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Kindheit in Ungarn II

von Erika Groiss

Im Herbst begann wieder die Schule. Jetzt war ich schon 13 Jahre alt und etwas mehr weibliche Formen bekam ich auch, aber ich hätte mir etwas mehr gewünscht.

Porträt der Verfasserin als 14-Jährige
Die Erzählerin (1943)

Zwischen dem Mädchengymnasium und Bubengymnasium hat man einen Tanzkurs veranstaltet, und ab 13 Jahren durften wir daran teilnehmen. Das war aufregend. Die Mädchen durften nur in Begleitung ihrer Mütter oder einer erwachsenen Person hingehen. Die Buben kamen ohne Begleitung. So ist es sehr artig zugegangen, aber das war für uns schon ein großartiges Erlebnis. Der Tanzlehrer zeigte uns die Schritte. Ein Plattenspieler lieferte die Tanzmusik und jeder musste mit jedem tanzen. Walzer, Tango, Csàrdàs und sonstige Tänze, die damals üblich waren, wurden gelehrt. Mir hat das riesigen Spaß gemacht, denn ich liebte jede Art von Bewegung und den Tanz ganz besonders.

Als wir dann schon in ein fortgeschrittenes Stadium gelangten, durften wir nach den Pflichtübungen mit freier Partnerwahl tanzen. Wir Mädchen setzten uns nieder und warteten, dass uns ein Jüngling zum Tanzen aufforderte. Das war riesig aufregend. Mein Herz klopfte ganz schnell. Was wird, wenn mich keiner holt? Ich würde mich sehr schämen, sogar davonlaufen. Aber es kam jemand. Wir tanzten miteinander, er ist ein paarmal auf meine Füße getreten, aber sonst war es ganz nett. Wir sprachen nicht viel, er schien besorgt, dass er nicht den Rhythmus verfehlte. Wir tanzten nur einen Tanz zusammen. Zum nächsten Tanz kam ein anderer zu mir. Wir plauderten über die Schule, mit dem dritten Tänzer über Sport. Er sagte, er könne gut eislaufen, sogar eistanzen. Ich sagte, dass auch ich eine gute Eisläuferin sei und hoffte, dass wir einander nie auf einem Eislaufplatz begegnen würden, denn ich machte eine sehr schlechte Figur auf dem Eis. Leider hatte ich Pech. Als ich einmal mit Margit eislaufen ging, war er leider auch dort, und ich stürzte heftig vor seinen Augen. Er nannte mich dann „die kleine Supersportlerin“.

Aber sonst war es doch sehr schön in der Tanzschule. Ich lernte Tanzen, und der Umgang mit den Burschen machte mir auch Freude. Es war eine sorglose, unbeschwerte Zeit. So eine Art Ruhe vor dem Sturm. Und dieser Sturm kam unbemerkt, unauffällig aber unaufhaltsam immer näher. Von heute auf morgen waren wir an Deutschlands Seite im Krieg. Zuerst änderte sich kaum etwas für uns. Lebensmittelmarken gab es, aber es war genügend Essen da. Wir mussten alles verdunkeln am Abend, denn Luftangriffe waren zu erwarten. Aber man nahm das alles noch gar nicht so ernst. Die Engländer waren weit, und die Russen hatten wenig Bomben, so dachten wir zuerst. Doch dann kam der erste russische Bombenangriff, und so unerwartet, dass die ungarische Abwehr völlig überrascht war und kaum reagierte. Die Russen hätten ganz Budapest zerstören können, aber es waren nur wenige Bomber über uns. Es passierte aber doch genug, und die ersten toten Zivilisten waren zu beklagen. Da erst merkten wir, dass es ernst geworden war.

Die Bomben, das heißt die Angst vor ihnen, haben unser Leben verändert. Wir dachten am Abend daran, ob wir den Morgen erleben werden. Dabei kam es noch schlimmer. Als die Amerikaner uns auch den Krieg erklärten und in Süditalien einmarschierten. Das war dann nicht mehr weit von uns. Da konnten die Bomber schneller bei uns sein. Die Amerikaner kamen meist in der Nacht. Es war so schrecklich, wenn die Sirenen zu heulen begannen. Wir lagen schon in unseren Betten und schliefen. Ich hörte die Sirenen zuerst gar nicht. Meine Mutter schüttelte mich wach. „Schnell, schnell, steh auf, zieh dich an, wir müssen in den Luftschutzkeller hinunter!“ Ich war ganz schlaftrunken. Anu half mir beim Anziehen. Wir wohnten im vierten Stock. Der Lift war ständig besetzt, wir rannten zu Fuß hinunter. Und man hörte schon die Flieger und die Explosionen der Bomben. Da saßen alle Hausinsassen im Keller. Ob der bombensicher war, war fraglich. Und wenn, dann hätte es auch nicht viel genützt. Wenn ein vierstöckiges Haus einstürzt, kann man kaum herauskommen. Man muss unten ersticken. Da saßen wir halt und hatten Todesängste.

Es war ziemlich dunkel, das fahle Licht brannte ein wenig, und die Leute sahen blass und gespenstisch aus. Manche beteten laut. Ich flehte auch: „Lieber Gott, lass uns nicht sterben, ich möchte noch so gerne leben.“ Ich konnte mir den Tod, ein Sterben, gar nicht vorstellen. Ich hatte noch nie einen Toten oder jemanden sterben gesehen. Einfach nicht mehr sein, das war für mich eine schreckliche, fremde Vorstellung. Wir hörten die Bomben pfeifen, dann einen schrecklichen Knall. „Das muss in der Nähe sein, sie sind über uns!“ Viele weinten. Ich wandte mich an meinen Vater, der ziemlich ruhig dasaß: „Apu, glaubst du, werden wir jetzt sterben?“ – „Aber wo“, sagte er, „wenn man die Bombe pfeifen hört, schlägt sie ganz woanders ein. Die sind gar nicht so nahe zu uns.“

Er sagte sicher nicht die Wahrheit, aber ich glaubte ihm und wurde ruhiger. Aber man hörte immer wieder schreckliche Explosionen. Dann waren kurze Pausen, aber kaum atmete man erleichtert auf, ging alles wieder los. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, eine Stunde, zwei oder drei. Es war eine Ewigkeit. Eine Ewigkeit voller Angst und Verzweiflung. Die Leute rückten ganz nahe zueinander. Körper berührte Körper. Diese Nähe tat gut, milderte die Angst. Nach dieser Ewigkeit hörten wir die Entwarnung. Wir überlebten. Es war wie eine Erlösung. Wir gingen hinauf und hinaus auf die Straße. Feuer brannte rundherum. Manche Häuser brannten, die Feuerwehrautos und Rettung sausten. Wir sahen Trümmer, manche Häuser waren eingestürzt. In der Nacht war das höllisch. Wir gingen hinauf in unsere Wohnungen. Die waren unversehrt. Schlafen konnten wir nicht.

Ich ging aber in der Früh in die Schule. Nicht weit von uns lag ein Haus in Trümmern. Da wohnte Gabi, eine Klassenkameradin von mir. Sie kam nicht in die Schule. „Vielleicht waren sie gar nicht zu Hause, und wenn, dann werden sie sicher befreit werden können“, tröstete uns Mater Marschovski. Aber Gabi kam nie mehr. Wir hörten nie mehr etwas von ihr. Ihr Wohnhaus war sechs Stockwerke hoch und lag in Trümmern. Niemand konnte sie befreien. Ich konnte es nicht fassen und hatte Angst. Das hätte uns allen passieren können. Und die Luftangriffe wurden immer heftiger, und fast immer in der Nacht. Die Russen bombardierten mittags, aber nicht oft. Wenn ich mich in der Früh von meinen Eltern verabschiedete, dachte ich jedes Mal daran, ob wir uns wiedersehen.

Die Schulen wurden geschlossen, es war unmöglich, in der Früh in die Schule zu gehen, wenn nachts die Angriffe waren und die Kinder nicht schlafen konnten. So verabschiedeten wir uns voneinander. Mater Marschovski küsste uns alle. „Wir werden uns wiedersehen. Betet zum lieben Gott, er wird uns nicht verlassen.“

Mein Vater schickte uns, meine Mutter und mich, nach Nyergesújfalu zu den Großeltern und Verwandten. Er musste in Budapest bleiben und arbeiten gehen. Das Leben ging doch weiter, aber ganz anders als früher. Voller Sorgen und Angst. Man musste und wollte überleben. In Nyergesújfalu waren keine Bombenangriffe. Die Bomber flogen nur über uns zu den wichtigeren Zielen.

(...)

Bei meinen Großeltern waren immer wieder deutsche Soldaten, meistens Offiziere, einquartiert. Sie blieben nie lange, aber dann kamen wieder andere. Es hieß, dass sie immer nach Serbien weiterzogen. Aber zu viele Soldaten waren anwesend. Wir wussten nicht so genau, warum sie da sind, waren wir doch Verbündete mit ihnen. Vielleicht hatten sie doch kein Vertrauen zu uns?

Wie auch immer, sie waren sehr freundlich und benahmen sich wie Freunde. Wir redeten oft mit ihnen. Wenn die Kameraden nicht dabei waren, sagten Einzelne, dass sie nicht an einen Sieg glauben und dass sie Hitler hassen. Aber meine Cousine und ich redeten nicht über Krieg und Politik mit ihnen. Sie waren meist sehr jung, und wir scherzten und lachten miteinander. Einmal gefiel mir einer ganz besonders gut. Er konnte nur drei Tage bleiben und bat mich um ein Foto und meine Adresse. Ich hatte kein Foto, aber die Adresse gab ich ihm. Schon nach  ein paar Tagen kam ein Brief. Mein erster Liebesbrief. Ich las ihn oft und konnte ihn schon auswendig. Vor meiner Mutter versteckte ich ihn. Sie wollte nicht, dass ich mit Soldaten Briefe wechsle. Aber ich schrieb zurück, und er schrieb auch wieder. Das ging so an die dreimal. Und dann kam kein Brief mehr. Er war ja an der Front im Krieg. „Vielleicht ist der Arme gefallen“, sagte ich zu meiner Cousine. Sie tröstete mich. Aber sie meinte auch altklug: „Auf Männer ist kein Verlass, merke dir das!“

Die Zeiten wurden immer schwerer. Die Russen kamen näher und näher. Wir alle glaubten nicht mehr an einen Sieg. Und doch gab es ein paar Leute, die sagten, die Deutschen haben eine Wunderwaffe, die sie erst am Ende einsetzen werden.

Wir fürchteten uns sehr vor den Russen. Schauerliche Geschichten wurden erzählt. Mein Vater hatte Angst, weil sie zu den Deutschsprachigen besonders hart waren. In Budapest waren Plakate an den öffentlichen Gebäuden angebracht, sie forderten die Leute auf zu flüchten. Mein Vater wollte zurück nach Österreich zu seinen Eltern. Er holte uns von Nyergesújfalu ab.

In Budapest waren Züge für die Flüchtlinge bereit. Meine Mutter wollte nicht fort. Sie weinte bitterlich: „Wir können doch nicht unser Heim, unsere Wohnung und alles was wir haben einfach verlassen. Meine Eltern und Verwandten, wir wollen bei ihnen bleiben.“ Aber Vater setzte sich durch. Es war ein herzzerreißender Abschied von der Verwandtschaft. Man wusste ja nicht, ob es je ein Wiedersehen geben kann. Wir fuhren nach Budapest. Unser Haus war noch unversehrt. Auch die Wohnung. Ich streichelte meine Lieblingspuppe, meine Bücher, nahm Abschied von meinem Kammerl. Vater sagte, dass wir nur unsere Wintersachen einpacken sollen, denn im Frühling sind wir sicher längst zurück. Ob er selbst das wirklich glaubte, wusste ich nicht. Aber es war doch ein kleiner Trost, und die Hoffnung verließ uns auch noch nicht ganz. Also packten wir einige Sachen, Urkunden, Sparbücher, Geld, Schmuckstücke und natürlich Kleidung und Wäsche ein. Die Bilder, die Teppiche, die Möbel, mein Klavier, das alles blieb hier. Meinen lieben Kanarienvogel gab ich zu dem Nachbarbuben in Pflege. Er versprach, dass er ihn liebevoll behandeln werde.

Am Abend fuhren wir in der finsteren, verdunkelten Stadt zum Bahnhof. Wir suchten ein leeres Abteil und machten es uns halbwegs bequem. Die Nacht mussten wir im Zug verbringen, in der Früh ging die Fahrt erst los. (...)

Informationen zum Artikel:

Kindheit in Ungarn II

Verfasst von Erika Groiss

Auf MSG publiziert im Mai 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Ungarn, Budapest / Ungarn, Esztergom, Nyergesújfalu
  • Zeit: 1940er Jahre

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