denen Walter Cerveny den Titel "Sogar der Himmel weinte ..." gegeben hat. Dieser Textausschnitt stammt aus dem Kapitel "Kindheit in Penzing" und wurde in etwas gekürzter Form bei der Veranstaltung "Lebertran und Himbeerkracherl. Wiener Kinderwelten um 1930 in lebensgeschichtlicher Retrospektive", am 11. März 2010 im Wien Museum Karlsplatz vorgetragen.

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