Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > Fleckerlteppich der Erinnerungen: 623 Beiträge

Unser Grätzl

von Elfriede Kern

Wir wohnen seit 1953 auf der Weißgerber Lände, und ich denke öfter darüber nach, wie grundlegend sich alles seither verändert hat.

In der kurzen Krieglergasse neben uns gab es 15 Geschäfte: eine Trafik, eine Parfümerie, eine Kohlenhandlung, einen Schuster, eine Wäscherei, einen Bäcker, ein Geschirrgeschäft, zwei Milchgeschäfte, drei Lebensmittelhandlungen und drei Gasthäuser. Heute gibt es ein Zielpunkt-Geschäft, ein China-Restaurant, zwei türkische Gasthäuser und eine moslemische Hilfsstelle, sonst nichts.

Auf der Weißgerber Lände war damals noch Gegenverkehr, aber es war so wenig los, daß meine Kinder ungefährdet allein auf die andere Seite gehen konnten. Drüben war noch die Trasse der Preßburgerbahn, die von den wenigen Autos als Parkplatz benützt wurde.

Das änderte sich alles in den 60er Jahren, als die Straße sehr verbreitert wurde und dann Einbahn mit sehr regem Verkehr war. Die Gartenanlagen richtete man neu her, und viele Bäume wurden gepflanzt. Neben der Straße war an beiden Seiten alles aufgegraben.

Als ich einmal an einem Arbeiter vorbeiging, fand er gerade in der Erde einen größeren Knochen. Da sagte ich zu ihm: „Sie wissen ja, hier auf der Gänseweide war einmal die Hinrichtungsstätte von Wien. Hier wurden hunderte Menschen gehenkt, verbrannt und erschossen.“ Der Mann schaute mich sehr erschrocken mit dem Knochen in der Hand an. Schließlich mussten wir beide lachen, obwohl es eigentlich gar nicht zum Lachen war.

Einmal im Jahr, im Frühjahr, kamen Arbeiter vom Gartenamt, die die Büsche und Bäume begutachteten und beschnitten. Meine Tochter hatte auf der andern Seite des Donaukanals einen Freund, der seine Fenster genau gegenüber von uns hatte. Sie sahen sich oft und konnten sich zuwinken.

Nun war aber ein Ast schon so im Weg, daß er ihnen die Sicht nahm. Als nun die „Schmunzler“ da waren – meine Kinder nannten sie schon immer so –, ging Margit hinaus und fragte sie, ob sie den Ast wegschneiden könnten, und erklärte den Grund.

Sie lachten alle, einer schlug sich mit den Händen auf die Schenkel und schrie lachend: „I hau mi o, i hau mi o!“ Sie holten die Leiter und sägten ihr wirklich den Ast ab.

Heute sind es alles sehr große Bäume, auf die auf unserer Seite. Sie sind wohl sehr schön, haben aber den Nachteil, daß sie sehr viel Schatten machen und wir immer das Licht aufdrehen müssen.

In den 90er Jahren wurde das Hundertwasser-Kunsthaus auf der Lände, Weißgerberstraße, und das Wohnhaus in der Löwengasse erbaut. Das Kunsthaus ist an der Stelle, wo früher eine Fabrik der Möbelfirma Thonet war.

Der Bau dieser Häuser hat sehr viel verändert. Das Parken wird für uns immer schwieriger. Die vielen Autobusse haben wohl einen eigenen Parkplatz, aber der genügt oft nicht. Über die Straße kommt man nur mehr bei einem geregelten Übergang. Gut ist aber, daß drüben beim Kanal ein Radweg gebaut wurde, und die Grünanlage entlang des Wassers ist wunderschön. Das Wasser ist nicht mehr so schmutzig, wie es früher war, und es stehen immer einige Männer am Ufer und fischen. Ob sie das dürfen oder nicht, weiß ich nicht.

Trotz allem wohnen wir noch immer gerne hier. Man muß halt mehr die positiven Sachen sehen, die gibt es ja auch. Zum Beispiel:

Unser Hinterhof,

in dem ich seit Jahren das Leben der Pflanzen und Tiere beobachte. Vor 100 und mehr Jahren waren hier nur Gärtnereien. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum sich im Hof, durch den Beton, einige Pflanzen durchmühen, die bei uns sehr selten sind.

Ein Maulbeerbaum hat den Boden aufgerissen und reicht mittlerweile schon bis zum dritten Stock. Sei vielen Jahren beobachte ich, daß er am spätesten von allen Bäumen das Laub verliert, nämlich erst in der ersten Dezemberwoche. Aus dem gleichen Spalt sprießt eine Eberesche, die schon zwei Meter hoch ist und mit ihren gefiederten Blättern sehr hübsch aussieht. Ein bei uns eher unbekannter Blauglockenbaum mit riesigen Blättern wächst aus der Mauer heraus und wird jedes Jahr größer.

Aus einer Betonspalte wächst eine mir unbekannte Erdbeerart. Die Blätter sind unseren Erdbeeren gleich, nur die Blüten sind etwas anders und die Früchte kugeliger und dunkler rot. Ich konnte sie noch in keinem Botanikbuch finden. Manches Jahr sprießen Primeln und Gras aus den Spalten.

Auf unserer Hausmauer, neben meinem Küchenfenster, ist jedes Jahr im Sommer eine Ameisenstraße. Sie kriechen bis in den vierten Stock, und jedes Jahr haben wir Mühe, sie aus der Küche zu entfernen.

Auch in den Nachbarhöfen wachsen Bäume und Büsche: Robinien, Ahornbäume, Buchen, Fichten, Fliederbüsche, Weißdorn und ähnliche Gewächse. Durch lautes Klopfen wurde ich aufmerksam, daß auch ein Buntspecht hier beheimatet ist. In der Zeitung las ich unlängst, daß Wien die Stadt ist, in der die meisten Buntspechte leben. Und oft sehe ich am Baumstamm einen Kleiber hinauf- und hinunterlaufen. Es ist erstaunlich, wie er das schafft.

Spatzen und Amseln – sie werden leider immer weniger – hört man als Erste zeitig in der Früh piepsen und singen. Selten nur fliegen Raben durch die Höfe, und ihr Krächzen vertreibt die kleinen Vogerln. Katzen schleichen überall herum, und auch die Mauern sind kein Hindernis für sie.

Voriges Jahr hörte ich einmal einen dumpfen Aufschlag. Als ich nachsah, war eine Katze aus dem Fenster des dritten Stockes gefallen. Sie sprang aber auf, hüpfte auf meinen Klopfbalkon und von dort auf mein Fenster. Sie wurde gleich von der Besitzerin abgeholt. Erstaunlicherweise hatte sich die Katze überhaupt nicht verletzt.

eine Frau füttert eine Taube am Wohnungsfenster

Am Gesims ober meinem Fenster sitzen manchmal zwei blaue Tauben, aber am schönsten von allen ist eine schneeweiße Taube, bei der ich den Eindruck habe, daß sie auf mich wartet. Die blauen Tauben vertragen sich nicht mit ihr; sie versuchen immer, sie zu vertreiben. Ich habe oft das Fenster offen, und ihr streue ich manchmal Brotbrösel hin.

Unlängst komme ich ins Schlafzimmer, da sitzt die weiße Taube auf dem Boden, sieht mich neugierig an, schaut interessiert links und rechts und marschiert ins nächste Zimmer. Auch hier wird alles begutachtet, und langsam geht es weiter ins dritte Zimmer, wo sich wieder das Gleiche abspielt. Ihr Kopferl geht rundherum, langsam stolziert sie wieder zum Fenster zurück und fliegt aufs Fensterbrett. Mein Mann meinte im Spaß, in ihr wäre die Seele eines einstigen Bewohners unserer Wohnung, der sich ansehen will, wie es jetzt hier aussieht. Ich aber glaube, daß sie fühlt, daß ich sie gerne mag.

Vor einigen Wochen waren wir einige Tage verreist, und als wir zurückkamen, war mein erster Weg zum Fenster, um nach der Taube zu sehen. Sie aber war nicht da und ist seitdem auch nie mehr gekommen.

Informationen zum Artikel:

Unser Grätzl

Verfasst von Elfriede Kern

Auf MSG publiziert im Mai 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Schreibaufrufe

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 3. Bezirk, Weißgerber Lände
  • Zeit: 1953 bis 2010

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.