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Emanzipierte Frauen 1932

von Erika Thiel

Im Jahre 1930 ging mein Großvater (Jahrgang 1870), der, obwohl gelernter Schuster, in einer metallverarbeitenden Firma als Schleifer arbeitete, weil dort der Verdienst besser war, in die Altersrente. Meine tüchtige Großmutter (Jahrgang 1878) ergriff eine sich bietende Gelegenheit, einen Hausbesorgerposten in einem Gemeindebau zu übernehmen, und zwar mit der Überlegung, mit der Hilfe ihres Mannes 15 Jahre lang drei Stiegen des fünfstöckigen Gebäudes betreuen zu können. Nach 15 Jahren hätte auch sie einen Rentenanspruch, was ihren Lebensstandard etwas bessern würde.

Mein Großvater war damit einverstanden; das bedeutete für ihn Hof- und Straßenseite zu kehren und im Winter Schnee zu schaufeln. Die übrigen Tage hatte er sozusagen frei, und diese benützte er sehr gerne für Wanderungen im Wienerwald. Er war es auch, der uns im Frühling mit Knofelspinat (heute nur mehr Bärlauch genannt und im Handel in kleinen Sträußchen angeboten) und im Herbst mit Schwammerln versorgte. Großmutter hatte die drei Stiegenhäuser am Dienstag zu kehren und am Freitag zu waschen. Freitag kamen die Töchter zu Hilfe, und es war sehr lustig, wenn gemeinsam gekocht wurde, wir alle um den Tisch saßen und die Neuigkeiten der Woche ausgetauscht wurden.

Meine Cousine und ich saßen in dieser Runde, spitzten die Ohren und blödelten, wie es Fünf- und Sechsjährige eben tun, bis dann mein Großvater nach einem mehrmaligen „Ruhe!“ mit der Faust auf den Tisch schlug und „Ruhe während dem Essen“ forderte. Alles war still, der Patriarch hatte gesprochen, und meine Großmutter schüttelte fast unmerklich den Kopf, als meine jüngste Tante aufbegehren wollte gegen diese strenge Behandlung. Es hätte sonst Streit gegeben, was sie in jeder Lebenslage diplomatisch vermeiden wollte; ich bewundere sie dafür noch heute.

Am Nachmittag war immer Zusammenkunft mit Töchtern und Schwiegertochter im gemütlichen Kabinett mit Kaffee und Kuchen (meine Mutter sagte immer zu mir: „Großmutter ‚hält jour’“, was mir sehr imponierte). Diesmal wurde besprochen, daß Großvater wohl auch „Dienst“ hätte, Großmutter aber immer zu Hause sein müsste, um Schlüssel für Waschküche und Keller auszugeben, die Waschtagseinteilung überwachen und außer ihrer Hausbesorgertätigkeit noch für den eigenen Haushalt sorgen müsse. Im Prinzip sollte sie auch das Recht haben, an einem Tag der Woche etwas zu unternehmen, was ihr Freude mache. An diesem Tag wurde der Beschluß gefasst, daß sie jeden Mittwoch für sich beanspruchen solle. Da ihr nichts einfiel, was sie allein unternehmen könnte, und alle begeisterte Wanderer waren, wurde einstimmig beschlossen, daß ihre Töchter sich ihr anschließen sollten, um diesen Tag mit einer längeren Wanderung zu krönen.

Meine Mutter stellte fest, daß ich doch schon in die Schule ginge und nachher zum Großvater kommen könnte, dann wäre er nicht allein, und spätestens um fünf Uhr nachmittags kämen sie ohnehin zurück. Sie müsse dann schnell kochen, wenn mein Vater um 19 Uhr nach Hause käme, müsse ein warmes Essen auf dem Tisch stehen. Großvater und ich, wir sollten in der Gußeisenpfanne aus zehn Eiern eine Eierspeise herstellen, und wenn der Großvater das nicht könne, so wisse ich doch genau, wie man das macht; nur das Brot abschneiden müsse er, denn mit einem großen Messer dürfe ich nicht herumwerken. Die Eier müsse ich einzeln in eine Tasse schlagen, damit auf keinen Fall ein verdorbenes dabei wäre.

Damals wurden die Eier nicht so wie heute in 6- bzw. 10-Stückpackungen aus dem Kühlfach verkauft, sondern einzeln aus einer großen Kiste, in der sie auf Holzwolle gebettet waren. Sie wurden sogar durchleuchtet, um festzustellen, ob sie auch in Ordnung wären, aber manchmal rutschte dem Greißler doch ein verdorbenes Ei dazu, darum war Vorsicht geboten.

Die Mitzi-Tante, die Frau meines Hansi-Onkels, eine gebürtige Kroatin, wollte auch gerne mitkommen – „wenn der Hansi nix dagegen hat“; hatte er sicher nicht, denn wenn seine Mutter mit Töchtern und Schwiegertochter ausfliegen wollte, war dem nichts entgegenzusetzen. Großmutter wusste genau: Die Millitante war nicht erbaut von einem längeren Fußmarsch, die tratschte lieber mit ihren Freundinnen. Meine jüngste Tante wäre zwar gerne dabeigewesen, doch alle waren froh, daß sie die Kunststickerei gelernt und eine Stelle in einem kunstgewerblichen Modesalon gefunden hatte; ihre Freizeit war deshalb sehr knapp bemessen.

Als das Frauenforum seinen Beschluß dem Patriarchen vorbrachte, war der wohl erstaunt, als gerechter Mensch fand er das aber ganz in Ordnung, und Schwierigkeiten mit mir befürchtete er nicht, war ich doch immer das liebe, brave, geduldige Kind.

So viele Eierspeisen wie in diesem Sommer habe ich niemals wieder gegessen; es war eine gute Abwechslung, denn mittags aßen Mama und ich sonst immer Gemüse, Salate, Reis und solche Dinge. Obwohl zehn Eier schon um einen Schilling zu haben waren, gehörte unser „Menü“ schon zu den teureren Speisen und war nichts Alltägliches.

Wir beide hielten die paar Stunden allein ganz gut aus, und ich glaube, ihm gefiel es auch nicht schlecht, wenn niemand zu ihm sagte: „Geh Vater, kannst du? oder machst du? oder tust du?“

3 Frauen in mittlerem Alter stehend in einer natürlichen Umgebung bzw. wie im Text beschrieben

Einmal hatten auch wir das Glück, unsere drei „Wandervögel“ zu bewundern, irgendwo auf ihren Wegen.  Nach dem Foto schätze ich, daß es unterhalb des Kahlenberges in den Weingärten über Nußdorf zustandekam. Einmal stand dort ein Fotograf und bat die Vorbeikommenden, sich abbilden zu lassen – ganz billig, und die Bilder würden per Post zugeschickt.

„Das muß ein Arbeitsloser oder Ausgesteuerter sein“, hörte ich sie zu Hause sagen, „der sich etwas dazuverdienen möchte. Hoffentlich schickt er die Bilder wirklich, oder will er sich vielleicht die Briefmarke ersparen?“

Und siehe da, ein paar Tage später kamen die Bilder an, und nun konnten wir die drei Emanzen bewundern, die es gewagt hatten, ein paar Stunden auszubrechen. Auf dem Foto sehe ich folgendes: Drei mutige Frauen, sie dürften von Nußdorf den Aufstieg gewagt haben, denn Nußdorf ist von der Brigittenau leicht zu Fuß zu erreichen.

Allzuweit dürften sie noch nicht gegangen sein, denn ihre Schuhe sehen noch geputzt und nicht staubig aus, auch die weißen Sockerln (alle trugen solche während des Sommers) sind noch nicht stark hinuntergerutscht, denn das war das Schreckliche, daß bei billiger Ware das Patent (Stützerl) so schwach war, daß sie unweigerlich nach nicht allzulanger Zeit zu rutschen begannen. Drei dunkle Schoßen, das war sehr praktisch, weil alle Farben dazupassten, und hier auf dem Foto tragen Großmutter und Mama selbstgehäkelte Sommerpulloverln, die den Modellen des Modesalons „nachempfunden“ sind, in dem die Greti-Tante arbeitete, nicht so glatt und phantasielos wie die gekauften Dinge.

In der großen Aktentasche ist der Proviant für das Picknick, ich nehme an, Mama und Großmutter haben eine gemeinsame Tasche und tragen sie abwechselnd. Was drinnen ist? Natürlich Brot, und ich glaube fast, ein halbes Kranzerl Dürre Wurst und eine Flasche mit Zitronentee, der dürfte auch für die Mitzi-Tante reichen. Was die in ihrer Tasche hat, kann ich schwer abschätzen. Sie ist vor vielen Jahren mit ihrem Vater, einem Schuster, aus Kroatien nach Wien gekommen, da trug sie noch einen Rock mit sieben(?) Unterröcken (wie ich aus Gesprächen in der Familie mitbekommen habe). Später war sie für alles Neue begeistert, und sie war auch die Erste, die sich für einen Bubikopf entschied und ihre langen Haare abschneiden ließ. Daß die anderen es ihr bald nachmachten, kann man auf dem Foto nachvollziehen. Sie war auch jene, die, wenn einmal ein Doppelschilling im Hause war, meinen Onkel dazu animierte, sich gut anzuziehen und mit ihr ein Stadtcafé zu besuchen statt etwas Nützliches für den Haushalt anzuschaffen. Große Überredungskunst wird nicht nötig gewesen sein, mein Onkel hat immer Rückgrat gezeigt und sich nie fallen lassen, was mir immer sehr imponiert hat. Trotz ihrer, oder gerade wegen ihrer Leichtfertigkeit habe ich sie geliebt und gerne mit ihr geplaudert; ihre Art, Deutsch zu sprechen, hat mir gefallen. Sie mochte mich auch gern.

Wohin der Weg diese Emanzen an diesem Tag noch führte, weiß ich nicht. Jedenfalls waren sie pünktlich zurück, gingen am Heimweg noch einkaufen, denn eines war vordergründig: Die Männer mussten gut versorgt werden.

In dem großen Gemeindebau, dem Grundsteinbau in Zwischenbrücken, staunten etliche Frauen ernstlich: „Was, ihr geht's wirklich allein fort?“ Ja, sie gingen wirklich allein aus – diese Blaustrümpfe!

Geschrieben im Februar 2010

Informationen zum Artikel:

Emanzipierte Frauen 1932

Verfasst von Erika Thiel

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 20. Bezirk / Wien, 19. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre

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