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Eine Schreckensnacht

von Johann Vossen

In der Nacht vom 15. zum 16. März 1945 brannte „Kaue Schüer“ nieder, die Scheune unseres Nachbarn Heinrich Klinkhammer. Es war die Nacht vor dem Abzug der Amerikaner, die   unser Dörfchen besetzt hatten. In der Scheune war die Feldküche der Besatzer untergebracht. Am Einmarschtag der Amis und in der ersten Nacht durften wir noch in unseren Häusern bleiben, am nächsten Tag musste dann das halbe Dorf für die Soldaten geräumt werden. Wo die ausgewiesenen Dorfbewohner abblieben, kümmerte die Besatzer wenig, sie empfahlen einfach, bei den in ihren Häusern belassenen Nachbarn Unterkunft zu nehmen. In Nonnenbach blieben sechs, bei uns in Schlemmershof zwei Häuser „verschont“. Wir selber mussten ausziehen und fanden Unterschlupf in einer Holzbaracke am Rande der Hardt, einen Steinwurf von unserem Haus entfernt. Die Baracke war seinerzeit vom Kulturamt als Geräte- und Werkstattraum errichtet worden und hatte schon den deutschen Soldaten als Unterkunft gedient. Die von den Deutschen gebauten Holzpritschen waren noch vorhanden, wir konnten sie jetzt als Bettgestelle benutzen. Das Dach war weitgehend dicht, die Fenster waren noch heil, nur ein wichtiges Teil fehlte: die „Haustür“. Niemand wusste, wo sie abgeblieben war. Wir beschafften uns auf abenteuerliche Weise Ersatz.

Skizze eines Gebäudes
Die Notunterkunft an der Hardt (© Graphik Vossen)

Zunächst aber mussten unsere Habseligkeiten, darunter auch der schwere Küchenherd, in unsere Unterkunft geschafft werden. Vater und Ohm Mattes waren im Krieg, ich war „der einzige Mann im Haus“ und gerade erst zehn Jahre alt geworden. Mit „Schwitt“ und „Rüet“ (Gespanntiernamen), mit unserem Ackerwagen und mit nachbarlicher Hilfe, gelang uns schließlich das Werk. Die Baracke wurde notdürftig zurechtgemacht, in erster Linie wurden die Schlafgelegenheiten hergerichtet und der unverzichtbare Küchenherd betriebsfertig gemacht. Letzteres ging leicht, denn ein mit Blech ausgekleidetes „Piefelauch“ (Wanddurchführung fürs Ofenrohr) war vorhanden. Brennholz lieferte die Hardt im Überfluss in Gestalt dürrer Äste. Meine erste Aufgabe war es, einen kleinen Vorrat Brennholz zu beschaffen.

 Ein paar Tage später wäre mir das Brennholz fast zum Verhängnis geworden. Da nämlich war ich mit „Jött“ (Tante) oberhalb unserer Baracke im Berghang beim Ästesammeln, als es plötzlich in unserer Nähe fürchterlich krachte. Bei den Häusern von Nonnenbach bemerkten wir drei oder vier Amis, die da mit irgendetwas herumhantierten (es war ein Granatwerfer). Dann krachte es wieder, diesmal bedeutend näher. „Die scheeßen op os!“ (Die schießen auf uns!) Hals über Kopf rannten wir talwärts und dann krachte es zum dritten Mal. Dieser Schuss hätte uns erwischt, später nämlich fanden wir dicht bei unserem damaligen Standort einen flachen Trichter im Waldboden. Die Amis hatten sich offensichtlich „eingeschossen“. Die Soldaten hatten oben im Wald eine Bewegung bemerkt und entsprechend reagiert. Es herrschte Ausgehverbot, so weit von den Häusern entfernt hatte niemand etwas zu suchen.

Ersatzbeschaffung

Unser großes Problem war, wie gesagt, die fehlende Barackentür. Bretter für eine behelfsmäßige Konstruktion gab es nicht, guter Rat war teuer. Einfach mit Decken verhängen? Die Märznächte waren noch empfindlich kühl und außerdem hatten die Frauen erhebliche Bedenken, bei „offener Tür“ zu schlafen. Mutter war eine Frau in den besten Jahren und meine älteste Schwester Christel war 16 Jahre alt, den Grund für ihre Besorgnis verstand ich damals noch nicht. Jött hatte schließlich die Erleuchtung: Die Tür von unserem „Herzhäuschen“ könnte ungefähr passen. Bei uns daheim gab es damals weder eine Ver- noch eine Entsorgung, unser Wasser schöpften wir am Lohrbach und unsere sanitäre Einrichtung bestand aus dem erwähnten Bretterhäuschen hinter der Scheune. Wir kannten keine Wasserleitung und keinen Abwasserkanal, wir kannten aber auch kein Wassergeld und keine erdrückenden Kanalgebühren.

Lange lauerten wir an der Gartenhecke hinter dem Haus auf eine Gelegenheit zum Aushängen der Tür. Die Gelegenheit wollte aber einfach nicht kommen, das Bretterhäuschen war „durchgehend besetzt“, die Amis gaben sich buchstäblich die Tür in die Hand, das amerikanische Verdauungssystem schien besonders gut zu funktionieren. Endlich kam dann aber doch ein günstiger Augenblick. Im Handumdrehen war die Tür ausgehängt, im Galopp ging es über den „Peisch“ (Wiese vor dem Haus) in Richtung Hardt, hinter uns blieb ein Haufen johlender Soldaten zurück, ihr Gebrüll verfolgte uns bis in die Baracke.

Die Tür passte zwar wie die Faust aufs Auge, sie erfüllte aber ihren Zweck, wenn auch nur behelfsmäßig. Wir mussten sie auf den Kopf stellen, weil sie für unsere Unterkunft an der falschen Seite „angeschlagen“ war. Das ließ sich aber durch die beiden offenen Türbänder leicht vollziehen, deren „Augen“ glücklicherweise in die „Thure“ (Drehzapfen) der Budentür passten. Sogar der Abstand der Scharniere zueinander war identisch, unsere Jött hatte ein sehr gutes „Augenmaß“ unter Beweis gestellt. Unser neues Eingangsportal ließ sich auch von innen durch einen massiven eisernen „Krampen“ (Haken) halbwegs passabel verriegeln, – sehr zur Beruhigung der Frauen.

Wie besaßen also jetzt eine Haustür, unser Herzhäuschen brauchte schon bald keine mehr. Am dritten Besatzungstag nämlich war es bereits „randvoll“ und damit unbenutzbar geworden. Die Soldaten schafften sich Ersatz in Gestalt des üblichen schmalen Erdgrabens. Der war, wie schon das Bretterhäuschen, beinahe „rund um die Uhr besetzt“, – sehr zur Erheiterung für uns „Pänz“ (Kinder), die wir heimlich hinter der Gartenhecke standen und zuschauten. Bis uns einmal „Mam“ (Mutter) dabei erwischte, da war Feierabend. Bei uns in Haus, Scheune und Stall kampierten so um die 60 Soldaten, da kam auf einer solchen „Anlage“ schon einiges zusammen. Tagsüber durften wir zu bestimmten Zeiten ins Haus, um unser Vieh zu versorgen. Mit Anbruch der Dämmerung mussten wir vollzählig „unter Dach“ sein.

Unser Freund, der Söhr

Eigentlich hieß er John, ließ sich aber lieben Jack rufen und wurde von den Soldaten mit Sir angesprochen, wobei sie in der Regel Haltung annahmen und stramm standen. Welchen Rang er bei der Army bekleidete, weiß ich nicht, jedenfalls aber trug er Abzeichen an der Uniform und Winkelstreifen am Ärmel. Gelegentlich brüllte er die Soldaten an, die dann „klein und hässlich“ wurden. Er muss also wohl ein „Höherer“ gewesen sein.

Vom ersten Tag an war er unser ganz besonderer Freund, den wir „Söhr“ nannten. Wenn er mit den Soldaten redete, hieß es ständig „ei ei Söhr“ (aye aye Sir), also musste Söhr wohl sein Name sein, den wir uns dann auch aneigneten. Von uns hörte er dieses Söhr aber nicht so gern, wir mußten ihn „Tschäck“ (Jack) nennen und er erklärte mir, dass ich genau so heiße, Tschäck nämlich sei Englisch und bedeute Johannes, wir hätten also den gleichen Vornamen und müssten uns  auch gleichartig anreden. Er sprach übrigens hervorragend Deutsch. Einmal hat er mich vermutlich vor dem Tod bewahrt, indem er mir zwei Handgranaten wegnahm, die ich unter der Treppe gefunden hatte. Er ließ daraufhin sämtliche erreichbaren Soldaten antreten, hielt ihnen die zwei tödlichen „Eier“ vor die Nase und brüllte zehn Minuten lang. Wir verstanden natürlich kein Wort, die Männer aber schlichen „bedröppelt“ davon. Über diesen Mann erzähle ich in einem besonderen Beitrag mehr.

Alle zwei oder drei Tage erschien eine Art „Marketenderwagen“, an dem sich die Soldaten mit Rauchwaren und Alkohol versorgen konnten. Diese Tage fürchteten wir. Einmal nämlich fanden sich fünf oder sechs ziemlich alkoholisierte Amis gegenüber unserer Baracke auf der Wiese im Hang jenseits des Nonnenbachs zusammen, Luftlinie kaum hundert Meter von unserer Behausung entfernt. Neben der Whiskeyflasche hatten die Kerle auch ihre Gewehre dabei und ballerten nach Herzenslust auf unsere Baracke. Mehrere Kugeln fetzten durch die Bretterwände, lagen aber zum Glück ziemlich hoch und trafen niemanden. Lediglich ein paar lange Holzsplitter zischten uns um die Ohren. Ob die Schießerei Willkür, Absicht oder Zufall war, haben wir nie erfahren. Schreiend rannten wir nach draußen und sahen, wie Freund Tschäck die „Schützen“ drüben zusammenbrüllte.

Die Schreckensnacht 

Ein solcher Marketenderwagen war wieder einmal da gewesen, noch spät in der Nacht hörten wir die Amis johlen und singen. Mitten im besten Schlaf weckten uns plötzlich andere, seltsame Geräusche, unheimliches Knistern und Krachen. Im Nachthemd eilte Mam vor die Baracke. Wir hörten ihren Schrei. Durch die Türöffnung sah ich von meinem Bett aus die Häuser von Nonnenbach, sie waren blutig rot, die ganze Umgebung war rot. Dazu das schreckliche unbekannte Geräusch. Zu uns hereinstürzend stammelte Mam: „Os Huus brennt“ und sank auf ihr Bett. Wir alle stürzten hinaus und starrten auf ein Schauspiel, das mich seitdem geradezu verfolgt. Ein brennendes Haus hatte ich noch nie gesehen. Dass es aber nicht unser Haus war, das da in fürchterlichen Flammen stand, dass da vielmehr „Kaue Schüer“ niederbrannte, das fanden wir trotz unserer Not heraus und das half über den ersten grässlichen Eindruck hinweg. Ich war damals gerade zehn Jahre alt. Zum ersten Mal sah ich ein brennendes Haus und das gleich auch in finsterer Nacht, die das Schreckliche ins fast Unerträgliche steigerte. Ein Gebäudebrand am hellen Tag ist schon fürchterlich genug, in finsterer Nacht wirkt er hundertmal bösartiger und unheimlicher.

zwei ältere Leute, ein Mann und eine Frau, vor einer Tür sitzend
Heinrich und Emma Klinkhammer, unsere Nachbarn (© Archivbild Hejo Mies)

Der Brand von Kaue Schüer hatte noch etwas ganz besonders Schreckliches zur Folge. Wie schon erwähnt, hatten die Amis in der Scheune ihre Feldküche eingerichtet. Der Herd wurde mit Benzin betrieben, in der Scheune lagerte, neben Lebensmitteln aller Art, auch der Benzinvorrat, dessen Behälter in Abständen explodierten. Wir standen noch zitternd an der Hardt, als mit Donnergetöse ein solcher Kanister hochging. Für unsere Begriffe „himmelhoch“ stieg eine Feuersäule aus der Glut in den Nachthimmel, entfaltete sich wie ein grandioses Feuerwerk und schickte ihre glühenden Bestandteile zur Erde zurück. Es gab noch etliche solcher Explosionen, vielleicht war auch Sprengstoff dabei oder Munition, wer will das heute sagen. Langsam wurde endlich das Feuer kleiner und wir schlichen auf unsere Schlafstellen zurück, wo allerdings niemand mehr ein Auge zutun konnte.

Am nächsten Morgen lief naturgemäß alles, was Beine besaß, zur Brandstelle, wo die Reste der Scheune noch mächtig rauchten. Heinrich Klinkhammer, der Hausbesitzer, stand stumm vor dem Trümmerhaufen und wischte sich über die Augen. Wie wir alle, so hatte auch er in der Nacht nicht zu seinem brennenden Haus eilen dürfen. Jetzt ging er daran, sein im Lohr verstreut herumirrendes Vieh heimzutreiben. Die Tiere waren in der Nacht von den Amis losgebunden und ins Freie gejagt worden. Der Stall blieb unterdessen vom Feuer verschont, ebenso das nur wenige Schritte neben der Scheune gelegene Wohnhaus der Klinkhammers, die wie wir ihr Haus hatten räumen müssen. Etliche geborstene Fensterscheiben und Brandspuren am Dach waren die einzigen Schäden am Haus und das war erstaunlich, gab es doch weder eine Feuerwehr noch einen Selbstschutz.

Am Morgen nach der Brandnacht zogen die Amerikaner ab, wir konnten wieder in unsere Häuser zurückkehren, was wir auch umgehend taten. Gerade noch rechtzeitig, denn beinahe wäre es zu einem zweiten Brand gekommen. In unserer Scheune, die mit dem Wohnhaus eine Baueinheit bildete, hatten die Amis ebenso kampiert wie im Haus selbst. Auf der Tenne stand ein Kanonenofen, das Rohr führte durch die rückwärtige kleine Tür ins Freie. Als wir in die Scheune kamen, brannte das auf der Tenne kniehoch herumliegende Heu, wahrscheinlich die Schlafunterlage der Amis. Wir kamen rechtzeitig genug, um das Feuer noch relativ leicht löschen zu können. Mit uns kehrte auch die provisorische Barackentür an ihren angestammten Platz im Bretterhäuschen zurück.

ein Traktor auf einem Fuhrweg, im Hintergrund ein Wirtschaftsgebäude
In Eigenleistung erstellt: Die neue Scheune (© Archivbild Hejo Mies)

Niemand weiß, warum damals Kaue Schüer in Brand geraten konnte. Als später Hubert Klinkhammer, ein Sohn der Familie, aus dem Krieg zurück war, ging er mit seinen Brüdern und seinem Vater an den Wiederaufbau der Scheune, die heute größer und schöner dasteht als zuvor.

Informationen zum Artikel:

Eine Schreckensnacht

Verfasst von Johann Vossen

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Eifel, Blankenheimerdorf, Nonnenbach
  • Zeit: 1945

Anmerkungen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um die überarbeitete Fassung eines Kapitels aus dem Erinnerungsbuch "So war's bei uns", das Johann Vossen Mitte der 1990er Jahre veröffentlicht hat. Siehe die MSG-Rubrik "Erinnerungsbücher".

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